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Mit der Entführung des Präsidenten von Venezuela, Nicolás Maduro, kehren die USA unter Donald Trump zu einer machtbasierten Einflusslogik in Lateinamerika zurück, die viele in der Region längst überwunden glaubten. Im Interview analysiert der Politikwissenschafter Ulrich Brand, warum Lateinamerika in der neuen Sicherheitsstrategie der USA wieder zur geopolitischen Priorität wird: Es geht um Rohstoffe, Lieferketten, Investitionsströme – und um die Absicherung der globalen Vormachtstellung des US-Dollar.
Kontrast: Herr Brand, die USA haben Nicolás Maduro entführt und militärisch interveniert. Wie außergewöhnlich ist dieser Schritt und deutet er auf einen langfristigen Strategiewechsel der USA in Lateinamerika hin?
Ulrich Brand: Es wirkt so, als ob es in der US-Außenpolitik eine neue Strategie gibt. In der Nationalen Sicherheitsstrategie wird mehr oder weniger seit Dezember 2025 gesagt: Lateinamerika wird wieder zum Hinterhof, also zum direkten politischen Einflussgebiet der USA. Vor allem aus lateinamerikanischer Sicht ist das ein Schock. Ein Schock, dass eine US-Regierung wieder so offen aggressiv agiert. Lateinamerika hat ein paar Jahrzehnte politisch nicht so eine große Rolle gespielt. Wirtschaftlich war es immer wichtig, wenn wir an Rohstoffe denken, an Industrie, vor allem in Mexiko, die Endfertigung der Maquiladoras oder anderes.
Es ist eine neue Qualität, weil es der erste derart offene Schritt seit etwa 35 Jahren ist, seit der Verhaftung von Manuel Noriega. Damals hat die USA in Panama interveniert, um ihn festzunehmen und ihm den Prozess zu machen. Nach der Entführung von Maduro gibt es auch ein bisschen Erleichterung, dass es keinen zweiten Militärschlag gibt, keine weitere Eskalation und keinen Bürgerkrieg.
Ich denke, die USA hält sich aktuell alle Optionen offen und agiert außenpolitisch eh an sehr vielen Fronten; Stichwort Grönland. In der Nationalen Sicherheitsstrategie ist wieder klar, dass Lateinamerika politisch Priorität hat. Aber wir müssen das in einer größeren geopolitischen Konstellation sehen. Das eine ist, dass sich die USA in einem Kalten Krieg gegen China sieht. Zweitens geht es in dem, was wir als Geoökonomisierung bezeichnen, um die Stabilisierung des Rohstoffzugangs. Es ist nicht nur Öl, in Venezuela liegen viele andere Mineralien. Und es ist auch ein Versuch, Lieferketten zu stabilisieren. Dabei geht es um eine direktere Kontrolle über Infrastrukturen und Lieferwege.
Es geht um Rohstoffe, Investitionsströme und die Weltdominanz des US-Dollar
Kontrast: Heißt das, dass die USA zur Durchsetzung dieser Strategie wieder stärker auf direkte Interventionen setzen?
Ulrich Brand: Die USA haben ein Potpourri. Sie werden nicht ohne Not militärisch intervenieren, das ist viel zu aufwendig. Ich glaube etwa nicht, dass sie nach Kolumbien gehen, da sind Wahlen am 31. Mai, und es ist denkbar, dass ein US-genehmer Präsident kommt. Viele Regierungen sind schon rechts in Lateinamerika, Chile demnächst mit Kast, Argentinien mit Milei, Noboa in Ecuador. An Brasilien würden sich die USA militärisch eh nicht herantrauen. Sie werden also eher schauen, dass rechte Regierungen Wahlen gewinnen und das unterstützen. Aber sie erweitern das Handlungsrepertoire. Es gibt das große Signal: Wir kommen auch und holen einen Präsidenten raus. Das war vor einem halben Jahr nicht denkbar. Der klassische Interventionstyp wird wohl nicht die Regel sein, sondern eher, dass man Regime Change hinzukriegen versucht, mit welchen Mitteln auch immer. In der Nationalen Sicherheitsstrategie steht: Das ist unser Raum und wir wollen den mitgestalten.
Kontrast: Die Monroe-Doktrin wird oft als Begründung des US-Anspruchs auf Einfluss in Lateinamerika gelesen. Wie hat sich dieses Selbstverständnis historisch herausgebildet?
