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Im von Israel besetzten Westjordanland nimmt die Gewalt weiter zu. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben israelische Streitkräfte und radikale Siedler seit Anfang 2025 mehr als 320 Palästinenser:innen getötet. Siedler sind israelische Zivilist:innen, die in Siedlungen im besetzten Westjordanland leben. Roland Friedrich leitet das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA im Westjordanland. Im Interview mit Kontrast spricht er über die zunehmende Gewalt und darüber, was sie für die palästinensische Bevölkerung und die Beschäftigten des UN-Hilfswerks bedeutet.
Das Westjordanland erlebt eine der angespanntesten Phasen der vergangenen Jahre. Für viele Palästinenser:innen ist der Alltag geprägt von Unsicherheit, eingeschränkter Bewegungsfreiheit und der Angst, dass das, was in Gaza passiert, auch auf das Westjordanland übergreifen könnte. Die Stürmung und Beschlagnahmung eines Ausbildungszentrums der Vereinten Nationen am 25. August in Ost-Jerusalem markiert dabei eine weitere Eskalationsstufe: Es handelt sich dabei um das älteste berufliche Ausbildungszentrum der UNRWA und hat seit mehr als 70 Jahren Tausenden palästinensischen Geflüchteten kostenlos eine berufliche Perspektive eröffnet.
Der Vorfall steht in einer Reihe israelischer Angriffe gegen Einrichtungen des UN-Hilfswerks: Im Jänner zerstörte die israelische Regierung die UNRWA-Zentrale in Ost-Jerusalem und sowohl im Juli als auch im August stürmten israelische Streitkräfte UNRWA-Ausbildungszentren. Gleichzeitig wird der Ausbau völkerrechtswidriger israelischer Siedlungen im Westjordanland weiter fortgesetzt und zehntausende Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben.
Im Interview spricht UNRWA-Direktor Roland Friedrich über die Folgen dieser Entwicklung, die Einschränkungen ihrer humanitären Arbeit und darüber, warum Bildung aus seiner Sicht nicht nur Zukunftschancen eröffnet, sondern auch zur Stabilisierung der Region beiträgt.

Israel erhöht den Druck auf UN-Organisation im Westjordanland
Kontrast: Israelische Behörden haben eine Berufsschule der Vereinten Nationen gestürmt. Was ist dort passiert?
Friedrich (UNRWA): Kalandia ist eine von drei Berufsschulen, die wir im Westjordanland betreiben. Dort werden jährlich rund 340 junge männliche Flüchtlinge zwischen 15 und 19 Jahren ausgebildet – beispielsweise zu Schreinern, Elektrikern, Mechatronikern oder Grafikdesignern. Die Einrichtung besteht bereits seit den 1950er-Jahren. Sie liegt in einem Gebiet, das Israel 1980 völkerrechtswidrig annektiert hat.
Wir haben in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Einsätze israelischer Sicherheitskräfte auf diese Einrichtung erlebt. Am 25. August kam es zu einem massiven systematischen Zugriff von israelischen Polizeikräften und weiteren israelischen Behörden. Zu diesem Zeitpunkt waren rund 20 unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort. Einige wurden über mehrere Stunden festgesetzt. Mitarbeiterinnen wurden durchsucht und teilweise gezwungen, ihren Hijab abzulegen. Dann kam der israelische Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, auf das Gelände. Unser Personal wurde vor laufenden Kameras eines israelischen Fernsehsenders aggressiv befragt, beleidigt und unter Druck gesetzt.
Seitdem haben wir keinen Zugang mehr zu dem Gelände. Damit kann das neue Ausbildungsjahr dort vorerst nicht wie geplant beginnen. Für die Jugendlichen ist das psychologisch verheerend. Ein Teil von ihnen befindet sich bereits mitten in einer mehrjährigen Ausbildung, andere haben gerade erst begonnen.
Diesen jungen Menschen werden Zukunftsperspektiven geraubt, die sie dringend brauchen.
Kontrast: Ist der Vorfall in Kalandia ein Einzelfall oder Teil eines größeren Drucks auf die Arbeit der UN-Organisation?
Friedrich (UNRWA): Wir sehen generell ein Bestreben, uns aus Ost-Jerusalem herauszudrängen und unsere Einrichtungen dort zu schließen.
Im Westjordanland beschäftigen wir rund 4.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der überwiegende Teil davon sind Palästinenserinnen und Palästinenser. Das internationale Team ist mit ungefähr 30 Personen relativ klein.
