Kontrast: Wenn Sie die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens seit dem Brexit betrachten: Wo sehen Sie die deutlichsten messbaren Folgen – etwa beim Wirtschaftswachstum, bei Investitionen, der Produktivität und Realeinkommen?
Jan Eichhorn: Die wirtschaftlichen Folgen des Brexit sind für Großbritannien insgesamt negativ – in vielerlei Hinsicht. Gleichzeitig ist es nicht immer leicht, einzelne negative Entwicklungen nur auf den Brexit zurückzuführen. Denn auch die Covid-Pandemie und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine haben Probleme ausgelöst, die nicht nur Großbritannien, sondern auch andere europäische Länder betreffen.
Einige der großen Schwierigkeiten, die Großbritannien heute hat, sind außerdem nicht neu. Schon vor dem Brexit wurde in manchen Bereichen zu wenig investiert. Dazu kam eine jahrelange Austeritätspolitik, die viele Menschen im Alltag gespürt haben.
Der Brexit ist also nicht das einzige Problem Großbritanniens. Es gibt aber einige Folgen, die sich klar auf den Brexit zurückführen lassen – und die tatsächlich neue Schwierigkeiten geschaffen haben.
Das Wohlstandsversprechen der Leave-Kampagne hat sich nicht erfüllt
Kontrast: Die Brexit-Campaigners haben den Austritt als wirtschaftliches Versprechen verkauft: mehr Kontrolle, mehr Wohlstand, bessere Chancen für britische Unternehmen. Hat sich dieses Versprechen für die breite Bevölkerung erfüllt – oder sehen wir eher Einkommensverluste, höhere Preise und regionale Ungleichheiten?
Jan Eichhorn: Insgesamt haben sich für viele Menschen in Großbritannien die materiellen Bedingungen verschlechtert.
Wir haben in manchen Branchen einen kleinen Anstieg der Reallöhne gesehen, der aber zwischenzeitlich dann von den erhöhten Preisen fast wieder aufgefressen wurde. Das hat nicht nur mit dem Brexit zu tun, aber zeigt, dass das Versprechen einer großer neuen Investitionskraft, von mehr Wachstum oder von mehr Investitionen nach Großbritannien, nicht eingehalten wurde. Großbritannien steht nicht besser da als andere europäische Länder im Vergleich.
Großbritannien steht bei Produktivität und Wirtschaftswachstum schlechter da als die meisten westeuropäischen Länder. Im Großteil der letzten Jahre war es tatsächlich so, dass das Wirtschaftswachstum entweder knapp über oder unter 0 Prozent lag. Von positiven Schüben war da nicht zu sprechen.
Selbst dann, wo andere westeuropäische Länder starkes Wirtschaftswachstum gesehen haben, wie beispielsweise Spanien.
Das heißt nicht, dass alles nur mit dem Brexit zu tun hat. Aber entscheidend ist: Das Hauptargument der Brexit-Akteure war, dass Großbritannien besser dastehen würde, wenn es im Wettbewerb mit der EU steht und dadurch mehr Investoren anlockt. Das hat sich schlicht nicht bewahrheitet.

Mehr Bürokratie, höhere Kosten: Der Handel mit der EU ist schwieriger geworden
Kontrast: Wie stark hat sich der Handel Großbritanniens mit der EU seit 2020 also verändert? Welche Branchen oder Regionen sind besonders betroffen – und gibt es Bereiche, in denen Großbritannien wirtschaftlich vom Brexit profitiert hat?
Jan Eichhorn: Handel ist grundsätzlich erstmal für britische Exporteure teurer geworden. Das liegt zum einen daran, dass man nicht mehr Bestandteil des gemeinsamen Marktes war. In beide Richtungen entstanden durch den EU-Austritt Transaktionskosten (das sind Zusatzkosten, die bei der Abwicklung eines Geschäftes oder Vertragsabschlusses entstehen, Anmk. Redaktion), die es vorher nicht gab.
