Anfang Oktober werden jedes Jahr die Nobelpreise in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Frieden und Wirtschaftswissenschaften vergeben. Ausgezeichnet werden Menschen, die mit ihrer Arbeit einen besonderen Beitrag für die Menschheit geleistet haben. Den Nobelpreis gibt es seit 1901, heuer bringt er pro Kategorie 12 Millionen schwedische Kronen Preisgeld, das sind etwa 1,06 Millionen Euro. Unter den bisher zehn Ausgezeichneten für die Nobelpreise 2026 sind acht Männer und zwei Frauen. Erstmals hat mit Ellen Moons eine Frau die Nobelpreise für Physik, Chemie und Wirtschaft bekannt gegeben.
Nobelpreisträger:innen 2026 – Übersicht
| Medizin | Karl Deisseroth, Peter Hegemann, Georg Nagel |
| Physik | Francis Halzen |
| Chemie | Henri B. Kagan, Kenso Soai |
| Literatur | Anne Carson |
| Frieden | Navanethem „Navi“ Pillay |
| Wirtschaft | Robert Hall, Michael Woodford |
Medizin-Nobelpreis 2026 für die Optogenetik-Forscher Deisseroth, Hegemann & Nagel
Der Medizin-Nobelpreis geht heuer an zwei Forscher aus Deutschland und einen aus den USA. Ausgezeichnet werden der Biophysiker Peter Hegemann (71) von der Humboldt-Universität Berlin, der Biologe Georg Nagel (73) von der Universität Würzburg und der Psychiater und Neurowissenschaftler Karl Deisseroth (54) von der Stanford University. Das Karolinska-Institut in Stockholm ehrt sie für ihre Forschung zur sogenannten Optogenetik.
Am Anfang stand eine Grünalge. Hegemann wollte herausfinden, wie sie sich zum Licht bewegt. Gemeinsam mit Nagel entdeckte er Anfang der 2000er-Jahre ein Protein namens Kanalrhodopsin. Trifft blaues Licht darauf, öffnet sich in der Zelle ein kleiner Kanal. Dadurch entsteht ein elektrisches Signal.
Deisseroth übertrug diese Entdeckung auf Nervenzellen. Er baute den Bauplan für das Protein in Nervenzellen von Ratten ein. Danach konnte er die Zellen mit Licht gezielt ein- und ausschalten. Später gelang das auch im Gehirn lebender Mäuse.
Mit dieser Methode können Forscher heute untersuchen, welche Nervenzellen bei bestimmten Vorgängen aktiv sind, etwa bei Angst, Depressionen oder Bewegungen. Außerdem wird erforscht, ob Optogenetik blinden Menschen helfen kann, einen Teil ihrer Sehkraft zurückzubekommen.
Den Preis erhalten sie laut Nobelversammlung „für ihre Entdeckungen zu lichtgesteuerten Ionenkanälen und zur Optogenetik“.
Physik-Nobelpreis 2026 für den Neutrino-Forscher Francis Halzen
Den Physik-Nobelpreis bekommt heuer der 82-jährige Francis Halzen. Er stammt aus Belgien, ist US-Staatsbürger und lehrt an der University of Wisconsin in Madison. Das Komitee würdigt seine entscheidende Rolle beim Aufbau des IceCube-Observatoriums am Südpol und den Nachweis von besonders energiereichen Neutrinos aus dem Weltall.
Neutrinos werden auch „Geisterteilchen“ genannt. Billionen davon fliegen jede Sekunde durch unseren Körper, ohne dass wir etwas davon merken. Der Grund: Sie reagieren fast nie mit anderer Materie, also mit den Stoffen und Teilchen, aus denen unsere Umgebung besteht.
Halzen hatte 1988 die Idee, das Eis unter dem Südpol als riesiges Messgerät zu nutzen. Wenn ein Neutrino dort ausnahmsweise auf einen Atomkern trifft, entsteht ein winziger Lichtblitz. Sensoren tief im Eis können dieses Licht messen. So entstand IceCube, ein Observatorium, das rund einen Kubikkilometer Eis umfasst. Das ist ein Würfel aus Eis, der einen Kilometer lang, einen Kilometer breit und einen Kilometer hoch ist.
Mit IceCube können Forscher untersuchen, wo im Weltall diese Teilchen herkommen – etwa von Sternexplosionen oder aus weit entfernten Galaxien.
Halzen war gerade in Italien, als er von der Auszeichnung erfuhr, und zeigte sich überrascht. Gefragt, ob Neutrinos vielleicht Botschaften von Außerirdischen mitbringen könnten, meinte er, die Menschheit habe gerade genug echte Probleme.
Seine Hartnäckigkeit habe den Weg „für eine neue Art der Astronomie“ geebnet, sagt Mark Pearce, Vorsitzender des Physik-Nobelkomitees.
Chemie-Nobelpreis 2026 geht an die Spiegelmolekül-Forscher Kagan und Soai
Der Chemie-Nobelpreis geht an den Franzosen Henri B. Kagan (95) von der Université Paris-Sud und an den Japaner Kenso Soai (76) von der Tokyo University of Science. Die beiden beschäftigten sich mit einer Frage, über die Chemiker seit mehr als hundert Jahren rätseln: Warum bevorzugt die Natur bei vielen Molekülen eine bestimmte Form, obwohl es auch ihr Spiegelbild gibt?
Manche Moleküle gibt es nämlich in zwei Formen, die sich zueinander verhalten wie unsere linke und rechte Hand. Sie sehen fast gleich aus, lassen sich aber nicht genau übereinanderlegen. In der Chemie nennt man das Chiralität. Das Wort kommt vom griechischen Wort für Hand.