Seit Januar 2025 erhalten wir von den israelischen Behörden keine Visa mehr. Deshalb können wir als internationales Team nicht mehr einreisen und müssen Teile der Operation aus Amman, der Hauptstadt von Jordanien, steuern. Das ist nicht deshalb der Fall, weil die Sicherheitslage unsere Anwesenheit unmöglich machen würde, sondern weil unsere Einreise politisch nicht gewollt ist.
Hinzu kommen zwei israelische Gesetze: eines untersagt unsere Tätigkeit im besetzten Ost-Jerusalem, das andere verbietet israelischen staatlichen Stellen den Kontakt mit UNRWA. Das hat erhebliche praktische Folgen. Früher hatten wir beispielsweise eine sehr enge technische Koordination mit israelischen militärischen Stellen, um während militärischen Angriffen humanitären Zugang zu ermöglichen oder Evakuierungen zu organisieren. Diese direkte Kommunikation ist heute nicht mehr möglich.
Kontrast: Kann UNRWA unter diesen Bedingungen überhaupt noch weiterarbeiten?
Friedrich (UNRWA): Im übrigen Westjordanland geht unsere Arbeit weiter, allerdings unter deutlich schwierigeren Bedingungen.
Wir betreiben dort 90 Schulen für rund 50.000 Kinder und 50 Gesundheitszentren. Im vergangenen Jahr hatten wir etwa 1,1 Millionen Patiententermine. Außerdem leisten wir Sozialhilfe, humanitäre Hilfe und Nothilfe für mehr als 270.000 Menschen. Im Norden des Westjordanlands unterstützen wir 34.000 Binnenvertriebene aus drei Flüchtlingslagern.
Der humanitäre Spielraum ist in den vergangenen Jahren allerdings deutlich kleiner geworden – und das betrifft nicht nur UNRWA, sondern auch andere humanitäre Organisationen.
Siedlergewalt und Siedlungsbau: „Schwierigste Situation im Westjordanland seit Beginn der Besatzung“
Kontrast: Wie würden Sie die Situation im Westjordanland insgesamt beschreiben?
Friedrich (UNRWA): Wir sehen eine massive Verschlechterung auf praktisch allen Ebenen. Wirtschaftlich haben mehr als 160.000 Palästinenser den Zugang zum israelischen Arbeitsmarkt verloren, weil entsprechende Grenzübergänge geschlossen wurden. Gleichzeitig hat sich die Sicherheits- und Menschenrechtslage deutlich verschärft.
Wir sehen intensivere israelische Operationen, bei denen zunehmend militärische Mittel eingesetzt werden, außerdem eine massive Zunahme von Siedlergewalt.
Dazu kommt ein immer schneller voranschreitender Siedlungsbau – gerade in den vergangenen zwölf Monaten hat sich diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Es geht dabei nicht nur um die Siedlungen selbst, sondern auch um das Straßennetz, das sie miteinander verbindet. Das alles macht die Perspektive für eine Zwei-Staaten-Lösung immer schwieriger.
Und natürlich gibt es eine große Angst davor, dass das, was wir in Gaza gesehen haben, auf das Westjordanland überschwappt. Wir sehen derzeit wahrscheinlich die schwierigste Situation im Westjordanland seit Beginn der Besatzung 1967.
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Kontrast: Gleichzeitig nimmt die Gewalt durch israelische Siedler zu. Wer ist dafür verantwortlich, diese Gewalt zu verhindern?
Friedrich (UNRWA): Die rechtliche Situation ist komplex, weil das Westjordanland in A-, B- und C-Gebiete aufgeteilt ist und die Palästinensische Autonomiebehörde dort jeweils unterschiedliche Kompetenzen hat. In den A-Gebieten ist sie auf dem Papier für zivile Angelegenheiten und Sicherheit zuständig, während Israel in den C-Gebieten sowohl die Sicherheits- als auch die Zivilkontrolle hat.
Entscheidender ist aus meiner Sicht aber die Frage des politischen Willens, Siedlergewalt tatsächlich zu stoppen.
In der Vergangenheit haben wir durchaus gesehen, dass israelische Sicherheitskräfte gegen gewalttätige Siedler eingeschritten sind. Das sehen wir heute immer weniger.
Israel ist als Besatzungsmacht für den Schutz der Bevölkerung in den besetzten Gebieten verantwortlich – und dazu gehört auch die palästinensische Bevölkerung. Was wir in den vergangenen Jahren außerdem beobachten, ist ein massiver Ausbau der Siedlungen und sogenannter Farmen oder Außenposten. Und es gibt systematische Gewalt durch Siedlergruppen. Wir sehen Fälle, in denen palästinensische Menschen aus ihren Häusern oder von ihrem Land verdrängt werden.
