Judentum, Klagemauer, Antisemitismus - Foto: Unsplash: Anton Mislawsky
Antisemitismus

Antisemitismus einfach erklärt: Bedeutung und Geschichte

Was genau ist eigentlich Antisemitismus? Seit wann gibt es Antisemitismus? Warum schüren Politik und Religion immer wieder den Hass auf Jüdinnen und Juden? Die Geschichte des Antisemitismus reicht weit zurück. Auch im Zeitalter der Information, im Zeitalter des Internet lebt der Antisemitismus weiter.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Antisemitismus?

Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.“ So legt die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) 2016 eine global anerkannte Definierungsform des Antisemitismus fest. Die IHRA ist eine zwischenstaatliche Einrichtung mit dem Ziel, die Forschung und Aufklärung über den Holocaust weltweit zu fördern.

Die verschiedenen ideologischen Erscheinungsformen von Antisemitismus, also die Motive für den Hass können wie folgt ausschauen:

  • religiöse Motive Hier hat besonders die Vorstellung als „Gottesmörder“ eine zentrale Rolle eingenommen. Im Mittelalter kamen aber auch Vorwürfe von „Ritualmorden“ hinzu. So wurde behauptet, dass angeblich Kinder geopfert werden um von deren Blut zu trinken.
  • Soziale Motive Eine behauptete Besserstellung der Juden gegenüber der übrigen Gesellschaft
  • Politische Argumente Etwa, dass der Staat Israel Verbrechen an den Palästinensern begeht, die denen der Nationalsozialisten gleichzusetzen sind
  • klassische rassistische Einstellungsmuster Jüdinnen und Juden werden grundsätzlich negativ eingestuft
  • Antizionismus Das Existenzrecht des Staates Israel wird abgelehnt. Diese Form hat vermehrt in Nahen Osten Fuß gefasst und bei Rechtsextremen, die sich im Nahostkonflikt auf die Seite der Palästinenserinnen stellen. Doch Antizionismus geht manchmal genauso von Jüdinnen und Juden aus. Speziell von ultra-orthodoxen Gruppen wie Neturei Karta. Diese ging immer wieder unheilige Allianzen mit Antisemiten und Holocaustleugnern ein.

Wann hat der Antisemitismus begonnen?

Wenn man sich dem Antisemitismus im 21. Jahrhundert widmet, ist es unerlässlich in die Geschichte zurückzugehen und sich mit den Anfängen der Judenfeindschaft auseinanderzusetzen. Nur so kann man Zusammenhänge verstehen. Erstmals begegnet uns die Ablehnung und Feindseligkeit schon vor mehreren tausend Jahren. Bereits in der Antike gab es Anfeindungen. Durch die Ablehnung von Polytheismus (der Vielgötterei)  waren Jüdinnen und Juden in Babylonien, Persien oder auch im Römischen Reich schon früh zu Feinden ernannt worden. Der Antijudaismus als solcher entstand etwas später durch die Kombination aus der christlichen Theologie und der bereits vorhandenen Feindseligkeiten gegenüber Juden.

Den Antijudaismus befeuerte die Abspaltung der frühen Christen vom Judentum. Hiermit begann eine Form von Konkurrenzsituation  um den wahren Glauben. Das Christentum sah sich bald als „Verus Israel“ (Wahres Israel) an und begann den Juden ihre Zugehörigkeit im Bund mit Gott  abzusprechen. Ein Zeugnis davon lässt sich im so genannten Blutfluch im Neuen Testament, einem Vers aus dem 80/90 n. Chr. entstandenen Matthäus-Evangelium wiederfinden. Hier wird das „jüdische Volk“ als eine Meute beschrieben, in dem es die Folterung und die anschließende Kreuzigung Jesu einfordert. „Da rief das ganze Volk: Sein Blut – über uns und unsere Kinder“ (Matthäus 27,25).

antisemitismus geschichte kompakt

Die Halle der Namen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem  ©Adam Jones

Sem, Semiten, Semitisch

Sem ist laut biblischer Überlieferung der älteste der drei Söhne Noahs. Somit gehört Sem zu den Ahnen Jesu. Die Gelehrten der Alten Kirche und des Mittelalters gingen davon aus, dass Sem der Stammvater der Völker Asiens war, hingegen seine Brüder Ham und Jafet die Stammesväter Afrikas und Europas. In der islamischen Überlieferung gilt er außerdem als Vorfahre der Araber, Perser und Byzantiner. Diese, aber auch Assyrer, Hebräer, Phönizier und viele weitere geschichtliche Völker zählen also daher zu den semitischen Völkern.

