Österreichs Weinbau lebt vom Versprechen der Beständigkeit: von Lagen, die seit Generationen bewirtschaftet werden, von Reben, die Zeit brauchen, und von Winzern, die ihr Handwerk oft über Jahrzehnte verfeinern. Doch gerade gerät diese Welt in Bewegung. Der Absatz sinkt, die Preise stehen unter Druck, das Klima verändert die Arbeit im Weingarten – und während große Produzenten wachsen, suchen kleinere Winzer nach Wegen, ihre Betriebe in die Zukunft zu retten. Wir beleuchten eine Branche, die sich neu erfinden muss und dabei sogar darüber streitet, wem die besten Lagen gehören.
Es ist Ende August, ein sonniger Vormittag. David Oberkofler spaziert durch seine Weingärten und pflückt eine Traube von einem Rebstock. Dann zerquetscht er sie zwischen den Fingern, gibt sie in eine fingerdicke Röhre und liest einen Wert ab. „Eine Woche braucht die einzelne Traube noch“, urteilt er und setzt das Refraktometer ab. „Der Zuckergehalt ist noch zu niedrig.“

Oberkofler betreibt in Maria Bild im Südburgenland einen Weinbetrieb, die ungarische Grenze ist nur rund fünf Kilometer entfernt. Drei Hektar – ca. vier Fußballfelder – bewirtschaftet er. Er pflegt vor allem Rebsorten, die besonders widerstandsfähig gegen Pilzbefall sind. Oberkofler zeigt auf einen Hügel im Nachbarort. Dort warten schon seine Muscaris-Trauben. Sie haben schon den richtigen Zuckergehalt und die richtige Reife. Morgen wird er mit der Lese beginnen. Noch nie musste er so zeitig starten – einen Monat früher als üblich.
„Üblich“ ist im Weinbau aber kaum mehr etwas. Ob im Südburgenland, im Kamptal oder in der Südsteiermark: Österreichs Winzer erleben einen tiefen Umbruch. Die Preise für Wein sind unter Druck geraten. Das Konsumverhalten verändert sich und der Klimawandel setzt den Rebstöcken zu. Dazu kommen jahrzehntelange Veränderungen innerhalb der Branche.

Wo die kleinen Winzer verschwinden
Seit Ende der 1990er-Jahre macht die österreichische Weinwirtschaft einen tiefgreifenden Wandel durch. Die Tendenz ist klar: Es gibt immer weniger Betriebe. Gleichzeitig werden den bestehende Betriebe immer größer.
„Es gibt eine spürbare Verschiebung in Richtung größerer Betriebsstrukturen und einer Abnahme der kleinen Betriebe“, urteilt die Österreich Wein Marketing. Die Zahlen zeigen das deutlich.
1999 gab es österreichweit insgesamt 31.946 Weinbetriebe. 2024 waren es nur noch 10.012. Im selben Zeitraum sank die Rebfläche aber nur geringfügig von 48.558 auf 44.210 Hektar.
Die Großen produzieren immer mehr
Auch bei den Produktionskapazitäten zeigt sich die Verschiebung. Betriebe mit einer Kapazität von mehr als 30.000 Litern Wein pro Jahr gelten in der Branche als „leistungsfähig“. Ihr Anteil ist zwischen 2009 und 2025 um knapp 70 Prozent gestiegen.
Die Spitzenreiter der Branche produzieren enorme Mengen Wein. Dabei spielen vor allem Lebensmittelketten eine große Rolle. Die Weinkellerei Wegenstein, die zum Rewe-Konzern gehört, füllt in Wiener Neudorf jährlich rund 15 Millionen Liter ab.
Lenz Moser kommt auf rund elf Millionen Liter. Das Weingut Toifl, ein Vertragswinzer von Lidl Österreich, auf neun Millionen. Die Kellerei Schloss Fels, die wiederum zu Spar gehört, produziert rund 1,4 Millionen Liter. Zum Vergleich: Ein mittelständischer Weinbauer produziert etwa 30.000 Liter im Jahr.
