Reportagen

Lokführer über die Branche: „Der Streik ist ein nötiges Mittel“

Tim K.* fährt seit 15 Jahren Züge der ÖBB durch Österreich – und macht das gerne. Auch wenn die Arbeit in den letzten Jahren immer stressiger und verantwortungsvoller geworden ist. Im Gespräch erzählt er, warum Privatbahnen eine schlechtere Job-Alternative sind und was an Outsourcing problematisch ist. Für 400 Euro mehr Lohn für alle Beschäftigten der Bahnbranche – insbesondere das Reinigungs- und Cateringpersonal – ist er bereit zu streiken. Es steht der größte Bahnstreik seit über 10 Jahren bevor.

Seit 15 Jahren fährt Tim K.* als Lokführer der ÖBB durch Österreich. Seine Schichten dauern im Normalfall zwischen 12 und 15 Stunden, dafür hat er eine 3- oder 4-Tage-Woche. Für ihn passt das. Für die Mehrheit der Lokführer, die jeden Tag nach Wien zur Arbeit pendeln – für sie würde sich eine 8-Stunden-Schicht kaum auszahlen, meint Tim.

Zum „Führen eines Zuges“, wie es offiziell heißt, gehört weit mehr, als das bloße Fahren in der Lokomotive. Kontrollgänge, Unterlagen aktualisieren, Sicherheitsprotokolle befolgen und zwischen den verschiedenen Einsatzstellen und Bahnhöfen hin- und herfahren.

Das Leben auf der Schiene: 400 Kilometer pro Tag

Tims Strecken sind abwechslungsreich, von verschiedenen Schnellbahnstrecken bis Kurzstrecken auf den Hauptbahnstrecken:

„Es kann sein, dass du den ganzen Tag nur im Schnellbahnverkehr fährst. Es kann aber auch sein, dass man zuerst auf einen anderen Bahnhof muss, dort zwei Stunden mit der SBahn fährt, dann zurück zum eigenen Stützpunkt muss, von dort aus drei Stunden im Regionalverkehr unterwegs ist, und am Ende wieder kürzere Schnellbahntouren anstehen. Pro Schicht fährt man da 300-400 Kilometer“, erzählt der Eisenbahner.

Tim ist gern Lokführer, weil es abwechslungsreich ist und er es mag, viel alleine unterwegs zu sein: „Du musst pünktlich sein und die Sicherheit garantieren – aber es ist niemand da, der dir dauernd über die Finger schaut und dich auf etwas hinweist.“

„Bahnfahren ist die letzte Art der Sozialromantik, die es in Österreich noch gibt“, sagt Tim.

Aufgrund von Kürzungen und Taktverdichtung: mehr Stress, mehr Druck, mehr Verantwortung

In den letzten Jahren hat sich sein Job stark verändert. Zwar hat die Digitalisierung einiges einfacher gemacht, aber die Arbeit sei generell stressiger geworden, erzählt Tim:

„Die Verantwortung, die man trägt, nimmt aufgrund der Taktverdichtung und der steigenden Fahrgäste immer weiter zu. Dadurch ergibt sich auch mehr Arbeit für den Einzelnen, weil man den Job ja weiterhin mit dem gleichen Niveau an Qualität und Genauigkeit ausführen will.“

Dazu komme, dass die Tätigkeiten der Lokführer immer vielfältiger werden und oft in kürzerer Zeit erledigt werden sollen. Sie stehen unter Druck, denn die Produktivität soll gesteigert werden – heißt es von der Chefetage.

Einsparungen bei Vorbereitungszeiten und Bereitschaftsdiensten

„In den letzten 30 Jahren gab es mit Sicherheit Verschlechterungen, denn es wird auch bei den Lokführern eingespart, keine Frage. Persönliche Vorbereitungszeiten waren früher viel länger. Als ich angefangen habe, waren es noch 10 Minuten, jetzt sind es nur noch 6. Das klingt nicht nach viel, aber wenn man das von 4.500 Lokführern von der Dienstzeit wegkürzt, macht das schon was her“, erzählt der Eisenbahner.

Auch bei den Bereitschaftsschichten sei in den letzten Jahren gekürzt worden. Sie sind jetzt entweder mit bestimmten Aufgaben verbunden oder wurden ganz abgeschafft. „Wenn dann kurzfristig jemand ausfällt und sich niemand findet, der freiwillig nach Dienstschluss einspringt, fällt der Zug aus – oder es kommt zu Verspätungen“, erklärt Tim.

Outsourcing bringt Probleme für die Angestellten

Dazu kommt, dass ganze Bereiche inzwischen an Subfirmen ausgelagert worden sind, etwa die Reinigung oder das Catering:

„Da merkt man zum Beispiel bei der Reinigung. Seit der Auslagerung gibt es immer wieder Probleme mit der Sauberkeit in den Nächtigungszimmern. Du hast nämlich bei drei Stunden Pause in der Nacht Anrecht auf ein Zimmer mit Bett – aber das ist oft nicht neu überzogen oder nicht aufgeräumt. Das gab es vorher nicht“, so Tim.

