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Anfang 2025 ließ die Vorsitzende der AfD, Alice Weidel, mit einer historischen Aussage aufhorchen. Hitler, so Weidel, sei kein Rechter gewesen, sondern ein Linker. Die Aufregung war groß, dabei war die Behauptung keineswegs neu. Wie „sozialistisch“ und „links“ war der „Nationale Sozialismus“ also wirklich?
Kaum ein Parteiname hat so viel Verwirrung gestiftet wie der „Nationalsozialismus“. Die Nazis nannten sich Arbeiterpartei und übernahmen Parolen und Formen der Linken. Sie versprachen eine „Volksgemeinschaft“, in der alle einen sicheren Platz finden sollten – sofern sie den „rassischen“ Anforderungen der Nazis entsprachen. Während sie einerseits mit derartigen sozialen Botschaften operierten, erklärten Hitler & Co die Linke und ihr Gleichheitsdenken zu Todfeinden. Nicht zuletzt ließen sie sich von Großindustriellen finanzieren – was versprachen sich die Wirtschaftsbosse von ihren großzügigen Spenden an die Braunhemden? Teilweise beantwortete sich diese Frage nach der Machtübernahme der Nazis: Sie zerschlugen Linksparteien und Gewerkschaften, sie verboten Streiks und freie Lohnverhandlungen und gingen forsch gegen Unruhen in Betrieben vor.
Auch staatliche Wirtschaftslenkung und hohe Steuern machten aus dem NS-Regime noch keinen sozialistischen Staat: Beides diente vor allem den Kriegsvorbereitungen und fand sich während des Zweiten Weltkrieges in ähnlicher Form auch bei den Alliierten. Die „soziale Seite“ des NS-Regimes bestand vor allem aus Inszenierung und Versprechen auf eine glorreiche Zukunft. Und wo doch so etwas wie Wohnraum geschaffen und Karitatives angeboten wurde, stammten die Mittel aus dem beschlagnahmten Vermögen der Gewerkschaften und aus geplündertem Vermögen verfolgter Bevölkerungsgruppen.
Die alte Frage: Was heißt „links“ überhaupt?
Die gängige Links-Rechts-Definition geht auf den italienischen Philosophen Norberto Bobbio (1909-2004) zurück: Je stärker man ein Menschenbild bejaht, das allen den selben Wert zuspricht und je stärker man Maßnahmen befürwortet, die zu mehr gesellschaftlicher Gleichheit führen, desto klarer ist eine Partei oder ein Mensch links einzustufen. Je entschiedener man hingegen darauf beharrt, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind und daher auch sozial und wirtschaftlich besser oder schlechter gestellt sein sollen, desto eindeutiger ist man politisch rechts zu verorten.
Ein erhebliches Verortungsproblem ergibt sich nun daraus, dass Parteien und ihre Repräsentanten eventuell andere Absichten behaupten, als sie tatsächlich haben. Neben dem, was Parteien von sich sagen, ist daher auch ihre soziale Funktion zu berücksichtigen: Wem nützt ihre real betriebene Politik?
Die NSDAP: Radikale Positionen mit rechtem Kern
Die NSDAP führte insbesondere während ihrer Aufstiegsphase Wähler und Mitglieder gezielt in die Irre. Sie vermied vielfach ganz bewusst programmatische Festlegungen, um unterschiedlichste Gruppen an sich binden zu können.
Aufgrund ihrer „antiideologischen Ideologie“ und ihrer dürftigen Programmatik hat sich die spätere Forschung damit beholfen, die Nazis vor allem durch das zu charakterisieren, was sie ablehnten. Prägend war ihre Erzählung, dass sich die ganze Gesellschaft im moralischen und biologischen Niedergang befände. Um zu alter Stärke zurück zu finden müsse man alles„Schwaches“ und „Krankes“ vernichten.