Das Wort semitisch ist einerseits ein linguistischer und andererseits ein ethnischer Begriff. Unter diesem Ausdruck sind Sprachen gemeint, die starke grammatikalische Übereinstimmungen aufweisen. Bereits im Mittelalter erkannten das Kirchenväter und jüdische Grammatiker und fassten diese Gruppen erstmals grob zusammen. Auf der ethnischen Begriffsebene wurden den semitischen Gruppen anthropologische und kulturelle Charakteristiken zugeschrieben. Bis in das 19. Jahrhundert ging man etwa davon aus, dass die semitischen Völker monotheistisch seien, was aber eher nur im Judentum der Fall ist. Außerdem meine man, dass bei ihnen die Begabung für Wissenschaft und Philosophie eine geringe sei. Durch die Rassentheorie im 19. und 20. Jahrhundert wurde „semitisch“ häufig mit „jüdisch“ gleichgesetzt und somit als diskreditierender Begriff verwendet.

Was heißt Antisemitismus, woher kommt das Wort?

In der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wuchs die Kritik am Christentum deutlich an. Das bedeutete jedoch nicht, dass das Judentum dadurch aus der Schusslinie genommen wurde, da es schließlich als Ursprung der christlichen Religion diente. Das Wort Antisemitismus prägte letztlich der deutsche Journalist Wilhelm Marr 1879. Im selben Jahr gründete er die Antisemitenliga im Deutschen Kaiserreich, ein Sammelbecken für Judengegner und Judenhasser. Nach Marrs Meinung sollte die neue Form des Judenhasses nicht mehr ausschließlich auf dem Religiösen beruhen und deshalb verwendete er die Bezeichnung auch nicht. Er erschuf eine neue Wortkreation, die damals wissenschaftlich und zeitgemäß klang. Er nahm das Wort Semiten, welches sich auf die semitischen Sprachen bezieht und stellte ein ablehnendes Anti voran.

Repressionen im Mittelalter – Erste öffentliche Kennzeichnung von Juden

Im Jahr 380 wurde durch den römische Kaiser Theodosius I. in einem Edikt erklärt, dass das nicaeanische Christentum zur Staatsreligion erhoben werden würde. Man verurteilte den Arianismus und ging davon aus, dass Christus nicht geschaffen wurde wie alle anderen Geschöpfe, sondern wesensgleich zu Gott ist. Unter Kaiser Konstantin I. legte man ein halbes Jahrhundert zuvor, im Jahr 325 am Konzil von Nicaea, das christliche Glaubensbekenntnis fest. Daher nicaeanisch. Nun folgte zum einen die intensive religiöse Auseinandersetzung des Christentums mit dem Judentum.

Strenge Gesetze regelten das Leben. Auf Synoden und Konzilen (Zusammenkünfte von Bischöfen und hohen Klerikern, die theologische und kirchliche Fragen behandeln) beschloss man beispielsweise, dass eine Konversion zum Judentum von Christen nicht erlaubt ist. Eben sowenig wie eine Ehe zwischen Juden und Christen. Auf dem vierten Laterankonzil, das von Papst Innozenz III. im Jahr 1213 einberufen wurde, wurde erstmalig in der Geschichte ein Beschluss gefasst, Menschen jüdischen Glaubens durch Kennzeichnung an der Kleidung sichtbar zu machen. Noch im selben Jahrhundert trat eine Separation in Kraft, die die Juden von den Christen räumlich trennen sollte. Eigene Viertel für Jüdinnen und Juden wurden geschaffen.