„Unsere Mitarbeiter haben mittlerweile Angst, sich zu bewegen“
Kontrast: Was bedeutet diese Entwicklung für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort?
Friedrich (UNRWA): Unser Personal ist davon unmittelbar betroffen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich zwischen Büros, Schulen und Gesundheitszentren bewegen. Wenn es zu Siedlerübergriffen kommt oder bestimmte Einrichtungen nicht mehr ohne Weiteres zugänglich sind, betrifft das ihre tägliche Arbeit ganz konkret.
Auch an Checkpoints beobachten wir eine Verschärfung der Situation. Checkpoints sind israelische Kontrollstellen im Westjordanland, an denen Personen und Fahrzeuge angehalten, überprüft und in ihrer Weiterfahrt eingeschränkt werden können.
Es gibt Fälle, in denen UNRWA-Personal zunehmend aggressiv behandelt wird und Privilegien und Immunitäten, die für UN-Personal gelten, nicht ausreichend respektiert werden. Es kommt auch zu unbefugtem Betreten unserer Einrichtungen durch israelische Sicherheitskräfte.
Solche Zwischenfälle gab es auch vor Januar 2025 schon. Damals hatten wir aber die Möglichkeit, diese Fälle direkt mit israelischen militärischen Stellen zu besprechen und Lösungen zu finden. Das können wir heute nicht mehr.
Unsere Mitarbeiter haben mittlerweile teilweise Angst, sich zu bewegen.
Wenn sie nicht mehr ohne Weiteres zwischen unseren Einrichtungen unterwegs sein können, schränkt das natürlich auch unsere Fähigkeit ein, den Menschen Hilfe und Dienstleistungen zukommen zu lassen.
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Humanitäre Hilfe trägt zur Stabilisierung der Region bei
Kontrast: Sie sagen, UNRWA leiste mit dieser Arbeit auch einen Beitrag zur Stabilisierung. Was meinen Sie damit?
Friedrich (UNRWA): Wir sind nach der Palästinensischen Autonomiebehörde einer der größten Dienstleister im Westjordanland. Wir sind aufgrund unseres Mandats in erster Linie für die Menschen da – aber mit dieser Arbeit tragen wir natürlich auch zur Stabilität bei.
Man sieht das sehr konkret an den 34.000 Binnenvertriebenen im Norden des Westjordanlands. Das sind Menschen, die seit langer Zeit nicht mehr in ihren eigenen Häusern leben können. Sie wohnen in gemieteten Wohnungen oder Notunterkünften, haben ihre Einkommensquellen verloren und sind traumatisiert. Sie wollen in ihre Häuser zurück, aber ein großer Teil dieser Häuser ist zerstört.
Eine solche Situation trägt langfristig in keiner Weise zur Stabilisierung oder zur Koexistenz bei. Im Gegenteil: Je verzweifelter Menschen werden und je weniger Perspektiven sie haben, desto leichter werden sie auch für radikale Kräfte empfänglich.
Deshalb geht es bei humanitärer Hilfe und unseren Dienstleistungen nicht nur darum, akute Not zu lindern. Sie leisten auch einen Beitrag dazu, die Situation zu stabilisieren. Und genau deshalb ist die derzeitige Entwicklung im Westjordanland so besorgniserregend.
UNO-Schulen: Bildung als Schutz vor Perspektivlosigkeit und Radikalisierung
Kontrast: Gerade junge Menschen sind von dieser Entwicklung betroffen. Welche Rolle können Schulen in einer solchen Situation spielen?
Friedrich (UNRWA): Schulen sind viel mehr als Orte, an denen Unterricht stattfindet. Sie bieten gerade in einem solchen Umfeld einen sicheren Raum. Kinder sind dort mit ihren Freundinnen und Freunden zusammen, die Schulen liegen gerade in den Flüchtlingslagern oft nah an ihrem Wohnort, und wir bieten auch psychologische Betreuung und Unterstützung an.
Viele dieser Kinder wachsen bereits seit Jahren unter sehr schwierigen Bedingungen auf — unter dem täglichen Leben von militärischer Besatzung. Deshalb ist Schule auch ein Ort, an dem Stabilität und Normalität entstehen können.
Wir versuchen, trotz immer knapper werdender Mittel qualitativ hochwertigen Unterricht anzubieten. Derzeit können wir für mehr als 50.000 Kinder vier Tage Unterricht pro Woche gewährleisten.
