Seit Dezember 2025 gehen im Iran erneut tausende Menschen auf die Straße. Das Regime reagiert mit brutaler Repression – Amnesty International spricht von Massakern an Demonstrant:innen. Was als Protest gegen massive Inflationsraten von fast 50 Prozent, Korruption und wirtschaftliche Not begann, hat sich längst zu einem offenen Aufstand gegen das islamische Regime entwickelt. Warum die feministischen Massenproteste von 2022 den Boden für die heutigen Demonstrationen bereitet haben, weshalb der Shah keine Erlöserfigur ist und wie ein Übergang zu einem friedlichen und freien Iran gelingen kann, schreibt die gebürtige Iranerin und Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich, Shoura Hashemi, in diesem Gastbeitrag.
Als im September 2022 Jina Mahsa Amini getötet wurde und tausende Iraner:innen auf die Straße gingen, war das ein Wendepunkt. Nicht weil das Regime gestürzt wurde – das ist nicht geschehen – sondern weil eine Grenze überschritten wurde. Frauen verbrannten ihre Hijabs vor laufenden Kameras, Schülerinnen weigerten sich, Khamenei zu ehren, und der Slogan “Frau, Leben, Freiheit” hallte durch die Städte des Landes. Die Welt schaute zu. Prominente teilten Videos, Regierungen verurteilten die Gewalt, und erstmals seit Jahrzehnten stand die iranische Frauenbewegung im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit.
Dieser “Erfolg” hatte seinen Preis. Hunderte Tote, tausende Verhaftete, Hinrichtungen junger Demonstranten. Das Regime überlebte – geschwächt, aber an der Macht. Und genau diese Schwäche war es, die die Voraussetzung für neue Proteste geschaffen hat. Mehr noch: Die “Frau, Leben, Freiheit”-Bewegung hat eine psychologische Schwelle überwunden. Sie hat gezeigt, dass man dem Regime laut und deutlich widersprechen kann.
Der Bazar als Motor des Protests: Einstige Unterstützer rufen jetzt „Nieder mit dem Diktator“
Die aktuellen Demonstrationen, die Ende Dezember 2025 begannen, unterscheiden sich fundamental von denen vor drei Jahren. Sie starteten nicht mit einem symbolischen Akt des Widerstands junger Frauen, sondern in den engen Gassen der Teheraner Bazare – jenen traditionellen Handelszentren, die seit Jahrhunderten das wirtschaftliche Rückgrat des Iran bilden.
Die Bazaris, die Händler und Kaufleute, waren einst zentrale Unterstützer der Islamischen Revolution von 1979. Ihre Allianz mit dem schiitischen Klerus brachte Khomeini an die Macht. Doch diese Allianz ist längst zerbrochen. Der iranische Rial erreichte Ende Dezember 2025 ein Rekordtief von 1,45 Millionen pro US-Dollar. Die Inflation lag im Oktober 2025 bei 48,6 %. Jahrelange Misswirtschaft, Korruption und die erdrückenden Folgen internationaler Sanktionen haben selbst die traditionell konservativen Geschäftsleute an den Rand ihrer Existenz gebracht. Was als Protest gegen den massiven Währungsverfall begann, verwandelte sich binnen Tagen in eine politische Bewegung mit enormer Strahlkraft. “Nieder mit dem Diktator” skandierten dieselben Händler, die einst die Revolution bejubelt hatten.

Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Shahs: Symbol ohne Substanz
In dieses Vakuum tritt eine Figur, die noch vor wenigen Jahren kaum mehr als eine historische Randnotiz war: Reza Pahlavi, Sohn des letzten Shahs, der 1979 ins Exil flüchtete. Durch eine massive Social-Media-Präsenz – unterstützt von professionellen Kampagnen und, wie viele vermuten, einem nicht unerheblichen Einsatz von Bots und KI-generierten Posts – hat sich der 63-Jährige in den vergangenen drei Jahren als Anführer einer – wie er es nennt – „Übergangsregierung“ im Wesentlichen selbst ernannt.