Ulrich Brand: Ich habe eine Perspektive auf die Monroe-Doktrin, die anders ist als die gängige Erzählung. Es wird schnell gesagt, im Dezember 1823 unter Präsident Monroe hätten die USA den Zugriff auf Lateinamerika postuliert. Ich würde das anders sehen. Die USA sind 1776 unabhängig geworden. Die lateinamerikanischen Staaten wurden in den 1810er Jahren unabhängig, Brasilien 1822. Die US-Regierung hat damals dafür plädiert: Diese neuen Staaten sollen souverän bleiben. Das ist eher ein Insistieren auf Nicht-Einmischung. Die USA wollten diese Unabhängigkeit unterstützen und waren selbst ja relativ schwach und keine Weltmacht. In den 1820er Jahren hat sich mit Großbritannien erst das herausgebildet, was wir später Pax Britannica genannt haben, also eine starke weltwirtschaftliche und weltpolitische Dominanz Großbritanniens. Ich würde daher die Monroe-Doktrin eher als defensiven Ausgangspunkt sehen. Das hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufstieg der USA nach und nach geändert. Und die Monroe-Doktrin wurde vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer eher interventionistischen Doktrin. Da waren die USA die stärkste Weltmacht. In der Konstellation des Kalten Krieges wurde das, was 1823 als Schutzmaßnahme gegen Intervention formuliert war, interventionistisch gewendet. Deshalb ist der Verweis auf die Monroe-Doktrin oft zu einfach und geschichtsvergessen.
US-Interventionen gegen linke Bewegungen begannen in den 50ern
Kontrast: Oft wird der Putsch gegen Jacobo Árbenz in Guatemala 1954 als Wendepunkt gesehen, später dann Kuba 1959. Was hat sich in dieser Phase in der US-Politik gegenüber Lateinamerika verändert?
Ulrich Brand: In den 1950er und 1960er Jahren gab es starke linke Bewegungen in Lateinamerika. Kuba war wichtig, aber es war viel breiter. Der Putsch gegen Jacobo Árbenz, der seit 1951 ein progressiver, linksnationalistischer Präsident war, richtete sich gegen zwei zentrale Vorhaben seiner Regierung: eine Landreform und die Stärkung der Gewerkschaften. Árbenz hat gesagt, wenn wir hier schon internationale Unternehmen haben, dann sollen es auch gute Arbeitsrechte geben. Das hat der United Fruit Company (heute Chiquita) nicht gepasst. Der US-Geheimdienst CIA hat von Anfang an destabilisiert, und das wurde dann zum Modus.
Man darf nicht vergessen, dieser Modus ist bereits ein Jahr zuvor angewendet worden, gegen Mosaddegh im Iran 1953. Das war die knallharte Zeit des Kalten Krieges, Antikommunismus in den USA, McCarthy. In Lateinamerika war Guatemala ein Ausgangspunkt. Aber es war nicht nur eine internationale Konstellation. Es waren immer auch die internen Konstellationen. Atilio Borón, Politikwissenschaftler in Buenos Aires, hat betont, dass es intensive Organisierungsprozesse in den Ländern gab. Und das war die Antwort der USA. Schließlich: Aus heutiger Sicht kann man das Weltereignis der kubanischen Revolution kaum unterschätzen, auch wenn es die Linke in einen reformorientierten und revolutionären Flügel gespalten hat.

Kontrast: In dieser Zeit entstanden auch außerhalb Lateinamerikas Muster für verdeckte Interventionen, etwa in Indonesien 1965, später als „Jakarta-Methode“ diskutiert. War das ein Vorbild für Lateinamerika?
Ulrich Brand: Wahrscheinlich war das ein trauriges Vorbild. Der Begriff „Jakarta-Methode“ ist mir erst über Vincent Bevins 2020 untergekommen. In Indonesien gab es diese schrecklichen Massaker 1965/66. Es wird geschätzt, dass bis zu einer Million Menschen, vor allem Kommunistinnen und Kommunisten, ermordet wurden. Brutalität gab es später auch in Lateinamerika, in Argentinien und Chile, etwa bei der Operation Condor. Aber ich würde nicht sagen, dass so eine Jakarta-Methode eins zu eins angewandt wurde. Die USA sind immer so weit gegangen, wie sie dachten gehen zu müssen. Sie schauen: Was sind die konkreten Konstellationen, was sind die Interessen? In Argentinien waren die direkten Wirtschaftsinteressen der USA beim Putsch 1976 viel geringer als in Guatemala oder später in Chile; da ging es deutlicher auch um amerikanische Konzerninteressen.
