Arbeit & Freizeit

Keine Arbeitslosen mehr im Marienthal – Was passiert, wenn alle Menschen gute Arbeit haben?

Das AMS startet in Niederösterreich ein weltweit einzigartiges Projekt zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit. In Gramatneusiedl sollen alle Langzeitarbeitslosen einen Job bekommen – und zwar garantiert. Unter dem Titel „Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal“ startet ein wissenschaftlich begleitetes Projekt, das zeigen soll, wie man Arbeitslosigkeit erfolgreich und nachhaltig bekämpft.

In Gramatneusiedl sind 60 Menschen seit über einem Jahr ohne Job. Sie gelten damit als langzeitarbeitslos – und das will das AMS Niederösterreich ändern. Unter dem Titel „Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal“ (MAGMA) will man alle 60 Langzeitarbeitslosen und alle, die bis 2024 noch langzeitarbeitslos werden, wieder in den Jobmarkt integrieren. Beim AMS rechnet man mit insgesamt 150 Teilnehmern. Zwang zur Jobannahme gibt es keine.

Sven Hergovich, Geschäftsführer des AMS Niederösterreich, will bei der Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit neue Wege gehen: „Wir wollen Arbeit schaffen, statt Langzeitarbeitslosigkeit zu finanzieren und starten deshalb das weltweit erste Modellprojekt einer Jobgarantie.“

Geförderte Jobs als Wiedereinstieg

Der Wiedereinstieg in den Beruf wird schwieriger, umso länger man nicht mehr gearbeitet hat. Langzeitarbeitslose kämpfen nicht nur damit, sondern auch überdurchschnittlich oft mit Krankheiten oder Einschränkungen. Um ihnen allen einen möglichst erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen, hat sich das AMS mit der Marktgemeinde Gramatneusiedl zusammengetan.

Die MAGMA-Teilnehmer erhalten im Anschluss an eine achtwöchige Einstiegsphase einen Transitarbeitsplatz in der Gemeinde. Hier können sie einer gemeinnützigen Tätigkeit nachgehen, die dem Ort hilft. Parallel dazu sucht man für sie eine reguläre Arbeitsstelle. Dort fördert das AMS in den ersten drei Monaten das volle Gehalt und danach bis zu neun Monate zwei Drittel des Lohns.

Das Projekt ähnelt darin dem Arbeitsmarktprojekt des damaligen SPÖ-Sozialministers Alois Stöger. Auch bei dere Aktion 20.000 wurden Langzeitarbeitslose in Jobs vermittelt, die der Gemeinde nutzten.

MAGMA kostet weniger als Arbeitslosigkeit

Das Projekt läuft bis 2024 und soll insgesamt 7,4 Mio. Euro kosten. 4,9 Mio. Euro davon gehen als Löhne an die Teilnehmer. AMS NÖ-Chef Hergovich rechnet bei der Projektpräsentation vor, dass das AMS mit dem Pilotprojekt sogar Kosten spart: Arbeitslosigkeit kostet den Staat pro Betroffenem mit 20.000 Euro AMS-Leistungen und 10.000 Euro an entgangene Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen 30.000 Euro im Jahr. Die Kosten für einen MAGMA-Teilnehmer belaufen sich auf 29.840 Euro.

„Ein Langzeitarbeitsloser kostet die öffentliche Hand im Jahr rund 30.000 Euro. Wir gehen davon aus, dass wir diese zusätzlichen Arbeitsplätze zu durchschnittlichen Kosten von 29.841 Euro finanzieren und anbieten können. Unsere These ist, dass es nicht teurer ist. Wir können zu gleichen Kosten Arbeit schaffen, wie wir bislang Geld verwendet haben, um Arbeitslosigkeit zu finanzieren“, erklärt Hergovich.

