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Ein Industriekonzern mit rund 600 Millionen Euro Umsatz, 15 Standorten auf vier Kontinenten und trotzdem bestimmen nicht Großaktionäre oder Investmentfonds über die Zukunft des Unternehmens: Beim französischen Kabelhersteller ACOME haben die Beschäftigten das Sagen. Das Unternehmen gehört ihnen als Genossenschaft. Dabei gilt: eine Person, eine Stimme. ACOME zeigt damit, dass demokratische Unternehmen auch in der modernen Industrie und im internationalen Wettbewerb erfolgreich sind.
In der Normandie im Nordwesten Frankreichs produziert ACOME Kabel für Autos, Telekommunikation und Datennetze. Dazu gehören etwa Glasfaserkabel für schnelles Internet, Hochspannungskabel für Elektro- und Hybridautos sowie Datenkabel, die in modernen Fahrzeugen Sensoren, Kameras und Steuergeräte miteinander verbinden. Für Gebäude stellt ACOME außerdem Kabel her, über die Computer, Server und andere Geräte miteinander kommunizieren.
ACOME: Ein internationaler Industriekonzern als Genossenschaft
Das Unternehmen arbeitet mit großen Industriekunden, verkauft weltweit und setzt hunderte Millionen Euro im Jahr um. Auf den ersten Blick wirkt ACOME damit wie ein ganz normales internationales Industrieunternehmen. Doch bei der Frage, wem das Unternehmen gehört und wer über seine Zukunft entscheidet, unterscheidet sich ACOME deutlich von vielen anderen Firmen.
Die französische Muttergesellschaft gehört als Genossenschaft nämlich ihren Beschäftigten. Bei wichtigen Entscheidungen gilt: eine Person, eine Stimme. Nicht die Höhe des eingesetzten Kapitals entscheidet darüber, wer mehr Einfluss hat.
Heute beschäftigt der Kabelhersteller ACOME rund 1.600 Menschen und macht etwa 600 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Rund drei Viertel des Umsatzes kommen inzwischen aus dem Ausland. Produziert wird unter anderem in Frankreich, China, Brasilien und Marokko. ACOME konkurriert damit auf internationalen Märkten mit anderen großen Industriekonzernen. Gleichzeitig hält das Unternehmen seit Jahrzehnten an seiner genossenschaftlichen Struktur fest.
Genossenschaft mit 90-jähriger Geschichte
Die Geschichte der Genossenschaft beginnt 1932 mit einer Übernahme durch die Beschäftigten. Das Vorgängerunternehmen Électro-Câbles war nach Fehlspekulationen seines Eigentümers mit Rohstoffen zahlungsunfähig und stand vor dem Aus. Doch Beschäftigte gründeten eine neue Genossenschaft und führten die Produktion weiter. Dabei half ihnen eine Besonderheit im damaligen französischen Vergaberecht: Genossenschaften konnten einen Teil der öffentlichen Aufträge erhalten. So entstand aus dem insolventen Unternehmen eine neue Firma in gemeinschaftlichem Eigentum.
Schon der Name ACOME verweist auf die genossenschaftlichen Wurzeln. Er steht für „Association coopérative d’ouvriers en matériel électrique“ – also ungefähr „Genossenschaftliche Vereinigung von Arbeitern für elektrische Geräte“.
In den folgenden Jahrzehnten setzte ACOME immer wieder früh auf neue Technologien. 1949 produzierte das Unternehmen erste mit Kunststoff isolierte Kabel für Autos. Einen großen Erfolg feierte ACOME 1960 mit Kabeln, die Störungen im Autoradio verhindern sollten: Innerhalb weniger Monate wurden damit nach Angaben des Unternehmens rund 40 Prozent der Autos in Frankreich ausgestattet.
Ab Ende der 1970er Jahre begann ACOME stärker ins Ausland zu verkaufen. Es kamen Fabriken und Niederlassungen in Brasilien, China und Marokko dazu. Heute ist die Unternehmensgruppe auf vier Kontinenten aktiv und beschäftigt 1.600 Mitarbeiter:innen. Gleichzeitig blieb ihr industrielles Zentrum in der Normandie: Am Standort Romagny arbeiten heute rund 1.000 Menschen in sechs Werken.