Für unseren Körper ist dieser Unterschied wichtig. Die Eiweiße im Menschen bestehen zum Beispiel nur aus einer bestimmten Form von Aminosäuren. Auch bei Medikamenten können die beiden spiegelbildlichen Formen eines Wirkstoffs unterschiedlich wirken. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren.
Kagan entdeckte 1986, dass eine chemische Reaktion einen kleinen Unterschied zwischen den beiden Spiegel-Formen verstärken kann. Am Ende entsteht dann deutlich mehr von einer Form als von der anderen. Soai ging noch weiter: Er entwickelte eine Reaktion, bei der ein entstandenes Molekül dabei hilft, weitere Moleküle derselben Form herzustellen. So kann aus einem winzigen Unterschied am Anfang schließlich fast nur noch eine der beiden Formen entstehen. Das hilft zu erklären, warum auch in der Natur oft nur eine Spiegel-Form vorkommt. Für Medikamente ist das wichtig, weil die beiden Formen eines Wirkstoffs unterschiedlich wirken können.
Ausgezeichnet werden sie laut Akademie „für die Entdeckung nichtlinearer Effekte und Autokatalyse in der asymmetrischen organischen Synthese“.
Anne Carson erhält den Literatur-Nobelpreis 2026
Der Literatur-Nobelpreis geht heuer an die kanadische Dichterin, Essayistin und Altphilologin Anne Carson (76). Die Schwedische Akademie lobt ihr „kühnes und erfinderisches Werk“, das in Auseinandersetzung mit der antiken Literatur neue Formen geschaffen habe. Carson wurde schon seit Jahren als mögliche Preisträgerin gehandelt.
Geboren wurde Carson 1950 in Toronto. Altgriechisch hat ihr in der Schule ein Lateinlehrer beigebracht. Später studierte sie Klassische Philologie und unterrichtete unter anderem in Princeton und an der McGill University in Montréal. In ihren Büchern mischt sie Gedichte, Essays, Übersetzungen und Erzählungen – viele lassen sich keiner Gattung klar zuordnen. Bekannt wurde sie mit dem Versroman Autobiography of Red (1998). Darin macht sie aus dem roten Ungeheuer Geryon aus der griechischen Mythologie einen jungen Außenseiter, der sich in Herakles verliebt. Carson hat außerdem Werke antiker griechischer Autoren übersetzt: Gedichte der Dichterin Sappho sowie Theaterstücke der Tragödiendichter Sophokles und Euripides. Einen Text von Euripides hat sie sogar als Comic neu erzählt.
Sie ist erst die 19. Frau, die den Literatur-Nobelpreis bekommt. Aus Österreich hat ihn bisher eine Frau erhalten: Elfriede Jelinek im Jahr 2004.
Den Friedensnobelpreis erhält die 85-jährige südafrikanische Juristin Navanethem „Navi“ Pillay. Sie wurde in Durban geboren und hat als Anwältin während der Apartheid politische Gefangene verteidigt. Später war sie Richterin am südafrikanischen High Court, am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda und am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Am Ruanda-Tribunal war sie an Urteilen beteiligt, nach denen Vergewaltigung als Mittel des Völkermords verfolgt werden kann. Von 2008 bis 2014 war sie UN-Hochkommissarin für Menschenrechte.
Pillay erhält den Preis laut Nobelkomitee „für ihre Bemühungen um die Förderung des Friedens und des Völkerrechts“.
Der Vorsitzende des Nobelkomitees, Jørgen Watne Frydnes, sagte bei der Bekanntgabe, Pillay habe maßgeblich dazu beigetragen, dass Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord vor Gericht verfolgt werden.
Umstritten ist die Entscheidung wegen Pillays letzter Aufgabe. Bis 2025 leitete sie die Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats zu Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten. Im September 2025 kam diese Kommission zu dem Ergebnis, dass Israel im Gazastreifen Völkermord begangen hat. Israel wies den Bericht entschieden zurück und warf der Kommission vor, voreingenommen zu sein. Die Kommission hatte vorher auch die Verbrechen der Hamas beim Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 dokumentiert. Vorwürfe, sie sei antisemitisch, hat Pillay immer zurückgewiesen. Sie verweist darauf, dass sie im Kampf gegen die Apartheid eng mit jüdischen Anwält:innen zusammengearbeitet hat.
Wirtschaftsnobelpreis 2026 für Robert Hall und Michael Woodford
Der Wirtschaftsnobelpreis geht heuer an die beiden US-Ökonomen Robert Hall von der Stanford University und Michael Woodford von der Columbia University. Sie werden für ihre Forschung darüber ausgezeichnet, wie Staaten und Zentralbanken die Wirtschaft in Krisen stabilisieren können.
Hall und Woodford haben ältere Wirtschaftsmodelle weiterentwickelt, die auf Ideen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes zurückgehen. Keynes hatte dafür plädiert, dass Staaten in Wirtschaftskrisen mit höheren Ausgaben und niedrigeren Zinsen gegensteuern. Hall und Woodford haben diese Modelle erweitert und genauer untersucht, wie Menschen und Unternehmen auf wirtschaftliche Entwicklungen reagieren, etwa ob sie mehr sparen, investieren oder Preise verändern.
Ihre Modelle werden heute von Regierungen und Zentralbanken auf der ganzen Welt verwendet, etwa um auf Energiekrisen, hohe Inflation oder einen plötzlichen Einbruch der Nachfrage zu reagieren.
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