Auch Importe nach Großbritannien unterliegen jetzt stärkeren Beschränkungen und höheren Kosten. Nehmen wir mal zum Beispiel eine Sache, wo das vielleicht auch Haushalte merken.
Wenn Sie aus Deutschland ein Päckchen bis zwei Kilo nach Großbritannien geschickt haben vor dem Brexit, hat das etwa neun Euro Porto gekostet. Jetzt müssen Sie ein internationales Paket verschicken, das kostet 26 Euro Porto. Zusätzlich zahlen Sie, wenn die Sachen darin teurer sind als 39 Pfund, Mehrwertsteuer drauf und bei über 135 Pfund auch noch Zoll. Also im ganz Kleinen merkt man, wie hoch diese Transaktionskosten sind, die der gemeinsame Binnenmarkt verhindert.
Landwirtschaft, Lebensmittel und Fischerei spüren den Brexit besonders stark
Besonders betroffen sind Branchen, in denen es nicht nur um gestiegene Transaktionskosten geht. Probleme entstanden auch dadurch, dass die Regeln für den Austausch nicht mehr einheitlich sind. Das trifft vor allem die Landwirtschaft und die Lebensmittelbranche. Ein Beispiel: Großbritannien hatte über viele Jahre große Mengen Fisch und Meeresfrüchte in die EU exportiert.
Wenn Sie an der spanischen Küste Langusten essen, kommen die vielleicht aus schottischen Gewässern. Das Problem ist, dass die EU sehr strikte Maßnahmen und Richtlinien hat, welchen Anforderungen Nahrungsmittel gerecht werden müssen. Aber lange Zeit gab es keine Vereinbarung dazu.
Vielleicht erinnern Sie sich da an Bilder, als britische Exporteure mit Lastwagen voller verderblicher Lebensmittel, sowohl Gemüse aber auch Meeresfrüchte, an der Grenze standen und nicht durchgekommen sind, weil sie unglaublich viele Dokumente ausfüllen mussten. Mittlerweile hat man da an einigen Stellen Abhilfen geschaffen.
Mittlerweile gibt es einige Vereinbarungen, die diesen Prozess vereinfacht haben. In der Zwischenzeit haben aber auch einige den Handel in diese Richtung eingestellt. Oder Unternehmen versuchen seither, sich stärker im Binnenmarkt innerhalb Großbritanniens zu behaupten.
Das Problem ist aber auch hier, dass ja die Kaufkraft vieler Britinnen und Briten in der Zeit nicht gestiegen oder teilweise sogar gesunken ist. Das heißt, der Ausfall für die britischen Unternehmen kann nicht voll kompensiert werden.
Auch im Alltag sind die neuen Grenzen spürbar
Kontrast: Wie ist es abseits der klassischen klassischer Wirtschaftskennzahlen – was sind die Folgen des Brexit beim Reisen, im Tourismus, bei Arbeitsmigration, der Fachkräfte-Akquise oder bei den Beziehungen zwischen jungen Brit:innen und Europa?
Jan Eichhorn: Nach wie vor kommen Touristinnen und Touristen gerne nach Großbritannien. Es gab einen kurzen Einbruch, aber Schottland ist beispielsweise nach wie vor sehr beliebt.
Wir haben allerdings eine große Veränderung bei der Arbeitsmigration nach Großbritannien gesehen. Nach dem Ende der Freizügigkeit haben gab es eine Reduktion der Menschen, die zum Arbeiten nach Großbritannien gekommen sind. Das war ein großes Problem in mehreren Bereichen, zum Beispiel im Gesundheitssektor, wo eine große Anzahl von Pflegefachkräften aus der EU gekommen ist. Aber auch in der Gastwirtschaft gibt es diesen Mangel.

Weniger EU-Arbeitskräfte, mehr Probleme in Pflege und Gastronomie
Wenn Sie in den Norden Schottlands gehen, gibt es einen großen Mangel an Arbeitskräften. Oft waren das junge Menschen aus dem EU-Ausland, die dort teilweise saisonal, teilweise aber auch langfristiger diese Lücken gefüllt haben. Das ist jetzt viel schwieriger geworden.
