Mit der Schließung des Ardo-Werks im Marchfeld, gibt es kein Tiefkühlgemüse aus Österreich mehr – davor warnt Betriebsrat Dietmar Breiner. Das Werk verarbeitet über 80 Prozent des österreichischen Tiefkühlgemüses. Der belgische Konzern will den Standort ersatzlos schließen und den heimischen Markt künftig aus dem Ausland beliefern. Während die rund 250 Beschäftigten um ihre Zukunft bangen, wirft Breiner dem Konzern vor, Investitionen vernachlässigt und Gespräche verweigert zu haben. Im Interview erklärt er, wie sich die Produktion in Österreich noch retten ließe und warum die Belegschaft einen Sozialplan braucht.
Belgische Eigentümer verweigern die Gespräche
Kontrast: Herr Breiner, was ist im Ardo-Werk passiert?
Dietmar Breiner: Am 24. September sind die Ardo-Konzernvertreter gekommen und haben gesagt, dass sie das Werk schließen. Den Betriebsrat haben sie gerade einmal eine Dreiviertelstunde davor informiert. Das ist einfach letztklassig. Die belgische CEO hat dann einen Text auf Deutsch vorgelesen – und das war alles. Danach ist sie gegangen.
Seit der Bekanntgabe der Werksschließung habe ich keinen einzigen Belgier mehr gesehen oder gehört.
Was ärgert Sie an der Situation am meisten?
Dietmar Breiner: Dass man so nicht mit Menschen umgeht. Ardo heftet sich auf die Fahnen, dass nach der Natur der Mensch und die Belegschaft das Zweitwichtigste sind. Aber allein an diesem Verhalten sieht man schon, dass das gar nicht stimmt. Das ist einfach eine glatte Lüge.
Ohne dieses Werk gibt es kein österreichisches Tiefkühlgemüse mehr
Im Werk wird Tiefkühlgemüse aus dem Marchfeld verarbeitet und in Österreich verkauft. Welche Auswirkungen hätte es, wenn das Werk ersatzlos zusperrt?
Dietmar Breiner: Es hat Auswirkungen auf ganz Österreich. Wir produzieren für alle nennenswerten Marken oder Handelsketten in Österreich Tiefkühlgemüse, vor allem für Iglo, Hofer und Spar. Wir haben einen Marktanteil von 84 Prozent in Österreich.
Wenn dieses Werk geschlossen wird, wird es kein Tiefkühlgemüse aus Österreich mehr geben.
Das heißt, wenn man dann in den Supermarkt geht, bekommt man zum Beispiel Iglo-Gemüse aus dem Ausland?
Dietmar Breiner: Ja. Dann steht eben nicht mehr Gemüse aus dem Marchfeld drauf. So wie Ardo es vorhat, soll dann zum Beispiel Gemüse aus dem Allgäu draufstehen. Denn den österreichischen Markt will Ardo ganz einfach behalten und ihn aus dem Ausland mit billigeren Produktionen beliefern, wo die Gewinne noch höher sind.
Es bräuchte ein neues Werk und eine Übergangsphase von zwei Jahren
Welche Optionen gibt es jetzt, um das Werk oder die Produktion in Österreich zu retten und auch die Beschäftigten zu halten?
Dietmar Breiner: Wichtig wäre natürlich, dass die Politik aktiv wird. Die ist schon dran, aber es ist schwierig. Wir haben gemerkt, dass die Belgier nicht sprechen wollen. Wichtig ist, dass der Markt gehalten wird – sprich, dass Iglo, Hofer, Spar und die anderen weiterhin österreichisches Tiefkühlgemüse kaufen.
Dann müsste man die Produktion noch zwei Jahre weiterführen und in dieser Zeit ein neues Werk an einem anderen Standort aufstellen. Das müsste man so bauen, dass man wettbewerbsfähig Gemüse produzieren kann, auch im Vergleich mit Ländern wie Ungarn oder der Slowakei.