Von diesem Grundgedanken leiteten sich die beiden zentralen Dogmen der Nazis her: Antisemitismus und Antimarxismus. „Marxismus“ wurde dabei als Sammelbegriff für die gesamte Linke gebraucht, gleich ob sozialdemokratisch, anarchistisch oder kommunistisch. So widersprüchlich und letztlich irrational die Ideenwelt der Nazis auch war: ihren Kern bildete zweifellos die Zurückweisung eines egalitären Menschenbildes. Für sie gab es nicht nur „rassische“ Höher- und Niederwertigkeit, sondern etwa auch ein Gefälle zwischen Männern und Frauen. Auch das Festhalten an der herrschenden Besitzordnung war letztlich von der Überzeugung getragen, dass die einen aufgrund ihrer besonderen Verdienste wertvoller waren als die anderen und daher auch die Privilegien verdienten, die sie genossen.
Obwohl sie also vielfältig für Ungleichheit eintrat, stellte die NSDAP unter den Rechtsparteien eine Besonderheit dar. Schon ihrem Namen nach nahm sie schließlich für sich in Anspruch, „nationalsozialistischen“ Idealen anzuhängen. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Etikettenschwindel bei den Nazis: „sozialistisch“ war ein Modewort, das gut ankam
Die klassischen wirtschafts- und verteilungspolitischen Forderungen rechter Parteien kamen (und kommen) in erster Linie einer privilegierten Minderheit zugute. Weil sie der Masse der Wähler keine materiellen Verbesserungen anbieten können, versuchen rechte Parteien daher, andere Themen in den Vordergrund zu rücken: neben der Außen- und Sicherheitspolitik besonders Fragen der Kulturpolitik.
Außerdem schaffen sie Feindbilder, um Frust und Ängste auf bestimmte Gruppen zu lenken. Besonders für rechte Parteien in Mittel- und Osteuropa wurde der Antisemitismus seit den 1870er Jahren immer wichtiger. Um auch unterprivilegierte Wähler:innen anzusprechen, verbinden rechte Parteien in Vergangenheit und Gegenwartihre Ablenkungsstrategien mit Botschaften, die Mitgefühl und Nähe zeigen sollen. Dabei übernehmen sie bewusst Begriffe, die historisch eigentlich mit linken Parteien verbunden wurden, etwa, wenn sie sich selbst als „sozial“ bezeichnen und damit ein „linkes“ Signalwort übernehmen.
Die Nazis erfanden nicht das Rad neu, als sie sich als „Arbeiterpartei“ inszenierten. Was unter dem namensgebenden Anspruch, „nationalsozialistisch“ zu sein, konkret zu verstehen war, überließen sie aber bewusst der Phantasie des Publikums.
Jene, die vom „völkischen Sozialismus“ träumten, wurden in der Partei entmachtet
NS-Chefideologe Alfred Rosenberg legte aber bereits Anfang der 1920er Wert auf die Feststellung, dass das Schlagwort „Nationalsozialismus“ keinesfalls gleichzusetzen sei mit dem Ziel eines „nationalen Sozialismus“. Schließlich stünde ein „nationaler Marxismus“ im krassen Widerspruch zu den NS-Prinzipien. Diese lauteten weiterhin „Führung gegenüber demokratischer Gleichmacherei“ und „Endkampf dem Gesamtmarxismus“.
Trotz solcher Positionsklärungen gab es innerhalb der NSDAP Strömungen, die von einem nationalen, völkischen Sozialismus träumten. Als die NSDAP 1933/34 an die Macht kam, schaltete die Parteiführung diese Strömungen jedoch rasch aus. Sie hatten ihren Zweck – die Stimmenmaximierung – erfüllt, nun waren sie hinderlich.
Unternehmer misstrauten den Nationalsozialisten zunächst
Zweifellos hegten zahlreiche deutsche Unternehmer grundsätzlich Sympathien für die Zielsetzung der NSDAP, wie sie Adolf Hitler 1926 einer Runde rechtsgerichteter Hamburger Honoratioren vortrug:
„Die Aufgabe meiner Bewegung ist sehr eng umschrieben: die Zertrümmerung und Vernichtung der marxistischen Weltanschauung. […] Einer bleibt dann am Boden liegen, entweder der Marxismus rottet uns aus oder wir rotten ihn aus bis zur letzten Spur. Diese Formel würde naturgemäß eines Tages eine Macht bringen, die den anderen rücksichtslos das Genick zermalmt und zerbricht und kein Hehl daraus macht, dass der Kampf erst an dem Tag beendet ist, an dem der andere restlos erledigt ist.“
Magnaten wie der Schwerindustrielle Fritz Thyssen oder der Ruhrbaron Emil Kirdorf, die offen von den Nationalsozialisten begeistert waren, bildeten unter den oberen Zehntausend allerdings eine Minderheit.
