Die Jetset-Elite ist das echte Umwelt-Problem, nicht die Sommerurlaubs-Flieger

Flugscham: das schlechte Gewissen, einmal im Jahr in den Sommerurlaub zu fliegen. Dabei sind das echte Problem für unser Klima die Vielflieger. Dass ein paar wenige ständig mit dem Flugzeug fliegen, ist massiv umweltschädlich. Die daraus folgende Klimakrise trifft wiederum jene Länder am schlimmsten, deren Bevölkerung kaum fliegt. Zeit, dass Vielflieger stärker zur Kassa gebeten werden, finden Umweltschützer. Sie fordern eine Vielflieger-Abgabe.

Eine elitäre Minderheit von Vielfliegern verursacht den größten Teil jener Klimaschäden, die durch die Emissionen des Flugverkehrs entstehen. Zu diesem Schluss kommen Stefan Gössling und Andreas Humpe. Sie sind Professoren für nachhaltigen Tourismus und nachhaltige Mobilität in Lund und München. In ihrer Flugverkehrs-Studie zeigen sie: Während die meisten Menschen überhaupt nicht fliegen, gibt es eine kleine Gruppe, die exzessiv per Flugzeug unterwegs ist und mit ihrem Verhalten unserer Umwelt besonders schaden:

Nur 1 Prozent der Weltbevölkerung verursacht die Hälfte der CO2-Emissionen aus dem Personen-Flugverkehr.

Die Mehrheit fliegt gar nicht – ein paar wenige dafür ständig

Beim Personenverkehr ist die Nachfrage auf einen kleinen Anteil wohlhabender Vielflieger konzentriert. Die Erhebung zeigt eine enorme Konzentration auf einen kleinen Anteil wohlhabender Vielflieger.

Im Jahr 2018 sind 9 von 10 Menschen überhaupt nicht mit dem Flugzeug unterwegs gewesen. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es Personen, die fast täglich fliegen.

Eine derartige Schieflage fanden Gössling und Humpe auch in einzelnen Länder-Erhebungen – wobei sich die jeweiligen Bezugsgrößen unterscheiden:

  • Schweden: Hier buchten 4 Prozent der Passagiere über 28 Prozent der Flüge.
  • Deutschland: 65 Prozent der Erwachsenen flogen 2018 gar nicht. Aber etwa 11 Prozent buchten fast 29 Prozent aller Flüge.
  • Frankreich: 2 Prozent der Menschen nahmen die Hälfte aller Flüge in Anspruch.
  • China: 5 Prozent der Haushalte buchten 40 Prozent der Flüge.
  • Indien: Nur 1 Prozent der Haushalte nahm 45 Prozent aller Flüge in Anspruch.
  • USA: Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen ist 2018 gar nicht geflogen. Vielflieger hingegen buchten über zwei Drittel (68 Prozent) aller Flüge in diesem Jahr.

So umweltschädlich ist Flugzeugfliegen.

Fliegen: So reisen wohlhabende Menschen aus wohlhabenden Ländern

Gössling und Humpe untersuchten, wie sich Flüge innerhalb einzelner Länder konzentrieren. Die beiden Wissenschafter haben dabei gezeigt, dass sich das Wohlstandsgefälle zwischen Ländern bzw. Kontinenten im Flugverkehr widerspiegelt. So haben die USA im Jahr 2018 die meisten Emissionen unter den reichen Ländern produziert. Im Vergleich dazu verursacht China, nach Schätzungen der beiden Wissenschafter, nur ein Fünftel im Vergleich zu den US-Emissionen.

Im Durchschnitt legten NordamerikanerInnen in diesem Jahr 50 Mal mehr Flugkilometer als AfrikanerInnen zurück, 10 Mal mehr als die Menschen im asiatisch-pazifischen Raum und 7,5 Mal mehr als LateinamerikanerInnen.

EuropäerInnen und BewohnerInnen des Nahen Ostens flogen wiederum 25 Mal weiter als AfrikanerInnen und 5 Mal mehr als AsiatInnen.

Was sind Vielflieger?

Als Vielflieger klassifizierten Gössling und Humpe jene Passagiere, die pro Jahr etwa 56.000 Flug-Kilometer zurücklegen. Das entspricht drei Langstreckenflügen pro Jahr, einem Kurzstreckenflug pro Monat oder einer Kombination aus beidem.

So umweltschädlich ist Flugzeugfliegen: Schaden von 100 Milliarden Dollar im Jahr

Bei so vielen Flugkilometern kommt eine riesige Menge Treibhausgase zusammen. Denn: Pro Kilometer stößt ein Flugzeug etwa 430 Gramm CO2 aus. Das ist doppelt so viel wie ein Auto – und 29 Mal mehr als ein Zug.

Gössling und Humpe schätzten die Kosten der Klimaschäden, die durch die Emissionen des Flugverkehrs verursacht werden, auf 100 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018. Diese Summe bezahlen allerdings nicht jene, die sie verursachen, sondern alle SteuerzahlerInnen. Und mehr noch: Die klimatischen Verschlechterungen – Hitzewellen, Dürre, Überschwemmungen – treffen arme Staaten und Schwellenländer besonders hart. Entschädigung gibt es keine.

Dass Wohlhabende, die besonders oft fliegen, nicht für die Schäden, die sie verursachen, zur Kassa gebeten werden, ist im Grunde eine Subvention für die Reichsten und ihre luxuriöse Reisegewohnheit, erklären die beiden Forscher.

Ist eine Vielflieger-Abgabe die Lösung?

Eine Vielflieger-Abgabe ist ein Vorschlag, den Umweltschutz-Organisationen aufwerfen. Sie könnte so aussehen, dass der erste Flug im Jahr wenig oder gar nicht besteuert wird und somit der eine Familienurlaub nicht extra besteuert wird. Für jeden weiteren Flug würde die Abgabe dann aber ansteigen.

Ob das dazu führt, dass Vielflieger weniger per Flugzeug reisen, bleibt abzuwarten. Immerhin sind Vielflieger in der Regel sehr wohlhabend und könnten sich auch teurere Tickets leisten. Der Unterschied wäre nur, dass sie für die Schäden, die sie weiterhin durch Emissionen verursachen, bezahlen.

Studienautor Stefan Gössling könnte sich vorstellen, dass es treffsicherer wäre, Fluggesellschaften in die Pflicht zu nehmen. Beispielsweise indem man ihnen vorschreibt, den Anteil von kohlenstoffarmem Treibstoff schrittweise zu erhöhen. So würden Flugzeuge irgendwann keine CO2-Schleudern mehr sein.

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