Auf den Kriegsbeginn mit dem Iran wetten? Oder auf die Ausbreitung eines Waldbrandes? Auf Prognosemärkten wie Polymarket und Kalshi werden mit solchen Wetten Millionengewinne erzielt. Immer wieder gibt es den Verdacht, dass einzelne Nutzer:innen dabei von geheimen Informationen profitieren. Auch Donald Trump Jr. ist mit beiden Plattformen eng verbunden. Polymarket bewirbt sein Angebot mit bezahlten Anzeigen auf X (früher Twitter) gezielt auch für Menschen in Österreich.
Prognosemärkte treffsicherer als Umfragen?
Auf Wettmärkten, auch Prognosemärkte genannt, setzen Menschen echtes Geld darauf, ob ein bestimmtes Ereignis in der Zukunft eintritt oder nicht: ob eine Partei eine Wahl gewinnt, eine Mannschaft ein Spiel gewinnt oder ein Land angegriffen wird. Wer richtig liegt, gewinnt Geld. Wie hoch der Gewinn ausfällt, hängt davon ab, wie die Einsätze verteilt sind. Je unwahrscheinlicher ein Ereignis eingeschätzt wird, desto höher kann der Gewinn ausfallen. Anders als bei klassischen Wettanbietern wetten die Nutzer:innen direkt gegeneinander. Die Plattform vermittelt die Wetten nur und kassiert dafür eine Gebühr.
Das moderne Konzept der „Idea Futures“ (etwa: „Ideenmärkte“) geht maßgeblich auf den US-Ökonomen Robin Hanson in den 1990er-Jahren zurück. Sein Argument: Wer eigenes Geld einsetzt, überlegt genauer, deshalb seien die gesammelten Einschätzungen vieler Menschen treffsicherer als Umfragen oder Expertenmeinungen.
Wettmärkte werden zum Milliardengeschäft
Eine der wichtigsten dieser Wettplattformen ist Kalshi. Das Unternehmen wurde 2018 von Tarek Mansour und Luana Lopes Lara gegründet. Beide studierten am Massachusetts Institute of Technology und arbeiteten zuvor beim Hedgefonds Citadel. Polymarket folgte zwei Jahre später, gegründet vom damals 21-jährigen Studienabbrecher Shayne Coplan. Investoren bewerten Kalshi inzwischen mit rund 22 Milliarden Dollar, Polymarket strebt eine Bewertung von 15 Milliarden an. Das monatliche Handelsvolumen beider Plattformen zusammen stieg von 1,2 Milliarden Dollar Anfang 2025 auf mehr als 20 Milliarden Dollar im Jänner 2026.
Ein Grund für das Wachstum: In Bundesstaaten wie Kalifornien und Texas, wo klassische Sportwetten verboten sind, bieten Kalshi und Polymarket sportwettenähnliche Verträge an. Die Plattformen berufen sich darauf, dass ihre Event-Kontrakte (Finanzverträge, deren Auszahlung davon abhängt, ob ein bestimmtes Ereignis eintritt oder nicht) von der US-Finanzaufsicht Commodity Futures Trading Commission (CFTC) beaufsichtigt werden. Die Behörde überwacht unter anderem den Handel mit Termingeschäften und anderen Derivaten. Mehrere Bundesstaaten widersprechen und werfen ihnen vor, damit die jeweiligen Sportwetten-Gesetze zu umgehen. Auch die Familie des US-Präsidenten ist im Geschäft: Donald Trump Jr. ist an Polymarket beteiligt und arbeitet als bezahlter Berater für die Konkurrenzplattform Kalshi.

