Arbeit & Freizeit

Der Handel will keine fairen Löhne zahlen – jetzt gibt es Streik am Adventswochenende

Die Arbeitgeber im Handel wollen die Inflation nicht mit höheren Löhnen abgelten. Die Beschäftigten sind wütend und hielten bereits Betriebsversammlungen ab – leisten sie doch im Dauerbetrieb Mehr- und Überstunden und halten den Betrieb am Laufen. Bei den Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberseite kam es zu keiner Einigung. Deshalb gibt es nun Warnstreiks am ersten Adventwochenende – erstmalig in der Geschichte des Handels. Kontrast hat mit Gewerkschafts-Chefverhandlerin Helga Fichtinger über die Situation und die Angebote der beiden Seiten gesprochen.

@kontrast.at Das ist das erste Mal seit Jahrzehnten! Die Handelsangestellten streiken! #österreich #streik #handel #weihnachtseinkauf #gewerkschaft #lohn #inflation #fyp ♬ Originalton – Kontrast

Kontrast: Beim Einkaufen merken wir es alle: Die Preise sind in den letzten Monaten stark gestiegen. Österreich hat seit Jahresanfang die höchste Inflation in Westeuropa. Wie schaut die Situation bei den 430.000 Handelsangestellten aus – kommen sie mit ihren Löhnen aus?

Helga Fichtinger: Bei den Handelsangestellten ist es leider schon Alltag, dass sie gar nicht mehr mit dem bisherigen Einkommen auskommen. Deswegen ist es für uns auch so wichtig, dass wir es für diese Gruppe – wo auch ganz viele Teilzeit-beschäftigte Frauen arbeiten – den Inflationsausgleich plus etwas zum Leben ausverhandeln können. Damit der Alltag einigermaßen leistbar bleibt.

Die Gewerkschaft fordert +9,5 Prozent und einen Fixbetrag von 40 Euro¹. Wie kommen Sie auf diese Forderung?

Fichtinger: Das ist der Durchschnitt für alle Gehälter. Für die niedrigeren Einkommen ergibt das +11,71 Prozent und flacht bei den höchsten ab. Uns ist die soziale Staffelung wichtig. Die Ausgangsbasis ist die rollierende Inflationsrate (relevante Inflationsrate der letzten 12 Monate, Anm.) von 9,2 Prozent, die auf jeden Fall abgegolten werden muss.

Das Arbeitgeber-Angebot von 5 Prozent würde soziale Krisen auslösen

Die Arbeitgeberseite bietet 5 Prozent.² Können Sie ihre Argumentation nachvollziehen?

Fichtinger: Nein, das können wir in der Tat nicht nachvollziehen. Denn auch die Arbeitgeber wissen, wie schwer die tägliche Arbeit im Handel mittlerweile ist. Die Verkäufertätigkeit ist eine sehr schöne Aufgabe, allerdings muss sie leistbar bleiben.

Wenn wir nur die 5 Prozent akzeptieren würden, ganz ehrlich, dann würde das soziale Krisen auslösen. Denn die Menschen brauchen das Geld, um ihre Mieten zu bezahlen, um sich den täglichen Einkauf leisten zu können.

Wir hören immer wieder, die Gewerkschaftsseite müsse halt auch ein bisschen Abstriche beim Wohlstand für die Beschäftigten machen. Aber bei den Handelsbeschäftigten reden wir nicht vom ‚Wohlstand erhalten‘, sondern wir reden darüber, wie sie den täglichen schweren Alltag mit dieser hohen Inflationsrate bestreiten können.

Hätten nicht auch die Handelsunternehmen ein Interesse daran, dass ihre Angestellten eine gute Kaufkraft haben? Denn: Die sollen ja auch die Produkte im Geschäft kaufen können.

Fichtinger: Genau. Es geht wirklich darum, die Kaufkraft wieder anzukurbeln und nicht nur zu erhalten. Der Handel ist mit einer halben Million Menschen die größte Beschäftigungsgruppe.

Jeder siebte Arbeitsplatz wird mittlerweile vom Handel geschaffen. Hier ist es umso wichtiger, dass diese Personengruppe einen Ausgleich über der Inflationsrate erhält. Denn hier geht jeder Euro fast zu 100 Prozent unmittelbar in den Konsum zurück. Gerade der Handel sollte das verstehen.

Warum ist die Gewerkschaft so vehement gegen Einmalzahlungen? Man kann ja sagen, „besser als nichts“?