Marienthal 2.0

In Niederösterreich sind 20.337 Menschen arbeitslos, in Gramatneusiedl 60. Die 3.600 Einwohner-Gemeinde eignet sich hervorragend als Modellregion, weil sowohl das Geschlechter- als auch das Alters- und Bildungs-Verhältnis dem niederösterreichischen Schnitt entspricht und damit allgemeine Schlüsse zulässt. Doch nicht nur deswegen eignet sich die Gemeinde im Bezirk Bruck/Leitha hervorragend für das Projekt. Ein Teil des Ortes hat historische Bedeutung: Marienthal. Hier verloren Anfang der 1930er Jahre 1.300 Menschen ihre Arbeit, nachdem die Textilfabrik im Ort geschlossen hatte. Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel untersuchten in einer Langzeitstudie die Folgen der kollektiven Arbeitslosigkeit. „Die Arbeitslosen von Marienthal“ war bahnbrechend für die Zeit und ist bis heute ein soziologisches Standardwerk.

 

Die Siedlung der Arbeiter, mit denen Jahoda und ihre Kollegen gesprochen haben, wurde renoviert, steht aber noch. In Gramatneusiedl kann man heute ein Museum über die Studie und die Textilfabrik besuchen. Die Marienthalstudie konzentrierte sich auf die negativen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die gesamte Dorfgemeinschaft. Die MAGMA-Studie will mit der neuen Studie das Gegenteil zeigen, erklärt Hergovich:

„Wir wollen nicht zeigen, wie schlimm es ist, wenn man von Arbeit in Arbeitslosigkeit rutscht, sondern welche schönen, positiven und guten Effekte es hat, wenn man von der Arbeitslosigkeit wieder in Arbeit kommt.“

Uni Wien und Oxford begleiten Projekt

Das AMS hat ein soziologisches und ökonomisches Expertenteam nach Niederösterreich eingeladen, um das Projekt zu begleiten. „Ob und wie es uns gelingen kann, Langzeitarbeitslosigkeit evidenzbasiert zu bekämpfen, wird uns die Evaluierung der Universität Wien und Oxford zeigen“, ist sich Hergovich sicher.

„Wir werden dabei die ökonomischen, die sozialen und die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Teilnehmer evaluieren“, erklärt Wirtschaftswissenschafter Lukas Lehner von der Universität Oxford. Gemeinsam mit Jörg Flecker von der Universität Wien wird er das Projekt untersuchen. „Wir begleiten die Personen über einen längeren Zeitraum, um nicht nur momentane Veränderungen zu erfassen, sondern auch, um zu schauen, wie nachhaltig das ist“, führt Flecker aus.

Normalerweise ist es schwer zu untersuchen, was passiert, wenn man wieder einen Arbeitsplatz bekommt, weil es wenig Möglichkeiten zum Vergleich größerer Gruppen gibt. Im MAGMA-Pilotprojekt können die Wissenschafter evidente Daten sammeln, weil es in Niederösterreich eine ähnliche Gruppe an Menschen als Kontrollgruppe gibt, die regulär auf Jobsuche sind.

2024 folgt die Auswertung. Dabei spielen sowohl das Wohlbefinden der Teilnehmer als auch die  Kosten eine Rolle. Dann wird sich zeigen, wie nachhaltig Menschen durch gezielte Förderung vor dem Schicksal Langzeitarbeitslosigkeit bewahrt werden können. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, blickt man auf die Ergebnisse der Marienthalstudie von 1933:

„Unbegrenzte Zeit, die keine Struktur hat, ist keine Freizeit, sondern eine ungeheure seelische Belastung“, schrieb damals Marie Jahoda. „Sie zeigt Menschen nur, dass nichts, was sie tun, einen Wert hat.“

Wie soll die Sicherheitspolitik Österreichs zukünftig aussehen?
  • Österreich soll seine Neutralität beibehalten und aktive Friedenspolitik machen. 59%, 1551 Stimme
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    1551 Stimme - 59% aller Stimmen
  • Österreich soll der NATO beitreten und seine Neutralität aufgeben. 15%, 404 Stimmen
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    404 Stimmen - 15% aller Stimmen
  • Österreich soll seine Verteidigungsausgaben erhöhen, um die Neutralität zu stärken. 12%, 327 Stimmen
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    327 Stimmen - 12% aller Stimmen
  • Österreich soll eine aktive Rolle in einer potenziellen EU-Armee spielen. 9%, 242 Stimmen
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    242 Stimmen - 9% aller Stimmen
  • Österreich soll sich der NATO annähern, ohne Vollmitglied zu werden. 5%, 120 Stimmen
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12. März 2024
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Alina Bachmayr-Heyda

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