Kontrast: Welche langfristigen politischen und gesellschaftlichen Folgen hatten diese Interventionen in Lateinamerika?
Ulrich Brand: Es ist eindeutig: eine Schwächung der Linken, der politischen und gesellschaftlichen Linken. Das waren Angriffe, Verfolgungen, Desaparecidos (Verschwundene) in Argentinien, in Chile, in vielen Ländern. Und es hat den Siegeszug des Neoliberalismus begleitet. John Williamson hat das 1989 in einem berühmten Aufsatz den “Washington Consensus” genannt, also den Konsens von Weltbank, IWF und Washington: Deregulierung, Privatisierung, Schwächung von Gewerkschaften, wirtschaftliche Außenöffnung. Chile galt 1973 als Labor, mit Pinochet und den Chicago Boys. In Argentinien 1976 kann man sehen: Mit der Zerschlagung der linken Bewegungen setzen sich neoliberale Politiken durch. Das führte unter anderem zu Deindustrialisierung. Geschützte Märkte wurden geöffnet, denken wir an Argentinien: Dort ist eine Automobilproduktion unter dem Druck offener Märkte und geringer Zölle kaputt gegangen. Insgesamt war Lateinamerika in der Abhängigkeit gefangen, Rohstoffe zu extrahieren und zu exportieren.
Der Aufstieg der progressiven Regierungen in Lateinamerika ab den 90ern
Kontrast: Warum kam es nach den 1990er Jahren zum Aufschwung linker Regierungen in Lateinamerika?
Ulrich Brand: Natürlich ist das in den einzelnen Ländern durchaus unterschiedlich. Aber allgemein kann man schon sagen: Nach der Redemokratisierung gab es dort, wo Militärdiktaturen waren, erst einmal knallharte neoliberale Politiken, auch unter demokratisch gewählten Präsidenten. Gleichzeitig konnte sich die Gesellschaft wieder organisieren. In den 1990er Jahren haben sich wieder linke Räume gebildet, es gab stärkere Gewerkschaften und anderes. Das war etwa eine Voraussetzung für die Wahl von Lula 2002. Er ist seit 1989 dreimal vorher angetreten und hat nicht gewonnen. Die Bedingung dafür war eine liberale Demokratie, die das überhaupt ermöglicht hat.
In Venezuela gab es in dem Sinn keine Militärdiktatur, aber 1989 den Caracazo, einen Aufstand. Auch das hat dazu geführt, dass sich in den 1990er Jahren starke Volksbewegungen bildeten. Lula kam als gewählter Präsident einer Massenbewegung, getragen von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und einer gut organisierten Partei. Hugo Chávez (Präsident von 1999–2013) kam viel stärker aus dem Militär, aber er erfuhr breite Unterstützung, auch von Volksbewegungen.
Und ein vierter Punkt dieser linken Reorganisierung ist das Ende des Kalten Krieges: Die USA konnten nicht mehr so einfach mit dem Argument des “Antikommunismus” operieren.
Kontrast: Worin lag der entscheidende Unterschied zwischen dem moderateren Kurs in Brasilien und dem radikaleren in Venezuela?
Ulrich Brand: Auch das hat vielfältige Gründe. Aber entscheidend: In Venezuela hat eine Chávez-Regierung sehr rasch die Verfügung über die zentrale Ressource des Wohlstands, nämlich Öl – nach heftigen Konflikten. Venezuela ist ein Ölrentenstaat. Damit konnten Umverteilungspolitiken gemacht werden, Kräfteverhältnisse waren schneller zu verändern. In Brasilien hatte die PT-Regierung mit einer unglaublich starken Agrarbourgeoisie und religiösen Kräften zu tun. Die politische Ökonomie hat so einen radikalen Bruch gar nicht zugelassen.
Und es gibt zwei Gemeinsamkeiten, die man nicht unterschätzen sollte. Die progressiven Projekte, radikal wie sozialdemokratisch, haben enorm davon profitiert, dass ab 2003 die Nachfrage und Preise für Rohstoffe explodiert sind, stark zusammenhängend mit dem Take-off von China. Und beide Typen haben weiter am Rohstoffextraktivismus festgehalten. Als die Rohstoffrente ab 2013/14 stark abnahm, wurden die Verteilungsspielräume eingeschränkt.