Anfang der 1930er Jahre stärkten konservative Unternehmer vor allem die Deutschnationalen
Bis Anfang der 1930er-Jahre unterstützten konservative Wirtschaftskreise vor allem die etablierten rechten Parteien, insbesondere die Deutschnationale Volkspartei. Der NSDAP gegenüber verhielten sie sich zunächst eher zurückhaltend. Ein Grund dafür war, dass sie sich unsicher waren, wie ernst es den Nationalsozialisten mit ihren kämpferischen sozialen Forderungen war.
Auch das Ziel einer möglichst unabhängigen deutschen Wirtschaft (Autarkie) entsprach kaum den Interessen der Industrie. Diese war stark vom Export abhängig und in den 1920er-Jahren immer enger mit dem Ausland verflochten.
Skeptisch standen Unternehmer nicht zuletzt Rufen der NSDAP nach Umverteilung gegenüber, etwa der Forderung nach höheren Steuern, staatlich finanzierten Programmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Kontrollen von Preisen und Geldverkehr.
Was machte die NSDAP für Unternehmer und Industrielle attraktiv? Ihr radikales Vorgehen gegen die Linke – und ihre Mobilisierungskraft
Bei aller Skepsis gab es vor allem zwei Punkte, die aus Sicht der Unternehmerschaft für die Nazis zu sprechen schienen: Sie waren glaubhaft entschlossen, die Linke und mit ihr den demokratischen Verfassungsstaat zu beseitigen – und anders als das gesamte restliche rechte Parteienspektrum verfügten sie über eine aktive, mobilisierbare Massenbasis. Das kannte man bis dahin vor allem von linken Parteien. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der politischen Linken spielte besonders die SA eine wichtige Rolle. Im Falle eines Bürgerkrieges, so ergab ein Planspiel des deutschen Militärs im November 1932, würden Armee und Exekutive alleine nicht in der Lage sein, mit der Linken fertig zu werden. Eine eventuelle Verstärkung durch die SA war daher von besonderer Wichtigkeit.
Einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen den Nationalsozialisten und den großen Unternehmen brachte die Weltwirtschaftskrise ab 1930.
Amerikanische Banken zogen ihre Kredite zurück. Dadurch geriet die deutsche Wirtschaft in große finanzielle Schwierigkeiten. Gleichzeitig erhöhten immer mehr Länder ihre Zölle, um die eigene Wirtschaft zu schützen. Das traf besonders Länder wie Deutschland, die viele Waren ins Ausland verkauften.

In der Krise rückte die Wirtschaft nach rechts
Die Arbeitgeberverbände forderten politische Entscheidungen, die zu starken politischen und sozialen Konflikten führen mussten: niedrige Steuern für Unternehmen, Kürzung der Staatsausgaben, Abschaffung fester Tarifregeln, Ausweitung der Arbeitszeiten. Solche Forderungen ließen sich letztlich nur am Parlament vorbei mit diktatorischen Mitteln durchsetzen.
Bei Wahlen wären Forderungen nach einer Kürzung oder sogar Abschaffung der Kranken- und Arbeitslosenunterstützung kaum erfolgreich gewesen. Deshalb unterstützten viele Unternehmer ab 1930 sogenannte Präsidialkabinette. Diese Regierungen umgingen das Parlament. Stattdessen stützten sie sich auf Notverordnungen.
Einigen Unternehmern ging das jedoch nicht weit genug. Im Jahr 1931 schlossen sich Industrielle, Bankiers und Großgrundbesitzer im sogenannten „Keppler-Kreis“ zusammen. Dieses Netzwerk sammelte Spenden für die NSDAP, warb in Wirtschaftskreisen für die Nationalsozialisten und versuchte, die Wirtschaftspolitik der Partei gezielt zu beeinflussen.