Für den 8. Jänner 2026 rief Pahlavi spontan zu Massenprotesten und Generalstreiks auf. Tatsächlich gingen an diesem Abend landesweit Millionen Menschen auf die Straßen, viele riefen “Lang lebe der Shah!” Doch wie der Iran-Experte Daniel Gerlach präzise analysiert:
“Viele Menschen, die in Iran den Namen Pahlavis in ihre Protestrufe einbringen, tun das, weil sie damit das Regime maximal verärgern. Das tun sie nicht, weil sie irgendwelche Hoffnungen haben, dass Reza Pahlavi die Erlöserfigur ist.”
Für viele Iraner:innen ist die Pahlavi-Ära nicht Nostalgie, sondern Geschichte – und zwar keine besonders gute. Die Diktatur seines Vaters, die Korruption der königlichen Familie, die Brutalität des Geheimdienstes SAVAK: All das sind keine Argumente für eine Rückkehr zur Monarchie, selbst wenn Pahlavi beteuert, er wolle nur eine “Übergangsphase” leiten.
Ein Mann, dessen einzige Legitimation sein Nachname ist, kann nicht die Antwort auf eine Bewegung sein, die für Freiheit und Selbstbestimmung kämpft.
Pahlavi ist eine Projektionsfläche, nicht eine Lösung. Er ist für manche im Exil ein Symbol der vermeintlich besseren Vergangenheit. Für andere im Iran ist er lediglich ein Werkzeug, um das Regime zu provozieren. Aber als Führungsfigur für ein demokratisches Iran fehlt ihm jede Legitimation, jede Verwurzelung im Land, jede politische Erfahrung jenseits von orchestrierten Medienkampagnen.
Die iranische Diaspora: Zerstritten und ohne gemeinsame Vision
Die iranische Diaspora könnte eine wichtige Rolle spielen. Sie ist engagiert und dynamisch, aber auch traumatisiert nach Jahrzehnten des Exils und viel erlebtem Leid – ein Spiegelbild der Zerrissenheit des Landes selbst. Da sind monarchistische Pahlavi-Anhänger:innen, linke Gruppierungen, liberale Demokrat:innen, säkulare Nationalist:innen, kurdische Aktivist:innen, ethnische und religiöse Minderheiten und feministische Bewegungen, die keine männliche Führungsfigur akzeptieren wollen.
Hinzu kommen unterschiedliche Exilgenerationen mit je eigenen Fluchtnarrativen: die Generation von 1979, jene, die während des Iran-Irak-Kriegs flohen, die Aktivist:innen der Grünen Bewegung von 2009 und die jüngste Welle nach den Woman-Life-Freedom-Protesten 2022.
Diese komplexe Vielfalt wäre eine Stärke – wenn es gelänge, sie zu bündeln. Doch stattdessen führt die Diaspora Stellvertreterkämpfe, die im Iran niemanden weiterbringen und außerhalb des Iran für Irritation sorgen. Analog und online wird gestritten, man unterstellt einander, „Agenten” des Regimes zu sein. Selbst die Durchführung einer gemeinsamen Demonstration gegen das allseits verhasste Regime wird jedes Mal zu einem Kraftakt und einer Übung in diplomatischer Finesse.
Diese Fragmentierung hat konkrete Folgen: Sie schwächt die Glaubwürdigkeit der iranischen Opposition in internationalen Foren, erschwert die Mobilisierung gemeinsamer Ressourcen und macht es nahezu unmöglich, eine kohärente Vision für ein post-islamistisches Iran zu entwickeln. Während im Inland Menschen ihr Leben riskieren, verliert sich die Diaspora in ideologischen Grabenkämpfen.
Divide et impera – teile und herrsche: Ob bewusste Strategie des Regimes oder historisch gewachsene Spaltung, die das Regime geschickt ausnutzt – das Ergebnis bleibt dasselbe. Die Zerstrittenheit der Diaspora ist einer der größten strategischen Erfolge der Islamischen Republik Iran.
Die unsichtbare Macht: Warum die Revolutionsgarden das eigentliche Problem sind
Das eigentliche Machtzentrum im Iran sind nicht die Mullahs, sondern die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC). Sie sind ein Staat im Staate – mit eigener Armee, Marine, Luftwaffe und Geheimdienst. Sie kontrollieren weite Teile der iranischen Wirtschaft, besonders in der Öl-, Gas- und Petrochemieindustrie.