Eine Person, eine Stimme: So funktioniert die Mitbestimmung bei ACOME
Bei vielen großen Unternehmen hängt der Einfluss davon ab, wie viele Aktien jemand besitzt. Andere Firmen gehören einzelnen Personen oder Familien, die wichtige Entscheidungen weitgehend selbst treffen können. Oft gilt also: Wer viel Kapital besitzt, hat auch mehr Macht im Unternehmen. Bei ACOME funktioniert das anders. Bei den Genossenschaftsmitgliedern gilt das Prinzip „eine Person, eine Stimme“. Die Genossenschaftsmitglieder wählen den Verwaltungsrat. Das ist das Gremium, das wichtige Entscheidungen über die Zukunft des Unternehmens trifft.
Im Verwaltungsrat sitzen der Vorstandsvorsitzende Frédéric Briand und sein Stellvertreter Stéphane Samson, der zugleich den Autobereich leitet.
Doch das Gremium besteht nicht nur aus der Unternehmensführung. Dort sitzen auch Mitarbeitende aus dem Kundenservice, der Produktion und dem Controlling.
Gemeinsam entscheidet der Verwaltungsrat unter anderem über die strategische Ausrichtung, Investitionen, Forschung und das Budget des Konzerns. Damit geht die Mitbestimmung deutlich weiter als in Unternehmen, in denen Beschäftigte lediglich einen Betriebsrat wählen. Über die Genossenschaft bestimmen die Beschäftigten direkt bei zentralen wirtschaftlichen Entscheidungen mit.
Besondere Regeln in Frankreich: Warum die Beschäftigten die Kontrolle behalten
Seit 1978 gibt es ein eigenes Gesetz für Beschäftigtengenossenschaften, sogenannte SCOPs. Es schreibt unter anderem fest, dass die Beschäftigten die Kontrolle über das Unternehmen behalten. Die Abkürzung steht für Société coopérative et participative, also für eine Genossenschaft, an der die Beschäftigten beteiligt sind.
Für SCOPs gelten in Frankreich besondere Regeln. Die Genossenschaftsmitglieder müssen gemeinsam mindestens 51 Prozent des Unternehmenskapitals und 65 Prozent der Stimmrechte halten. Externe Investoren können sich beteiligen, aber sie können die Beschäftigten nicht überstimmen.
Bei Abstimmungen der Genossenschaft gilt grundsätzlich: eine Person, eine Stimme – unabhängig davon, wie viel Geld jemand eingebracht hat.
Auch mit den Gewinnen gehen SCOPs anders um. Mindestens ein Viertel des Gewinns muss an die Beschäftigten gehen.
Beschäftigte werden dabei nicht sofort mit ihrem ersten Arbeitstag zu Mitgliedern. Bei ACOME können Beschäftigte nach einem Jahr beitreten, spätestens nach drei Jahren sollen sie Mitglied werden. Dann erwerben sie eigene Anteile am Unternehmen und erhalten dafür auch ein Stimmrecht in der Generalversammlung. Neu eingestellte Beschäftigte können deshalb zunächst noch ohne Genossenschaftsanteile arbeiten. Bei der Gewinnbeteiligung werden sie trotzdem nicht ausgeschlossen.
Mindestens 15 Prozent des Gewinns fließen in Rücklagen, zusätzlich gibt es einen Entwicklungsfonds. So baut die Genossenschaft eigenes Kapital auf, das sie später wieder investieren kann. Der Kabelhersteller ACOME ist gemessen an Beschäftigtenzahl und Umsatz die größte SCOP Frankreichs.
Durch die genossenschaftliche Organisation kann ACOME langfristig investieren
Ein gutes Beispiel, wie die Genossenschaft funktioniert, liefert die Glasfaser-Produktion. ACOME begann schon früh, in die Technologie zu investieren. Doch das Geschäft brachte nicht sofort Gewinne. Über Jahre verlor das Unternehmen damit Geld investierte aber trotzdem weiter.
