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Immer mehr Ärzte und Ärztinnen haben Wahlarzt-Praxen. Dadurch fehlen sie dort, wo sie im öffentlichen Gesundheitssystem dringend gebraucht werden. ÖGK-Obmann Andreas Huss will deshalb Wahlärzte stärker regulieren, Medizinstudierende enger an das öffentliche System binden und Primärversorgungs- sowie Facharztzentren ausbauen. Das würde auch die Wartezeit reduzieren und dem Gesundheitspersonal mehr Zeit für Patienten ermöglichen.
Immer mehr Wahlärzte – Versorgung aber weiterhin zu 93 % von Kassenärzten
In Österreich gibt es immer mehr Wahlärzte und -ärztinnen. Wie bewerten Sie die Situation?
Andreas Huss: Die starke Zunahme der Wahlärzte begann etwa 2012 mit der Änderung des Ärztearbeitszeitgesetzes. Seither dürfen Ärztinnen und Ärzte im Spital im Regelfall nur mehr 48 Stunden arbeiten, früher waren es 60. Durch die zusätzliche freie Zeit haben viele eine Wahlarztpraxis eröffnet.
Heute haben wir rund 12.000 Wahlärzte in Österreich. Davon sind allerdings ungefähr 8.000 im Spital oder anderswo beschäftigt und betreiben nebenbei eine kleine Wahlarztpraxis. Dazu kommen etwa 1.700 Wahlärzte über 70, die früher eine Kassenpraxis hatten und in der Pension noch ein paar Stunden weiterarbeiten.
Ein großer Teil der Wahlärzte behandelt im Jahr weniger als 300 Patientinnen und Patienten. Das sind nur wenige pro Woche und oft aus dem privaten Umfeld oder einzelne Personen, die bereit sind, besonders viel zu zahlen. Insgesamt erbringen sie demnach nur rund 7 % aller medizinischen Leistungen. Die Versorgung wird weiterhin zu über 90 % von Kassenärzten abgedeckt.
Auch das Leistungsgeschehen zeigt das: Nur rund sieben Prozent der Leistungen, die wir als Krankenkasse bezahlen, entfallen auf Wahlärzte, etwa 93 Prozent auf Kassenärzte. Wahlärzte spielen eine wachsende Rolle, aber sie machen noch immer einen relativ kleinen Teil in der konkreten Versorgung aus.
Die Wahlärzte fehlen dem öffentlichen System
Ist die Entwicklung bei den Wahlärzten dann abseits bestimmter Facharztbereiche dann kein großes Problem?
Andreas Huss: Doch, aber es ist vor allem ein Ressourcenproblem. Diese 12.000 Ärztinnen und Ärzte könnten wir im öffentlichen System sehr gut brauchen. Österreich hat im internationalen Vergleich viele Ärztinnen und Ärzte. Aber wenn viele davon in Bereichen arbeiten, die für die öffentliche Versorgung nur eingeschränkt wirksam sind, fehlen sie uns dort, wo wir sie brauchen. Besonders spüren wir das in Mangelfächern wie Kinderheilkunde, Frauenmedizin und Dermatologie.
Mich stört also weniger das Wahlarztsystem an sich. Mich stört, dass wir Ärztinnen und Ärzte mit hohen öffentlichen Kosten ausbilden und ein Teil dieser Ressourcen dann im Privatsystem landet. Die Ausbildung eines Mediziners bis zum fertigen Arzt kostet den Steuerzahler 400.000 bis 600.000 Euro.
Öffentliches Medizinstudium sollte für das öffentliche Gesundheitssystem ausbilden
Welche Ansätze gibt es, um das zu verändern?
Andreas Huss: Zum Beispiel über strengere Nebenbeschäftigungsregeln. Sie sind derzeit je nach Bundesland unterschiedlich. In Salzburg darf ein Spitalsarzt beispielsweise nur in einem bestimmten Ausmaß nebenbei als Wahlarzt tätig sein und nicht einfach zusätzlich in einer Privatklinik operieren. In Wien kann ein Spitalsarzt hingegen viel leichter zusätzlich in einer Privatklinik tätig sein.
Außerdem wollen wir Studienplätze stärker an eine Verpflichtung für das öffentliche System knüpfen. Bereits ab Studienjahr 2028/2029 könnten alle verfügbaren Studienplätze zuerst an jene gehen, die sich verpflichten, nach der Ausbildung 10 Jahre im öffentlichen System zu arbeiten. Jene, die sich nicht verpflichten, müssen warten, ob noch Studienplätze übrig bleiben.
Es geht dabei auch um ein Signal an junge Studierende: Wir wollen nicht in erster Linie für die Privatmedizin oder Schönheitschirurgie ausbilden, sondern für das öffentliche Gesundheitssystem. Wer ausschließlich Privatarzt oder Schönheitschirurg werden will, kann auch an eine Privatuniversität gehen.
Wartezeiten: Die Lage ist besser als ihr Ruf – aber nicht überall
Wie würden Sie die aktuelle Situation bei den Wartezeiten beschreiben?
