Der belgische Tiefkühlkonzern Ardo will sein Werk in Groß-Enzersdorf (NÖ) schließen. Rund 240 Beschäftigte würden dann ihren Job verlieren, hunderte Bauern ihren wichtigsten Abnehmer. Dabei schreibt der Standort Gewinne und erhielt in den vergangenen Jahren über eine Million Euro an öffentlichen Förderungen und Steuerbegünstigungen. Zwei österreichische Investoren wollen den Standort übernehmen – doch Ardo lehnt einen Verkauf ab. Stattdessen soll Österreich künftig mit Tiefkühlgemüse aus anderen europäischen Ardo-Werken beliefert werden.
Wenn im Marchfeld Spinat, Erbsen oder Sojabohnen geerntet werden, sind die Wege zur Verarbeitung aktuell kurz. Das Gemüse kommt von den Feldern der Region in die Verarbeitung nach Groß-Enzersdorf nahe Wien, wird dort tiefgekühlt und an die österreichischen Supermärkte geliefert. Man verarbeitet dort mehr als 80 Prozent des österreichischen Tiefkühlgemüses. Bei Spinat sind es sogar 100 Prozent. Dieses über Jahrzehnte entstandene System könnte nun vor dem Aus stehen.
Denn der belgische Ardo-Konzern will sein österreichisches Produktionswerk bis Mitte 2027 schließen. Die Anlagen sollen abgebaut und an andere europäische Ardo-Standorte gebracht werden. In Österreich soll nur der Vertrieb bleiben. Die Schließung betrifft rund 190 Ardo-Beschäftigte, etwa 50 Leiharbeitskräfte und rund 500 bäuerliche Familien, die derzeit ihre Ware an Ardo Austria Frost liefern.
„Österreich verliert den größten heimischen Produzenten von Tiefkühlgemüse und damit einen wichtigen Teil seiner Lebensmittelproduktion“, warnt Reinhold Binder, Bundesvorsitzender der Produktionsgewerkschaft PRO-GE. „Jeder verlorene Produktionsstandort macht Österreich abhängiger und schwächt die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit.“
Das Werk in Niederösterreich schreibt Gewinne
Dabei ist Groß-Enzersdorf grundsätzlich ein profitabler Betrieb. Im Geschäftsjahr 2024/25 machte Ardo Austria einen Jahresgewinn von 1,9 Millionen Euro. Auch in den Jahren zuvor schrieb das Unternehmen Gewinne von rund einer Million Euro jährlich. Dadurch wird der hohe Verlust aus früheren Jahren schrittweise reduziert.
Ardo begründet die Schließung unter anderem mit dem Zustand des Werks. Laut Konzern wären mehr als 100 Millionen Euro nötig, um Produktion, Verpackung, Lager und Infrastruktur zu modernisieren. Das will der belgische Konzern schlicht nicht investieren, weil es sich nicht rentieren würde und die Produktion woanders günstiger wäre. Auch der Betriebsrat Dietmar Breiner kritisiert, dass über Jahre zu wenig grundlegend modernisiert und „nur das Notwendigste“ investiert wurde.
Österreichische Investoren wollen übernehmen – Ardo sagt Nein
Doch der Konzern will sich nicht nur einfach vom Standort zurückziehen. Er will obendrein verhindern, dass andere Unternehmen das Werk übernehmen. Denn laut Medienberichten gibt es bereits zwei österreichische Investoren, die das Werk, die Liegenschaft, die Beschäftigten und die Lieferanten übernehmen würden. Ardo lehnte das bisher ab und plant stattdessen, die österreichischen Kunden nach der Schließung mit Gemüse aus einem anderen EU-Werk zu beliefern.
Der Präsident der AK Niederösterreich, Markus Wieser, kritisiert das scharf:
„Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass der österreichische Standort auf dem Rücken der heimischen Arbeitnehmer und Landwirte ausgehöhlt wird, gleichzeitig jedoch vom selben Unternehmen Tiefkühl-Gemüse aus halb Europa nach Österreich gebracht werden soll.“
Ardo Austria bekam über eine Million staatliche Förderungen
Gleichzeitig erhielt Ardo Austria in den vergangenen Jahren öffentliche Förderungen in Millionenhöhe. Allein 2023 bekam das Unternehmen in drei Tranchen insgesamt 777.668 Euro Energiekostenzuschuss. Es ist anzunehmen, dass darüber hinaus noch weitere Förderungen geflossen sind. Hinzu kommen steuerliche Entlastungen für energieintensive Unternehmen. Über die sogenannte Energieabgabenvergütung erhielt Ardo laut EU-Beihilfetransparenzdaten zwischen 2023 und 2025 weitere ein bis zwei Millionen Euro.
Hinter Ardo steht belgische Millionärsfamilie
Um den Standort zu retten, haben die Bundesregierung und das Land Niederösterreich auch finanzielle Unterstützung angeboten. Bei den jüngsten Gesprächen am 7. Oktober hielt das Unternehmen dennoch an seinem Schließungsplan fest. Die politischen Vertreter wollen nun versuchen, direkt mit der belgischen Eigentümerfamilie ins Gespräch zu kommen und einen Weiterbetrieb erreichen. Dabei handelt es sich um die Familie Haspeslagh, deren Vermögen auf 624 Millionen Euro geschätzt wird.
Betriebsrat Dietmar Breiner verhandelt währenddessen bereits über einen Sozialplan.
„Der Betriebsrat muss jetzt trotz Verhandlungen davon ausgehen, dass der Worst Case eintritt und das Werk geschlossen wird“, sagt Breiner.
Die Gewerkschaft fordert darüber hinaus eine Arbeitsstiftung, damit Beschäftigte bei einer Schließung Qualifizierung, Umschulung und Unterstützung beim Wechsel in neue Jobs bekommen.
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