Fichtinger: Die Einmalzahlung, das sagt schon das Wort, ist ein Einmaleffekt. Der verpufft schnell. Bei den Angeboten, die derzeit auf dem Tisch liegen, bleibt tatsächlich nichts übrig – auch wenn man das noch auf die Teilzeitbeschäftigungen herunter rechnet. Zudem hätte es den Nachteil, dass es sich bei jeder Überstunde und Mehrstunde nicht mehr auswirkt. Die finden in der Praxis allerdings dauerhaft statt – wegen der Personalknappheit und dem dauernden Einspringen. Aber auch bei den weiteren Gehaltserhöhungen bis hin zur Pension würde diese Einmalzahlung ein riesiges Loch reißen. Es gibt Berechnungen von Wirtschaftsökonom:innen, dass ihnen im Lebenseinkommen umgerechnet ein kleineres Auto entgeht.

Das wollen und können wir den Beschäftigten im Handel nicht zumuten. Die haben sich wirklich einen fairen Abschluss verdient.

Für die Chefverhandlerin der Gewerkschaft, Helga Fichtinger steht fest: Die Beschäftigten im Handel haben sich einen fairen Abschluss verdient. (Foto: GPA, Edgar Ketzer)

Die Beschäftigten sind wütend und wollen einen fairen Abschluss

Es hat jetzt österreichweit Betriebsversammlungen gegeben. Wie ist denn die Stimmung dort?

Fichtinger: Die Stimmung ist sehr aufgeheizt. Die Beschäftigten sind wütend. Die verstehen überhaupt nicht, wie die Arbeitgeber so mit ihnen umgehen können. Wir haben eine sehr hohe Beteiligung bei den Versammlungen. Die Beschäftigten sind wirklich gewillt und sagen: Bitte gebt nicht nach, nehmt keine Einmalzahlung an, wir stehen hinter euch, bitte verhandelt weiter!

Wir sind ja in Wirklichkeit das Sprachrohr für die Beschäftigten. Die sind wütend und sagen: ‚Es ist ein Wahnsinn, wir sind denen nichts wert.‘ Die Beschäftigten sind streikwillig. Sie sagen, ‚Das ist unsere einzige Möglichkeit, unseren Unmut und unsere Unzufriedenheit mit den Arbeitgebern auszudrücken.‘
Zwei Runden lang gab es kein Angebot, dann ein Tiefstapelangebot. Beschäftigte sind keine Schnäppchen wie beim Black Friday!

Streik am ersten Adventwochenende steht im Raum. Was erhoffen Sie bzw. die Beschäftigten sich dadurch?

Fichtinger: Die Beschäftigten erwarten sich bei der Verhandlungsrunde am 28.11., dass es endlich ein Angebot gibt, über das man tatsächlich verhandeln kann. Das heißt, es braucht hier eine Riesenbewegung von der Arbeitgeberseite und die Einmalzahlung muss zurückgenommen werden. Dann kann man weiterreden. Wir haben neben der sozialen Staffelung ja einen zweiten kreativen Ansatz eingebracht: Wir könnten uns auch einen Abschluss vorstellen, der sowohl Geld beinhaltet, als auch zusätzliche Freizeittage, die mehr Erholungswert schaffen. Aber leider hat die Arbeitgeberseite beides abgelehnt. Wenn von ihnen weiterhin nichts kommt, wird es erstmalig in der Geschichte des Handels Warnstreiks geben.

Die Stimmung bei den Betriebsversammlungen im Handel ist aufgeheizt. Die Beschäftigten sind wütend, weil von der Arbeitgeberseite kein faires Angebot kommt. (Foto: GPA, Edgar Ketzer)

Auch Arbeitszeitverkürzung wäre eine Option

Der Handel ist nicht gerade für gute Arbeitsbedingungen bekannt. Was sind die größten Probleme? Und was würden Sie sich abseits von höheren Löhnen wünschen?

Fichtinger: Heuer kann man es kurz zusammenfassen: Es geht um mehr Geld zum Leben, zum Überleben, wenn man es ganz dramatisch sagen will – was leider in dieser Branche mittlerweile sehr oft der Fall ist. Und es geht um mehr Zeit für Erholung. Das heißt, es geht auch darum, die Lebensqualität zu steigern. Das beinhaltet bessere Arbeitsbedingungen Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wir würden gerne mit der Arbeitgeberseite in eine gemeinsame sozialpartnerschaftliche Arbeitsgruppe einsteigen, wo wir uns eine dauerhafte Arbeitszeitverkürzung für diese Branche überlegen.

Denn wir sind der Meinung, dass kürzere Arbeitszeiten die Branche attraktiver machen – auch für die Teilzeitbeschäftigten. Viele bekommen nur eine Stelle mit 18 bis 20, maximal 25 Stunden, obwohl sie gerne 30 Stunden arbeiten würden. Es wäre eine schnelle Lösung, wenn man Teilzeitbeschäftigten die Möglichkeit gibt, ihre Arbeitszeit aufzustocken. Dann würde sich die Personalknappheit auch ganz schnell etwas entschärfen. Laut Erhebungen wird im Durchschnitt etwa 30 Stunden gearbeitet. Das ist also eine Größenordnung, die sich viele wünschen würden. Daher ist es uns wichtig, über eine generelle Arbeitszeitverkürzung im Handel zu reden.