Großbritannien ist als Arbeitsplatz weniger attraktiv geworden seit dem Brexit, weil man jetzt ein Visum und Ähnliches braucht. Daher sind tatsächlich da die Zahlen zurückgegangen, in einigen Teilen richtig deutlich sogar. Zusätzlich hat es die britische Regierung erschwert, weil mittlerweile Einkommenskriterien für Migration und Aufenthalt verschärft wurden.
Beides zusammen, also der Brexit-Effekt und die zusätzliche Verschärfung, führen dazu, dass wir tatsächlich in manchen Bereichen einen Mangel an Arbeitskräften haben, während es gleichzeitig in anderen Bereichen eine Unterbeschäftigung der britischen Bevölkerung gibt.
Es ist sozusagen das Schlechteste aus beiden Welten.
Kontrast: Warum dann die zusätzlichen Verschärfungen bei Migration und Aufenthalt?
Jan Eichhorn: Die britische Regierung reagierte so, weil die Migrationszahlen unmittelbar nach dem Brexit gestiegen sind. Dabei war Migration eines der zentralen Themen der Pro-Brexit-Kampagne. Tatsächlich ist aber die Nettomigration nach dem Brexit zunächst sogar gestiegen – in manchen Bereichen deutlich.
Ob das dem entsprach, was sich viele Brexit-Befürworter:innen erhofft hatten, ist fraglich. Schließlich war ihnen eine Veränderung bei den Migrationszahlen versprochen worden.
Die Migration ist in den letzten Jahren allerdings insgesamt wieder zurückgegangen. Also dieser extreme Anstieg wurde nicht beibehalten. Das liegt unter anderem daran, dass die Regierung eben z.B. die Einkommensgrenzen erhöht hat. Oder die Zeit verlängert hat, die man im Land sein muss, bevor man sich für eine Einbürgerung bewerben kann und so weiter.
Für Universitäten und Forschung war der Brexit ein harter Einschnitt
Kontrast: Früher war Großbritannien im Bildungs- und Hochschulsektor eng mit Europa verflochten. Was hat der Brexit für Universitäten, Forschung, Studierende und internationale Kooperationen bedeutet – insbesondere durch den Wegfall oder die Veränderung von Programmen wie Erasmus und Horizon?
Jan Eichhorn: Für die Universitäten war der Brexit eine ziemliche Katastrophe. Das galt vor allem für die Universitäten, die stark von europäischen Förderungen profitiert haben. An einigen Universitäten waren 20 bis 30 Prozent des Budgets verflochten mit EU-Programmen, EU-Förderungen, Forschungsprojekten und ähnlichem.
Mittlerweile ist die Situation etwas besser. Großbritannien ist beispielsweise wieder dem Horizon-Programm der Europäischen Union beigetreten und tritt jetzt in Schritten auch wieder ins Erasmus-Programm ein. Also es gibt wieder eine Annäherung auf dem Gebiet.
Viele Spitzenforscher:innen haben Großbritannien verlassen
Der Schaden ist aber zwischenzeitlich passiert. Der Brexit hat dazu geführt, dass eine ganze Reihe Spitzenwissenschaftler:innen Großbritannien verlassen haben, einfach weil sie gesagt haben, sie haben keinen Zugang mehr zu einem der wichtigsten Förderer. Mehrere Jahre konnten sie sich nicht beim European Research Council bewerben.
Die sind nicht alle in die EU gegangen, aber teilweise auch abgeworben worden nach Nordamerika, nach Australien und in andere Länder. Also es gab viele Spitzenwissenschaftler:innen, die gegangen sind. Das war kein Exodus, wo alle weg sind, aber auf jeden Fall hat man es gemerkt.