Als Einfluss wichtiger wurde als Wählerstimmen
Bei den Parlamentswahlen im Juli 1932 erzielte die NSDAP mit 37,3 % ihr bis dahin bestes Ergebnis. Sie war nun mit großem Abstand stärkste Partei im Reichstag. Doch schon ein halbes Jahr später folgte ein Rückschlag: Bei den Neuwahlen im November 1932 blieb die NSDAP zwar stärkste Partei, verlor jedoch erheblich an Zustimmung und büßte mehr als vier Prozentpunkte ein.
Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise war die Propaganda mit der Botschaft „Hitler oder Untergang“ sehr erfolgreich gewesen. Nun, im Herbst 1932, gab es jedoch erste Anzeichen für eine langsame wirtschaftliche Erholung. Offenbar suchten deshalb weniger Menschen nach einer Retterfigur.
In dieser Situation nutzten ostelbische Großgrundbesitzer und der harte Kern des „Keppler-Kreises“ ihren gesamten Einfluss, um Reichspräsident Hindenburg dazu zu bewegen, Hitler zum Regierungschef zu ernennen. Das sollte geschehen, bevor der bisherige Höhenflug der NSDAP in einen Absturz überging.
Das Bündnis zwischen Großindustriellen und NSDAP wird besiegelt
Schon vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler hatten sich wichtige Vertreter der deutschen Wirtschaft der NSDAP angenähert. Nach seinem Amtsantritt gaben weite Teile der Unternehmerschaft ihre frühere Zurückhaltung endgültig auf.
Am 20. Februar 1933 versammelte Hitler 26 führende Industrielle zu einem Geheimtreffen in Berlin. Er versicherte erneut, für den Erhalt des Privateigentums einzutreten, und erklärte, die kommunistische Gefahr endgültig beseitigen zu wollen. Dafür benötige die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 jedoch eine absolute Mehrheit. Und die wiederum erforderte einen kostenintensiven Wahlkampf.
Daraufhin erhielt die Partei von den anwesenden Konzernchefs eine Zusage über die außerordentlich hohe Summe von drei Millionen Mark als Wahlkampfspende.

Nach der Machtübernahme: Die Arbeiter verlieren
Eine Woche später, am 27. Februar 1933, brannte der deutsche Reichstag. Das NS-Regime nützte das Ereignis als Vorwand, um zum staatlich gelenkten, systematischen Terror gegen die Linke überzugehen.
Während die Verhaftungswellen rollten, wurden bereits im April 1933 zwei Herzensanliegen der Unternehmerschaft verwirklicht: die Auflösung der Betriebsratskörperschaften und kurz darauf die Zerschlagung der Gewerkschaften.
Durch das „Gesetz zur Ordnung der Nationalen Arbeit“ 1934 wurden die Arbeitgeber endgültig zu „Betriebsführern“ ernannt und die Beschäftigten zur „Gefolgschaft“ degradiert sowie zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Der Status des Unternehmers als „Herr im Haus“ war wieder hergestellt.
Der Betrieb wird zum Kasernenhof
Nachdem man die Vertretung der Arbeitnehmer abgeschafft hatte, fanden auch keine Lohnverhandlungen mehr statt. Über Löhne, Arbeitszeiten und den Schutz am Arbeitsplatz entschieden nun Beamte des Arbeitsministeriums, die sogenannten „Treuhänder der Arbeit“. Wenn Beschäftigte sich widersetzten oder protestierten, griff die Gestapo ein. Streiks galten von nun an als „Sabotage“ und wurden hart bestraft.
Die Kontrolle der Beschäftigten wurde massiv verschärft. So wurde 1935 das Arbeitsbuch wieder eingeführt, auch die Arbeitsämter erhielten mehr Macht. Ohne ihre Zustimmung konnten Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz nicht mehr wechseln.
Die wirtschaftlichen Folgen zeigten sich bald: Durch die intensiven Kriegsvorbereitungen, aber auch begünstigt durch die allgemeine Erholung der Weltwirtschaft, stieg das Bruttoinlandsprodukt bis 1938 kontinuierlich an – um etwa acht Prozent pro Jahr.