Damit ist ein weiterer Schritt zur Verdrängung gesetzt worden. Das Judentum sollte nur am Rande der Gesellschaft Platz haben, aber kein zentraler Bestandteil dieser sein.

Angebliche Ritualmorde und Brunnenvergiftung und Berufsverbote für Juden

Die Christenheit fasste nun auch über die Grenzen des Heiligen Römischen Reichs hinaus in weiten Teilen Europas Fuß. Und immer mehr Theologen übernahmen antijüdische Mythen und Vorurteile. Den Juden wurden etwa Ritualmorde und Hostienfrevel unterstellt. Die Tötung Jesu auf das Neue zu begehen, indem sie die Hostie als Leib Christi verletzen, war ein Vorwurf. Christenkinder zu töten um mit ihrem Blut religiöse Rituale durchzuführen ein anderer.

Und im 14. Jahrhundert, als durch die Pest in Europa bis zu 25 Millionen Menschen umkamen, kam der Mythos der Brunnenvergifter-Juden auf. Gewalttätige Pogrome gegen Jüdinnen und Juden waren die Folge. Durch das Verbot des Ausübens von Ackerbau oder dem Besitz von Land und den damit einhergehenden Ausschluss aus der „Gesellschaft“ blieben den jüdischen Menschen nur mehr eine begrenzte Zahl an Möglichkeiten Geld zu verdienen. Der Klein- und Trödelhandel waren zwei dieser. Der Geldhandel, für den natürlich Zins verlangt werden musste, ein weiterer. Hierauf bezieht sich auch heute noch das antisemitische Vorurteil, dass Juden windige und geldgierige Geschäftsleute sind.

„Wenn mir Gott keinen anderen Messias geben wollte, als die Juden ihn begehren und erhoffen, so wollte ich viel, viel lieber eine Sau als ein Mensch sein.“ Martin Luther in seiner Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“

Die Vertreibung der Juden aus Spanien 1492

Vertreibung und Tötungen von Jüdinnen und Juden nahmen ein äußerst erschreckendes Ausmaß an. Die sephardischen (spanischen) Jüdinnen und Juden mussten im ausgehenden 15. Jahrhundert die Iberische Halbinsel verlassen. Unter dem „katholischen“ König Ferdinand II. wurde 1492 das Alhambra-Edikt erlassen. Darin wurde die Verdrängung aller jüdischen Menschen aus Spanien beschlossen, die nicht zum Christentum konvertieren wollten. Nach der Flucht waren das Osmanische Reich und Nordwestafrika die zentraler Gegenden, in denen sie sich niederließen. Die in Nordeuropa lebenden aschkenasischen Jüdinnen und Juden, die ebenfalls Verreibungen ausgesetzt waren, zogen vielfach nach Osteuropa.

Der deutsche Reformator Martin Luther schlug wenige Zeit später versöhnlichere Töne gegenüber dem Judentum an und eine Entspannung der Lage zur Mehrheit der Christen schien in Aussicht. Seine neue Lehre schaffte es allerdings nicht Jüdinnen zu Lutheranern zu machen. Damit änderte sich Luthers Einstellung.

Martin Luthers Hass gegen die Juden

1543 schrieb er seine Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“. „Wenn mir Gott keinen anderen Messias geben wollte, als die Juden ihn begehren und erhoffen, so wollte ich viel, viel lieber eine Sau als ein Mensch sein“ vermerkt er in dieser. Eine Phase der Beruhigung setzte hingegen 200 Jahre später ein. 1648 endete der Dreißigjährige Krieg und auch das Verhältnis von Christenheit und Judentum besserte sich. Was nicht bedeutet, dass es nicht weiterhin starke antijüdische Tendenzen gab. Hier waren aber vielmehr die ökonomischen Gegebenheiten (einer angeblichen finanziellen Besserstellung gegenüber den Christen) der Antrieb der Ablehnung, diese allerdings ebenfalls durch religiöse Motive begründet wurde.