Für kleinere Winzer wird der Wind rauer
Was aber bedeutet diese zunehmende Konzentration? Für kleinere Weinbaubetriebe wird es schwieriger, mit den großen Produzenten mitzuhalten. Sie können die Mengen, die der Lebensmittelhandel verlangt, oft nicht liefern. Gleichzeitig sind größere Investitionen für sie schwerer zu stemmen.
Ein Problem betrifft aber kleine wie große Produzenten: Es wird weniger gekauft – und getrunken.
Der Absatz von Wein geht zurück. Das setzt die Branche zunehmend unter Druck. Österreichs Winzer verkaufen ihre Produkte an unterschiedliche Endkunden: an den Lebensmitteleinzelhandel, an Gastronomie und Großhandel, ins Ausland oder direkt an ihre Kunden.
Der Rotwein bleibt liegen
Wie stark die einzelnen Absatzwege betroffen sind, verdeutlichen die aktuellen Zahlen: Von 2024 bis 2025 ging der Weinabsatz im Lebensmitteleinzelhandel um 5,2 Prozent zurück, in Gastronomie und Großhandel um 4,6 Prozent. Auch die Exporte sanken im selben Zeitraum um fünf Prozent. Österreich Wein Marketing führt den Rückgang unter anderem auf die schwierige weltwirtschaftliche Lage und steigende Zölle zurück, etwa durch die US-Regierung. Auch der Trend zu weniger Alkoholkonsum spielt eine Rolle.
Die Absatzprobleme betreffen vor allem Rotwein. „Absatz unter Druck“ titelte das Branchenmagazin Der Winzer schon vor zwei Jahren. Die Lager füllen sich, Käufer fehlen, die Preise sinken.
Der Österreichische Weinbauverband forderte deshalb im August eine „Krisendestillation“ von Rotwein: Überschüssiger Rotwein sollte zu Industriealkohol verarbeitet werden – in Frankreich und Deutschland wurde dieser Weg bereits beschritten. In Österreich müsste die EU eine solche Maßnahme allerdings freigeben und finanzieren.
Für den Liter Rot bekommt der Winzer nur 45 Cent
Auch bei den Preisen geraten die Winzer unter Druck. Besonders niedrig sind die Erlöse, wenn der Wein als Fasswein an größere Kellereien geht. „Fasswein“ bedeutet: Der Winzer verkauft den Wein nicht in der fertigen Flasche an den Konsumenten, sondern in größeren Mengen an eine Kellerei. Diese füllt den Wein ab und verkauft ihn anschließend selbst weiter – etwa unter einer eigenen Marke.
Für einen Liter Weißwein wurden im Juni 2026 im Großhandel rund 90 Cent bezahlt. Beim Rotwein lag der Preis bei nur 45 Cent pro Liter. „Wie man davon leben kann, weiß ich nicht“, sagt Oberkofler.
Er selbst setzt stark auf Direktvermarktung. Rund 70 Prozent seines Weins verkauft er direkt an Kunden, die Hälfte davon ab Hof. Den Rest liefert er an Gastronomie oder Vinotheken. In seinem gut gefüllten Lager in Maria Bild packt er gerade drei Kartons für einen Kunden, der sich durch sein Sortiment probieren will. Die Direktvermarktung macht ihn krisenfester, sagt er – auch weil er viele seiner Kunden seit Jahren kenne. „Wenn einmal irgendwas ist“, sagt der Winzer mit Blick auf die Inflation, „springen die Kunden nicht so schnell ab.“
Alkoholfrei ist der neue Trend, bei dem viele nicht mitkönnen – oder mitwollen
Auch ein gesellschaftlicher Trend hat tiefgreifende Folgen für Österreichs Winzer: Es wird immer weniger Alkohol getrunken. Von 2000 bis 2024 sank der jährliche Konsum von 11,4 auf 9,8 Liter Reinalkohol – also um rund 14 Prozent. Der Weinkonsum ging im selben Zeitraum um rund 16 Prozent zurück. Vor allem junge Menschen trinken weniger. Gesundheits- und Fitnessbewusstsein sowie die größere Akzeptanz eines Lebens ohne Alkohol verändern das Konsumverhalten.
