Von "Nice-to-have" zur Antwort auf die Krisen der Wirtschaft:

Es wird Zeit für eine Vier-Tage-Woche

Mehr Zeit für Familie und Freunde, weniger Burnouts, gut für die Produktivität – und das Klima könnte sie auch retten: Die 4-Tage-Woche kann die Lösung für viele Probleme unserer Zeit sein.

Der Acht-Stunden-Tag und das Zwei-Tage-Wochenende gelten als die größten Siege der Arbeiterbewegung. Im Alltag normalisiert, vergisst man leicht, wie wertvoll sie sind – sie geben uns die Zeit, die wir brauchen, um all die Dinge zu tun, die uns wichtig sind, mit den Menschen, die uns wichtig sind.  Davor lag die durchschnittliche Arbeitszeit bei fast sechzig Stunden pro Woche. Allerdings wird das derzeitige 9-to-5-Modell zunehmend als überholt und veraltet angesehen. In ganz Europa werden die Themen Arbeit und Zeit wieder zu Schauplätzen großer politischer Auseinandersetzungen. Rund um diese politische Debatte beginnt sich um eine neue Forderung zu formen: die Forderung nach einer Vier-Tage-Woche.

Der Wunsch nach einer Vier-Tage-Woche wächst

In ganz Europa wächst eine Bewegung rund um die Arbeitszeitverkürzung. Eine 2019 durchgeführte Umfrage ergab, dass die meisten Europäer die Einführung einer Vier-Tage-Woche befürworten. Fast zwei Drittel der Menschen im Vereinigten Königreich, Schweden und Finnland unterstützten diese Idee. Die Begeisterung für die Idee in Großbritannien könnte darauf zurückzuführen sein, dass sich Großbritannien zu einem Nährboden für Kampagnen rund um kürzere Arbeitszeiten entwickelt hat. Die Green Party hat sich bereits voll und ganz für das Anliegen eingesetzt, indem sie bei den Parlamentswahlen 2017 eine Kampagne für die Vier-Tage-Woche geführt hat. Der Gewerkschaftskongress hat erklärt, dass die Vier-Tage-Woche das Ziel der Arbeiterbewegung sein sollte. Auch die Labour Party stellte die kürzere Arbeitswoche als eine ihrer Anliegen dar. Plötzlich ist die Vier-Tage-Woche eine vernünftige Forderung.

Weniger Arbeit für das Klima

Den Berichten des Weltklimarates zufolge nähern wir uns jedes Jahr einer vollkommenen Klimakatastrophe an. In den USA hat das Mitglied des Repräsentantenhauses Alexandria Ocasio-Cortez den Vorstoß für eine radikal neue Reform in Form eines Green New Deal angeführt. Die New Economics Foundation argumentiert dabei, dass etwa Vier-Tage- oder 32-Stunden-Woche – ein zentraler Bestandteil davon sein sollte. Aufkommende Kampagnen wie der Green New Deal für Europa sehen die kürzere Arbeitswoche als Teil ihres Plans, die Wirtschaft so zu reformieren, dass sie ökologische Nachhaltigkeit und soziales Wohlergehen in den Mittelpunkt stellt.

In unserer gesamten Wirtschaft müssen die Auswirkungen von Arbeit und Verbrauch auf die Umwelt drastisch reduziert werden. Wir müssen uns von energieintensiven Tätigkeiten und Gütern verabschieden. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und energieintensiven, umweltbelastenden Konsumgewohnheiten. Hohe Arbeitszeiten fördern energieintensiven Konsum und Güter, begünstigen hohe Ausgaben und nicht nachhaltige Lebensstile. Eine Vier-Tage-Woche könnte, in Verbindung mit anderen Maßnahmen, dazu beitragen, unsere Gesellschaft nachhaltiger zu gestalten.

Automatisierung: Bedrohung oder Chance?

Eine weitere wichtige Herausforderung für Europa sind die Auswirkungen der Automatisierung. Diese kann sowohl als Chance als auch als Bedrohung angesehen werden. Wenn die Eigentümer des Kapitals alle Vorteile der Automatisierung nutzen, könnte dies zu mehr Ungleichheit und folglich zu sozialer und politischer Instabilität führen. Auf der anderen Seite, wenn die Gewinne der Automatisierung gleichmäßig verteilt würden, könnte neue Technologien wie KI höhere Löhne und eine kürzere Arbeitswoche für alle bedeuten.

Die Gewerkschaften führen bereits eine aktive Kampagne zu diesem Thema – und gewinnen. Die Communication Workers Union  hat sich mit dem britischen Postdienst Royal Mail darauf geeinigt, die Arbeitswoche für 134.000 Postmitarbeiter auf 35 Stunden (statt 39) zu verkürzen. Dies folgte als direkte Reaktion auf die Mechanisierung des Paketverpackungsprozesses. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass die Vorteile der Automatisierung in Form einer kürzeren Arbeitswoche gerecht mit den Arbeitnehmern geteilt werden sollten.

Die Vier-Tage-Woche wird salonfähig

Die kürzere Arbeitswoche war schon immer ein zentrales Ziel der Arbeiterbewegung. Nach einigen Jahrzehnten steht das Thema wieder an der Spitze der progressiven Politik. In ganz Europa beginnen immer mehr Menschen, die Vier-Tage-Woche nicht nur als einen „Nice-to-have“-Utopiewunsch zu sehen, sondern als eine praktische Antwort auf eine Reihe von tief verwurzelten Krisen in unserer Wirtschaft.

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