Demokratisierung, Partizipation und Selbstverwaltung in Venezuela
Kontrast: In Venezuela wurde nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Chávez und dem Ölstreik oft von politischer „Radikalisierung“ gesprochen. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?
Ulrich Brand: Ich würde es gerade nicht Radikalisierung nennen. Eine Radikalisierung wäre gewesen, das ursprüngliche Programm der Demokratisierung und Partizipation weiter voranzutreiben, die sogenannten Missionen, die großen Gesundheits-, Sozial-, Wohnungs- und Alphabetisierungsprogramme, und die Selbstorganisation in den Barrios.
Ich würde also eher sagen, es war eine Autoritarisierung, die natürlich mit dem Putschversuch zusammenhängt. Aber Edgardo Lander, ein venezolanischer Soziologe, hat schon früher darauf hingewiesen, dass es im Chavismus neben Bottom-up Tendenzen immer auch eine leninistische Strömung gab: Wir verändern vom Staat ausgehend, von oben, die Gesellschaft. Die hat sich nach und nach durchgesetzt.
Ganz generell würde ich bei jeder politischen Analyse den internen Verhältnissen eine starke Rolle geben. Wir sollten immer schauen, was die internen Kräftekonstellationen und Handlungsspielräume sind. Dann kommt der Weltmarkt dazu, dann kommen externe politische Kräfte wie die US-Regierung dazu.
Unter Präsident Hugo Chávez wurde eine Reihe sozialer Programme gestartet, die vor allem der Armutsbekämpfung und Verbesserung der sozialen Grundversorgung der Bevölkerung dienen sollten. Seit 2003 liefen unter dem Label Misiones zum Beispiel Alphabetisierungs-, Gesundheits- und Ernährungsprogramme: Die Misión Robinson machte zehntausende Erwachsene schriftkundig, Misión Barrio Adentro etablierte eine kostenlose medizinische Versorgung in den Armenvierteln (mithilfe kubanischer Ärzte) und Misión Mercal verkaufte Grundnahrungsmittel stark subventioniert an die Bevölkerung. Finanziert wurden die Misiones aus den sprudelnden Öleinnahmen des Landes; der staatliche Ölkonzern PDVSA speiste viele Projekte direkt, und Kuba entsandte Personal – so arbeiteten hunderte kubanische Ärzte in den neuen Barrios-Kliniken. Nach Regierungsangaben erzielten die Missionen beachtliche Erfolge – die Analphabetenquote Venezuelas sank binnen weniger Jahre von über 6 % auf rund 1 %. Unabhängige Stellen wie die UNESCO haben diese Zahlen allerdings nicht bestätigt, Kritiker monierten zudem ineffiziente Parallelstrukturen und politische Instrumentalisierung einiger Misiones.
Kontrast: Nach dem Tod von Hugo Chávez im Jahr 2013 verschärften sich Krise, Repression und Isolation in Venezuela. Warum konnte Maduro nie eine ähnliche Legitimität wie Chávez aufbauen?
Ulrich Brand: Es kam zu einer Erschöpfung des Charismas. Der Chavismus hing natürlich ganz stark an der Figur Hugo Chávez. Dann kommt ein schwacher und wenig charismatischer Nicolás Maduro. In dem Moment gehen die Rohstoffpreise runter, und ab 2013 hängt das sicherlich auch mit dem fallenden Ölpreis zusammen. Meine Hypothese ist: Das Militär, das ja schon immer stark war, sieht jetzt seine Chance, der Regierung ein Angebot zu machen: Wir stützen dich gegen noch mehr Gegenleistung. Und diese enorme Ausweitung der Korruption unter Maduro, gerade im Militär, das hat sich verstärkt: etwa Zugang zu Devisen und Rohstoffen, sodass sie bestimmte Geschäfte abwickeln können. Der Deal von Maduro war: Das Militär und damit der Autoritarismus hält mich an der Macht. Und dann kam auch die politische Delegitimierung. Es gab Versuche eines Abwahlreferendums. Das wurde verzögert, Wahlen wurden nicht mehr anerkannt.