Gleichzeitig wächst der Markt für alkoholfreien Wein – ein Hoffnungsträger, aber zumindest unter manchen Winzern umstritten. Der niederösterreichischer Winzer Clemens Strobl meint beispielsweise, dass die alkoholfreie Variante „kulturell mit Wein nichts mehr zu tun“ hätte. Das ändert nichts an seiner Beliebtheit.
Die technisch komplexe Produktion musste bisher in Deutschland erfolgen. Seit kurzem gibt es auch in Niederösterreich eine Anlage. Rund 15.000 Liter Wein sollen dort täglich verarbeitet werden können. Betreiber ist die Toifl GmbH & Co KG, das viertgrößte Weingut Österreichs und Vertragswinzer der Supermarktkette Lidl.
Doch nicht nur die Nachfrage verändert sich. Auch die Bedingungen, unter denen Wein angebaut wird, werden schwieriger.
Die Weinlese beginnt immer früher
August 2026, Oberkofler spaziert weiter durch seinen Weingarten. Die Hitze und die ausbleibenden Niederschläge im Hitzesommer haben zumindest seine Reben gut überstanden. Nur vereinzelt sind ein paar Weinstöcke vertrocknet. Die Wurzeln seiner Reben reichen tief genug und können auf Wasser in tieferen Bodenschichten zugreifen, erzählt der studierte Biologe. So glimpflich sind nicht alle Winzer in vergangenen Sommer davongekommen.
Herbert Oschep, Obmann des burgenländischen Weintourismus, geht allein im Burgenland von einem klimabedingten Ernteausfall von 30 Prozent aus. Neben Hitze und Trockenheit sorgen auch extreme Wetterereignisse wie Hagel und Spätfrost sowie die zunehmend frühere Reife für zusätzliche Unsicherheit.
Der Klimawandel ist die „Mutter aller Probleme“, sagt Oberkofler. „Wenn das nicht gelöst wird, sehe ich schwarz.“

Der Feind jedes Winzers: Ein neuer Schädling erreicht die Weingärten
Kopfzerbrechen bereiten Oberkofler hier vor allem Insekten, die durch das veränderte Klima zunehmend auch in Österreich Fuß fassen – allen voran die amerikanische Rebzikade. Sie überträgt die Krankheit der goldgelben Vergilbung, die Rebstöcke langsam absterben lässt. Bei einem Befall muss die gesamte Pflanze mitsamt Wurzeln sofort gerodet werden – sonst droht eine weitere Ausbreitung. Von der Rebzikade bedroht sind praktisch alle Weinbaugebiete in Österreich. 77 Befallszonen wurden im Burgenland Anfang August gemeldet.

Bereits vor vier Jahren sind in Oberkoflers Weingärten die ersten Rebzikaden aufgetaucht. Damals hätten die Behörden das Problem nicht ernst genommen. Zwei Weingärten musste er roden, insgesamt einen Hektar hat er so verloren.
Heute sei man bei der Aufklärung aktiver. Wichtig sei, dass jeder etwas gegen die Rebzikade unternimmt – auch jene, die nur eine kleine Weinlaube besitzen. „Wenn neunzig Prozent mitspielen, haben wir gewonnen.“ Oberkofler ist von einer gemeinsamen Lösung überzeugt.
Aber so geeint ist die Branche nicht. Auch nicht in anderen Fragen.
Wer entscheidet, was eine „Große Lage“ ist?
Es geht um „Lage, Lage, Lage“ lautet das bekannte Credo der Immobilienbranche. Auch beim Wein spielt die Herkunft eine zentrale Rolle. In Österreich gibt es dafür ein mehrstufiges System: Weine werden als Gebiets-, Orts- oder Riedenwein klassifiziert. Je höher die Herkunftsstufe, desto stärker wird die Herkunft als Qualitätsmerkmal gewichtet. Damit kann auch der Preis steigen.
Vor drei Jahren wurde das System um die Bezeichnungen „Erste Lage“ und „Große Lage“ erweitert. Sie sollen besonders hochwertige Weinlagen kennzeichnen. Grundlage dafür sind unter anderem Boden, Geologie, Klima und besondere Qualität. Vorangetrieben wurde die Einführung von der Vereinigung der Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW), einem Anfang der 1990er-Jahre gegründeten Zusammenschluss österreichischer Weingüter.
