Es ist eine gnadenlose und mitunter gefährliche Welt: die sogenannte „Manosphere“. Immer mehr junge Männer suchen Orientierung und Gemeinschaft in einer Online-Welt, die ein aggressives Ideal von Männlichkeit bewirbt. Frauen und Feminismus hingegen werden für sämtliche Probleme von Männern verantwortlich gemacht. Wo ist diese „Manosphere“ genau? Wer sind ihre Aushängeschilder und wie beeinflusst sie Politik und die Geschlechterbilder einer ganzen Generation? Hier die Antworten.
„Meine Tochter dürfte das niemals machen. Wenn sie es täte, würde ich sie verstoßen. Das wäre ekelhaft – genauso, als wäre mein Sohn schwul“, sagt der britische Influencer Harrison Sullivan in der Netflix-Dokumentation “Inside the Manosphere”, als er auf das Thema OnlyFans angesprochen wird. Dabei hat er selbst eine Agentur gekauft, die OnlyFans-Models managt. „Ich finde das zwar nicht gut, aber es bringt Geld“, erklärt er trocken. In der Dokumentation begleitet der britisch-amerikanische Journalist Louis Theroux Männer, die Teil der „Manosphere“ sind.
Bei der sogenannten „Manosphere“ handelt es sich um einen Sammelbegriff für Online-Gemeinschaften, Blogs und Foren. User verbreiten dort antifeministische und frauenfeindliche Ansichten. Von “Männlichkeitscoachings” und Tipps zur Selbstoptimierung über extremen Frauenhass bis hin zu Fantasien männlicher Vorherrschaft findet man dort alles.
Dabei vertreten diese Influencer die Position, dass die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern zu einer Benachteiligung von Männern führt. Diese Männer fühlen sich von gesellschaftlichen Entwicklungen unterdrückt und benachteiligt. Laut ihnen sind der Feminismus und die sexuelle Selbstbestimmung der Frau schuld an der Zerstörung der Gesellschaft.
Die von diesen Gemeinschaften angeboetene Lösung ist simpel: Sie bewerben die Rückkehr des vermeintlich „starken (gemeint: aggressiven und enthemmten) Mannes“ und Frauenfeindlichkeit. Männliche Werte werden dabei insbesondere mit emotionaler Kontrolle, materiellem Wohlstand, körperlicher Attraktivität und Dominanz – vor allem gegenüber Frauen – gleichgesetzt.
Frauenfeindliche Influencer wie Andrew Tate werden zu Vorbildern für junge Männer
Das männliche Publikum erreicht die „Manosphere“ unter anderem durch die sozialen Medien, Podcasts oder Gamer-Communities. Die frauenfeindlichen Influencer propagieren auf diesen Plattformen männliche Überlegenheit und erreichen damit Millionen von Nutzern.
Andrew Tate, gegen den wegen Vergewaltigung und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ermittelt wird und der aktuell in den USA inhaftiert ist, gilt als eine der zentralsten Figuren innerhalb der Manosphere.
Auch österreichische Jugendliche beeinflusst der britisch-amerikanische Influencer. Gegenüber orf.at betont Barbara Buchegger von Safer Internet, dass Andrew Tate insbesondere in Klassen mit einem hohen Bubenanteil häufig Thema ist.
Soziale Medien sind der Nährboden für frauenfeindliche Ideologien
Laut der Movember Foundation, einer führenden Organisation für Männergesundheit, konsumieren 63 Prozent der 16- bis 25- Jährigen online regelmäßig Influencer, die sich mit (richtiger) Männlichkeit und männlichen Rollenbildern auseinandersetzen.
Wie relevant soziale Medien bei Jugendlichen sind, zeigt auch die deutsche Studienreihe „Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte“ des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI).
Die Werte, politischen Einstellungen und Geschlechterbilder werden maßgeblich von TikTok und Co. geprägt. Neun von zehn Jugendlichen leiten ihr Weltbild aus den Inhalten ab, die sie in sozialen Medien konsumieren. Besonders besorgniserregend: Jeder vierte Junge zwischen 13 und 18 Jahren zeigt ein Weltbild, dass geprägt ist von “natürlicher” männlicher Dominanz, einer politisch rechten Orientierung sowie einer Unzufriedenheit mit Demokratie.
Emotional aufgeladene und polarisierende Videos werden auf TikTok besonders gerne ausgespielt. „Tiktok ist kalkulierte Reizüberflutung“, sagt Caspar Weimann vom Düsseldorfer Kollektiv onlinetheater.live gegenüber Deutschlandfunk. “Der Kampf um Aufmerksamkeit” ist der Grundmechanismus der Plattform. Mit emotionalisierenden, frauenfeindlichen und maskulinistischen Erzählungen versuchen Männlichkeitsinfluencer die Nutzer von der ersten Sekunde an zu fesseln.
