Brasilien steht vor einer Richtungswahl: Am Sonntag treffen Lula da Silva und Flávio Bolsonaro in der Stichwahl aufeinander. Sozialstaat und Umweltschutz auf der einen Seite, Deregulierung und ein harter Rechtskurs auf der anderen. Was steht für das Land auf dem Spiel – und angesichts der Zukunft des Regenwaldes für den Rest der Welt?
„Meine größte Sorge ist, dass Brasilien ein Land bleibt, in dem die Chancen eines Menschen davon abhängen, unter welchen Bedingungen er geboren wird.“ Maria Karolyne Souza de Pinho, eine junge Jurastudentin aus Macaé im Bundesstaat Rio de Janeiro, fragt sich, ob Bildung und harte Arbeit tatsächlich ausreichen werden, um sich eine sichere Zukunft aufzubauen. Ihre Sorge verweist auf eine der zentralen Fragen, die Brasilien vor der entscheidenden Stichwahl beschäftigen: Wer hat die Chance auf ein besseres Leben – und welche politische Richtung kann sie gewährleisten?
Am Sonntag, 25. Oktober, stehen sich der amtierende linksgerichtete Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva und der ultrarechte Senator Flávio Bolsonaro in der entscheidenden Stichwahl gegenüber. Eine Wahl, die nicht nur über die Zukunft Brasiliens entscheidet.

Die Ausgangslage: Bolsonaro liegt vorn
Entgegen vorheriger Prognosen setzte sich Flávio Bolsonaro in der ersten Wahlrunde am 4. Oktober überraschend an die Spitze. Er sicherte sich rund 47 Prozent der Stimmen, während Lula da Silva mit 45 Prozent knapp auf dem zweiten Platz landete. Da kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen konnte, wird nun die Stichwahl entscheiden.
Für den zweiten Wahlgang gilt Bolsonaro rein mathematisch als leicht favorisiert, da die Stimmen der ausgeschiedenen Drittkandidaten mehrheitlich dem konservativen Spektrum zugerechnet werden. Gleichzeitig offenbart die Wahl eine politische Ernüchterung in der Bevölkerung: Mehr als 33,3 Millionen Brasilianer:innen – über 21 Prozent der Wahlberechtigten – blieben der ersten Wahlrunde fern. Die hohe Zahl der Nichtwählenden verweist trotz geltender Wahlpflicht auf eine gewisse politische Müdigkeit und ein schwindendes Vertrauen in die Politik.
Die entscheidende Frage lautet nicht allein, wer mehr Stimmen auf sich vereinen kann, sondern auch, wem es gelingt, die Menschen zur politischen Beteiligung zu bewegen.
Die Kandidaten Lula da Silva und Bolsonaro im Überblick
Herausforderer: Flávio Bolsonaro
Als Rechtsanwalt und Senator der rechtskonservativen Partido Liberal (PL) sitzt Flávio Bolsonaro bereits seit 2019 im nationalen Kongress. Sein Nachname ist weltweit ein Begriff: Er ist der älteste Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, der Brasilien von 2019 bis 2023 regierte. Dessen Amtszeit war extrem umstritten. Er fiel durch rassistische und homophobe Äußerungen, die gezielte Lockerung von Schutzauflagen für den Amazonas-Regenwald sowie durch ein chaotisches Krisenmanagement während der Corona-Pandemie auf.
Bolsonaros Anhänger verehren ihn dagegen für seinen wirtschaftsliberalen Kurs und seine propagierten Familienwerte. Nach seiner knappen Wahlniederlage gegen Lula da Silva Ende 2022 wurde der Ex-Präsident wegen eines versuchten Staatsstreichs zu einer 27-jährigen Haftstrafe verurteilt. Trotzdem spielt er eine große Rolle im Wahlkampf:
Jair Bolsonaro fungiert aus seiner Gefängniszelle heraus als ideologischer Übervater und wichtigster Mobilisator für die rechte Wählerbasis.
Da ihm die Justiz die Ausübung eigener Ämter untersagt hat, agiert die Familie Bolsonaro nun wie ein eingespieltes, politisches Familienunternehmen, um die Macht im Staat zurückzuerobern.