Andreas Huss: Es gibt Bereiche mit Wartezeiten, die nicht akzeptabel sind. Das ist keine Frage. Gleichzeitig ist die Lage differenzierter, als sie manchmal dargestellt wird. Viele Menschen, mit denen ich spreche, haben einen Kassen-Allgemeinmediziner und bekommen bei Bedarf unkompliziert einen Termin. Sie haben auch Fachärzte, bei denen sie bereits Patient sind und sich gut betreut fühlen. Schwieriger wird es oft, wenn jemand neu zuzieht oder einen neuen Arzt sucht. Häufig nehmen Praxen keine neuen Patienten mehr auf.

Nach einer aktuellen MarketMind-Umfrage bekommt man in der Allgemeinmedizin häufig innerhalb von ein bis zwei Tagen einen Termin. Dort, wo Primärversorgung gut ausgebaut wurde, hat sich die Situation spürbar verbessert.
Im Facharztbereich muss man unterscheiden, ob es um ein akutes Problem oder um eine planbare Vorsorgeuntersuchung geht. Wenn jemand für eine Augenvorsorge ein halbes Jahr wartet, sehe ich das Problem nicht. Entscheidend ist, wie schnell akute Fälle versorgt werden.
In manchen Bereichen – etwa Frauenmedizin, Kinderheilkunde oder Interne Medizin – gibt es tatsächlich längere Wartezeiten. Aber die Aussage, dass man generell keinen Kassenarzt bekommt und überall zum Wahlarzt gezwungen ist, ist sicherlich falsch.
Ich glaube auch, dass das Thema medial teilweise zugespitzt wird. Private Krankenversicherungen werben naturgemäß mit langen Wartezeiten im öffentlichen System, weil sie ein wirtschaftliches Interesse daran haben, dass Menschen Zusatzversicherungen abschließen. Medien erhalten von diesen Versicherungen wiederum Inserate. Das heißt nicht, dass es keine echten Probleme gibt – die gibt es. Genau dafür sind unter anderem die geplanten Facharztzentren gedacht.
Privatmedizin eindämmen: Strengere Regeln für Wahlärzte und gedeckelte Honorare
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen, damit sich bei Wartezeiten und Versorgungsdichte tatsächlich etwas verbessert?
Andreas Huss: Ein Ziel ist, die Privatmedizin ein Stück weit unattraktiver zu machen. Aktuell gibt es keine Vorgaben an die Wahlarztpraxen. Du kannst sie in deinem Büro, deinem Wohnzimmer oder deiner Garage machen. Wir wollen, dass sie sich auch an ähnliche Mindeststandards halten müssen wie Kassenordinationen. Etwa was Anforderungen an Hygiene, Barrierefreiheit oder IT-Infrastruktur – also die technische Anbindung an das öffentliche Gesundheitssystem – betrifft.
Ein weiterer Punkt ist die Standortfrage: Eine Wahlarztpraxis sollte nur dort eröffnet werden dürfen, wo ein Versorgungsnotstand besteht oder Kassenstellen nicht besetzt werden können, und nicht zusätzlich dort, wo die Versorgung ohnehin gut ist. Außerdem wollen wir Wahlarzthonorare deckeln, etwa auf maximal das Zweieinhalbfache des Kassentarifs – nach deutschem Vorbild. Zusätzlich sollen Wahlärzte ihre Privathonorare veröffentlichen müssen, sodass die Patient:innen vor dem Besuch Preise vergleichen können.
Weniger Einzelordinationen, dafür mehr Gesundheitszentren
Von Ärztinnen und Ärzten hört man aber auch, dass sie nicht (nur) wegen des Geldes in den Wahlarztbereich gehen, sondern weil sie dort Medizin so ausüben können, wie sie es gelernt haben – mit mehr Zeit und weniger „Fünf-Minuten-Medizin“. Müsste man nicht umgekehrt Kassenstellen attraktiver machen?
Andreas Huss: Nur mehr Geld an bestehende Kassenärzte zu zahlen, löst die Fünf-Minuten-Medizin nicht. Wenn wir mehr Zeit pro Patient wollen, brauchen wir mehr Ärztinnen und Ärzte, auf die sich die Patienten verteilen.
Darum versuchen wir einerseits, Ressourcen aus dem Wahlarztsystem zurückzugewinnen. Andererseits bauen wir das System weg von der klassischen Einzelordination hin zu größeren Versorgungseinheiten.
Eine Einzelpraxis hat oft nur 20 bis 25 Stunden pro Woche offen. Wenn der Arzt krank ist oder Urlaub hat, ist geschlossen. In einem großen Primärversorgungszentrum gibt es Öffnungszeiten von 7 Uhr in der Früh bis 7 Uhr am Abend, häufig ist am Samstag offen und am Sonntag gibt es Notdienste. Dort arbeiten mehrere Ärztinnen und Ärzte, die sich gegenseitig vertreten.
Dazu kommt ein breites Angebot aller anderen Gesundheitsberufe: Sozialarbeit, Physiotherapie, Psychotherapie, Pflege, Hebammen, Psychologie und andere. Ärztinnen und Ärzte können sich dadurch stärker auf medizinische Tätigkeiten konzentrieren und Aufgaben, für die es keinen Arzt braucht, an andere Berufsgruppen abgeben. Das schafft mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten.