Wachstum, von dem die große Mehrheit nichts hat
Die Beschäftigten profitierten davon allerdings nicht. Ihre Löhne wurden auf dem niedrigen Niveau der Weltwirtschaftskrise eingefroren und erreichten erst 1937 wieder den Stand von 1928. Diese erzwungene Lohnzurückhaltung sollte die Inflation bremsen, damit die Rüstungsanstrengungen nicht gefährdet wurden.
Ähnlich wirkte sich die gezielte Einschränkung des privaten Konsums nach dem Motto „Kanonen statt Butter“ aus: Importbeschränkungen führten immer wieder zu Engpässen bei Nahrungsmitteln. Auch den sozialen Wohnbau stellte das NS-Regime bereits 1933/34 faktisch ein. Vor allem Arbeiterfamilien lebten daher weiterhin in äußerst beengten Wohnverhältnissen. Während das Leben der Masse also keineswegs besser wurde, profitierten Unternehmer und Kapitaleigner massiv von der Aufrüstung und der Entrechtung der Belegschaften.
Der Anteil der Unternehmens- und Kapitalgewinne am Volkseinkommen lag 1939 um ganze sechs Prozentpunkte höher als 1930.
Warum war das NS-Regime trotzdem populär?
Obwohl sich die Lebensbedingungen also kaum verbesserten, nahm der Rückhalt des Regimes in der Bevölkerung im Verlauf der 1930er Jahre recht eindeutig zu. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Kurz gefasst wohl durch vier Entwicklungen, die eng miteinander zusammenhingen:
1 – Soziale und wirtschaftliche Gleichheit nicht verwirklicht, aber aufwendig inszeniert
Ein eindrückliches Beispiel dafür waren die sogenannten „Eintopfsonntage“. An diesen Tagen wurde aus Feldküchen auf Straßen und Plätzen gegen ein geringes Entgelt oder eine Spende Eintopf ausgeschenkt. Menschen aller sozialen Schichten saßen gemeinsam an langen Bänken und aßen, begleitet von Reden und Musikkapellen. Die ärmeren Anwesenden konnten sich der Vorstellung hingeben, auf Augenhöhe mit den „besseren Leuten“ zu verkehren. Diese scheinbare Gleichheit machte Eindruck, obwohl am Ende des Tages die einen in ihre Villen, die anderen in ihre elenden Zinskasernen zurückkehrten.
Auch die groß inszenierten Sammlungen des Winterhilfswerks und der NS-Volkswohlfahrt dienten in erster Linie dazu, ein Gefühl nationaler Solidarität zu verbreiten. Nachhaltige Hilfe für Bedürftige war hingegen zweitrangig. Für die allgemeine Stimmung bedeutsam waren auch die Aktivitäten der Deutschen Arbeitsfront, der NS-Einheitsorganisation für die Arbeiterschaft. Unter dem Motto „Schönheit der Arbeit“ wurden Arbeitsstätten modernisiert und ästhetisch aufgewertet – mit dem Ziel, die Produktivität zu steigern. Es ging auch hier vor allem um gefühlte Verbesserung.

2 – Durch enorme Rüstungsausgaben herrscht in Nazi-Deutschland ab 1937 praktisch Vollbeschäftigung
Der Mangel an Fachkräften führte zum einen dazu, dass mehr Frauen berufstätig waren. Zum anderen konkurrierten die Betriebe nun stärker miteinander um Arbeitskräfte. Die Berufstätigkeit von Frauen erhöhte die Haushaltseinkommen. Zugleich konnten vor allem besser ausgebildete Arbeitskräfte den Fachkräftemangel nutzen, um bessere Bedingungen für sich durchzusetzen. Was kaum ins öffentliche Bewusstsein drang: der Staat rüstete sich buchstäblich in den Ruin. Um dem Staatsbankrott zuvorzukommen, war auf kurz oder lang ein Krieg unausweichlich.
