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Frankreichs Atom-Mythos: So ließ das Land Atomenergie billig aussehen

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Niki Kowall Atomkraft Montage / Fotos: Wikimedia Commons / T.A.F.K.A.S. (CC BY-SA 3.0), Niki Kowall Facebook

Montage / Fotos: Wikimedia Commons / T.A.F.K.A.S. (CC BY-SA 3.0), Niki Kowall Facebook

Nikolaus Kowall Nikolaus Kowall
in Energie, Europa, Nikolaus Kowall - Logbuch Transformation
Lesezeit:4 Minuten
9. Januar 2026
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Frankreich gilt oft als Vorbild für Atomenergie. Doch die hat in Frankreich nur funktioniert, solange viele Kosten unsichtbar waren. Staatliche Hilfen, zu niedrige Rücklagen für Atommüll-Lagerung und verschobene Risiken haben den Strom billig gehalten. Jetzt aber holen die echten Kosten das Land ein. Und sie sind gewaltig.

Nach dem Ölpreisschock 1973 setzte Frankreich massiv auf Atomkraft. Ziel war mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung. Der Staat trieb den Ausbau im sogenannten Messmer-Plan voran, benannt nach Premierminister Pierre Messmer. Bis 1994 brachte der staatliche Konzern EDF (Électricité de France) 50 Reaktoren ans Netz – rund 90 % der heutigen französischen Atomkraftwerke.

Viele sehen diesen Ausbau bis heute als große Erfolgsgeschichte. Dabei nennt man meist drei Argumente:

  • Frankreich hat einen starken Energiesektor aufgebaut und exportierte Strom. Die Preise blieben lange stabil und günstig.
  • Das benötigte Uran kam aus anderen Ländern als das Öl und Gas. Frankreich war zwar weiter auf Importe angewiesen, aber nicht nur auf das Ölkartell der OPEC-Länder.
  • In der Stromerzeugung sparte das Land Millionen Tonnen CO₂ – etwa im Vergleich zu Deutschland oder Italien mit viel Kohle und Gas.

Doch jetzt kommt der relevante Punkt: Die französische Erfolgsgeschichte gilt nur für einen begrenzten Zeitraum. Die günstigen Strompreise waren politisch gemacht – und teuer erkauft. Das zeigen Studien, Berichte von Behörden und Parlamentsdokumente. Schon der Bau der Reaktoren war stark subventioniert. Und viele Kosten wurden schlicht in die Zukunft verschoben.

Um das zu verstehen, muss man sich vier große Kostenpunkte anschauen:

  • den Bau
  • den Betrieb (Personal, Uran)
  • den Rückbau und die Endlagerung
  • die Wartung und Instandhaltung

Versteckte Kosten: Bau eines Atomkraftwerkes ist teuer

Die Baukosten von Atomkraftwerken sind sehr hoch. Die Anlagen sind riesig und hochkomplex. Wie bei großen Projekten üblich, werden sie über Kredite finanziert, die später zurückgezahlt werden. Der französische Staat half dabei: mit günstigen Krediten, Haftungen und Sonderregeln. Laut Rechnungshof entsprach das rund 8 % der Baukosten – also Milliardenbeträgen.

Der laufende Betrieb der AKWs war dagegen vergleichsweise günstig. Der staatliche Energiekonzern EDF konnte damit seine Kredite lange problemlos bedienen. Auf den ersten Blick wirkte Atomkraft damit wirtschaftlich – zumindest solange man nur Bau und Betrieb betrachtet.

Atomenergie bedeutet radioaktiver Müll als Folge: Wohin damit?

Doch es gibt weitere Kosten. Atomkraftwerke muss man auch irgendwann wieder abbauen. Und den radioaktiven Müll irgendwo sicher lagern.

Während Windräder relativ einfach rückgebaut werden können und keinen Brennstoff hinterlassen, sind diese Kosten bei der Atomkraft enorm.

Das Problem: Der EDF hat dafür zu wenig Geld zurückgelegt. Der Rechnungshof spricht von mindestens 30 % zu wenig Rücklagen. Frankreich kalkulierte deutlich optimistischer als etwa Schweden oder die Schweiz. Die Kosten wurden also in die Zukunft verschoben – bezahlt werden müssen sie trotzdem, nur eben von späteren Generationen.