Der „Bolsonaro-Clan“
Innerhalb der Familie, die auch als „Bolsonaro-Clan“ bezeichnet wird, sind die Rollen strategisch verteilt: Während der älteste Sohn und Präsidentschaftskandidat Flávio – von seinem Vater auch als „01“ bezeichnet – das staatstragende, moderate Gesicht des Bündnisses darstellt, kontrolliert sein Bruder Carlos Bolsonaro („02“) als Social-Media-Chef die aggressiven digitalen Kampagnen und Netzwerke der Bewegung.
Eduardo Bolsonaro („03“) hingegen hält sich in den USA auf. Der ehemalige Abgeordnete pflegt dort enge Kontakte zur internationalen Rechten, insbesondere zu Donald Trump. Gegen ihn besteht ein Haftbefehl, da er während des Strafverfahrens gegen seinen Vater bei der US-Regierung unter Trump für Sanktionen gegen brasilianische Regierungsmitglieder und für höhere Zölle auf brasilianische Exporte warb.
Eine weitere Schlüsselfigur ist Jairs Ehefrau Michelle Bolsonaro, die die Wählerschaft der Pfingstkirchen mobilisiert. Mit der mitreißenden Rhetorik einer evangelikalen Predigerin inszeniert sie ihren Mann als von Gott Gesandten – eine Botschaft mit enormer Durchschlagskraft, da knapp 30 Prozent der Bevölkerung evangelikalen Kirchen angehören und somit einen zentralen Wählerblock bilden. Auch wenn sich dieses messianische Narrativ nicht direkt auf Flávio Bolsonaro übertragen lässt, macht sich Michelle ebenso für seine Kandidatur stark.
Auch aus dem Ausland erfährt der Präsidentschaftskandidat Rückendeckung: Während Argentiniens rechtspopulistischer Präsident Javier Milei persönlich zu seinem Wahlkampfauftakt reiste und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu eine Videobotschaft entsandte, spricht sich zudem US-Präsident Donald Trump öffentlich für seine Kandidatur aus.

Amtsinhaber: Luiz Inácio Lula da Silva
Der 80-jährige Lula da Silva verkörpert den politischen Gegenpol zu den Bolsonaros. Er wuchs in extremer Armut im Nordosten Brasiliens auf und wurde später Metallarbeiter und Gewerkschaftsführer im industriellen Ballungsraum von São Paulo.
Während der brasilianischen Militärdiktatur organisierte er historische Massenstreiks und half 1980 bei der Gründung der sozialistischen Arbeiterpartei (PT). Im Jahr 2002 wurde er erstmals zum Präsidenten gewählt und konnte in seinen ersten beiden Amtszeiten durch eine Kombination aus Rohstoffboom und massiven Sozialprogrammen Millionen Menschen aus der Armut und dem Hunger befreien.
Er verließ das Amt 2011, da die brasilianische Verfassung nur eine einzige unmittelbar anschließende Wiederwahl erlaubt. Dennoch erreichte er zum Ende seiner Amtszeit historische Beliebtheitswerte von über 80 Prozent. Seine politische Laufbahn wurde allerdings von einem der größten Korruptionsskandale der brasilianischen Geschichte überschattet: der sogenannten Operation „Lava Jato“.
Der Schatten von „Lava Jato“
Die Ermittlungen der Operation „Lava Jato“ deckten ein weitreichendes Korruptionsnetzwerk auf, in das unter anderem Politiker, Unternehmen und der staatliche Ölkonzern Petrobras verwickelt waren.
Lula wurde in diesem Zusammenhang verurteilt und verbrachte 580 Tage im Gefängnis. Seine Inhaftierung verhinderte, dass er bei der Präsidentschaftswahl 2018 antreten konnte. Jair Bolsonaro profitierte politisch von der damaligen Empörung über Korruption und die Arbeiterpartei. Er präsentierte sich als Gegner des etablierten politischen Systems und gewann die Wahl 2018.
Nach seinem Amtsantritt berief Bolsonaro den damaligen Lava-Jato-Richter Sérgio Moro zum Justizminister. Erst Jahre später kam es zur historischen Wende, ausgelöst durch eine investigative Recherche von The Intercept. Die Veröffentlichung geheimer Absprachen belegte, dass die Justiz unter Moro politisch motiviert agiert hatte. Das Oberste Gericht erklärte den zuständigen Richter daraufhin für befangen und hob 2021 alle Urteile gegen Lula auf.