3 – Gezieltes Hoffnungsmanagement
Einzelne Verbesserungen im Sozialsystem weckten bewusst Erwartungen: etwa Beihilfen für arme, aber kinderreiche Familien oder die Einbeziehung von Gewerbetreibenden in die Pensionsversicherung, sowie populäre Versprechen wie das von erschwinglichen Autos für alle („Volkswagen“), günstiger Radiogeräte („Volksempfänger“) und sogar eines Urlaubs im Rahmen des „Kraft-durch-Freude“-Programms. Viele Menschen wurden in ihren Sehnsüchten und Träumen von einem besseren Leben bestärkt und blickten optimistischer in die Zukunft, obwohl sie real keine konkreten Verbesserungen feststellen konnten.
4 – Propaganda vom Aufbruch
Unterstützt wurde diese gute Stimmung durch eine staatliche Propaganda, die ständig den Eindruck erweckte, man befinde sich inmitten eines großen Aufbruchs, die aufwändig inszenierten Verbesserungen seien erst der Anfang. Dass die Manipulation der öffentlichen Meinung so effektiv war verdankte sie vor allem auch der rücksichtslosen Unterdrückung aller gegenteiligen Stimmen.
Mit diesen Mitteln gelang es dem NS-Regime erstaunlich lange, sich breiten Rückhalt zu sichern und über den weniger erfreulichen Alltag hinweg zu trösten. Zudem geriet der eigentliche Zweck der NS-Politik – die Kriegsvorbereitungen – aus dem Blick. Vielen erschien der Krieg als Ereignis infolge höherer Umstände. Sie trennten daher später oft die Kriegsereignisse gedanklich von der optimistischen Vorkriegsperiode. Dadurch verfestigte sich rückblickend der Eindruck, der Nationalsozialismus habe doch auch seine „guten Seiten“ gehabt.
Wohlfahrt für die einen – Raub an den anderen
Wiederholt haben Historiker:innen die Ansicht vertreten, der Nationalsozialismus sei eine Art „Wohlfühldiktatur“ gewesen und habe durchaus eine Politik der Umverteilung verfolgt. Tatsächlich profitierte eine große Zahl von Menschen etwa von der Entrechtung, Beraubung und schließlich der Ermordung der jüdischen Bevölkerung.
Das lässt sich an einem einfachen Wiener Beispiel zeigen: Zwischen 1923 und 1933 errichtete das Rote Wien insgesamt rund 60.000 Gemeindewohnungen. Innerhalb von nur vier Jahren gelang es den Nazis, dieselbe Zahl an Wohnungen bereitzustellen – nicht, indem sie neue Wohnungen bauten, sondern indem sie die jüdischen Bewohner:innen aus ihren Wohnungen warfen.
Ebenso trifft zu, dass die Körperschaftsteuer auf Unternehmensgewinne während des Krieges schrittweise von 20 auf 55 Prozent angehoben wurde. Auch die höchsten Einkommenssteuersätze stiegen auf zuletzt 65 Prozent. Beides war im internationalen Vergleich allerdings keineswegs außergewöhnlich hoch: Großbritannien schöpfte einen wesentlich größeren Teil der kriegsbedingten Unternehmensgewinne ab. In den USA lag der höchste Steuersatz 1944 gar bei 94 Prozent.
Privateigentum, Kriegsindustrie und Arbeitspflicht statt Sozialismus
Auch sonst spricht wenig für die These, dass der NS-Staat wenn schon nicht ideologisch, so zumindest in der Praxis ein linkes Projekt gewesen sei. Ein sozialistischer Staat hätte zweifellos versucht, seine Macht zu nutzen, um Fabriken, Banken und Versicherungen zu enteignen. Die Nationalsozialisten machten keinerlei Anstalten in diese Richtung. Sie stellten das Privateigentum zu keinem Zeitpunkt infrage.
Befürworter der These vom „Nationalen Sozialismus“ verweisen deshalb häufig auf zwei Maßnahmen des NS-Regimes, die ihrer Ansicht nach mit einer freien Marktwirtschaft unvereinbar seien und daher klare Belege für „sozialistische“ Politik seien: die staatliche Lenkung der Wirtschaft durch den „Vierjahresplan“ von 1936 und die Gründung der „Hermann-Göring-Werke“ als staatlichem Großkonzern.