Klein- und Mittelbetriebe fühlen sich von Regierung und Wirtschaftskammer im Stich gelassen

Die Unternehmen im Einzelhandel sagen, es schaut wirtschaftlich gerade nicht so gut aus: sinkende Nachfrage, sinkende Kaufkraft, steigende Preise, beginnende Rezession usw. Sehen Sie das auch so? Heißt das, es baden gerade die Handelsangestellten mit ihren Gehältern aus, dass die Regierung die Inflation nicht gedämpft hat?

Fichtinger: Ja, ich verstehe viele Kleinunternehmer im Handel, die mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Da habe ich auch schon Gespräche geführt, und die bestätigen genau das, was Sie sagen. Die fühlen sich im Stich gelassen – von der Bundesregierung, aber auch von ihrer eigenen Interessensvertretung, von der Wirtschaftskammer Österreich. Weil all die Monate mit hoher Inflation hätten Maßnahmen gesetzt wurden müssen.

Sie hätten sich erwartet, dass – so wie Gewerkschaft und Arbeiterkammer das getan haben – sich auch die Wirtschaftskammer für preissenkende Maßnahmen wie etwa einen Mietpreisdeckel einsetzt. Das hat die WKO nicht gemacht und das bekriteln viele Klein- und Mittelunternehmer, die sagen: ‚Wir verstehen euch Gewerkschafter, dass ihr die Inflationsrate für die Beschäftigten wollt, denn die sind das letzte Glied in der Kette und sie können und sollen das jetzt nicht ausbaden.‘

Aber natürlich gibt es auch viele Kleinunternehmer, die strudeln. Nur ganz ehrlich, keine Gehaltserhöhung hat jemals einen Betrieb gerettet oder ruiniert. Da spielen immer viele andere Faktoren mit.

Wie ist die Situation bei großen Handelsketten?

Fichtinger: Die großen Handelsketten können sich eine Gehaltserhöhung über der Inflationsrate leicht leisten. Dort gibt es gute Gewinne. Da gibt es zum Glück keine Probleme mit der finanziellen Ausstattung. Also die könnten sich 10 Prozent und mehr auch locker leisten.

Das heißt, der Handel hat sich dieses Problem auch ein bisschen selbst geschaffen unter den Arbeitgebern. Wir haben das bei der letzten Verhandlungsrunde auch angesprochen. Sie sollten ein bisschen sozialer und fairer innerhalb der eigenen Arbeitgebergruppe sein – und weniger Konkurrenzdenken haben. Dann hätten es auch die Kleinunternehmer leichter.

 

¹ In der Verhandlungsrunde am 28. November reduzierte die Gewerkschaft ihr Angebot auf 9,4 Prozent und einen Fixbetrag von 15 Euro.

² In der Verhandlungsrunde am 28. November erhöhte die Arbeitgeberseite ihr Angebot auf 6 Prozent und die Einmalzahlung von 800 auf 1.000 Euro.

Das Interview wurde am 28. November veröffentlicht und der Artikel am 29. November aufgrund der Streikankündigung aktualisiert.

Gegen die Klimakrise - was sind die wichtigsten 5 Maßnahmen?

Maximal 5 Auswahlmöglichkeiten

  • Förderung von Solarenergie, Windkraft usw. 14%, 14 % der Stimmen
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    14 % der Stimmen
  • Weniger Bodenversiegelung, mehr Grünflächen 13%, 13 % der Stimmen
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    13 % der Stimmen
  • Ausbau von "Öffis" und Radwegen 12%, 12 % der Stimmen
    12 % der Stimmen 12%
    12 % der Stimmen
  • Gratis Benutzung aller "Öffis" 11%, 11 % der Stimmen
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    11 % der Stimmen
  • Einführung einer Kerosinsteuer 10%, 10 % der Stimmen
    10 % der Stimmen 10%
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  • Verbot von Privatjets 10%, 10 % der Stimmen
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    10 % der Stimmen
  • Mehr Förderung für Wärmedämmung an Gebäuden 9%, 9 % der Stimmen
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  • Reduzierung des Autoverkehrs in der Stadt 7%, 7 % der Stimmen
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  • Tempo 100 auf der Autobahn 6%, 6 % der Stimmen
    6 % der Stimmen 6%
    6 % der Stimmen
  • Höhere Öko-Abgaben bei Sprit, Öl & Gas (CO2-Steuer) 4%, 4 % der Stimmen
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    4 % der Stimmen
  • Förderung beim Umstieg auf E-Autos 3%, 3 % der Stimmen
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  • Verpflichtender Heizungs-Austausch 2%, 2 % der Stimmen
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    2 % der Stimmen
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2. Januar 2024
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