Der Nationalratspräsident ist laut österreichischer Verfassung das zweitwichtigste Amt der Republik – nach dem Bundespräsidenten. Im Oktober 2024 wurde Walter Rosenkranz (FPÖ) in dieser Position angelobt. Seither sorgte Rosenkranz, der Mitglied einer schlagenden Burschenschaft ist, wiederholt für Schlagzeilen. Er lud Viktor Orbán ins Parlament ein. Er hat kein Problem damit, dass Angehörige der rechtsextremen Identitären für die FPÖ im Parlament arbeiten. Und rund um seinen ehemaligen Büroleiter kamen Verstrickungen mit den rechtsterroristischen „Sächsischen Separatisten“ ans Licht.
Schon seine Wahl zum Nationalratspräsidenten war eine absolute Neuheit im Hohen Haus. Nie zuvor ist ein Vertreter der FPÖ an der Spitze des Parlaments gestanden.
Rosenkranz, der aus Krems stammt, machte eine Ausbildung zum Musikschullehrer, bevor er Jus studierte. Der 62-Jährige, der sich selbst als “Parteisoldat” bezeichnet, ist seit Jahrzehnten in verschiedenen Positionen für die Freiheitlichen aktiv: So war er Gemeinderat in Krems, Abgeordneter im Nationalrat, niederösterreichischer Landesparteiobmann und später Volksanwalt.
Bei der Bundespräsidentenwahl 2022 wurde er von der FPÖ als Kandidat nominiert. Außerdem ist er Mitglied der deutschnationalen und Mensur schlagenden Burschenschaft „Libertas“. Seine Frau, Susanne Rosenkranz ist ebenfalls politisch tätig und derzeit freiheitliche Landesrätin in Niederösterreich. Das Amt des Volksanwalts legte er kurz vor seiner Nominierung zum Nationalratspräsidenten im Oktober 2024 zurück.
Schlagende Burschenschaft als Rosenkranz-Machtbasis
Rosenkranz gehört innerhalb der FPÖ zum akademisch-deutschnationalen Flügel. Er ist “alter Herr” der schlagenden Burschenschaft Libertas. Die hat bereits 1878 einen „Arierparagraphen“ eingeführt und Juden ausgeschlossen. Rosenkranz relativierte das in Interviews mehrfach.
Als Nationalratspräsident war Rosenkranz auch Vorsitzender im Kuratorium des Nationalfonds für NS-Opfer. Doch er lässt sich in dieser Funktion nun vertreten. Grund dafür ist auch die Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen im Jahr 2024. Damals hinderte eine Menschenkette von jüdischen Demonstrant:innen Rosenkranz an der Kranzniederlegung. Sie skandierten: „Wer Nazis ehrt, dessen Wort ist nichts wert!“. Nach kurzer Diskussion kehrte Rosenkranz um und verließ den Judenplatz.
Von rechtsextremen Influencern bis Viktor Orbán: Walter Rosenkranz hofiert Europas Rechtspopulisten im Parlament
In seiner Antrittsrede betonte Rosenkranz, mit den beiden anderen Mitgliedern des Präsidiums im konstruktiven Einvernehmen zusammenarbeiten zu wollen. Doch nur eine Woche später zeichnete sich ein anderes Bild.
2024 war der damalige Regierungschef von Ungarn, Viktor Orbán, der erste Gast, den Walter Rosenkranz im Parlament empfing. Bei dem Treffen waren ausschließlich FPÖ-Politiker anwesend, die österreichische und die ungarische Flagge begrüßten Orban. Die EU-Flagge wurde angeblich abmontiert.

Sowohl Orbans Partei FIDESZ, als auch die FPÖ gehören der Rechtsaußen-Europafraktion “Patrioten für Europa” an.
Bei dem Treffen hat man auch eine „Wiener Erklärung“ unterzeichnet, ein Grundsatzpapier, in dem man bekräftigte, Migration gemeinsam zu bekämpfen und und an nur zwei Geschlechtern festzuhalten. Zwei Kulturkampf-Themen der Rechten.
Im Februar 2026 sorgte ein weiterer Gast von Walter Rosenkranz für Schlagzeilen. Der Nationalratspräsident empfing die niederländische Influencerin Eva Vlaardingerbroek. Die 29-jährige gilt als eine der bekanntesten politischen Kommentatorinnen aus dem rechtsextremen Spektrum, die ihre teils rassistischen Ansichten mit einer Millionen-Followerschaft teilt. Eine Woche vor ihrem Besuch im österreichischen Parlament war sie außerdem zu Gast beim Wiener Akademikerball. Zusätzlich traf sie sich mit „ihren Freunden“, Martin Sellner, früherer Chef der „Identitären“ und seiner Ehefrau.