In weiterer Folge versuchten christliche Missionare ein weiteres Mal Jüdinnen für ihren Glauben zu gewinnen. Es stand also durchaus ein Selbstzweck dahinter.

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.“ Internationale Arbeitsdefinition von Antisemitismus

Angriff der christlich Konservativen im 19. Jahrhundert

Bereits etwas vorher begann der Antisemitismus in Österreich an Salonfähigkeit zu gewinnen. Zwei Personen sind hier wichtig. Ein konservativer Geistlicher und ein Bürgermeister der Stadt Wien. Sebastian Brunner war ein katholischer Geistlicher und Schriftsteller, der zur Mitte des 19. Jahrhunderts wirkte. In der von ihm gegründeteren „Wiener Kirchenzeitung“ setzte er immer wieder Liberalismus mit dem  Judentum gleich. Auch in den Armenvierteln Wiens war Antisemitismus längst ein Bestandteil. Ein Ruf, wie „Schlagt die Juden tot!“ war keine Seltenheit und auch einzelne Gewalttaten wurden begangen. Daher wirkt es beinahe paradox, dass zeitgleich eine rechtliche Gleichstellung von Jüdinnen und Juden mit den Christen in Österreich durch eine neue Verfassung in Folge der Revolution von 1848 erfolgte.

Wenig später war für den christlich-sozialen Bürgermeister Wiens, Karl Lueger, der Antisemitismus ebenfalls zentraler Bestandteil seines Programms. Sein Judenhass war so groß, dass der junge Adolf  Hitler ihn als Vorbild  sah. Lueger war ein Politiker modernster Prägung. Er konnte Massen begeistern und hinter sich vereinen. Was zu dieser Zeit kaum jemand so gelang wie ihm.

„Wer Jude ist, bestimme ich“ Karl Lueger, Bürgermeister von Wien (1897-1910)

Der Leopoldstaädter Tempel in 1020 Wien war bis zu seiner Zerstörung 1938 die größte Synagoge Österreichs. ©Dr. Viktor Stellamor

Die Vernichtung der europäischen Juden im Nationalsozialismus

Hitler ließ der sprachlichen Gewalt des Demagogen Luegers gegenüber Juden wenige Jahrzehnte später schließlich blutige Taten folgen. Mindestens 5, 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens wurden von den Nationalsozialisten in den Vernichtungslagern, durch Erschießungen, bei Todesmärschen oder körperlicher Arbeit vernichtet.

Unverhohlen offen sprach Hitler in seinem Manuskript von 1928, das unter dem Namen zweites Buch bekannt ist. Den Völkermord und seine außenpolitischen Pläne legte er so klar dar, dass das hastig geschriebene Buch niemals veröffentlicht wurde, da er darin viel eindeutiger argumentierte als in „Mein Kampf“. Die Wurzel des Bösen waren für ihn schon von Anfang an die Jüdinnen. Er war auch davon überzeugt, dass sie und ihre marxistischen Verbündeten an der Niederlage des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg Schuld waren.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 folgten erste anti-jüdische Gesetze. So wurden umgehend „Arierparagraphen“ eingeführt, die es Jüdinnen und Juden untersagten beispielsweise als Ärztinnen oder Rechtsanwälte zu arbeiten. Und es wurde kategorisiert wer als „Volljude“, „Halbjude“ oder „Vierteljude“ zu gelten hat. Diese Einteilungen waten abhängig von der familiären Situation, also ob Eltern oder Großeltern Jüdinnen und Juden waren.

Besonders schwerwiegend waren die Nürnberger Rassengesetze von 1935. Diese unterteilten in „arische“ und „nicht arische“ Staatsangehörige. Zweitere besaßen ab nun nur mehr verminderte politische Rechte. Weitere Berufsverbote sind damit ebenfalls beschlossen worden. Selbst jüdische Auswandererrinnen und Auswanderer aus Deutschland lies man nicht ungestraft davonkommen. So zog man beispielsweise das Vermögen dieser Menschen ein.