Das zweite Problem war, dass wir viel weniger EU-Studierende in Großbritannien haben. Unis haben teilweise bilaterale Vereinbarungen getroffen. Zusätzlich war es eben der Fall, dass man sich nicht selber auf Forschungsprojekte bewerben konnte und eben britische Unis aus Konsortien rausflogen und nicht angefragt wurden. Also der Brexit hat nicht alle Verbindungen gekappt – aber viele.
Man sollte es nicht überdramatisieren, aber der Wissenschaftsstandort Großbritanniens wurde geschwächt.
Die Mehrheit der Brit:innen sieht den Brexit heute als Fehler
Kontrast: Wie blicken die Menschen in Großbritannien heute auf den Brexit zurück? Gibt es belastbare Umfragen dazu, ob ehemalige Leave-Wähler:innen ihre Entscheidung bereuen oder wieder so abstimmen würden – und unterscheiden sich diese Haltungen deutlich zwischen England, Schottland, Wales und Nordirland?
Jan Eichhorn: Es gibt immer noch große Brexit-Fans, aber der Anteil dieser Fans ist deutlich gesunken. Die Brexit-Entscheidung war ja denkbar knapp mit 52 Prozent Zustimmung für den Brexit damals 2016.
Wenn man sich jetzt die Umfrageergebnisse ansieht, merkt man, dass eine klare Mehrheit der Briten denkt, dass der Brexit ein Fehler war, mehr negative als positive Konsequenzen hatte und entsprechend für sie auf keinen Fall positiv bewertet wird. Das gilt für Großbritannien insgesamt, ist aber noch stärker ausgeprägt natürlich dort, wo der Brexit sowieso weniger populär war.
2016 haben nur 38 Prozent der Schott:innen für den Brexit gestimmt. Dort ist die negative Perspektive auf den Brexit besonders stark beispielsweise. Also wir sehen da schon Unterschiede und es gibt auch nach wie vor eine signifikante Minderheit, die nach wie vor den Brexit stark positiv betont.
Am Ende zählten Souveränität und Migration stärker als wirtschaftliche Argumente
Das liegt auch daran, dass es vielen Brexit-Befürworter:innen nicht nur um wirtschaftliche Fragen ging. Die Mehrheit hoffte zwar auf positive wirtschaftliche Effekte. Entscheidend war aber etwas anderes: Die Brexit-Kampagne war so erfolgreich, weil sie auch Menschen überzeugte, die von den wirtschaftlichen Argumenten gar nicht überzeugt waren.
Zu Beginn der Kampagne lagen die Brexit-Befürworter:innen bei rund 40 Prozent. Viele sagten damals: „Wenn der Brexit wirtschaftlich schadet, unterstütze ich ihn nicht.“
Gegen Ende der Kampagne gelang es der Pro-Brexit-Seite aber, einen Teil dieser Menschen umzustimmen. Für sie wurden andere Argumente wichtiger: britische Souveränität, weniger Migration und stärker nationalistische Vorstellungen. Diese Gruppe war zwar eine Minderheit. Aber sie sorgte für den entscheidenden Zuwachs bei der Zustimmung zum Brexit.
Auch heute gibt es noch Menschen, die den Brexit für eine gute Idee halten. Oft tun sie das aber weniger aus wirtschaftlichen Gründen, sondern eher wegen kultureller oder nationalistischer Argumente. Für den Großteil der Brit:innen ist der Brexit jedoch eindeutig keine Erfolgsgeschichte.

Jan Eichhorn ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Senior Lecturer an der University of Edinburgh. Er beschäftigt sich damit, wie Menschen Wirtschaft, Politik und gesellschaftliche Veränderungen verstehen. Außerdem forscht er dazu, wie Gruppen, die in der Politik oft weniger gehört werden, besser beteiligt werden können. Eichhorn ist Mitgründer und Forschungsdirektor des Think Tanks d|part, wo er internationale Forschungsprojekte leitet. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit berät er Regierungen, Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen und erklärt politische Entwicklungen regelmäßig in den Medien.
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