Ich erlebe es ständig. Sobald ein politischer Beitrag in sozialen Medien erscheint, dauert es oft nicht lange, bis sich die Kommentarspalte mit Wut, Beschimpfungen und rechten Parolen füllt. Besonders bei Themen wie Migration, Sozialpolitik oder der FPÖ entsteht schnell der Eindruck, dass eine überwältigende Mehrheit rechts denkt. Eine Kolumne von Tarik Mete.
Wer diese Kommentarspalten regelmäßig liest, könnte glauben, das ganze Land sei wütend und gegen Ausländer:innen sowie gegen alles eingestellt, was nicht in das Weltbild der FPÖ passt. Doch dieser Eindruck kann täuschen. Denn hinter hundert Kommentaren stehen nicht zwangsläufig hundert unterschiedliche Menschen. Fake-Accounts, Bots und organisierte rechte Netzwerke können Diskussionen gezielt fluten und bestimmte Botschaften immer wieder verbreiten. Oft reicht ein kurzer Blick auf ein Profil, um zumindest Zweifel daran zu bekommen, ob dahinter tatsächlich eine reale Person mit authentischer Aktivität steht. Wenn dann noch echte Nutzer:innen aufspringen, entsteht eine Dynamik, die größer wirkt, als sie tatsächlich ist.
Genau das ist die Gefahr.
Wir beginnen, künstlich erzeugte Lautstärke mit öffentlicher Meinung zu verwechseln. Lassen wir uns deshalb von Kommentarspalten nicht so leicht täuschen! Eine Kommentarspalte ist keine Wahl, keine Umfrage und kein Abbild der Bevölkerung.
Rechte Netzwerke haben verstanden, wie Stimmung im Netz entsteht
Die FPÖ und rechte bis rechtsextreme Netzwerke haben früh erkannt, wie wichtig soziale Medien für politische Stimmungsmache sind. Denn Polarisierung bringt Reichweite.
Dort muss man nicht die Mehrheit überzeugen. Oft reicht es, wie die Mehrheit auszusehen. Wenn unter einem Beitrag innerhalb kurzer Zeit dieselben Parolen auftauchen, wenn kritische Stimmen sofort mit Dutzenden Antworten eingedeckt werden und wenn Personen zum Ziel eines Shitstorms werden, verändert das die Wahrnehmung all jener, die nur mitlesen.
Plötzlich wirkt eine extreme Position normal und eine Minderheitenmeinung wie gesellschaftlicher Konsens. Gleichzeitig ziehen sich Menschen aus Diskussionen zurück, weil sie keine Lust haben, beleidigt oder persönlich angegriffen zu werden. Davon profitieren jene, die am lautesten auftreten.
Die FPÖ verfügt über ein starkes eigenes Medienumfeld und eine enorme Reichweite in sozialen Netzwerken. Dazu kommen rechte Seiten, Gruppen und Accounts, die Inhalte gegenseitig verstärken. Nicht jeder aggressive FPÖ-Kommentar stammt deshalb von einem Bot, und nicht jeder anonyme Account ist Teil eines organisierten Netzwerkes. Aber Bots und Fake Accounts können eine bereits vorhandene politische Mobilisierung künstlich verstärken. So wird aus Meinung Stimmung und aus Stimmung eine scheinbare Mehrheit.
So könnt ihr Fake-Accounts erkennen
Fake-Accounts tragen natürlich kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Bot“. Trotzdem gibt es Merkmale, an denen man genauer hinsehen sollte. Klickt auf das Profil, bevor ihr euch über einen Kommentar ärgert. Wann wurde der Account erstellt? Gibt es ein nachvollziehbares Profil mit älteren Beiträgen, persönlichen Interessen und normalen Interaktionen, oder besteht die gesamte Aktivität fast nur aus politischen Parolen? Hat der Account kaum eigene Inhalte, kommentiert aber jeden Tag Dutzende politische Beiträge? Wirkt das Profilbild künstlich, austauschbar oder unpassend zum restlichen Profil? Werden immer wieder dieselben Links und Formulierungen verbreitet? Tauchen mehrere Accounts auf, die innerhalb kurzer Zeit fast identische Argumente posten und sich gegenseitig bestätigen?