Was einst als Ideologie in dubiosen Online-Foren begann, ist heute ein lukratives Geschäftsmodell. Influencer verdienen mit der Unsicherheit von jungen Burschen und Männern Geld. Je mehr sie das Gefühl vermitteln, dass die User benachteiligt, abgehängt und falsch (also: zu wenig männlich) sind, desto eher können sie ihre angepriesenen Lösungen – und Produkte wie Coachings, Nahrungsergänzungsmittel, Hautcremes und Trainingspläne – verkaufen.
Incels, PUA und MGTOW ? Was steckt hinter diesen Manosphere-Gruppen?
Die „Manosphere“ besteht aus unterschiedlichen Strömungen. Diese teilen nicht alle die gleichen Überzeugungen. Eine eint sie allerdings alle: der Hass gegen Frauen. Neben Männlichkeitscoachs wie Andrew Tate, der jungen Männern zeigt, wie man ein dominanter und ehrgeiziger “Alpha”-Mann wird, gibt es auch zahlreiche andere Gruppierungen.
- Incels (unfreiwillig im Zölibat lebende Männer): Sie finden, Männer haben ein Recht auf eine Partnerin und auf Sex. Frauen und ihre anmaßenden Kriterien bei der Partnerwahl sind ihrer Meinung nach schuld daran, dass ihnen Sex verwehrt bleibt. Sie verbreiten daher mitunter frauenfeindliche Hassbotschaften in Onlineforen und Gewaltfantasien. Incels werden auch in Verbindung mit Massengewalt gebracht.
- “Pick-Up Artists“ (PUAs): Dabei handelt es sich um „Dating-Trainer“, die online Ratschläge geben, wie man Frauen manipuliert, ihre Grenzen igoriert, sie ins Bett bekommt und erniedrigt.
- Men Going Their Own Way (MGTOW): Diese Bewegung vermeidet jeglichen Kontakt zu Frauen. Ihre Anhänger behaupten, dass die Gesellschaft gegen Männer manipuliert ist.
- Looksmaxing: Looksmaxxing beschreibt den Trend unter Männern, die eigene Attraktivität durch Sport, Pflege und Styling bis hin zu Schönheitsoperationen zu maximieren. Das Ganze geht so weit, dass sie teilweise sogar selbst ihr Kiefer brechen, um ein kantiges Gesicht zu bekommen. Das Aussehen wird als entscheidender Faktor für den Dating-Erfolg angesehen.
Die Manosphere ist ein „sehr zorniger Ort“ voller Gewaltfantasien und Frauenhass
In der „Manosphere“ herrscht das Gefühl vor, „die moderne Gesellschaft sei gegen Männer eingestellt und würde Männer benachteiligen“, sagt der Politikwissenschaftler Dominik Hammer vom Institute for Strategic Dialoge (ISD) gegenüber Deutschlandfunk.
Hammer analysierte beim Projekt „Mapping the Germanosphere“ extremen Frauenhass im deutschsprachigen Internet. „Es gibt verschiedene Ansätze von Abwertung, Zynismus und Verachtung, die wir gefunden haben“, sagt der ISD-Forscher. Im Großen und Ganzen sind Manosphere-Räume ein „sehr zorniger Ort“. Die deutsche Pilotstudie zeigt, wie stark die misogynen Gruppen untereinander vernetzt sind und wo sie politisch stehen. Die „Manosphere“ ist für ihn ein idealer Rekrutierungsraum für islamistische und rechtsextreme Gruppen.
Durch die Verbreitung extremer Sprache in der „Manosphere“ normalisiert man Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Gegenüber orf.at beschreibt die deutsche Politikwissenschaftlerin Sina Laubenstein das Gefahrenpotenzial der online vernetzten Männergruppierungen:
„Wir sehen in diesen Communities, dass sie sich in ihren Gewaltfantasien bestärken, dass es Anleitungen gibt, wie man vergewaltigen und Frauen umbringen soll. Gewalttäter werden heroisiert, als Vorbilder deklariert. Das trägt dazu bei, dass es zu weiteren Gewaltakten kommt. Gleichzeitig verbreiten sich diese frauenfeindliche Narrative immer weiter, was zu einem zusätzlichen Level von Gefahr führt.“
Alte Rollenbilder wieder im Trend: Ehefrau soll Mann gehorchen
Der Einstieg in die Manosphere erfolgt oft schleichend: Was zunächst mit Fitness-, Dating- oder Selbstoptimierungstipps beginnt, kann durch den Algorithmus schnell umschlagen. Binnen weniger Minuten Scrollen gelangen Nutzer zu Videos über männliche Dominanz, starre Geschlechterrollen und frauenfeindliche Weltbilder.