Plan und Umsetzung des Völkermords

Erste Deportationen von ersten jüdischen Menschen aus dem Deutschen Reich in Ghettos wie Lodz, Minsk oder Riga begannen im Herbst 1941. Doch die tatsächliche „Endlösung der Judenfrage“ wurde auf der Berliner Wannseekonferenz im Jänner 1942 beschlossen. Waren es zuvor Erschießungen und mobile Gaswagen mit denen die Nationalsozialisten mordeten, entschied man danach Gaskammern einzurichten, um somit die Menschen systematisch und in industriellen Dimensionen vernichten zu können. Im besetzten polnischen Gebiet entstanden in Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno und Majdanek reine Vernichtungslager, in denen in den Folgejahren Millionen von Menschen durch das Ungeziefer-Vernichtungsmittel  Zyklon B ermordet wurden.

Schweigen über das Geschehene

Durch der Befreiung Europas durch die Alliierten hatte der Schrecken des Nazi-Terrorregime ein Ende gefunden. Doch eine Aufarbeitung des Mordens fand zuerst nur auf juristischer Ebene statt und nicht auf gesellschaftlicher. Offen antisemitisch bekannten sich nur mehr wenige Personen, doch bedeutete das nicht, dass die Judenfeindlichkeit verschwand. Die neuen Formen waren deutlich subtiler, verklausulierter und an Stelle von Jüdinnen und Juden richtete sich die antisemitische Kritik oftmals an Stellvertreter. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 setzte ein israelbezogener Antisemitismus ein, bei dem antisemitische Ressentiments weiter aufrecht gehalten und verbreitet wurden. Kein Dokumentarfilm sondern eine fiktive US-amerikanische Fernsehserie löste in Deutschland ein Umdenken aus. „Holocaust – Geschichte der Familie Weiß“ war eine TV-Miniserie, die eine breite Debatte auslöste und viele Deutsche begannen sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.

Österreich war deutlich später dran sich seiner Verantwortung bewusst zu werden. Erst das Gedenkjahr 1988, das zum 40 Jahr des „Anschlusses“ begangen wurde, widerlegte den Opfermythos endgültig, dass Österreich das erste Opfer der Nationalsozialisten war. Diskussionsveranstaltungen und Thomas Bernhards Theaterstück „Heldenplatz“ sorgten dafür, dass sich die österreichische Gesellschaft aus ihrer Komfortzone erhob und begann, den Taten ins Auge zu blickten.

Verschwörungen der Gegenwart

Als gutes Beispiel dient das Jahr 2001. Mit dem 11. September 2001 begann eine neue Gewaltwelle, bei der die Juden als das Übel identifiziert wurden. Bei den terroristischen Attacken auf das World Trade Center in New York starben 3000 Menschen. Hass, Paranoia und Verschwörungstheorien waren für diese Tat ausschlaggebend.

Von einem der Täter, Mohammed Atta, ist im Nachhinein bekannt geworden, dass er von der nationalsozialistischen Denkweise angetrieben wurde. New York war für ihn das Zentrum des Weltjudentums. Außerdem ging er von einer weltweiten Verschwörung aus. Also, dass die Juden die wahren Strippenzieher hinter allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen sind. Die USA würden von den Juden gelenkt, damit diese noch mehr Kapital anhäufen können. So seine Logik. Auch nach der Terrorattacke gab es weiterhin krude Theorien. Beispielsweise wurde behauptet, der Mossad habe alle Jüdinnen und Juden, die im World Trade Center arbeiteten, gewarnt, an diesem Tag nicht zur Arbeit zu gehen.

