Jeder hat Recht auf Freizeit. 2021 wäre das perfekte Jahr für den Umstieg auf die Viertagewoche

Nach einem Jahr Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit müssen wir uns fragen: Ist die 40-Stunden-Woche der Weisheit letzter Schluss? Schließlich sind mehr als die Hälfte der Menschen in Österreich für das von der SPÖ vorgeschlagene Modell einer staatlich geförderten, freiwilligen Viertagewoche. Außerdem: Viele Menschen in Vollzeit wollen weniger, viele Teilzeitbeschäftigte wollen mehr Wochenstunden arbeiten. Doch die Regierung, allen voran die ÖVP, will nicht einmal über ein Versuchsmodell diskutieren.

Während eine halbe Million Menschen eine Arbeit sucht, strampeln sich viele Menschen in Beschäftigung ab. Burnout und Krankheit sind oft die Folge. Die Beschäftigten in Teilzeit – zumeist Frauen, und hier vor allem Alleinerzieherinnen – können von ihrem Einkommen nicht leben. Mehr als die Hälfte von ihnen kann aber nicht mehr Arbeitsstunden aufnehmen, weil sie Kinder erziehen oder die Eltern/Schwiegereltern pflegen. Auch für sie würde eine Arbeitszeitverkürzung enorme Vorteile bringen.

Die Arbeitszeitverkürzung für Vollzeitbeschäftigte ermöglicht eine höhere Arbeitszeit für Teilzeitbeschäftigte. Frauen könnten etwa von 20 auf 25 Stunden aufstocken. So kommt es zur besseren Verteilung der bezahlten Arbeit, was die Voraussetzung für die bessere Verteilung der unbezahlten Haus- und Familienarbeit ist.

Weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich statt Teilzeit

Derzeit können sich nur Einzelne freiwillig dafür entscheiden, mehr Freizeit zu haben, anstatt mehr Geld zu bekommen. „Das machen nur die, die es sich auch leisten können“, kritisiert Arbeitssoziologe Jörg Flecker von der Universität Wien. Auf der anderen Seite gibt es eine oft unfreiwillige Arbeitszeitverkürzung, die sich die Beschäftigten selbst zahlen: die Teilzeit. In den letzten Jahren hat sich ein annähernd gleich bleibendes Arbeitszeitvolumen auf immer mehr Beschäftigte aufgeteilt. Doch mit der Zeit teilt sich auch der Lohn auf.

Teilzeit-Stunden sind um 22 Prozent schlechter bezahlt als bei einer Vollzeitanstellung. Dabei ist die achte bis zehnte Stunde an einem Arbeitstag weniger produktiv wie jede frühere, erklärt Flecker. Aufmerksamkeit und Geschwindigkeit sinken in dieser Zeit, es passieren mehr Fehler und die Unfallgefahr steigt.

Eine generelle Arbeitszeitverkürzung würde die schlechten Einkommen der Teilzeitbeschäftigten jedenfalls tendenziell ausgleichen. Das käme vor allem Frauen zugute. Fast jede zweite berufstätige Frau in Österreich ist in Teilzeit beschäftigt. Die Quote der Frauen, die Teilzeit arbeiten, hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. Sie wären besser abgesichert und weniger Altersarmut und weniger Abhängigkeit vom Ehemann ausgesetzt.

„Die Viertagewoche hilft der Geschlechtergerechtigkeit“

Internationale Beispiele zeigen, dass kürzere Arbeitszeiten eine bessere Aufteilung von Kinderbetreuung, Haus- und Pflegearbeit befördern.

„Viele erzählten mir, dass sie dank des zusätzlichen freien Tages endlich ein echtes Wochenende hatten. Vor allem junge Väter sagten, dass sie den Tag genutzt haben, um für die Familie einzukaufen, Reparaturen zu erledigen oder die Kinder vom Kindergarten oder der Schule abzuholen. Sie schätzen diese Zeit. Die Viertagewoche hilft der Geschlechtergerechtigkeit“, erzählt Helen Delenay von der University of Auckland. Sie begleitete das neuseeländische Unternehmen Perpetual Guardian bei der Umstellung auf die Viertagewoche.

„Eine generelle Arbeitszeitverkürzung hätte in Bezug auf die Vereinbarkeitsfrage den Vorteil, dass sie das Ungleichgewicht von Teilzeitbeschäftigten gegenüber Vollzeitbeschäftigten und hier insbesondere zwischen Müttern und anderen Beschäftigten reduzieren könnte“, belegt auch eine Studie des österreichischen Instituts für Familienforschung.

2021 als Versuchsjahr

Die letzte größere Arbeitszeitverkürzung in Österreich fand vor rund einem halben Jahrhundert mit der Einführung der Fünftagewoche statt. Während die Technik seither riesige Entwicklungsschritte gemacht hat, ist aufseiten der Arbeitszeit kaum etwas passiert. „Was nützt die Weiterentwicklung von Maschinen und Prozessen und die Steigerung der Produktivität, wenn wir genauso viel arbeiten wie die vorigen Generationen?“, fragt Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt.

Österreichs Betriebe haben in den letzten Jahren hunderttausend zusätzliche Jobs geschaffen. Denn die Produktivität im Land steigt laufend. „Das heißt: Pro eingesetzter Arbeitsstunde erzeugen wir immer mehr Güter und Dienstleistungen. Wir können also die Löhne erhöhen oder die Arbeitszeit verkürzen, ohne dass die Kosten je erzeugtem Stück steigen“, erklärt der Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Arbeiterkammer Markus Marterbauer.

Die Coronakrise zeigte: Staatlich geförderte Arbeitszeitverkürzung ist eines der mächtigsten Instrumente, um Beschäftigung zu stabilisieren. Dabei könnte die Viertagewoche eine innovative Weiterentwicklung der Kurzarbeit darstellen. „Die Kurzarbeit zeigt ja gerade, dass Arbeitszeitverkürzung in der Lage ist, Jobs zu sichern“, führt Marterbauer aus. Sein Kollege Simon Theurl stellt indes ein Modell vor, wie die Kurzarbeit sanft auslaufen könnte:

„Man muss die Kosten für eine Arbeitszeitverkürzung, die der Staat für einige Zeit fördert, mit den Kosten für die Arbeitslosigkeit gegenrechnen. In der aktuellen Situation wäre es sinnvoll, die Kosten für die Arbeitslosigkeit in eine Unterstützung der Arbeitszeitverkürzung umzuleiten“, rechnet Theurl.

So könnte man Österreichs Unternehmen auch eine Art Experiment zur Arbeitszeitverkürzung finanzieren, sagt der Ökonom: „Mit dem Anspruch: Die sollen dann schauen, wie stark die Produktivität steigt, wenn die Leute weniger arbeiten und welche Vor- und Nachteile das für sie bringt.“ Diese Grundannahme teilen alle Befürworter von kürzeren Arbeitszeiten bei gleichem Lohn: Beschäftigte sind motivierter, produktiver und gesünder. Davon haben sowohl die ArbeitgeberInnen als auch die ArbeitnehmerInnen etwas.

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Alina Bachmayr-Heyda

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