Der Vierjahresplan sollte die deutsche Wirtschaft möglichst schnell auf die Kriegsproduktion vorbereiten. Tatsächlich wurde die Freiheit der Unternehmen eingeschränkt, etwa durch Vorgaben für die Produktion, festgelegte Höchstpreise sowie eine strenge staatliche Kontrolle über ausländische Zahlungsmittel und die Ein- und Ausfuhr von Rohstoffen.
Rückgang der Armut gab es nur auf dem Papier
Die Hermann-Göring-Werke sollten für die Kriegswirtschaft besonders wichtige Bereiche wie Bergbau und Waffenproduktion zusammenführen und steuern. Außerdem sollten sie dabei helfen, die Wirtschaft der besetzten Staaten möglichst wirkungsvoll für die deutschen Kriegsziele auszubeuten. Vor allem sollten sie dazu beitragen, Deutschland wirtschaftlich unabhängiger vom Ausland zu machen. Daher sollten sie die eigentlich unrentable Herstellung von künstlichem Benzin oder die Verarbeitung minderwertiger Erze vorantreiben.
Ähnlich der NS-Steuerpolitik zur Finanzierung des Krieges waren auch solche kriegsbedingten staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft keine Besonderheit NS-Deutschlands. Ähnliche Maßnahmen gab es nach Kriegsbeginn auch in den alliierten Staaten.
In den USA übernahm etwa das neu geschaffene War Production Board die zentrale Steuerung wichtiger Teile der Wirtschaft. Auch in Großbritannien wurde die Wirtschaft in den Kriegsjahren streng gelenkt. Ebensowenig wie in Großbritannien und den Vereinigten Staaten bedeutete die Kriegswirtschaft in Deutschland jedoch einen Übergang zum Kommunismus. Zudem begann bereits 1942 die Überführung besonders gewinnbringender Unternehmensteile der Hermann-Göring-Werke in private Hand. Nach dem geplanten „Endsieg“ sollte auch der übrige Unternehmensverbund wieder privatisiert oder aufgelöst werden.
Auch die Behauptung, die Nationalsozialisten hätten zumindest den allgemeinen Wohlstand der von ihnen bevorzugten „arischen“ Mehrheit der Deutschen gesteigert, ist in dieser allgemeinen Form falsch. Die oft genannten Arbeitsbeschaffungsprogramme wie der Autobahnbau bestanden aus schlecht bezahlter, äußerst harter Arbeit und waren sehr unbeliebt.
Die hohen Ausgaben für die Rüstung sorgten zwar tatsächlich kurzfristig für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Rückgang der Armut bestand jedoch zum Teil nur auf dem Papier.

Den Wohlstand im Nazi-Deutschland gab es nur auf Pump
So stiegen die privaten Sparguthaben in der zweiten Hälfte der 1930er deutlich an. Dass mehr Geld auf den Konten war, lag allerdings auch daran, dass es schlicht nicht viel zu kaufen gab. Die Herstellung von Waren für den täglichen Bedarf wurde zugunsten der Rüstungsindustrie eingeschränkt. Dadurch sammelte sich in den Haushalten viel Geld an, das kaum ausgegeben werden konnte. Ähnliche Verhältnisse kennt man auch aus späteren Mangelwirtschaften in Osteuropa.
Den wenigsten Sparern dürfte außerdem bewusst gewesen sein, dass der NS-Staat, der 1936/37 praktisch pleite war, ihre Einlagen still und heimlich nutzte, um seine Kriegsvorbereitungen weiter zu finanzieren. Auch in dieser Hinsicht stand die wirtschaftliche Besserung auf recht wackligen Beinen. Der Aufschwung musste unweigerlich ein jähes Ende finden, wenn der mit großem Aufwand vorbereitete Raubkrieg nicht rechtzeitig begonnen und siegreich beendet werden konnte.
Nach Kriegsbeginn war ein Grundsatz der NS-Kriegspolitik, Hunger um jeden Preis zu verhindern – allerdings nur für Deutsche. Hintergrund war die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, als der jahrelange Hunger die Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung immer stärker hatte schwinden lassen.