Hier liegt der Kern des Problems – und gleichzeitig der einzige Weg nach vorn: Jeder ernsthafte Systemwandel im Iran erfordert, dass man jenen, die noch immer ideologisch oder aus wirtschaftlichen Gründen dem System verhaftet sind, ein Angebot macht. Ohne solche Angebote wird es keinen friedlichen Übergang geben.
Und das ist die unbequeme Wahrheit: Es gibt hunderttausende Menschen im Iran – Basij-Milizionäre, Revolutionsgardisten, Polizisten, Beamte, Funktionäre –, deren Existenz am aktuellen System hängt. Viele von ihnen mögen das Regime innerlich ablehnen, aber sie sehen keine Alternative. Solange diese Menschen mit dem Rücken zur Wand stehen, werden sie kämpfen. Bis zur letzten Patrone.
Die Geschichte lehrt uns: Südafrika überwand die Apartheid nicht durch Vergeltung, sondern durch Wahrheits- und Versöhnungskommissionen. Im Iran braucht es ebenso politische Prozesse, die Wege aus dem System aufzeigen. Konkret bedeutet das: Amnestien für jene, die keine schweren Verbrechen begangen haben. Wahrheitskommissionen statt Schauprozesse. Wirtschaftliche Perspektiven für jene, die ihre Privilegien verlieren. Sicherheitsgarantien für jene, die die Seiten wechseln. Programme zur Wiedereingliederung ehemaliger Sicherheitskräfte in ein ziviles Leben.
Das hat nichts mit Naivität zu tun, sondern mit demokratischer Reife. Gerechtigkeit ist wichtig – aber wir müssen einen Weg des Zusammenlebens finden.
Die Alternative ist ein Jahrzehnt Bürgerkrieg, in dem alte Rechnungen beglichen werden, Rache geübt wird und am Ende niemand gewinnt. Das bedeutet nicht, dass es keine Rechenschaft geben soll. Schwere Menschenrechtsverletzungen müssen dokumentiert und aufgearbeitet werden. Aber es bedeutet, dass man unterscheiden muss zwischen jenen, die aus Opportunismus dem System dienen, und jenen, die systematisch und aus Überzeugung Verbrechen begangen haben. Es bedeutet, Anreize zu schaffen für Überläufer, für Whistleblower, für jene, die bereit sind, gegen ihre ehemaligen Kommandeure auszusagen.
Diese Prozesse müssen bereits jetzt vorbereitet werden. Nicht erst, wenn das Regime fällt und das Chaos ausbricht. Welche Garantien können gegeben werden? Welche Verfahren sind denkbar? Wie sähe eine Übergangsregierung aus, die sowohl Reformer aus dem alten System als auch Vertreter der Opposition einbindet? Diese Fragen sind unbequem. Sie fühlen sich falsch an, wenn man die Videos der getöteten Demonstranten gesehen hat. Aber sie sind notwendig.
Denn ohne Antworten auf diese Fragen wird der Iran nicht frei, sondern nur anders unfrei. Ohne institutionelle Mechanismen, die Täter und Opfer an einen Tisch bringen, ohne klare Regeln für Amnestie und Bestrafung, ohne wirtschaftliche Integration ehemaliger Systemstützen wird jeder Regimewechsel in Gewalt münden. Das ist keine moralische Schwäche, sondern politische Klugheit.
Was nach dem Regime kommen könnte – eine ehrliche Antwort
Der Iran hat aktuell keine funktionierenden oppositionellen Strukturen und keine institutionelle Basis für einen Übergang. Ein demokratischer Iran erfordert den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen, die Abschaffung der theokratischen Elemente des aktuellen Systems und die Demobilisierung der Revolutionsgarden. Aber: Die “Frau, Leben, Freiheit”-Bewegung und die aktuelle Protestbewegung haben gezeigt, dass der Wandel von innen kommen muss und kann. Die Menschen auf den Straßen verdienen unsere Solidarität, nicht unsere Naivität. Sie brauchen die politische Weisheit zu erkennen, dass ein Ende des Regimes nicht das Ende des Kampfes ist, sondern der Anfang der schwierigsten Phase – der Aufbau eines Irans, in dem ehemalige Feinde gemeinsam leben müssen. Das ist der einzige Weg zu dauerhaftem Frieden und Selbstbestimmung.



