Uns ist besonders wichtig, dass Kinder aus benachteiligten Verhältnissen und vor allem junge Mädchen weiterhin Zugang zu Bildung haben.
Wie schwierig das inzwischen ist, zeigt sich beispielsweise in Jenin, einer Stadt im Norden des Westjordanlandes. Dort ist zeitweise rund die Hälfte der Schultage ausgefallen. Wir versuchen solche Ausfälle so gut es geht aufzufangen, etwa durch Nachholunterricht in den Sommerferien oder durch Fernunterricht. Aber solche Maßnahmen können regulären Schulunterricht natürlich nur begrenzt ersetzen.
Wenn Schulen schließen, gibt es für viele Kinder keine Alternative. Dann fällt dieser Ort einfach weg. Und wenn eine ganze Generation zunehmend ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft verliert, steigt auch die Gefahr, dass junge Menschen für radikale Kräfte empfänglicher werden.
Kontrast: UNRWA wurde vorgeworfen, in den Schulen problematische oder sogar radikalisierende Inhalte zu vermitteln. Was entgegnen Sie dieser Kritik?
Friedrich (UNRWA): Zunächst muss man erklären, wie unser Bildungssystem funktioniert. In allen fünf Gebieten, in denen wir tätig sind – Gaza, Westjordanland, Jordanien, Syrien und Libanon –, verwenden wir grundsätzlich die Schulbücher des jeweiligen Sitzstaates beziehungsweise der zuständigen Behörden. Das ist notwendig, damit unsere Schülerinnen und Schüler anerkannte Bildungsabschlüsse erwerben können.
Gleichzeitig werden Lehrpläne und Lehrbücher regelmäßig von unserem Bildungspersonal darauf überprüft, ob sie mit den Werten der Vereinten Nationen und den UNESCO-Standards übereinstimmen.
Bei den Schulbüchern der Palästinensischen Autonomiebehörde gibt es einen kleinen Anteil von Inhalten, die wir als kontrovers einstufen. Dabei geht es beispielsweise um geschlechtsspezifische Darstellungen, Fragen der Altersangemessenheit oder bestimmte politische Inhalte. Solche Inhalte werden bei uns nicht unterrichtet beziehungsweise entsprechend angepasst. Das betrifft zum Beispiel bestimmte Karten, historische Figuren oder Aufgabenstellungen, die wir für den Unterricht nicht geeignet halten.
Ich halte es für falsch, die Ursachen von Radikalisierung auf Schulbücher von UNRWA zu reduzieren. Was Kinder und Jugendliche prägt, ist vor allem ihre täglich gelebte Realität.
In unseren Schulen versuchen wir gerade das Gegenteil: Wir vermitteln Menschenrechte, demokratische Werte, Partizipation, Konfliktregulierung und Koexistenz.
In jeder unserer Schulen gibt es beispielsweise Schülerparlamente. Dort lernen junge Menschen von klein auf, sich zu beteiligen, Konflikte auszuhandeln und Verantwortung zu übernehmen.
Wie sich die Lage in Gaza und in dem Westjordanland verbessern kann
Kontrast: Was müsste jetzt passieren, damit sich die Lage wieder stabilisiert?
Friedrich (UNRWA): Zunächst braucht es dringend eine Befriedung der Situation. Es braucht entschiedene Maßnahmen gegen Siedlergewalt und einen Stopp des Siedlungsausbaus.
In Gaza muss der humanitäre Zugang deutlich verbessert werden – nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für Notunterkünfte, Dienstleistungen, Wiederaufbau und psychologische Unterstützung.
Im Westjordanland muss der Handlungsspielraum für humanitäre und entwicklungspolitische Organisationen wiederhergestellt werden. Dazu gehört auch, dass UNRWA sein Mandat erfüllen kann. Das hat auch der Internationale Gerichtshof im Oktober vergangenen Jahres in einem Gutachten festgestellt. Israel ist demnach verpflichtet, humanitäres Personal – auch das von UNRWA – zu schützen und die Arbeit der Organisation sowie die Umsetzung ihres Mandats zu unterstützen.
Und langfristig wird es wieder einen politischen Prozess brauchen, der sich mit den Kernfragen dieses Konflikts beschäftigt. Beide Gesellschaften sind heute enorm traumatisiert – die israelische Gesellschaft durch den 7. Oktober und die palästinensische Gesellschaft durch die massive Gewalt in Gaza und die verschärfte Situation im Westjordanland.

Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.





