Bis heute ist dieses Trauma die schärfste rhetorische Waffe im Wahlkampf: Für das Bolsonaro-Lager bleibt Lula ein „korrupter Dieb“, der nur wegen Formfehlern frei kam. Für Lulas Anhänger ist es das Paradebeispiel einer illegalen Kampagne, mit der die Rechten bereits 2017 die Macht im Staat erzwingen wollten.

Der Wahlkampf 2026: Bolsonaro will Rache an der Justiz, daneben neue Skandale
Flávio Bolsonaro kündigt im Falle eines Wahlsieges eine radikale Neuordnung des Justizsystems an. Neben der Reform des Obersten Gerichtshofs, den er als voreingenommen kritisiert, steht für ihn vor allem die Befreiung seines Vaters aus der Haft auf der Agenda.
Der ohnehin erbitterte Wahlkampf versinkt derweil in einer Schlammschlacht. Die Bolsonaro-Anwälte werfen Amtsinhaber Lula vor, staatliche Massennachrichten via WhatsApp für einen unzulässigen Machtmissbrauch zu nutzen. Im Gegenzug nimmt das Lula-Lager den Tech-Giganten Meta ins Visier: Der Konzern manipuliere auf Instagram und Facebook gezielt die Algorithmen, um Lulas Reichweite künstlich zu drosseln. Dass diese Sorge keineswegs unbegründet ist, bestätigt jüngst das Meta-eigene Oversight Board, das sich besorgt über wiederholte Fehler bei der Moderation von Lulas Wahlwerbung äußerte.
Zusätzlich überschatten neue Skandale das Rennen um die Präsidentschaft: Im Mittelpunkt stehen Zahlungen für einen geplanten Kinofilm über das Leben Jair Bolsonaros. Nach Medienberichten war vereinbart, dass der brasilianische Bankier Daniel Vorcaro dafür insgesamt rund 134 Millionen Reais bereitstellen sollte. Etwa 61 bis 62 Millionen Reais sollen tatsächlich geflossen sein. Flávio Bolsonaro erklärte, es habe sich um eine gewöhnliche private Finanzierung eines Films über seinen Vater gehandelt. Nachrichten und Dokumente sollen jedoch zeigen, dass er selbst mit Vorcaro über die Zahlungen verhandelte und ausstehende Beträge einforderte.
Die Ermittler prüfen nun unter anderem, ob die Filmfinanzierung tatsächlich nur einem privaten Projekt diente oder ob damit politische Aktivitäten auf unzulässige Weise finanziert wurden.

Auf der anderen Seite: Lulas Bilanz
Lulas Amtszeit konnte ein steigendes Wirtschaftswachstum sowie sozialökonomische Erfolge verzeichnen: So sank die Arbeitslosenquote auf 5,1 Prozent, was den niedrigsten Wert seit Beginn der Datenerhebung „Pnad Contínua“ im Jahr 2012 markiert. Hinzu kommen schrittweise Erhöhungen des Mindestlohns und die ab 2026 geltende Steuerbefreiung für Einkommen bis zu 5.000 Reais.
Auch im Umweltschutz gelang ein historischer Etappenerfolg: Die Abholzung im Amazonasgebiet ging auf den niedrigsten Stand seit rund 40 Jahren zurück.
Dass diese Politik der sozialen Inklusion weit mehr ist als eine Bilanz in Wahlkampfberichten, zeigt die Realität von Maria Karolyne. „Meine Familie hat von den Sozialprogrammen profitiert. Daher sehe ich diese Maßnahmen nicht nur als Zahlen oder Wahlversprechen – ich weiß, dass sie im echten Leben einen Unterschied machen können“, betont die Jurastudentin.
Zehn Tage vor der Stichwahl in Brasilien hat die Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zudem die seit Monaten angekündigte Fünftagewoche durchs Parlament gebracht. Es ist die erste Arbeitszeitverkürzung seit Inkrafttreten der Verfassung im Jahr 1988. Die Wochenarbeitszeit wird von 44 auf 40 Stunden gesenkt.
Diesen Erfolgen stehen jedoch auch Schattenseiten gegenüber: Die Staatsausgaben stiegen, zeitweilige Preisschübe bei Lebensmitteln belasteten viele Haushalte, und ein gravierender Betrugsskandal in der Rentenkasse INSS führte 2025 zum Rücktritt des Sozialministers. Lula selbst blieb von strafrechtlichen Vorwürfen unberührt, geriet als Regierungschef wegen mangelnder Aufsicht jedoch unter erheblichen politischen Druck.