Dieses Modell wollen wir nun auch auf den Facharztbereich übertragen: mit Facharztzentren, Frauengesundheitszentren, internistischen oder urologischen Zentren und multidisziplinären Ambulatorien.
Primärversorgung vor allem am Land ausbaufähig
Wo hat der Ausbau von Primärversorgung besonders gut funktioniert, und wo gibt es noch Aufholbedarf?
Andreas Huss: In Ballungsräumen wie Wien, Linz, Wels, Ried etc. haben wir insgesamt weniger Probleme. Schwieriger ist es in manchen ländlichen Regionen, in der Steiermark in Murau oder im Waldviertel oder im nördlichen Oberösterreich bei Schärding.
Deshalb ist es wichtig, auch in ländlichen Regionen gemeinsam mit Spitälern Primärversorgungs- und Facharztzentren zu entwickeln und mit angestellten Ärzten zu arbeiten.
Ein Beispiel ist Haslach in Oberösterreich: Dort war kein klassischer Einzelarzt mehr zu finden. Heute fahren Ärztinnen und Ärzte aus Linz hin, arbeiten im Primärversorgungszentrum und fahren danach wieder zurück. Solche Modelle werden für die Zukunft wichtiger.
ÖVP und FPÖ haben keine Mehrheit für Selbstbehalte beim Arzt
Kürzlich gab es von der Dienstgeberseite in der ÖGK die Idee, Selbstbehalte bei Arztbesuchen einzuführen. Sie haben gesagt, das werde nicht passieren. Gleichzeitig hat die Dienstgeberseite in der ÖGK seit der ÖVP-FPÖ-Kassenfusion deutlich mehr Macht. Kann man Selbstbehalte tatsächlich ausschließen?
Andreas Huss: Selbstbehalte können nur mit einer Zweidrittelmehrheit in der Hauptversammlung beschlossen werden. Diese Zweidrittelmehrheit haben die Dienstgeberseite beziehungsweise ÖVP und FPÖ dort nicht. Mit unseren Stimmen können wir das verhindern, und wir werden sicher nicht zustimmen.
Natürlich könnte der Gesetzgeber etwas anderes beschließen.
Aber nach allem, was ich aus den Parlamentsparteien höre, gibt es dafür derzeit ebenfalls keine Mehrheit. Aus meiner Sicht ist das Thema damit erledigt.
Wo merkt man dann die Mehrheitsverhältnisse zugunsten der Dienstgeberseite?
Andreas Huss: Im Verwaltungsrat sehr deutlich. Dort haben ÖVP und FPÖ eine Zweidrittelmehrheit und können Vorhaben blockieren, die wir umsetzen wollen – etwa den Ausbau psychotherapeutischer oder psychologischer Versorgung oder zusätzliche Primärversorgungszentren. Das merken wir stark.
ÖGK: Arbeitgeberseite für Sparen, Arbeitnehmerseite für Investitionen
Mit dem Gesundheitsreformfonds bekommt die ÖGK pro Jahr 500 Millionen Euro mehr. Ist das ein Beispiel dafür, wo Sie um den Einsatz der Mittel streiten – etwa für den Ausbau von Primärversorgungszentren?
Andreas Huss: Ja, genau. Da wird um jeden Cent gestritten. Die Position der Wirtschaftskammer ist im Wesentlichen: Solange die ÖGK ein Defizit hat, gibt es keinen zusätzlichen Spielraum für neue Ausgaben. Sie setzt stärker auf Sparen und hat auch Selbstbehalte ins Spiel gebracht. Wir wollen dagegen zusätzliche Mittel in die Versorgung investieren.
Aber die finanzielle Lage der ÖGK war ja noch vor ein paar Jahren mit einem Milliarden-Defizit sehr schlecht. Schaut es jetzt denn anders aus?
Andreas Huss: Ja, die finanzielle Herausforderung war groß. Vor einem Jahr hatten wir noch einen prognostizierten Abgang von einer Milliarde Euro. Durch zusätzliche Einnahmen im Zusammenhang mit den Pensionistenbeiträgen hat sich die Situation deutlich verbessert. Jetzt liegt der Abgang nur mehr bei ungefähr 150 Millionen Euro.
Das ist noch immer viel Geld, aber es ist handhabbar. Es gibt auch Maßnahmen, mit denen wir diese Summe weiter reduzieren können, zum Beispiel, dass wir mit der Pharmaindustrie verhandeln, dass wir günstigere Preise für Medikamente bekommen.
Grundsätzlich bleibt aber: Die Krankenkasse hängt von ihren Beitragseinnahmen ab. Wenn es der Wirtschaft schlecht geht und die Einnahmen sinken, können wir den Versicherten nicht sagen, sie sollen weniger krank werden. Die Ausgaben bleiben oder steigen sogar. Dann braucht es politische Unterstützung, um solche Einnahmenausfälle abzufedern. Das ist zuletzt zum Glück gelungen.
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