Dafür war das Werk eigentlich vorgesehen. Aber Ardo hat leider nichts investiert. Jetzt behaupten sie, sie hätten 50 Millionen investiert. Auf 20 Jahre gerechnet ist das nicht viel. Immerhin hat der Konzern einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro. Sie haben ein altes Werk gekauft und damals eigentlich behauptet, sie würden es auf den neuesten Stand bringen. Das wurde nie gemacht. Es wäre sehr wohl möglich gewesen.
Das war eine politische Entscheidung – und die ist leider gegen Österreich ausgefallen.
Warum glauben Sie, haben sie so entschieden?
Dietmar Breiner: Weil sie in den vergangenen Jahren immer weiterproduziert haben und immer ein gewisser Gewinn drinnen war. Auch weil die Menschen in Österreich bereit sind, mehr Geld für österreichisches Gemüse zu zahlen. Jetzt sind sie durch Managementfehler im Konzern in riesengroße Probleme geschlittert.
Wahrscheinlich haben die Banken gesagt: Da muss etwas passieren. Und dann schließt man eben ein Werk, weil man damit Kosten reduzieren kann.
Ardo-Standort steht vor Schließung – trotz Millionenförderung
Ardo Austria hat in den vergangenen Jahren auch über eine Million Euro öffentliche Förderungen bekommen, unter anderem Energiekostenzuschüsse. Warum konnte das die Situation nicht verbessern?
Dietmar Breiner: Das Energieproblem ist schon seit Langem ein riesengroßes Thema. Man muss sich vorstellen: Das ist ein riesiges Werk, allein im Kühlhaus gibt es 33.000 Stellplätze. Da kann man sich vorstellen, wie viel Energie das braucht.
Ich habe sie mehrmals gefragt, warum wir auf diesem riesigen Gelände keine Photovoltaikanlagen aufstellen oder keine Biogasanlage bauen. Das wurde alles nicht gemacht. Man hätte die Kosten drastisch reduzieren können und damit auch die Modernisierung weiter vorantreiben können, damit das Werk wirklich einen guten, neuen Stand erreicht.
Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?
Dietmar Breiner: Die Stimmung ist natürlich nicht sehr gut. Die Ängste werden von Woche zu Woche größer, weil es natürlich auch noch keinen Sozialplan gibt.
Trotzdem sind die Leute weiterhin sehr professionell. Sie gehen in die Firma arbeiten und leisten sogar Überstunden. Da muss man wirklich den Hut ziehen. Andere Menschen würden vielleicht sagen: Warum soll ich mich da noch abrackern? Aber unsere Leute machen ihre Arbeit weiterhin.
Sozialplan muss die Leistung der Beschäftigten abgelten und Härtefälle abfedern
Was erwarten Sie konkret von einem Sozialplan?
Dietmar Breiner: Der Sozialplan sollte für mich eine Abgeltung dafür sein, was die Menschen hier über 20 Jahre geleistet haben. Wir haben Marken und Unternehmen wie Hofer, Spar und Iglo immer gut beliefert und zwar in guter Qualität. Ardo hat damit bei Iglo meiner Meinung nach auch sehr große Gewinne geschrieben. Diese Leistung der Beschäftigten muss abgegolten werden.
Viele Leute haben außerdem darauf gebaut, dass sie dort länger arbeiten können. Sie haben Schulden, ein Haus gebaut oder eine Wohnung gekauft und müssen das abbezahlen. Durch diese plötzliche Schließung fallen sie finanziell in ein riesiges Loch. Diese sozialen Härtefälle muss man mit einem Sozialplan abfedern.
Betriebsrat Dietmar Breiner ruft zur Solidarität mit den Beschäftigten von Ardo Austria Frost auf. Unterstützer:innen können Solidaritätsfotos in den sozialen Medien posten und dabei auch einen Sozialplan für die Belegschaft einfordern. Inzwischen wurde auch eine Petition gestartet, um die Produktion von Tiefkühlgemüse im Marchfeld zu retten und gegen die ersatzlose Ardo-Schließung zu protestieren. Über 101.000 Menschen haben bereits unterschrieben.
Trotz Millionen-Förderung: Ardo sperrt profitables Tiefkühlgemüse-Werk in NÖ zu
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