Im Anschluss an ihren Besuch lobte Rosenkranz Vlaardingerbroek für ihre Klarheit und Präsenz.
Ermittlungen wegen NS-Wiederbetätigung gegen Ex-Büroleiter von Walter Rosenkranz
Walter Rosenkranz hat René Schimanek im Oktober 2024 zu seinem Büroleiter bestellt. Schimanek hatte seinen Hauptwohnsitz in einem Forsthaus seines Vaters im niederösterreichischen Langenlois gemeldet. Der Verfassungsschutz führte im November 2024 dort eine Hausdurchsuchung durch und fand neben NS-Devotionalien auch 30 Kilo Munition.
Die „Sächsischen Separatisten“, eine rechtsterroristische Vereinigung, die plante, mit Waffengewalt Gebiete in Sachsen zu erobern und einen NS-Staat zu errichten, dürften das Haus als Rückzugsort für den „Tag X“ vorgesehen haben. Darunter verstehen Extremisten einen Tag, an dem der Kollaps der Gesellschaft eintreten soll.
Als die Vorwürfe bekannt wurden, forderten die anderen Parteien eine Suspendierung Schimaneks. Rosenkranz hingegen hielt fest, sein Mitarbeiter sei „eine geschätzte Persönlichkeit“ und verwies auf seine besondere „Integrität“.
Wenig später wurden E-Mails veröffentlicht, die Schimaneks Kontakte zu den „Sächsischen Separatisten“ belegten. Besonders bizarr: Er soll die E-Mails über seine Parlaments-Adresse versendet haben, unterzeichnet mit „Üblicher Gruß“.

Daraufhin bat Schimanek um Auflösung des Dienstverhältnisses. Der Vertrag mit Schimanek wurde schlussendlich im Februar 2025 aufgelöst. Rosenkranz äußerte, dass er überzeugt sei, dass sich alle Vorwürfe in Luft auflösen würden. Tatsächlich wurden die Ermittlungen eingestellt, weil kein Eigentümer des sichergestellten Materials ausfindig gemacht werden konnte.
Schimanek blieb aber weiterhin FPÖ-Stadrat in Langenlois. Erst als er ein Jahr später auf der Parte seines verstorbenen Vaters das „Irminsul“-Symbol verwendete, und dafür rechtskräftig verurteilt wurde, trat er als Stadtrat zurück und aus der FPÖ aus. (Anmk. der Redaktion: Das „Irminsul“ ist ein germanisches Pendant zum christlichen Kreuz, auch SS-Forschungseinrichtungen verwendeten es in leicht abgewandelter Form.)
Walter Rosenkranz ehrt umstrittenen Verleger bei „Dinghofer-Symposium“ im Parlament
Auch das „Dinghofer-Symposium“ im November 2025 sorgte für Kritik – und das schon im Vorfeld. Benannt ist es nämlich nach Franz Dinghofer, der Linzer Bürgermeister, Nationalratsabgeordneter, Justizminister, Vizekanzler und Dritter Präsident des Nationalrates war. 1940 trat er in die NSDAP ein. Während die Veranstaltung in den Jahren davor immer von der FPÖ abgehalten wurde, kam die Einladung diesmal vom Nationalratspräsidenten persönlich.

Der Verleger Wolfgang Dvorak-Stocker erhielt bei dem Symposium den Franz-Dinghofer-Medienpreis. Sein Verlag vertreibt Bücher von Holocaust-Leugnern wie David Irving. Ihm werden von Nationalratsabgeordneten Kontakte in die rechtsextreme Szene nachgesagt. Der Verleger wird selbst mehrmals im Rechtsextremismusbericht des DÖW erwähnt. In der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage rechtfertigte sich Rosenkranz damit, dass er nicht den gesamten Katalog des Verlages kenne. Außerdem verwies er darauf, dass der Verlag schließlich auch Bücher über Landwirtschaft führe.
Akademikerball-Netzwerktreffen der europäischen Rechten
Der Wiener Akademikerball findet seit 2013 jährlich in der Hofburg statt. Er löste den WKR-Ball ab, den damals schlagende Burschenschaften veranstalteten. Nach anhaltender Kritik wurde der Ball umbenannt und nun von einem FPÖ-Nahen Verein veranstaltet. Der Ball gilt als Vernetzungstreffen der europäischen Rechten. Auch Ex-Identitären-Chef Martin Sellner ist hier regelmäßig anzutreffen.
2023 und 2024 hielt Rosenkranz bei dieser Veranstaltung die Eröffnungsrede. Da der Nationalratspräsident eigentlich überparteilich agieren sollte, gab es Kritik. Rosenkranz will auch in Zukunft am Burschenschafter-Ball teilnehmen.
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