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Andreas B. – Porträt eines Langzeitarbeitslosen, der die Hoffnung nicht aufgibt

Kontrast Redaktion Kontrast Redaktion
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Lesezeit:3 Minuten
5. Januar 2018
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Es ist Neujahrstag in Österreich. Die Zeitungen melden: Die neue ÖVP-FPÖ-Regierung wird die „Aktion 20.000“ einstellen. In Andreas steigt die Angst hoch, dabei ist er eigentlich mit Zuversicht ins neue Jahr gegangen. Er ist Optimist, doch der Optimismus fällt Andreas immer schwerer.

Der Mistelbacher ist seit Jahren arbeitslos. Als im Mai 2017 die „Aktion 20.000″ vorgestellt wird, sieht er seine Chance gekommen. Er möchte „wieder gebraucht“ werden, will sich einbringen und beweisen, dass er hart arbeiten kann. Sofort meldet sich Andreas bei seinem AMS-Betreuer.

Doch er muss warten: sein Bezirk, Mistelbach, gehört nicht zu den Pilotgegenden. Andreas bleibt dran, und als die „Aktion 20.000″ vom Pilotprojekt in den Vollausbau übergeht, bekommt er endlich einen Platz. Er hat Glück, denn kurz danach stoppt die neue Regierung das Projekt.

Andreas B. ist einer von knapp 3.000 Menschen, die bereits in das Programm für Langzeitarbeitslose über 50 aufgenommen wurden. 20.000 ältere Arbeitslose sollten darüber beschäftigt werden: in Gemeinden und gemeindenahen Organisationen. Diese Jobs sind entweder neu oder Tätigkeiten, die im Gemeindebudget nicht abgedeckt sind – Hilfe in Schwimmbädern, Ämtern oder bei der Pflege von Alten und Kranken.

„Ich war Mädchen für alles“

Wählerisch war Andreas nie, was seine Jobs betrifft. Zuletzt hat er bei einem großen Fastfood-Konzern gearbeitet – als „Mädchen für alles“, wie er es nennt. Der Job war anstrengend und auslaugend. Die Arbeit zehrte an ihm. „Du musst kürzer treten“, dachte er regelmäßig, aber sein Pflichtgefühl hielt ihn davon ab. „Der Chef braucht dich! Du musst arbeiten.“ Am Anfang seiner Vierziger schickt ihn ein Burnout für sechs Monate in den Krankenstand – danach findet er keinen Job mehr.

Er geht zu Berufsmessen und schreibt Bewerbungen. Nur eine Handvoll wird beantwortet, und das sind Absagen. Eigentlich kann Andreas nur mehr Bürotätigkeiten übernehmen, sein Rücken macht ihm Probleme. Er bewirbt sich trotzdem auch für körperlich anstrengende Jobs.

Andreas ist kein Einzelfall: Wen eine chronische Krankheit erwischt, findet danach oft lange nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurück. Dazu kommt, dass die Arbeitslosigkeit den Gesundheitszustand oft noch weiter verschlechtert –  es ist eine Abwärtsspirale. Je länger man arbeitslos ist, umso weiter kommt man in der Spirale nach unten.

Andreas lebt auf 30 Quadratmetern

Andreas B. und seine Lebensgefährtin leben von der Notstandshilfe. Auch sie kämpft mit Krankheit, auch sie ist schon seit langem arbeitslos. Gemeinsam bewohnen sie eine Ein-Zimmer-Wohnung in einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Mistelbach. Die Wohnung ist vollgeräumt, dabei aber sauber und ordentlich. Die Möbel alt, aber noch funktional. „Die meisten Möbel waren zum Glück schon drinnen“, sagt er. Die Miete in der Gegend ist günstig. „So gut könnten wir in Wien von dem Geld nicht leben“ glaubt er. Gemeinsam haben Andreas und seine Freundin 1.200 € im Monat.

Die Gegend bringt aber auch Nachteile. Die Arbeitsplätze sind rar und die Wege weit. Seit ihm vor Jahren das Auto eingegangen ist, hat er keines mehr. Er kann es sich nicht leisten. Der Weg zum Bahnhof ist zu lang – zu Fuß 40 Minuten. Manchmal hilft eine Freundin aus dem Ort und borgt ihr Auto her. Damit fahren Andreas und seine Freundin dann zu den Lebensmittel-Discountern in den Gewerbeparks oder zum Arzt.

„Mir kann nichts mehr genommen werden“

Die Pläne der neuen ÖVP-FPÖ-Regierung, die Notstandshilfe durch die Mindestsicherung zu ersetzen, ärgern Andreas. Ihn wird es zwar nicht treffen: „Ich habe nichts, mir kann nichts mehr weggenommen werden.“ Aber er weiß, wie es ist, wenn man sich über Jahrzehnte etwas aufgebaut hat und dann alles verliert.

Wird die Notstandshilfe abgeschafft und durch die Mindestsicherung ersetzt, müssen Arbeitslose jedes Vermögen, Sparbücher oder Eigenheim, verwerten und verkaufen, bevor die Mindestsicherung ausbezahlt wird. „Da verliert man dann alles“, warnt Andreas. Außerdem ist die Mindestsicherungen in vielen Fällen niedriger als die Notstandshilfe.

Einer der Letzten der Aktion 20.000

Wie es aussieht, wird Andreas in der Aktion 20.000 bleiben können und einen Job bekommen. Das gibt seinem Optimismus wieder Kraft. Er weiß, dass viele die Chance nicht mehr erhalten. Die Menschen müssen solidarisch bleiben, fordert er. „Dass die, die wenig haben, auf die treten, die gar nichts mehr haben, das soll nicht sein. Währenddessen lacht sich die obere Schicht ein Asterl ab.“, sagt er.

NOTSTANDSHILFE

Die Notstandshilfe gilt als zweites Auffangnetz, nachdem der Anspruch auf Arbeitslosengeld erschöpft ist. Die Höhe der Notstandshilfe beträgt max. 95 % des Arbeitslosengeldes. Wird die Notstandshilfe gestrichen, kommen Menschen sofort nach Auslaufen des Arbeitslosengeldes in die Mindestsicherung.

Das heißt: Zuerst müssen Ersparnisse bis 4.000 Euro aufgebraucht werden, im schlimmsten Fall sogar Auto und Eigenheim verkauft werden, bevor die Unterstützung bezogen werden kann.

AKTION 20.000

20.000 Männern und Frauen auf Jobsuche hätte die Aktion 20.000 einen Arbeitsplatz und neue Hoffnung gegeben. Doch als eine der ersten Handlungen haben ÖVP und FPÖ die Aktion im Jänner 2018 eingestampft. Wer bis dahin seine Stelle noch nicht antreten konnte, wurde enttäuscht – und blieb ohne Job. 3.755 Männer und Frauen in ganz Österreich haben schlussendlich über die Aktion 20.000 einen Job gefunden. Jetzt, im Juni 2019, laufen ihre Stellen endgültig aus. Wie viele Gemeinden und Vereine einige der Stellen finanziell selbst stemmen und erhalten können, ist unklar.

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