Raub als soziale Beruhigung
Um die Wiederholung eines solchen Szenarios zu verhindern, wurden die durch Deutschland unterworfenen Staaten rücksichtslos ausgeplündert. Davon profitierten auch zehntausende einfache Soldaten. Durch einen künstlich hoch gehaltenen Wechselkurs konnten sie in den besetzten Gebieten sehr günstig einkaufen und massenhaft Pakete mit Waren nach Hause schicken, die man dort schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.
Die deutsche Bevölkerung profitierte also ohne Zweifel von der Besatzung und dem staatlich organisierten Diebstahl. Diese Komplizenschaft hatte vor allem eine stabilisierende Wirkung: Das Leben der Deutschen verschlechterte sich nicht so stark, wie es ohne das NS-Raubprogramm der Fall gewesen wäre. Hungerkrawalle, wie es sie während dem ersten Weltkrieg gegeben hatte, blieben völlig aus. Zu einer Auflehnung gegen die Kriegspolitik kam es nicht.
Der groß angelegte Diebstahl im besetzten Europa diente nicht dazu, einen deutsch-völkischen Sozialismus aufzubauen. Vielmehr sollte er verhindern, dass es in Deutschland zu Unruhen kam.
Fazit: Was vom „Nationalen Sozialismus“ übrig bleibt
Die Nazis übernahmen in ihrer Aufstiegsphase bewusst Methoden und Symbole der Linken, um auch unter Arbeitern Unterstützung zu gewinnen. Die führenden Vertreter des NS-Regimes verstanden sich jedoch keineswegs als „Sozialisten“. Auch die tatsächliche NS-Sozialpolitik war vor allem von großen Versprechen geprägt. Umgesetzt wurden die vollmundigen Verheißungen selten bis gar nicht.
Dass der Staat stark in die Wirtschaft eingriff und Gewinne besteuerte, diente nicht der Umverteilung von Wohlstand. Solche Maßnahmen ergaben sich vielmehr aus den Anforderungen der Kriegswirtschaft – unabhängig vom jeweiligen politischen System. Ähnliche Eingriffe gab es deshalb auch auf Seiten der Alliierten.
Die „Volksgemeinschaft“ blieb ein Trugbild
Das stark beworbene Ziel einer nationalen „Volksgemeinschaft“, in der Arbeitnehmer und Arbeitgeber miteinander „versöhnt“ sein sollten, blieb ein Phantasma. In Wirklichkeit verloren die Beschäftigten viele ihrer Rechte. Staatliche Propaganda, ständige politischer Aktivismus und phantastische Versprechen einer glänzenden Zukunft konnten darüber aber zumindest zeitweise erfolgreich hinwegtäuschen.
Langfristig sollte die geplante Besiedlung und Beherrschung Osteuropas dazu dienen, soziale Konflikte in Deutschland zu entschärfen – auf Kosten von Millionen versklavter oder ermordeter Menschen. Aber auch dann wären die sozialen Unterschiede zwischen den sogenannten „Herrenmenschen“ nicht verschwunden. Nicht zuletzt hatte die Führung des NS-Regimes daran auch selbst kein Interesse. Schließlich diente ihr die Machtübernahme, in den Worten Hermann Görings, nicht zuletzt dazu, auch persönlich „anständig zu leben“.
Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.



































Frauenbild und Frauenrechte sind bei der Beurteilung einer politischen Bewegung immer sehr aufschlussreich. Leider wird das nicht gemacht:analysen von Männern für Männern. Aber schon Adornos „Autoritäre Persönlichkeit hatte in der Originalausgabe ein Kapitel über „rechte“ Frauen im Anhang.
„Linke“ kennen das Grundprinzip des Lebens in der Gemeinschaft, dass nämlich Freude bereiten freut und Schmerz bereiten weh tut. „Rechte“ sind nicht in der Lage, dies zu erkennen und halten es daher für ein Naturgesetz, dass der Stärkste und Rücksichtsloseste sich eben durchsetzt und sie nur in dessen Schatten sicher sind. Oder???