Während der Corona-Pandemie hat Frankreich AKW-Wartungsarbeiten verschoben

Bei Wartung und Instandhaltung funktioniert so ein Verschieben aber nicht. Genau hier rächte sich jahrelanges Sparen:

  • Während der Corona-Pandemie wurden Wartungen weiter verschoben. Das führte zu Milliarden an Zusatzkosten.
  • 2022 hat man Korrosionsschäden entdeckt. Das sind Schäden an Metallen, die durch chemische oder elektrochemische Reaktionen verursacht werden. Weil Prüfungen schlecht dokumentiert waren, mussten 30 von 56 Reaktoren gleichzeitig abgeschaltet werden. Ausgerechnet im Jahr der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine musste Frankreich Strom importieren.
  • Zusätzlich verschärften niedrige Flusspegel durch den Klimawandel die Kühlprobleme vieler AKWs – besonders im Krisenjahr 2022.

Von den vier Kostenpunkten ist damit nur einer gut kontrollierbar: der laufende Betrieb. Baukosten übernahm der Staat. Wartung, Rückbau und Endlagerung wurden jahrelang vertagt.

Viele AKWs in Frankreich waren für 40 Jahre Laufzeit konzipiert – Modernisieren ist jetzt teuer

Die meisten Reaktoren der sogenannten Messmer-Flotte wurden für 40 Jahre gebaut. Um sie zehn Jahre länger laufen zu lassen, werden sie nun teuer modernisiert. Kosten: rund eine Milliarde Euro pro AKW. Also etwa 50 Milliarden Euro insgesamt. Gleichzeitig muss man neue Reaktoren bauen.

Ein Beispiel ist Flamanville: das erste neue AKW seit 25 Jahren. Veranschlagt waren drei Milliarden Euro und eine Inbetriebnahme 2012. Tatsächlich kostete es 13 Milliarden und ging erst 2024 ans Netz. Wieder half der Staat mit günstigen Krediten und Haftungen.

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Staatlicher Energiekonzern EDF hat 50 Milliarden Euro Schulden

Trotz all dieser Unterstützung ist EDF heute mit über 50 Milliarden Euro verschuldet. 2023 musste der französische Staat den Konzern komplett übernehmen und erneut Milliarden zuschießen. Allein die staatlich finanzierte Atomforschung seit 1950 kostete rund 40 Milliarden Euro.

Klar ist: Diese Zuschüsse kamen über den Stromverkauf nie wieder herein.

Der französische Atomstrom war also nicht billig – er wurde billig gemacht. Bezahlt haben ihn die Steuerzahler:innen – und das auch weiterhin. Erst die der 1970er- und 1980er-Jahre, später jene der 2020er- und 2030er-Jahre.

Auch in Deutschland war Atomkraft nie wirklich privat. Zwar betrieben hier Unternehmen die AKWs, doch die großen Risiken übernahm der Staat:

  • Milliarden flossen in Forschung und gescheiterte Projekte wie den „Schnellen Brüter“ in Kalkar
  • Bei Katastrophen geht der Staat unbegrenzte Haftung ein, da Versicherungen nur bis zu einer Summe von 2,5 Milliarden Euro decken
  • Steuerrückzahlungen und Entschädigungen für den Atomausstieg müssen bezahlt werden
  • Der Staat übernimmt alle Endlagerkosten seit 2017

Atomkraft war also auch in Deutschland immer ein staatliches Großprojekt. Umso bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet wirtschaftsliberale Kräfte von CDU und FDP sie bis zuletzt verteidigten.

Zum Autor'
Nikolaus Kowall (*1982) ist Inhaber einer Stiftungsprofessur für Internationale Wirtschaft an der Fachhochschule des BFI Wien. Zuvor war er Vertretungsprofessor für International Economics an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und leitete die Geschäftsstelle des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung in Düsseldorf. Er promovierte im Bereich Außenhandel an der Wirtschaftsuniversität Wien mit Unterstützung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

Atomkraft als Klimaretter? Die Realität zeigt: Sie ist teuer, langsam und nicht flexibel einsetzbar

Parlament Das Thema "Atomenergie" im Parlament

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