MAN-Belegschaft stimmt gegen Übernahmeangebot mit Lohnverzicht und Jobabbau

63,9 Prozent der MAN-Belegschaft sprach sich bei einer Urabstimmung gegen die Übernahme des Betriebes durch Siegfried Wolf aus. Wie es mit dem Werk in Steyr nun weitergeht, ist nicht klar. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hoffen auf Unterstützung von der Regierung. 

Die 2.300 MAN-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter entschieden am Mittwoch in einer Urabstimmung darüber, ob der Standort ihres Werks an Investor Siegfried Wolf verkauft werden soll. Dafür müsste die Belegschaft Gehaltskürzungen und Personalabbau in Kauf nehmen. Andererseits droht der Konzern MAN mit der völligen Schließung, denn das Management will keine weiteren Verhandlungen mit anderen Kauf-Interessenten führen.

Die MAN-Belegschaft stand vor keiner einfachen Frage, weiß Erich Schwarz, Vorsitzender des Betriebsrates. Viele von ihnen sind seit über 20 Jahren im Betrieb und fürchten sich vor der Kündigung. „Ich bin 52, das ist ein wirklich blödes Alter, um arbeitslos zu werden“, sagt ein MAN-Mechaniker im Kontrast-Gespräch. „Warum müssen wir für das Managementversagen bezahlen?“, fragt ein IT-Mitarbeiter. 2.300 MitarbeiterInnen schritten am Mittwoch zur Urabstimmung. Neben der Stammbelegschaft sind auch karenzierte KollegInnen und LeiharbeiterInnen stimmberechtigt. 63,9 Prozent stimmten schließlich gegen die Übernahme, 34,9 Prozent sprachen sich dafür aus, der Rest wählte ungültig. Der Beschluss ist für den MAN-Konzern nicht bindend, aber Interessent Wolf gab im Vorfeld bekannt, dass für ihn eine breite Zustimmung der Beschäftigten entscheidend sei.

Hoffnung auf weitere Verhandlungen

„Die Verärgerung ist spürbar, keine Frage“, sagte ein Sprecher von Siegfried Wolf im Vorfeld der Abstimmung. Der MAN-Konzern hat die Standortgarantie bis 2030 einseitig aufgekündigt. Die Gewerkschaft besteht auf die Rechtssicherheit des Vertrages, schließlich habe man dafür auch auf Pausen verzichtet und pro Tag einen LKW mehr produziert – bei gleichem Lohn, sagt Betriebsrat Schwarz. Die Gewerkschaft will die Standortgarantie im Fall der Schließung gerichtlich einklagen.

MAN geht es wirtschaftlich nicht schlecht: Der Umsatz der Konzernmutter Traton in München liegt bei elf Milliarden Euro. Die Aktionäre beschlossen am 23. September, sich für das Jahr 2020 eine halbe Milliarde Euro Dividende auszuschütten. Die Vorstände kassieren Bezüge von 11 Millionen Euro. Auch das Werk in Steyr schrieb bisher immer Gewinne und lieferte sie nach München ab. Nur im ersten Halbjahr 2020 rutschte MAN ins Minus.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nahmen Einschränkungen in Kauf, die Gewinne des Konzerns stiegen.

MAN gehört zu 94,36 Prozent der Volkswagen AG, die wiederum mehrheitlich im Besitz der Milliardärsfamilie Porsche-Piech steht. Sie sind 37 Milliarden Euro schwer. Dazu kommt, dass MAN Corona-Staatshilfen von rund 11 Mio. Euro bekommen hat, die Belegschaft war in Kurzarbeit. Zusätzlich dazu, flossen in den letzten fünf Jahren rund vier Millionen Euro an öffentlichen Förderungen an den Konzern, vor allem für die E-Mobilität.

Nun hoffen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass sich die Regierung endlich einschaltet. Seit fünf Jahren habe es ständige Richtungswechsel in der MAN-Strategie gegeben, das Management sei dabei immer weiter aufgeblasen worden. „Die Manager denken emotionslos, denen geht es nur ums Abcashen“, sagt ein MAN-Mechaniker. Da sei die Politik gefordert, das zu verhindern.

Denn es geht um weitaus mehr als nur das MAN-Werk. Wie „Initiative Wirtschaftsstandort Oberösterreich“ berechnete, dass die Schließung des Werkes gravierende Folgen für die Region hätte: Bis zu 8.400 Arbeitsplätze hängen am Werk, etwa über Zulieferer. Der Republik steht im Falle einer Schließung ein Wirtschaftseinbruch von einer Milliarde Euro bevor.

„Das hat Steyr nicht verdient“: Aktionäre gönnen sich 500 Mio. Dividende und wollen 2.400 MAN-Mitarbeiter kündigen

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Patricia Huber und Alina Bachmayr-Heyda

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