„Hitler hat der Menschheit eine wichtige Lektion erteilt: Wenn du einen Nazi siehst, einen Faschisten oder einen Antisemiten, dann musst du sagen was du siehst. Wo die Klarheit aufhört, da beginnt die Mittäterschaft“ Omer Bartov, Historiker

Zunehmende Angst

„Hau ab aus Deutschland, du Judensau!“ war einer der niederträchtigen Rufe, als Neonazis im August 2018 ein koscheres Restaurant in Chemnitz attackierten. Es war einer dieser Überfälle, der die Sorgen von jüdischen Menschen rechtfertigt. Bei einer europaweiten Umfrage antworten 66 Prozent der befragten Juden, dass der Antisemitismus weiterhin ein großes Problem darstellt. Und bei einer weiteren Befragung, die in Deutschland 2017 durchgeführt wurde, sagten 78 Prozent der Befragten aus, dass sie eine Zunahme von Antisemitismus feststellen. Sogar 83 Prozent meinten, dass es wohl eine weitere Steigerung in der Zukunft geben wird. Doch es handelt sich mittlerweile nicht mehr nur um physische Gewalt auf den Straßen. Durch die Partizipationsmöglichkeiten, die das Internet bietet, nimmt auch die verbale Gewalt stark zu.

antisemitismus geschichte kompakt

Antisemitisches Gedankengut ist weltweit zu finden. ©Katapult Benjamin Friedrich

Gewalt ist nicht nur physisch

Der ungarische Historiker András Kovács stellt in einer Langzeitumfrage fest, dass über ein Viertel der Bevölkerung Ungarns der Aussage zustimmt „Die Juden sind mir zuwider“. War es früher die rechtsextreme Jobbik, die in Ungarn gegen Jüdinnen mobil machte, so rückte in den vergangenen Jahren Viktor Orbáns Fidesz in den Mittelpunkt menschenverachtender Aussagen.  Xenophobie war ab der so genannten Migrationskrise des Jahres 2015 ein fixer Bestandteil des Programms. Besonders der in Ungarn geborene US-amerikanische Investor und Philanthrop Georges Soros musste als „Feind der Völker“ herhalten, wie Kovács meint.

Ihm wurde vorgeworfen, dass er der Kopf hinter den Flüchtlingsbewegungen ist und damit eine Umvolkung plant. Soros wurde zwar von der Orban-Regierung nie als Jude bezeichnet, jedoch auf Plakatwänden stereotyp antisemitisch dargestellt. Man sah ihn unvorteilhaft lachend und mit einem Blick, der eine Gier nach mehr ausdrücken soll. Die Anti-Soros-Kampagne war erfolgreich. Mit dem zuvor relativ unbekannten Namen konnten nach einer Studie im Jahr 2017 86 Prozent etwas anfangen und 62 Prozent verknüpften negative Begriffe mit dem Wort Soros.

„Es hat den Anschein, dass Einstellungen, die antisemitische Vorurteile erklären können – Xenophobie, eine „Law and Order“-Haltung, Konservativismus, Anomie und Nationalismus -, dort zu Antisemitismus führen, wo politische Akteure Gruppen, deren Mitglieder diese Einstellung an den Tag legen, zu mobilisieren versuchen sowie antisemitische Sprache  und Ideologie verwenden, um einen gemeinsamen Nenner um solche Einstellungen herum zu bilden.“ András Kovács, Historiker

„Israelkritik“ als Antisemitismus

Natürlich ist es erlaubt auch einen Staat wie Israel für politische Vorgehensweisen zu kritisieren. Wenn jedoch andere Standards herangezogen werden wie bei anderen Ländern hat es nichts mehr mit seriöser Kritik zutun, sondern ist oftmals antisemitisch. Alleine ein Wort wie „Israelkritik“ ist problematisch.  So eine Wortschöpfung gibt es nur für Israel, jedoch spricht niemand von einer „Österreichkritik“,“Großbritanienkritik“ oder „Chinakritik“. Esther Schapira, Journalistin und Autorin, bringt es mit einer Aussage gut auf den Punkt: „Es ist heute viel üblicher, sich in Form von „Israelkritik“ zu äußern. Dann sage ich ja nichts gegen Juden, sondern nur etwas gegen den jüdischen Staat. Ich meine Juden, sage aber ‚Israel‘. Das geht leichter über die Lippen, denn es bricht kein Tabu, ist nicht schuldbeladen und dadurch salonfähig.“