Interessant ist eine Hypothese von Hans-Jürgen Burchardt, Professor an der Universität Kassel und ein Venezuela-Spezialist: Maduro wurde jetzt vielleicht auch deshalb geopfert, weil er jüngst versucht hat, das Militär zu schwächen und den Polizeiapparat und andere Sicherheitsapparate auszubauen. Das müssen wir in den nächsten Wochen noch belegen, aber es ist eine interessante Hypothese.
Als Teil seiner „Bolivarischen Revolution“ führte Chávez 2006 per Gesetz lokale Basisorganisationen ein, die Consejos Comunales (Kommunale Räte). Ein Kommunaler Rat ist die Versammlung der Bewohnerinnen eines Viertels, die alle lokalen Angelegenheiten direkt demokratisch verwaltet. In städtischen Gebieten umfasst ein Consejo Comunal typischerweise 150–200 Familien (in ländlichen entsprechend weniger); die Nachbarschaft definiert ihr Gebiet selbst und entscheidet in Versammlungen über Prioritäten und Projekte – von Infrastruktur und Wohnraum bis Kultur und Sport. Arbeitsgruppen erarbeiten Vorschläge, über die dann die Gemeinde basisdemokratisch abstimmt. Eine Besonderheit in Venezuela: Die Finanzierung der beschlossenen Projekte erfolgt direkt durch staatliche Stellen auf nationaler Ebene, vorbei an den kommunalen Verwaltungen. Dadurch fließt ein erheblicher Teil öffentlicher Gelder unmittelbar in von Bürgerinnen mitbestimmte Vorhaben – bis 2010 entstanden landesweit über 20.000 Kommunalräte, die allein im ersten Jahr ihres Bestehens rund 1 Milliarde US-Dollar an Budgetmitteln direkt erhielten. Dieses System der Kommunalen Räte galt als Kernstück der von Chávez angestrebten partizipativen Demokratie „von unten“ und stärkte die Selbstverwaltung in vielen Gemeinden Venezuelas.
Unter Nicolás Maduro wurde die Selbstverwaltung zu einem loyalitätsabhängigen Instrument mit weniger Mitbestimmung und transformativem Anspruch.

Quelle: WikiCommons/Flickr
Kontrast: Nach der Entführung und dem Sturz Maduros stellt sich die Frage: War das US-Eingreifen die einzige Möglichkeit, ihn von der Macht zu bringen?
Ulrich Brand: Das ist eine ganz schwierige Frage, die müssen wir, glaube ich, in einem halben Jahr beantworten. Eine Frage dabei ist: Wären die Anti-Maduro-Kräfte im Chavismus und im Militär so stark gewesen, um Maduro zu stürzen? Ich glaube, eine Oppositionsmachtübernahme hätte zu mehr Gewalt geführt. Die Gefahr eines Bürgerkriegs wäre stark gewesen, weil ja immer noch ein Drittel der Bevölkerung zumindest chavistisch ist, nicht unbedingt pro Maduro. Aber bitte kein Missverständnis: Das soll diese völkerrechtswidrige Aktion der US-Regierung nicht rechtfertigen.
Kontrast: Wie wird die Intervention in Lateinamerika wahrgenommen, vor allem von progressiven Regierungen?
Ulrich Brand: Die progressiven Regierungen sind gegen diese Intervention und zwar nicht, weil sie für Maduro sind. Petro und Sheinbaum haben Maduro dauernd kritisiert und zwar zurecht. Aber die US-Regierung kann so natürlich nicht agieren. Die Bevölkerung insgesamt ist sehr ablehnend gegen die Intervention, daneben gibt es durchaus Erleichterung, gerade bei Exil-Venezolanerinnen und Exil-Venezolanern, dass sich überhaupt etwas tut und sie eine Aussicht darauf haben, in ihr Land zurückzukehren.
Das Schweigen der EU gegen die Intervention in Venezuela war ein Fehler
Kontrast: Und Europa? Viele Regierungen haben lange geschwiegen.
Ulrich Brand: Dass die EU oder auch EU-Staaten sich nicht kritisch gegen die Intervention geäußert haben, halte ich für einen Fehler. Politisch ist es eine vergebene Chance. Es zeigte sich eine Schoßhund-Politik gegenüber den USA.
Kontrast: Was bedeutet diese Intervention für die internationale Ordnung, auch mit Blick auf China und Russland?