Von Wahlen bis Wetter: Wettmärkte machen jedes Ereignis handelbar
Klassische Wettbüros haben sich auf den Sport spezialisiert. Wettmärkte gehen einen Schritt weiter und machen im Prinzip jedes Ereignis zu einer Geldwette, von Wahlen über Entscheidungen der Zentralbank bis zum Wetter. Kalshi-Mitgründer Tarek Mansour beschreibt das offen als Ziel:
Am Ende soll sich jede Meinungsverschiedenheit in eine Wette verwandeln lassen. Wenn der Ausgang eines Ereignisses direkt zu Geld wird, kann das einen Anreiz schaffen, dieses Ereignis zu beeinflussen.
Manipulationsverdacht bei Polymarket-Wetten auf die Temperatur in Paris
Wie anfällig solche Märkte für Manipulationsversuche sein können, zeigt ein ungewöhnlicher Fall in Paris. Polymarket nutzte für Wetten auf die Tageshöchsttemperatur einen frei zugänglichen Sensor von Météo-France am Flughafen Charles de Gaulle. Am 6. und 15. April 2026 stieg die gemessene Temperatur binnen weniger Minuten um mehrere Grad und fiel danach wieder. Dieses Muster zeigte keine andere Wetterstation in der Umgebung. Nutzer gewannen mit auffällig hohen Wetten auf genau diese Ausschläge zusammen rund 34.000 Dollar. Online kursierte ein Video, das angeblich zeigt, wie jemand den Sensor mit einem Föhn manipuliert. Météo-France erstattete Anzeige, die französische Polizei ermittelt.
Wetten auf den Beginn des Iran-Kriegs – mithilfe vertraulicher Informationen?
Ein weiteres Beispiel ist eine Wette auf den Beginn des Iran-Kriegs. Hier gibt es bereits konkrete strafrechtliche Vorwürfe. Ein Major der israelischen Luftwaffe und ein ziviler Bekannter wurden im Februar 2026 in Tel Aviv angeklagt. Sie sollen mit geheimem Wissen auf den Beginn des zwölftägigen Kriegs zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 gewettet haben. Der Major soll einen Tag vor dem israelischen Erstschlag vertraulich über den Zeitpunkt informiert worden sein und die Information an seinen Bekannten weitergegeben haben. Dieser eröffnete unter dem Namen „ricosuave666“ ein Konto auf Polymarket und wettete mehrfach richtig, unter anderem darauf, dass Israel noch am selben Freitag angreifen würde. Der Gewinn lag bei rund 152.000 Dollar. Als im Jänner 2026 erste Berichte über die auffälligen Wetten auftauchten, löschten die beiden laut Anklage ihre Nachrichten. Die Ermittler konnten die Kommunikation dennoch nachvollziehen. Ihnen werden schwere Sicherheitsvergehen, Bestechung und Behinderung der Justiz vorgeworfen. Der Major wurde aus dem Dienst entlassen, der Staat verlangt die Einziehung der Gewinne.
Ähnliche Muster gab es auch beim späteren Angriff der USA auf den Iran. Sechs neu angelegte Polymarket-Konten wetteten am 27. Februar 2026 innerhalb weniger Stunden darauf, dass die USA bis 28. Februar zuschlagen würden. Einen Tag später griffen die USA den Iran an. Die Wetten erzielten zusammen einen Gewinn von rund 1,2 Millionen Dollar.
Für neun weitere, miteinander verbundene Konten errechnete die Analysefirma Bubblemaps einen gemeinsamen Gewinn von 2,4 Millionen Dollar bei mehr als 80 Wetten auf den Iran-Krieg, mit einer Trefferquote von 98 Prozent.
Auffällig war auch die reguläre Börse: Am 23. März 2026 kauften Unbekannte binnen einer Minute für rund 580 Millionen Dollar Öl-Termingeschäfte, fünfzehn Minuten bevor US-Präsident Donald Trump Gespräche mit dem Iran ankündigte und der Ölpreis fiel. Am 7. April wiederholte sich das Muster mit rund 950 Millionen Dollar vor einer weiteren Trump-Ankündigung.
Senatoren fordern Verbot von Feuer-Wetten
Waldbrände sind ebenfalls Gegenstand solcher Wetten. Im Jänner 2025 wetteten Polymarket-Nutzer darauf, wie groß die Waldbrände rund um Los Angeles werden würden. Drei Wochen später waren rund 15.000 Hektar verbrannt, 31 Menschen waren tot, und Nutzer hatten mehr als eine Million Dollar auf den Ausgang der Brände gesetzt. Auch 2026 kämpfen mehrere US-Regionen mit schweren Waldbränden, in Los Angeles County ebenso wie in Ost-Washington, wo die Behörden rund 65.000 Menschen evakuieren mussten und hunderte Gebäude zerstört wurden.
Neun demokratische US-Senatorinnen und Senatoren fordern deshalb von der Aufsichtsbehörde CFTC ein Verbot solcher Wetten. Wetten auf Fläche, Dauer und Ausbreitung eines Feuers könnten Menschen dazu verleiten, einen Brand absichtlich zu verlängern oder sogar zu legen, schreiben sie in einem Brief an die Behörde.
Kalshi bietet solche Wetten gar nicht erst an, weil sie „perverse Anreize“ schaffen würden, teilte das Unternehmen mit. Polymarket erklärte, US-Kunden bekämen sie nicht angeboten, wohl aber Nutzer in anderen Ländern. Eine eigene Regel für Waldbrand-Wetten hat die Aufsichtsbehörde CFTC bisher nicht.

Sender zeigen Wettquoten live
Die Plattformen suchen zudem die Nähe zu klassischen Medien. CNN, CNBC, Dow Jones und Yahoo Finance haben Verträge mit Kalshi oder Polymarket abgeschlossen, um deren Wettquoten in Echtzeit in die eigene Berichterstattung einzubauen. Als CBS im Jänner die Golden Globes übertrug, blendete der Sender in einem Banner die aktuellen Polymarket-Quoten ein.
Damit erreichen die Wettquoten der Plattformen ein Massenpublikum, obwohl es wiederholt Vorwürfe wegen möglichen Insiderhandels und Manipulationsverdachts gab und die zuständigen Aufsichtsbehörden ihre Regeln bisher nicht angepasst haben.
Wettmärkte werben auch in Österreich
Wie aggressiv die Plattform um neue Nutzer wirbt, zeigte sich zuletzt in den USA: Das Wall Street Journal deckte im Juni 2026 auf, dass Polymarket Influencer dafür bezahlt hatte, irreführende Videos von angeblich gewonnenen Wetten zu verbreiten. Doch Polymarket wächst zunehmend auch international. Seit 2025 ist die Plattform offizieller Partner von X (vormals Twitter) und speist ihre Wettquoten direkt in die Timeline der Nutzer:innen ein, auch außerhalb der USA. In Europa ist die Rechtslage uneinheitlich. Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien und Polen haben Polymarket gesperrt, weil die Plattform aus ihrer Sicht unlizenziertes Glücksspiel anbietet.
Österreich steht auf keiner dieser Sperrlisten. Die Plattform schaltet hier bezahlte Anzeigen auf X etwa mit der Wette, ob Jesus dieses Jahr zurückkommt oder ob bestätigt werden wird, dass es Aliens gibt.

In Österreich ist die Rechtslage nicht eindeutig. Je nachdem, wie eine Wette gestaltet ist, könnten unterschiedliche Gesetze gelten. Eine speziell auf Polymarket oder Kalshi zugeschnittene Regel gibt es bisher nicht.
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