Es sind die bereits erwähnten doppelten Standards, die problematisch sind. Beispielsweise wird Israel von den Vereinten Nationen wegen Menschenrechtsverletzungen herausgestellt. Was grundsätzlich gut ist, jedoch werden andere Länder, die ebenfalls Menschenrechte missachten, weit wenig strenger beurteilt. So wurde Israel vom 2006 gegründeten UN-Menschenrechtsrat bis 2015 62 mal verurteilt, während alle anderen Staaten es gemeinsam auf 55 Verurteilungen brachten. Sehr interessant dabei, Israel ist eine Demokratie, viele andere Staaten lupenreine Diktaturen.

Antisemitismus 2.0

Durch die neuen Möglichkeiten, die durch Social Media geboten werden, verbreiten sich nun judenfeindliche Gedanken und antisemitische Verschwörungsfantasien viel schneller, als es vor dem Netz 2.0 möglich gewesen wäre. Ein großes Problem dabei ist der flapsige Umgang großer Portale wie YouTube, Facebook oder Twitter mit Judenfeindlichkeit in ihren Kommentar-Bereichen. Somit ist man oft nur einen Klick von Verschwörungen und Beschimpfungen entfernt. Es handelt sich hier also weniger um ein inhaltliches Problem der zur Verfügung gestellten Videos, Bilder oder Texte, sondern um ein User-Problem, da diese mit ihren Kommentaren andere Leute beeinflussen können.

Eine Studie, die die Technische Universität Berlin durchgeführt hat, belegt, dass sich im Zeitraum 2007 bis 2018 judenfeindliche Online-Kommentare verdreifacht haben. Interessanterweise betrifft das nicht nur Boulevardmedien mit ihren oft befeuernden Inhalten, sondern auch Qualitätsmedien wie die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Berliner taz. Fanden sich 2007 7,51 Prozent antisemitische Posts unter den untersuchten Beiträgen, so waren es 2018 30,18 Prozent.

„Wenn uns der Hass online nicht gefällt, müssen wir auch offline aktiv werden.“ Ingrid Brodnig, Journalistin und Digitalexpertin

Die Wissenschaft spricht hier von einem „Online-Enthemmungs-Effekt“. Leute fühlen sich durch Anonymität und fehlenden Autoritäten in Online-Räumen oftmals freier in ihrer Wortwahl. Digitalexpertin Ingrid Brodnig bringt das Beispiel Twitter. Trotz Meldungen strafbarer Hassreden an den Kurznachrichtendienst sah sich das Unternehmen nicht bemüßigt alles zu löschen. So blieben mehr als die Hälfte dieser Tweets weiterhin sichtbar. Dies wurde durch eine Erhebung, die im Auftrag der EU-Kommission im Dezember 2017 gemacht wurde, ersichtlich.

Möglichkeiten um gegen Antisemitismus im Netz vorzugehen

Brodnig schlägt drei Ebenen vor, auf dem man diesem Problem begegnen kann.  Die digitale, die gesellschaftliche und die private. Auf der digitalen Ebene müssen die großen Plattformen in die Pflicht genommen werden. Sie müssen diesem Hass entschlossener entgegentreten und dagegen vorgehen. Sie argumentiert weiters, dass auch der Staat gefordert ist. Das Strafrecht ist zwar streng, doch das Personal zur Exekution fehlt oftmals. Zivilcourage und Aufklärung sind Teile der gesellschaftlichen und privaten Ebene. Aufklärung sollte allerdings auch offline intensiv betrieben werden, da fehlende Empathie und Derbheit gegenüber anderen Menschen schwerer fallen, wenn man diesen gegenübersitzt, meint die Expertin.

antisemitismus geschichte kompakt

Jährlich wird in Mauthausen der Befreiung des Konzentrationslagers gedacht. ©APA/Bundesheer/Peter Lechner