Ulrich Brand: Die USA zeigen, dass sie eine machtbasierte internationale Ordnung wollen, keine regelbasierte mehr. Ich glaube, das haben jetzt alle kapiert. Mit der Nationalen Sicherheitsstrategie von letztem Dezember ist eindeutig, dass Einflusssphären abgesteckt werden.
Kontrast: Viele deuten das als Rückkehr zum Großmachtdenken. Reicht diese Perspektive?
Ulrich Brand: Wir sollten nicht den Fehler machen, nur auf die Interessen und das politische Agieren der Regierungen der Großmächte zu achten. Wir haben ja weiter einen kapitalistischen Weltmarkt, der von mächtigen Konzernen dominiert wird. Es gibt Auseinandersetzungen um die Stabilisierung von Lieferketten, den Zugang zu Märkten und Rohstoffen und Kontrolle über Infrastrukturen. Das ist komplizierter als ein Schachspiel.
“Kapitalismus am Limit” – die öko-imperialen Spannungen erreichen den Norden
Kontrast: Sie sagen, man dürfe nicht nur auf Großmachtpolitik schauen. In Ihrem Buch sprechen Sie von „ökoimperialen Spannungen“. Was verstehen Sie darunter?
Ulrich Brand: Das Buch von 2024 heißt „Kapitalismus am Limit“. Wir argumentieren dabei nicht, dass der Kapitalismus demnächst zusammenbricht, sondern autoritärer und konfliktreicher wird, insbesondere weil die Klimakrise auch im Norden angekommen ist und zunehmend zu Instabilität und enormen Kosten führt, dass der Zugriff auf Rohstoffe umkämpfter wird, dass es dauerhaft zu Überproduktion und entsprechenden Absatzproblemen kommt. Das sind nur einige Stichworte, wir führen das im Buch weiter aus. Stichwort Pakistan 2022/23: Ein Drittel des Landes stand unter Wasser. Wer bezahlt die Reparaturen? Die damit einhergehenden öko-imperialen Spannungen werden zu einem Strukturmoment internationaler Politik.
Kontrast: Und was bedeutet das konkret für Lateinamerika?
Ulrich Brand: Die Gesellschaften sind tief im Rohstoffextraktivismus verankert, auch Brasilen und Mexiko mit relevanter Industrie; das ist ein ganzes Gesellschaftsmodell. Daran hängen Klassenstrukturen, Staatseinnahmen, Fortschrittsvorstellungen. Der Satz „Venezuela ist von Gott gesegnet mit Öl“ ist tief verankert. Und wir müssen genauer schauen: Die imperialen Angriffe der USA auf Lateinamerika müssen kritisiert werden. Und es muss kritisiert werden, dass das mit dem Interesse an Rohstoffen zu tun hat. Aber es muss auch innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaften eine Perspektive gestärkt werden, der zufolge der Rohstoffextraktivismus nicht automatisch gut ist für die gesamte Gesellschaft, sondern enorme Ungleichheit, Ausbeutung und Umweltzerstörung mit sich bringt. Diese oft brutalen und gewaltförmigen Verhältnisse haben wiederum mit den globalen imperialen Dynamiken zu tun.
Mit Markus Wissen hat er u.a. das Buch „Kapitalismus am Limit. Öko-imperiale Spannungen, umkämpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven“ geschrieben.


































Trumps Lateinamerika-Politik ist eindeutig kein kurzfristiger Extremkurs, sondern eine bewusste Rückkehr zu imperialer Machtlogik. Staaten werden nicht als souveräne Akteure wahrgenommen, sondern als Rohstofflieferanten und geopolitische Einflusszonen. Besonders alarmierend ist, wie offen wirtschaftliche Interessen, Dollar-Dominanz und politische Interventionen zusammengedacht werden. Die Frage ist weniger, ob diese Politik legitim ist – sondern warum sie international so wenig Widerspruch hervorruft?
Nach der Wahl der Linksregierung von Salvador Allende 1970 in Chile wurden in Santiago Hauswände mit der Parole „Yakarta viene“ („Jakarta kommt“) beschmiert. Es war eine Terrordrohung der faschistischen Organisation „Patria y Libertad“, die nach dem zivil-militärischen Putsch von 1973 zwar aufgelöst wurde, von deren Mitgliedern dann aber viele bei der brutalen Unterdrückung der Linken nach indonesischem Vorbild mitmachten.
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