Dieser Druck setzt sich auch auf parlamentarischer Ebene fort. Da Lula über keine verlässliche eigene Mehrheit im Kongress verfügt, ist er auf Zugeständnisse an das Centrão angewiesen – jenes mächtige, ideologisch flexible Bündnis konservativer und marktliberaler Parteien, ohne dessen Stimmen im Parlament kaum ein Gesetz verabschiedet werden kann. Wie brüchig diese Zweckbündnisse sind, zeigte sich zuletzt im April 2026: Das Parlament überstimmte Lulas Veto gegen das umstrittene „Dosimetrie-Gesetz“, das unter anderem Haftverkürzungen für Verurteilte des Putschversuchs vom 8. Januar 2023 – darunter womöglich auch Ex-Präsident Bolsonaro – vorsieht. Die Anwendung des Gesetzes wurde allerdings vorerst vom Obersten Gericht ausgesetzt.
Zwei unversöhnliche Visionen für die Zukunft Brasiliens
Lula setzt auf die Fortführung seines sozialpolitischen Kurses. Der Staat soll weiterhin eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung von Armut und Ungleichheit sowie bei der wirtschaftlichen Entwicklung spielen. Zu den Schwerpunkten gehören die Stärkung von Sozialprogrammen, der Ausbau der heimischen Industrie und eine stärkere steuerliche Belastung hoher Einkommen.
Auch der Schutz des Amazonasgebiets gehört zu Lulas politischen Prioritäten. Seine Regierung verfolgt das Ziel, die Entwaldung bis 2030 komplett zu stoppen. Außenpolitisch setzt er auf eine eigenständige Position Brasiliens und auf enge Beziehungen zu China sowie zu den BRICS-Staaten.
Flávio Bolsonaro steht für eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Gegenposition. Sein Programm setzt neben der Reform des Justizwesens auf Bürokratieabbau, Deregulierung und eine Begrenzung staatlicher Ausgaben. Zudem plant er ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität. Außenpolitisch plant er eine radikale Kehrtwende. Er will weg vom BRICS-Bündnis und eine exklusive Partnerschaft mit den USA unter Donald Trump.

Zwischen Erschöpfung und Angst um die Zukunft
Wie tief die politische Spaltung in Brasilien reicht, zeigt sich auch im gesellschaftlichen Umgang miteinander.
Maria Karolyne beobachtet, dass politische Differenzen immer häufiger persönlich genommen werden. „Viele Menschen interpretieren Widerspruch direkt als Angriff. Das verhindert ehrliche Gespräche“, betont die Jurastudentin aus Macaé. Besonders besorgniserregend ist für sie, wenn aus verbalen Auseinandersetzungen offene Einschüchterung wird. Mit Blick auf Drohungen gegen Studierende und Hochschulen stellt sie klar: „Demonstrieren ist ein Recht. Menschen wegen ihrer politischen Haltung einzuschüchtern, ist inakzeptabel.“
Wie viele Junge sorgt auch sie sich um die Demokratie ihres Landes: „Die Verantwortung eines Präsidenten geht weit über die Wirtschaft hinaus. Sie umfasst den Schutz der Bevölkerung, den Respekt vor den Institutionen und die Garantie verfassungsmäßiger Rechte. Die Verfassung muss sich im realen Leben widerspiegeln und darf nicht bloß auf dem Papier existieren.“
Die Sorge um die Zukunftsfähigkeit des Landes teilt auch die 29-jährige Finanzassistentin Carolina Cristina Soares Souza aus dem Bundesstaat Minas Gerais. Für sie geht es bei der Stichwahl um den Erhalt hart erkämpfter Rechte: „Meine größte Sorge ist, dass Brasilien soziale und arbeitsrechtliche Errungenschaften verlieren könnte, wenn das rechte Lager an Einfluss gewinnt“, erklärt sie.
Am Sonntag entscheidet sich, welches Signal von Brasilien ausgeht. Es geht nicht nur darum, wer den Palácio do Planalto bezieht. Es geht auch darum, ob das Land seine tiefen Gräben überwinden kann. Und darum, ob Brasilien mit seiner Regenwaldpolitik die „Lunge der Erde“ gefährdet oder schützt.
Lula da Silva hält Versprechen: Regenwald-Abholzung auf niedrigstem Stand seit einem Jahrzehnt
Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.



