Doch die neuen Klassifikationen „Erste Lage“ und „Große Lage“ sind stark umstritten. Kritiker werfen dem Klassifizierungssystem vor, dass eine kleine Gruppe darüber entscheidet, welche Lagen als besonders hochwertig gelten.
Die Klassifizierung wird zum Wettbewerbsvorteil
Einer von ihnen ist Alois Höllerer. Der Winzer bewirtschaftet ein 23 Hektar großes Weingut am Rande des niederösterreichischen Kamptals. Sein zentraler Kritikpunkt: Wenige Branchevertreter entscheiden über die Vergabe der Klassifikation. Konkret: das Nationale Weinkomitee. Das besteht aus Vertretern der Landwirtschaft und der Weinwirtschaft sowie aus Vertretern von Ministerium, Bundesländern und Österreich Wein Marketing. Die Interessen vieler Weinbauern, so Höllerer, sind darin nicht ausreichend vertreten.
Für Höllerer geht es dabei nicht nur um Mitsprache, sondern auch um wirtschaftliche Vorteile. Eine Einstufung als „Erste Lage“ oder „Große Lage“ könne einem Betrieb einen „vererbbaren Wettbewerbsvorteil“ verschaffen, sagt er. Wer nicht berücksichtigt wird, hat einen Wettbewerbsnachteil.
Bestätigung erhält Höllerer vom Rechnungshof. In einem im August veröffentlichten Bericht kritisiert dieser, dass in den Weinkomitees nicht alle betroffenen Erzeuger vertreten sind. Seit April 2024 sieht das EU-Recht für Anträge auf geschützte geografische Angaben – dazu zählen auch Lagen – Erzeugervereinigungen vor, denen grundsätzlich jeder betroffene Erzeuger beitreten kann. Der Rechnungshof empfiehlt deshalb, die Weinkomitees möglichst rasch durch solche Vereinigungen zu ersetzen.

Der Streit um die Lagen landet vor Gericht
Der Streit ist inzwischen auch vor dem Verfassungsgerichtshof gelandet. Gemeinsam mit 25 weiteren Winzern hat Höllerer einen Antrag eingebracht. Das Höchstgericht prüft, ob die Einbindung des Nationalen Weinkomitees in die Klassifizierung von „Erster Lage“ und „Großer Lage“ verfassungskonform ist. Über den Ausgang des Verfahrens will Höllerer nicht spekulieren: „Wir vertrauen dem Rechtsstaat.“
Die Weinbranche kämpft also mit mehreren Krisen gleichzeitig. Und es deutet vieles darauf hin, dass die Konzentration zunimmt: Betriebe werden größer. Die Zahl der kleinen Produzenten nimmt weiter ab. Wie reagiert Oberkofler darauf? Will auch er wachsen?
Der Winzer winkt ab. Wirtschaftlich läuft sein Betrieb stabil. Was sich Oberkofler aber wünscht, ist mehr Flexibilität auf gesetzlicher Ebene. Neue Rebsorten müssten schneller zugelassen werden – vor allem jene, die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen.
Nicht größer werden, sondern beweglicher
Auch sein Kollege Höllerer aus Niederösterreich sieht gesetzlichen Reformbedarf: „Wenn man von uns verlangt, flexibel zu reagieren, dann brauchen wir Systeme, die flexibel sind.
Oberkofler spaziert über den Hof seines 250 Jahre alten Bauernhauses und zeigt auf eine kleine Hütte am Rand eines Teiches. Dort sollen künftig Weinverkostungen stattfinden, dazu kleine Konzerte und gutes Essen. Außerdem hat er vor Jahren rund 1,5 Hektar Olivenbäume gepflanzt. Sie werden wohl frühestens in 30 Jahren Ertrag abwerfen. „Olivenbäume setzt man eben für die Enkel.“
Jetzt warten erstmal seine Muscaris-Trauben. Um die wird er sich morgen kümmern.

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