Man geht davon aus, dass der wachsende Konservatismus unter jungen Männern mit der Ausweitung der Manosphere zusammenhängt. Zu dieser Erkenntnis kommt ein UN-Bericht. In der Schweiz beispielsweise ist jeder zweite junge Mann zwischen 18 und 24 besorgt, dass “richtige Männer an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden”, so eine Studie der Universität Zürich.
Der “Trend” ist nicht neu: Immer mehr junge Männer finden zunehmend Gefallen an alten Rollenbildern.
Wie stark solche Vorstellungen sind, zeigt eine internationale Erhebung des Sozialforschungsinstituts Ipsos. 31 Prozent der Männer der Generation Z stimmen der Aussage zu, eine Ehefrau solle ihrem Mann gehorchen. 33 Prozent sagen, der Mann solle bei wichtigen Entscheidungen zu Hause das letzte Wort haben.
Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Österreich ab. Laut dem Gender Equality Index aus dem Jahr 2024 sagten 51 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen, dass die wichtigste Rolle des Mannes sei, Geld zu verdienen.
Warum ist das Bild vom starken Mann wieder im Trend?
Laut der Psychologin und Demokratieforscherin Fiona Kalkstein ist aggressives Verhalten ein Ausdruck verdrängter Gefühle. Vor allem soziale Medien tragen dazu bei, komplexe Themen auf einfache Botschaften zu reduzieren. Gerade das verbreitete Schwarz-Weiß-Denken auf Plattformen wie TikTok kann attraktiv wirken, weil es scheinbar klare Antworten auf widersprüchliche Fragen und innere Konflikte liefert. „Wenn wir gleichzeitig widersprechende Informationen oder Emotionen haben, ist das anstrengend“, sagt Kalkstein. Wenn der Umgang mit widersprüchlichen Informationen oder Emotionen nicht gut gelernt wurde, ist man empfänglich für Ideologien, die vereinfachen.
Hier kommen Influencer wie Andrew Tate zum Zug: Sie geben scheinbar einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Sie vermitteln jungen Männern mit einfachen Handlungsanweisungen und „Routinen“ Stabilität, Sicherheit und Kontrolle.
Zu diesem Schluss kommt der Autor Fikri Anıl Altıntaş gegenüber Deutschlandfunk. “Dafür sind junge Männer empfänglich, die auf der Suche nach Orientierung sind.” Der Autor beobachtet eine internationale Verschiebung der gesellschaftlichen Debatte: Aussagen wie „Frauen gehören an den Herd“ sind heute wieder eher öffentlich sagbar. „Das fördert die Abwertung und Geringschätzung von Frauen. Der Besitzanspruch auf weiblich gelesene Körper steigt.“
Besonders viel Aufmerksamkeit erlangen die extremen Inhalte aus der „Manosphere“ bei jungen Männern, die sich isoliert fühlen. Laut Kalkstein ist aber auch Bildung ein signifikanter Faktor für antifeministische Einstellungen. Je niedriger der Bildungsgrad, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Frauenfeindlichkeit.
Emotionale Stärke statt toxischer Männlichkeit: Der Weg aus der Manosphere
Um gewaltgeprägten Männlichkeitsbildern und frauenfeindlichen Einstellungen entgegenzuwirken, braucht es eine Pädagogik, „die Emotionen auslöst“, sagt Kalkstein. Jugendliche sollten lernen, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, zuzulassen und auszuhalten.
Gegenüber dem ORF sagt der Psychotherapeut Žiga Jereb, den Obmann der Männerberatung Wien, dass ihm vor allem die Vielfalt der online gezeigten Männerbilder fehlt. Jereb betont die Verantwortung erwachsener Männer, männliche Jugendliche bei der Suche nach ihrer Identität stärker zu begleiten: „Es ist wirklich wichtig, dass Männer beginnen mit Männern zu reden. Vielleicht erst nur fragen: Wie geht es ihm? Was tut er? Eltern sollten mehr über soziale Medien sprechen und da auch mitmachen. Im Sinne von: Ich kauf dir nicht nur dein Handy, sondern wir gestalten gemeinsam, wann du das Handy nutzt und wo du dich online befindest. Ich denke, da gibt es schon Möglichkeiten.“
In der „Manosphere“ verliert jeder. Denn Frauenfeindlichkeit und die daraus resultierende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern schaden nicht nur Frauen, sondern auch Männern. Eine globale Datenauswertung von Equimundo zeigt, dass Männer mit restriktiven Vorstellungen von Geschlechterrollen häufiger zu gesundheitsschädlichem Verhalten wie riskantem Verhalten oder Drogenkonsum neigen. Zugleich sind sie häufiger von Depressionen und Suizidgedanken betroffen.
Ein Männlichkeitsbild, das auf Dominanz, Härte und der Abwertung von Frauen beruht, setzt nicht nur Frauen unter Druck – es wird auch für Männer zur Belastung.
Männer gewinnen mehr mit Feminismus als sie verlieren – Interview mit Influencer Feministo
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