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Ökonom Kowall: Frankreichs Atomkraft-Strategie hat der Wirtschaft des Landes geschadet

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Frankreichs Atomkraft-Strategie schadet der Wirtschaft (Bild: Unsplash/getty images, Lukáš Lehotský, Alexander Mils - Montage)

Frankreichs Atomkraft-Strategie schadet der Wirtschaft (Bild: Unsplash/getty images, Lukáš Lehotský, Alexander Mils - Montage)

Nikolaus Kowall Nikolaus Kowall
in Nikolaus Kowall - Logbuch Transformation
Lesezeit:3 Minuten
27. Januar 2026
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Frankreich steckte jahrzehntelang seine Forschungs- und Industrieförderung großteils in Atomkraft – und vernachlässigte andere Zukunftsbranchen. Diese Fixierung auf einen Megasektor hat die Innovation im Land gebremst und der Gesamtwirtschaft geschadet. Frankreich hat am Ende den industriellen Anschluss an Deutschland verloren, erklärt der Ökonom Nikolaus Kowall.

Frankreich sah sich lange als „Grande Nation“. Dieses Selbstbild hielt sich auch nach dem Zerfall seines Kolonialreichs – zumindest im eigenen Land. Der Staat sollte Größe zeigen, planen, lenken. Und eingreifen, wenn nötig. Deshalb standen in Frankreich nicht nur Linke, sondern auch Konservative dem staatlichen Lenken der Wirtschaft lange positiv gegenüber. Dieses Lager waren die Gaullisten, benannt nach Charles de Gaulle, dem Gründer der Fünften Republik (1958).

Unter de Gaulle als Regierungschef wurden zwischen 1944 und 1946 große Teile der Wirtschaft verstaatlicht: der Kohlebergbau, Banken, der Autohersteller Renault. Besonders wichtig: 1946 wurden rund 1.500 private und genossenschaftliche Stromunternehmen zusammengelegt – sie gingen im neuen Staatskonzern Électricité de France (EDF) auf. Auch später setzte der Staat auf große Vorhaben: Airbus, der Hochgeschwindigkeitszug TGV – echte „grand projects“ der Wirtschaftspolitik, vorangetrieben unter konservativer Führung.

Das Problem der „planification“: Wer sich verschätzt, versenkt horrende Summen und Chancen

Diese stark zentralisierte Industriepolitik – in Frankreich spricht man von „planification“ – hatte aber ein Problem: Sie band enorme Mengen Geld. Wer sich verrennt, versenkt viele Ressourcen auf einmal. Genau das passierte mehrfach. Der „Plan Calcul“, mit dem Frankreich eine eigene Computerindustrie aufbauen wollte, ist zum Beispiel gescheitert. Auch die Concorde, das Überschallflugzeug für den zivilen Verkehr, war technisch beeindruckend – wirtschaftlich aber ein Desaster.

Die Schwächen dieser Politik lagen offen auf der Hand: Sie setzte auf wenige Branchen, auf einige große, oft staatsnahe Konzerne – und auf zentrale Steuerung statt vieler kleiner Ideen.

Kritik kam von wirtschaftsliberaler Seite, die mehr Markt und regionale Vielfalt wollte. Aber auch von links. Der Ökonom Michel Aglietta sah in der zentralen Steuerung eine Verfestigung alter Machtstrukturen. Große Staatsapparate, so seine Kritik, lernen schlecht – und tun sich schwer, neue Wege zu gehen.

Der „Plan Messmer“ war die Grundlage für den Ausbau von Frankreichs Atomsektor

Das mit Abstand größte französische Großprojekt war jedoch der „Plan Messmer“. Nach dem Ölpreisschock von 1973 ließ Premierminister Pierre Messmer die Atomkraft massiv ausbauen, um unabhängiger von Energieimporten zu werden. Bis 1994 gingen 50 Reaktoren ans Netz – rund 90 % der heutigen Reaktorflotte.

Dieses Risiko, alles auf eine Karte zu setzen, zahlte sich nur teilweise aus. Denn die angeblich günstigen Kosten von Atomstrom waren trügerisch: Viele Ausgaben tauchen erst Jahrzehnte später auf – und werden gerade jetzt schlagend.

Frankreich fixierte sich auf Atomkraft und vernachlässigte andere Branchen seiner Wirtschaft

Noch gravierender war aber etwas anderes: Die extreme Fixierung auf Atomkraft bremste den Rest der Wirtschaft aus. Der Nuklearsektor brachte kaum positive Effekte für andere Branchen. Außer Reaktorbau und Militär blieb der technologische Nutzen überschaubar.

Frankreich geriet in eine Pfadabhängigkeit: Ein einmal eingeschlagener Weg, von dem man kaum mehr abweichen kann. Staat, EDF, Industrie und Forschung waren eng verflochten – für dezentrale, praxisnahe Innovation blieb wenig Platz.

Allein der Messmer-Plan kostete rund 100 Milliarden Euro. Das war etwa das Dreifache der gesamten öffentlichen Investitionen Frankreichs im Jahr 1974. Entscheidend war dabei nicht nur die Summe, sondern das, was man nicht tat. Ökonom:innen sprechen von Opportunitätskosten: dem, was möglich gewesen wäre, hätte man das Geld anders eingesetzt.

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Deutschland investierte vielfältiger – und stärkte damit auch mittelständige Betriebe und Spezialisierung

Deutschland wählte einen anderen Weg. Statt auf weniger Großkonzerne setzte man stärker auf mittelständische Betriebe in der Fläche. Forschung und Innovation waren dezentral organisiert. So entstanden mehrere starke Industriesektoren – etwa im Maschinenbau, in der Chemie, der Autoindustrie und der Elektrotechnik. Investitionen verteilten sich auf viele Standbeine statt auf einen Megasektor.

Frankreich dagegen steckte Forschung, Infrastruktur und politisches Gewicht fast ausschließlich in die Atomkraft. Andere Zukunftsfelder – Maschinenbau, Elektronik, Digitalisierung oder erneuerbare Energien – blieben im Schatten. Mit denselben Mitteln wären wohl innovationsstärkere und wirtschaftlich robustere Wege möglich gewesen.

Frankreichs Fixierung auf Atomenergie war eine „klassische Fehlkalkulation“

Das Ergebnis: Frankreich verlor den industriellen Anschluss an Deutschland. Ab Mitte der 1970er-Jahre zog Deutschland bei Industrieproduktion und Exporten vorbei. 1989 betrieb Frankreich 54 Atomkraftwerke, die alte BRD dagegen nur 15 – bei ähnlicher Bevölkerungszahl. Atomenergie war dort ein Baustein unter vielen, nicht das alles dominierende Projekt.

Aus heutiger Sicht war der massive Ausbau der Atomkraft in Frankreich eine klassische Fehllenkung von Ressourcen. Zahlreiche Studien legen nahe, dass genau diese Entscheidung wesentlich zum industriellen Rückstand Frankreichs gegenüber Deutschland beigetragen hat.

Frankreichs Atom-Mythos: So ließ das Land Atomenergie billig aussehen

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