550 Antisemitische-Vorfälle im Jahr 2019 in Österreich

Die Israelische Kultusgemeinde Wien (IKG) gibt jährlich ihren Bericht zu antisemitischen Vorfällen heraus. Kürzlich erschien die Ausgabe für das Jahr  2019. 550 Vorfälle wurden für das Vorjahr gemeldet. Ein Anstieg von 9,5 Prozent zum letzten Bericht, der das Jahr 2017 (für 2018 liegt kein Bericht vor) analysiert. Sechs physische Angriffe stehen hier neben 18 Bedrohungen, 78 Fällen von Sachbeschädigung, 209 Fällen von Massenzuschriften (schriftliche antisemitische Inhalte die mindestens an zwei AdressatInnen gerichtet werden beziehungsweise generell auf einen breiten Empfängerkreis abzielen) und 239 Fällen von verletzendem Verhalten.

Die Bedrohungen nahmen im Vergleich zwar um die Hälfte ab, jedoch verdoppelten sich die Sachbeschädigungen. 59 Prozent der Fälle können ideologisch zugeordnet werden. 268 davon wurden von Menschen mit rechter Ideologie begangen, 31 von Leuten muslimischen Glaubens und 25 wurden durch Personen mit linker Einstellung evoziert. 226 weitere können nicht zugeordnet werden. Ja, muslimischer und linker Antisemitismus stellt ein Problem dar. Wie man aus den Zahlen allerdings erkennen kann, wird in Österreich ein Großteil der Übergriffe allerdings aufgrund einer rechtsextremen beziehungsweise neonazistischen Ideologie verübt.

Die Nähe der FPÖ zum Antisemitismus

Die Freiheitliche Partei, als die Nachfolgepartei des VdU (Verband der Unabhängigen), eine Partei, die wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde und ein Sammelbecken vieler ehemaliger Nationalsozialisten war, sorgt mit einer Unzahl von „Einzelfällen“ regelmäßig für mediales Aufsehen. So fand sich auf der Facebook-Seite des ehemaligen Parteichefs Heinz Christian Strache vor einigen Jahren ein Bild das klar antisemitisch war. Darauf sah man einen gezeichneten Banker dessen Manschettenknöpfe mit Davidstern Symbolen versehen waren. Ein weiterer prominenter Fall ereignete sich 2018. Der Spitzenkandidat der FPÖ für die Landtagswahl in Niederösterreich, Udo Landbauer, sorgte mit der sogenannten „Liederbuchaffäre“ für einen Skandal. Unter Landbauer, der damals stellvertretender Vorsitzender der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt, erschien in dritter Auflage ein Liederbuch mit rassistischen, antisemitischen und Liedtexten, die im Verdacht der Wiederbetätigung laut Verbotsgesetz standen.

Nicht nur Viktor Orban machte Georges Soros zum Feindbild, auch die Freiheitlichen schossen sich auf den Philanthropen ein. Norbert Hofer sprach von „stichhaltigen Gerüchten“ die es gäbe und belegen sollen, dass er gezielt Migrantenströme nach Europa lenke. 

Und erst kürzlich tauchten handschriftliche Notizen von Strache aus dem Jahr 1992 auf. In ein Pamphlet mit dem Titel „Jüdische Bekenntnisse“ (erschienen erstmals zur Zeit des Nationalsozialismus) schrieb er eine Widmung und bezeichnete Jüdinnen und Juden dort auch als Gegner und Machtlüstern. Die Echtheit der Worte wurde von ihm nicht bestritten.

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Silke Huber
Silke Huber
19. Juli 2020 10:33

Hallo Kontrast.at! Guter Artikel. Bitte noch folgendes recherchieren und einbauen:

– Putschversuch Stauffenberg gegen Hitler gescheitert durch „Ein preußischer General meutert nicht“
– Braunes Gedankengut in jeder Partei, nicht nur FPÖ
– Monotheistischer Glaube als Kriegstreiber vs Mehrgötterglaube in der Antike (Götter als Stellverteter der Eigenschaften der menschlichen Natur)

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