Der damalige ACOME-Chef Jacques de Heere erklärte 2015 in einem Interview mit der französischen Wirtschaftszeitung La Tribune, warum das möglich war:
„Der Vorteil einer Genossenschaft ist, dass wir sehr stark mittel- und langfristig denken.“ (Übersetzung aus dem Französischen)
ACOME war überzeugt, dass Glasfaser früher oder später eine zentrale Technologie für Telekommunikationsnetze werden würde. Deshalb hielt das Unternehmen an seinen Investitionen fest. Und das zahlte sich aus: Das Glasfaser-Geschäft wuchs ab 2013 laut dem damaligen Unternehmenschef um mehr als 30 Prozent pro Jahr. Gleichzeitig nahm der Glasfaserausbau in Frankreich Fahrt auf. Die Zahl der Glasfaseranschlüsse stieg von rund 540.000 Ende 2013 auf 1,4 Millionen Ende 2015.
Heute stammt laut ACOME knapp ein Drittel der in Frankreich verlegten Glasfaser aus ihrem Werk in der Normandie.
Das ist ein grundlegender Unterschied zu Unternehmen, bei denen Eigentümer möglichst schnell hohe Renditen erwarten. Eine Genossenschaft kann andere Prioritäten setzen: Arbeitsplätze sichern, investieren und den Bestand des Unternehmens langfristig absichern.
Dass ACOME viel investiert, zeigt auch die jüngere Entwicklung: Zwischen 2021 und 2025 investierte der Konzern nach eigenen Angaben rund 70 Millionen Euro in seine Standorte und Technik.
Französische Studie zeigt: Genossenschaften sind wirtschaftlich erfolgreich
Französische Wirtschaftsforscher:innen haben Genossenschaften untersucht. Ihre Studie Employee-owned firms in France erschien 2023. Dafür verglichen sie SCOPs mit klassischen französischen Unternehmen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Genossenschaften ähnlich viel in Maschinen und Technik investieren wie klassische Unternehmen. Bei der Produktivität schneiden sie mindestens gleich gut ab. Besonders in Branchen, in denen Wissen, Forschung und gut ausgebildete Beschäftigte eine große Rolle spielen, zeigen Untersuchungen sogar einen Produktivitätsvorteil gegenüber vergleichbaren klassischen Unternehmen.
Auch bei der Lebensdauer schneiden die Genossenschaften laut der Studie überdurchschnittlich gut ab. Von neu gegründeten SCOPs waren nach fünf Jahren noch 76 Prozent am Markt, bei allen neu gegründeten französischen Unternehmen waren es hingegen nur 61 Prozent. Ein Teil dieses Unterschieds erklärt sich laut Studie dadurch, dass SCOPs beim Start oft mehr Kapital haben, größer sind oder in Branchen tätig sind, in denen neue Unternehmen generell länger bestehen.
Trotzdem zeigen die Ergebnisse: Demokratisch organisierte Unternehmen können erfolgreich investieren, produktiv arbeiten und über viele Jahre am Markt bestehen.
Tiefkühlwerk Ardo vor der Schließung: Genossenschaft als Alternative?
Wie interessant das Modell hinter ACOME noch immer ist, zeigt die Debatte um das Ardo-Tiefkühlwerk in Groß-Enzersdorf in Niederösterreich. Das Werk verarbeitet über 80 Prozent des österreichischen Tiefkühlgemüses. Der belgische Konzern will den Standort ersatzlos schließen und den heimischen Markt künftig aus dem Ausland beliefern. Rund 250 Beschäftigte verlieren dadurch ihren Arbeitsplatz, auch hunderte Gemüsebetriebe aus der Region sind betroffen. Gespräche über eine Weiterführung laufen.
Ein Vorschlag: Die Gemüsebetriebe könnten sich zu einer Genossenschaft zusammenschließen und gemeinsam mit weiteren Partnern eine neue Tiefkühlproduktion aufbauen.
„Ohne Ardo-Werk kein Tiefkühlgemüse aus Österreich“ – Arbeiterbetriebsrat im Interview
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