Laut ÖBB heißt es auf Nachfrage, dass „besondere Tätigkeiten wie zum Beispiel Catering oder auch Tätigkeiten beim Betrieb der Nachtzüge von spezialisierten Unternehmen ausgeübt werden“. Das sei „seit vielen Jahren so üblich“.

Private Bahnunternehmen: Entlassungen während der Pandemie und 60-Stunden-Wochen

Trotzdem würde er die ÖBB jedem als guten Arbeitgeber empfehlen, sagt der Lokführer. Sein Gehalt (Einstiegsgehalt liegt derzeit bei 37.150 brutto exkl. Zulagen und Prämien) ist in den letzten 15 Jahren deutlich angestiegen – auf rund 2.840 Euro brutto. Hinzu kommt, dass man ab dem ersten Tag der Ausbildung eine Bezahlung bekommt, von der man leben kann und es einen sehr starken Kündigungsschutz gibt. „Während der Corona-Pandemie hat bei der ÖBB kein Lokführer den Job verloren, nur weil weniger Züge gefahren sind“, erzählt Tim.

Anders geht es bei den Privatbahnen zu.

„Wenn die Firma ins Straucheln kommt und Aufträge fehlen, etwa wegen Corona, werden dort Kollegen entlassen. Außerdem ist nicht geregelt, was deine Dienststelle ist. Wenn dein Zug zum Beispiel irgendwo in Niederösterreich steht, musst du selbst schauen, wie du hinkommst – die Wegzeit wird dir nicht angerechnet.“

Bei der Westbahn bzw. der Leasingfirma Westteam, wurden beispielsweise im Herbst 2020 50 Personen entlassen – und das, obwohl das Eisenbahnunternehmen zu der Zeit weitere Corona-Staatshilfen in Höhe von 7,4 Millionen Euro erhalten hat.

Auch Überstunden und eine 60-Stunden-Woche würden dort häufiger vorkommen, während man bei der ÖBB jede Stunde über 38,5 Stunden ablehnen kann. „Wenn dir dein Chef bei einer Privatbahn sagt, du musst länger dableiben, dann musst du länger dableiben“, sagt Tim.

Vonseiten der Westbahn heißt es gegenüber Kontrast, dass es „in Spitzenzeiten zur Notwendigkeit kommen kann, dass Mitarbeitende Überstunden leisten“, das Unternehmen sich allerdings „an die gesetzlichen Rahmenbedingungen“ hält.

Personalmangel: 20.000 offene Stellen wird es bei der Eisenbahn geben

Dafür bieten Privatbahnen häufig Prämien, auch gerade frisch von der ÖBB ausgebildetes Personal wird zum Teil auf diese Weise abgeworben. Denn Personal ist knapp. Aufgrund der großen Pensionierungswelle und zu langsamer Nachbesetzung, ist auch die ÖBB auf Lokführersuche, so Tim. Anfang des Jahres hat alleine die ÖBB 500 Lokführer:innen gesucht. Die Gewerkschaft Vida spricht von 20.000 Stellen, die bei den Bahnen in den nächsten Jahren nachbesetzt werden müssen.

Es droht der größte Bahnstreik seit über 10 Jahren – für mehr Lohn

Auch um den Personalmangel zu beheben, wäre wohl ein höherer Lohn wichtig – der derzeit verhandelt wird. Es geht dabei nicht nur um die rund 4.700 Lokführer:innen (nur etwa 140 davon sind weiblich), sondern um alle 50.000 Beschäftigten in der Eisenbahnbranche. Dazu zählen auch Reinigungs- und Cateringpersonal. Sie gehören mit einem 1.350 Euro-Lohn (netto) zum Niedriglohnsektor. „Wie man sich damit heute das Leben leisten kann, ist mir ein Rätsel“, sagt Tim.

Aus diesem Grund ist eine zentrale Forderung der Gewerkschaft, alle Gehälter um 400 Euro brutto anzuheben. Denn davon würden besonders niedrige und mittlere Einkommen profitieren. Die Arbeitgeberseite lehnt das bis zuletzt ab.

Deshalb beginnt am Montag, den 28. November, der Streik. Für 24 Stunden werden alle Züge in Österreich stillstehen. Das ist der größte Streik seit über 10 Jahren, als es darum ging, die Zerschlagung der Eisenbahn zu verhindern.

„Ich finde, der Streik ist ein nötiges Mittel, weil die Arbeitnehmer und unsere Probleme von den Arbeitgebern nicht ernst genommen werden. Ich stehe voll dahinter!“, gibt sich der Eisenbahner kämpferisch.

* Name von der Redaktion geändert.

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