All das sind Warnsignale. Keines davon ist für sich allein ein Beweis. Auch echte Menschen können anonym sein, viel kommentieren oder ein leeres Profil haben. Entscheidend ist das Gesamtbild. Wer sich angewöhnt, vor einer wütenden Antwort zehn Sekunden lang das Profil anzusehen, stellt nicht selten fest, dass hinter einer vermeintlich überwältigenden Stimmung zumindest fragwürdige Accounts stehen.
Nicht füttern, sondern melden und sichtbar machen
Wer einen verdächtigen Fake-Account entdeckt, muss sich nicht auf eine stundenlange Diskussion einlassen. Genau davon lebt die Strategie der Provokation. Jede Antwort erzeugt weitere Interaktion und kann dazu beitragen, dass ein Beitrag von den Algorithmen noch stärker verbreitet wird. Offensichtliche Fake-Accounts sollte man deshalb melden und blockieren.
Betreiber:innen größerer Seiten sollten ihre Kommentarspalten moderieren und Accounts sperren, die systematisch beleidigen, bedrohen oder Diskussionen mit immer denselben Inhalten fluten.
Gleichzeitig dürfen wir echte politische Diskussionen nicht mit dem Kampf gegen Bots verwechseln. Inhaltliche Kritik an der FPÖ darf auch nicht bedeuten, ihre Wähler:innen pauschal zu Bots zu erklären. Entscheidend ist etwas anderes: Wir sollten lernen, künstliche Verstärkung zu erkennen und ihr nicht noch zusätzliche Reichweite zu schenken. Vor allem aber sollten wir uns nicht einschüchtern lassen. Wenn zehn aggressive Accounts eine Kommentarspalte dominieren, heißt das nicht, dass die große Mehrheit dieser Meinung ist. Vielleicht heißt es nur, dass vernünftige Menschen weniger Zeit damit verbringen, den ganzen Tag unter Facebook-Beiträgen zu schimpfen.
Soziale Medien sind kein rechtsfreier Raum
Medienkompetenz allein wird dieses Problem nicht lösen. Wir brauchen politische Regeln, und wir müssen auch die sozialen Netzwerke selbst zur Verantwortung ziehen. Facebook, Instagram, TikTok, X und andere Plattformen stellen den Raum zur Verfügung, in dem diese Debatten stattfinden, und verdienen mit unserer Aufmerksamkeit Geld. Sie dürfen deshalb nicht wegsehen, wenn Fake Accounts politische Debatten manipulieren, Menschen systematisch eingeschüchtert werden oder Hass zur Geschäftsgrundlage wird.
Soziale Medien sind kein rechtsfreier Raum. Wir dürfen nicht zulassen, dass Drohungen, Beschimpfungen und Beleidigungen unter dem Deckmantel der Anonymität zur Normalität werden. Plattformen müssen verpflichtet werden, konsequent gegen solche Inhalte und koordinierte Fake-Netzwerke vorzugehen.
Deshalb halte ich eine Klarnamenspflicht bei Plattformen für sinnvoll. Das bedeutet nicht, dass der vollständige Name öffentlich sichtbar sein muss. Pseudonyme können weiterhin möglich sein, aber die Plattform muss überprüfen, ob hinter einem Account eine reale Person steht.
Wer bedroht, beleidigt oder bewusst politische Debatten manipuliert, darf sich nicht hinter hundert erfundenen Identitäten verstecken können.
Eine Klarnamenspflicht wird rechte Propaganda und Hass nicht verschwinden lassen. Sie würde aber die Verantwortung dorthin zurückbringen, wo sie hingehört: zu den Menschen, die etwas veröffentlichen, und zu den milliardenschweren Konzernen, die ihnen dafür die Bühne bieten. Demokratie braucht Meinungsfreiheit. Sie braucht aber weder ein Recht auf hundert falsche Identitäten noch ein Recht darauf, andere Menschen anonym zu bedrohen.
Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.
































