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„Wir leben länger, also müssen wir länger arbeiten“ – so einfach ist die Rechnung nicht. Wer ein höheres Pensionsalter fordert, sollte zuerst auf jene schauen, die das heutige schon nicht gesund erreichen. Bei schlecht bezahlten Arbeitern ist mehr als jeder Dritte mit 65 bereits erwerbsunfähig oder tot. Gerade Menschen in schlecht bezahlten, körperlich belastenden Jobs erreichen das Pensionsalter viel seltener arbeitsfähig.
„Irgendwann schlägt Mathematik Ideologie“, sagte AMS-Chef Johannes Kopf am 11. Oktober in der ORF-„Pressestunde“. Er warb dort erneut für ein höheres Pensionsantrittsalter. Die Botschaft ist bekannt: Wir leben länger, also müssen wir länger arbeiten. Wer widerspricht, hat offenbar die Rechnung nicht verstanden, so der Unterton von Kopf.
Nun gehört zur Mathematik allerdings auch Statistik. Und die stellt eine ziemlich unangenehme Frage: Wer ist eigentlich dieses „Wir“, das immer länger lebt?
Gut bezahlte Angestellte? Bauarbeiter:innen? Die Reinigungskraft, deren Rücken nach Jahrzehnten körperlicher Arbeit nicht mehr mitmacht? Sie alle kommen in der Statistik zur durchschnittlichen Lebenserwartung vor. Ihre Aussichten, gesund in Pension zu gehen und diese auch noch genießen zu können, unterscheiden sich allerdings erheblich.
Ein Drittel der Arbeiter erreichen das Pensionsalter nicht erwerbsfähig
Wie erheblich, zeigt eine aktuelle Studie von Johannes Klotz und David Aigner vom Forschungsinstitut OGM im Auftrag der Arbeiterkammer Wien: Die Forscher verbinden Erwerbsverläufe von mehr als 900.000 Menschen mit amtlichen Pensionierungs- und Sterbetafeln. Sie berechnen, wie viele der mit 45 Jahren arbeitsfähigen Menschen bis 65 leben und arbeitsfähig bleiben.
Bei männlichen Arbeitern im untersten Einkommensviertel sind rund 64 von 100 noch arbeitsfähig. Knapp 19 sind mit 65 erwerbsunfähig. Rund 17 sind bereits gestorben. Mehr als jeder Dritte erreicht das Pensionsantrittsalter von 65 also nicht erwerbsfähig.
Bei männlichen Angestellten im obersten Einkommensviertel sieht die Rechnung anders aus: Rund 91 von 100 erreichen den 65. Geburtstag lebend und erwerbsfähig.
Das Risiko, vorher zu sterben oder mit 65 erwerbsunfähig zu sein, ist bei den schlecht bezahlten Arbeitern damit etwa viermal so hoch.
Auch das ist Mathematik. Und harte Statistik.
Dabei bedeutet „erwerbsfähig“ noch lange nicht beschwerdefrei. Die Studie zählt nicht jeden schmerzenden Rücken und jede chronische Erkrankung als Erwerbsunfähigkeit. Und sie sagt auch nicht, dass alle Menschen, die gesund genug zum Arbeiten sind, tatsächlich auch einen Arbeitsplatz haben.
Bevor das Pensionsantrittsalter erhöht wird, sollte geklärt werden, wie die Beschäftigten das derzeitige gesund erreichen können.
Männer, die studiert haben, leben bis zu 7 Jahre länger
Auch die Ausbildung entscheidet über die Lebenserwartung: Laut Statistik Austria konnten 35-jährige Männer mit Hochschulabschluss im Jahr 2024 davon ausgehen, dass sie 85 Jahre alt werden, Männer mit Pflichtschulabschluss hingegen nur 78 Jahre. Rund sieben Jahre Unterschied.
Selbst bei der Gruppe der 65-jährigen Männer beträgt der Abstand noch rund viereinhalb Jahre: 21,6 verbleibende Lebensjahre für Hochschulabsolventen gegenüber 17,2 für Pflichtschulabsolventen.
Gleichzeitig steigen Pflichtschulabsolventen meist früher ins Arbeitsleben ein: Bei einem durchgehenden Erwerbsleben vom 15. bis zum 65. Geburtstag kommen 50 Jahre zusammen. Bei einem Einstieg mit 25 sind es 40.
Höheres Pensionsantrittsalter bedeutet nicht mehr Beschäftigte
Eine WIFO-Studie für 2022 zeigt:
27 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen wechseln nicht direkt aus einer Beschäftigung in die Pension. Mehr als ein Viertel hatte beim Pensionsantritt keinen Job.
Wer keinen Arbeitsplatz findet, bekommt auch nicht durch einen späteren Pensionsantritt automatisch einen. Wer gesundheitlich nicht mehr kann, wird durch eine höhere Altersgrenze nicht plötzlich arbeitsfähig. Diese Menschen müssen die Zeit bis zu einem späteren Pensionsantritt mit anderen Sozialleistungen statt der Pension, weniger Einkommen und größerer Unsicherheit überbrücken.
Auch für den Staat muss die ganze Rechnung betrachtet werden: Sinkende Ausgaben der Pensionsversicherung allein sagen noch nicht, wie viel insgesamt gespart wird, wenn gleichzeitig mehr Arbeitslosengeld, Notstands- oder Sozialhilfe ausgezahlt werden muss.
Arbeitsmarktpolitik sichert die Pensionen
Eine alternde Gesellschaft braucht eine verlässliche Pensionsfinanzierung. Dafür braucht sie Menschen, die arbeiten können, einen Arbeitsplatz haben und Beiträge zahlen. Gesündere Arbeitsbedingungen, rechtzeitige Behandlung und echte Beschäftigungschancen für Ältere sind deshalb zentrale Fragen der Pensionspolitik.
Zugespitzt gesagt: Die beste Pensionspolitik ist Arbeitsmarktpolitik. Genauso brauchen wir für Menschen, die nach jahrzehntelanger Arbeit nicht mehr können, eine Möglichkeit, früher in Pension zu gehen und dann auch eine Pension zu bekommen, von der sie leben können.
Welche Belastungen wir wem zumuten, entscheidet keine mathematische Formel. Das entscheidet Politik.
Lieber Herr Kopf, wir können gerne rechnen. Aber vergessen wir die Menschen nicht, die in Ihrer Rechnung nur mehr zu einer Zahl werden. Wer über längeres Arbeiten spricht, muss auch darüber sprechen, wer früher stirbt und wer vorher krank wird. Sonst hat die Mathematik die Ideologie nicht geschlagen. Sie hat ihr nur einen vermeintlich seriösen Anstrich gegeben.
Podcast-Tipp zur ungleichen Lebenserwartung
Wie hängen Einkommen, Beruf und Gesundheit mit den Chancen auf eine Pension zusammen? In Episode 38 „Unterschiedliche Lebenserwartungen“ von „In bester Gesellschaft – der Wissenschaftsdialog für die Vielen“ spreche ich mit Studienautor Johannes Klotz vom Forschungsinstitut OGM und AK-Pensionsexperten Wolfgang Panhölzl über die Ergebnisse der Studie und ihre Bedeutung für die Pensionspolitik.
Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.





































