„Ich habe mich noch nie so verarscht gefühlt“ – Pflegekräfte in der Krise

Pflegekräfte leisten Enormes – und das bereits vor der Corona-Pandemie. Trotzdem werden sie schlecht bezahlt und haben mit schwierigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Vor einem Jahr wurden sie als Heldinnen und Helden der Krise beklatscht. Der Applaus ist heute verhallt, die Belastungen im Pflegeberuf haben sich nicht geändert. Der Verein Solidarität setzt sich dafür ein, dass Pflegekräfte bekommen, was sie verdienen: gerechte Löhne und gute Arbeitsbedingungen. 

Vor einem Jahr fand sich ganz Österreich an Fenstern, auf Balkonen und an Haustüren zusammen und beklatschten die Pflegekräfte für ihren Einsatz in der Corona-Pandemie. Mittlerweile ist das Klatschen verhallt. Solidarität, ein Verein, der sich soziales Engagement auf die Fahnen geschrieben hat, will, dass es wieder laut wird. Deshalb machen sie mit einer Videokampagne auf die Missstände in der Pflege aufmerksam und holen dabei die Pflegekräfte selbst vor die Kamera.

„Klatschen ist nicht genug!“ lautet der Slogan der Kampagne. Denn: „Ich kann nicht mit einem ‚Danke‘ zur Vermieterin gehen und meine Miete bezahlen. Das Danke ist schön, aber wenn es das einzige ist, was ich krieg, ist es wertlos“, sagt Steffi, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, in einem der Videos. Der Verein will außerdem mit einer Petition Druck auf die Politik ausüben.

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege: Druck, Überlastung, Stress

Die Probleme in der Pflege sind schon lange bekannt. Geistig und körperlich belastende Tätigkeiten treffen auf niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten unter schlechten Arbeitsbedingungen. Das führt zu Burnout, Frustration und häufigem Jobwechsel, in der Hoffnung, bei einem anderen Träger, also Vereinen oder Einrichtungen der Pflege, bessere Arbeitsbedingungen zu finden – meist vergebens.

„Ich hab relativ oft Job gewechselt. Nach maximal drei Jahren habe ich entweder die Gruppe oder komplett den Träger gewechselt, in der Hoffnung, es wird irgendwie besser – es ist nie besser geworden“, erzählt Line, eine diplomierte Fachsozialbetreuerin. 

Zu wenige Pflegekräfte für zu viele PatientInnen

Besonders unter Druck stehen die Pflegekräfte durch schlechte Betreuungsschlüssel – in Österreich kommen sieben Pflegekräfte auf 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner – in der Schweiz liegt dieser Schlüssel bei 17 zu 1.000. Die Pflegekräfte müssen bei langen Arbeitszeiten mehr Menschen betreuen. Das führt nicht nur zu Stress und Überlastung, sondern auch zu einer massiven Unzufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit. Pflegekräfte haben schlicht nicht genug Zeit, ihre Arbeit so sorgfältig zu erledigen, wie sie sich wünschen würden. Im Gesundheitsbereich hat dieser Zeitmangel eine besonders gravierende Folge.

Schlechte Betreuungsschlüssel führen zu überarbeitetem Pflegepersonal und einer schlechteren Gesundheitsversorgung.

Der Fachkräftemangel in der Pflege und die Ignoranz der Politik

Auf die Arbeitsbedingungen in der Pflege angesprochen, fiel Arbeitsminister Kocher in der ZiB 2 Mitte Jänner nichts anderes ein, als den alten Glaubenssatz von Angebot und Nachfrage zu predigen: „Wie werden Löhne bestimmt? Der Ökonom würde sagen, es gibt so etwas wie Angebot und Nachfrage.“

„Anscheinend ist nicht genug Nachfrage da – ich mein, wo samma da?“, fragt Line empört. Man kann ihr ansehen, wie sehr sie sich durch die Marktgläubigkeit des Arbeitsministers vor den Kopf gestoßen fühlt. Denn eigentlich ist der Bedarf für zusätzliche Pflegekräfte enorm, bis 2030 errechnete das Bundesministerium für Gesundheit einen Bedarf an bis zu 76.000 zusätzlichen Vollzeitäquivalenten in der Pflege.

„Da fühlt man sich einfach nur noch verarscht“, meint Steffi im Angesicht der Ignoranz des Ministers. Denn der Bedarf ist groß, die Nachfrage ist groß, doch das hat keine höheren Löhne zur Folge. Und es wird gleichzeitig immer schwieriger, genug Pflegepersonal zu finden. Bedingt wird dieser Fachkräftemangel insbesondere durch fehlenden Nachwuchs und das Ausscheiden von Pflegekräften aus dem Berufsfeld. In den meisten Bundesländern kann sich nicht einmal die Hälfte des Pflegepersonals vorstellen, bis zur Pensionierung in der Pflege zu bleiben. Kein Wunder – lässt man sich dabei doch auf eine schwere Tätigkeit mit relativ geringer Entlohnung ein. 

Die Pflege verdient mehr

Die Kampagne von Solidarität will die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte selbst näherbringen, indem man ihren eigenen Erzählungen zuhören kann. Aus den Statistiken werden Erfahrungen, durch die man einen Einblick bekommt, was es überhaupt heißt, einen schlechten Betreuungsschlüssel zu haben, oder vom Balkon beklatscht, anstatt besser bezahlt zu werden: „Ich habe mich noch nie so verarscht gefühlt“, sagt zum Beispiel Steffi dazu.

Zur Petition

Mit ihrer Petition will der Verein Solidarität jenen eine Stimme geben, die ihre Solidarität mit den Pflegekräften durch mehr als nur Dankbarkeit zeigen wollen. Gefordert werden eine 30-Stunden-Woche, gute Arbeitsbedingungen, reduzierte Betreuungsschlüssel und die Aufwertung der Ausbildung. Die Petition kann man hier unterstützen. Denn Klatschen ist nicht genug – die Pflege verdient mehr.

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Simon Doujak

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