Hedi Schnabl Argent wurde 1929 in Schwechat geboren. Schon als Kind erlebte sie Antisemitismus und Ausgrenzung. Nach dem „Anschluss“ schloss man sie von der Schule aus. Die Nationalsozialisten arisierten die Anwaltskanzlei ihres Vaters und die Wohnung der Familie, später nahmen sie den Vater fest. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs floh die Familie nach England. Dort arbeitete Hedi Schnabl Argent als Sozialarbeiterin, veröffentlichte zahlreiche Sachbücher und erhielt für ihr Engagement den Orden „Member of the British Empire“. Am 5. Mai 2026 erzählt sie ihre berührende und ermutigende Geschichte im österreichischen Parlament anlässlich des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus.
„Meine Geschichte hat Gutes und Schlechtes“
Meine Damen und Herren, Schüler und Schülerinnen. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass es keine guten oder schlechten Menschen gibt. Es gibt nur normale Menschen, die Schlechtes oder Gutes machen können. Und Nicholas Winton, der viele jüdische Kinder gerettet hat, schrieb einmal:
„Sei nicht zufrieden, nichts Schlechtes zu machen. Schau jeden Tag, etwas Gutes zu tun.“
Da wir heute zur Erinnerung an 6 Millionen ermordete Juden zusammenkommen und weil der Antisemitismus in der Welt wieder stärker und bedrohlicher geworden ist, ist es vielleicht der richtige Moment, auch von Guten zu sprechen. Meine Geschichte hat Gutes und Schlechtes.
Eines Tages in Österreich, im Jahre 1933, als ich vier Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater spazieren. Es war ein herrlich schöner Tag. Die Sonne hat geschienen. Mein Vater war ein Strafverteidiger und hat seinen Beruf geliebt. Wir waren auf unserem Weg nach Hause, als ein Mann, der meinem Vater Geld schuldet, uns anhält und schreit: „Einen dreckigen Juden bezahle ich nicht!“, meinen Vater anspuckt und wegläuft. Ich weine und mein Vater versuchte, mich zu trösten. Er erklärt mir, dass Juden nicht dreckig sind, aber dass es Menschen gibt, die Juden nicht mögen.
Und das heißt Antisemitismus. Ein neues Wort für mich. Ich habe es noch nie gehört. Aber ich habe verstanden, was es heißt. Es heißt, dass Leute mich nicht mögen, weil ich Jüdin bin.
Mutige Menschen „veränderten alles“
Ich bin ein Einzelkind. Aber ich habe einen Cousin, der Bubi heißt. Wir nennen ihn Bubi. Auch als er schon ein großer Bub ist. Es macht ihm nichts. Er war immer sehr lieb. Und er ist mehr als ein großer Bruder, als ein Cousin. Wir verbringen unsere Freizeit zusammen und sind glückliche Kinder. Abgesehen davon, was die Schule angeht. An meinem ersten Schultag, als ich sechs Jahre alt bin, nennt mich jemand eine dreckige Jüdin. Und ich lerne, wie sich Antisemitismus anfühlt. Nicht nur, was es bedeutet.
Es fängt mit Worten an, aber auf Worten folgen bald auch Taten. Niemand will mit mir spielen, weil ich Jüdin bin. Ich muss immer hinten in der Klasse stehen oder sitzen, weil ich Jüdin bin. Ich wurde nie gewählt für Mannschaftsspiele oder schöne Sachen, die in der Schule vorgehen. Weil ich Jüdin bin.
Ich habe den Unterricht sehr gern. Aber ich gehe nicht gern in die Schule. Und dann, eines Tages, verändert sich alles. Ein Mädchen namens Gerti kommt auf mich zu und sagt: „Willst du mit mir spielen?“ Und ich sage: „Ohja!“ Und dann spielen wir zusammen. Bald spielen wir jeden Tag miteinander. Gerti ist meine erste Freundin. Eines Tages frage ich Gerti, „wieso spielst du eigentlich mit mir? Weißt du nicht, dass ich Jüdin bin?“ Und Gerti antwortet:
„Meine Mutter hat gesagt, das spielt keine Rolle, was man ist, solange man lieb und ehrlich ist. Sie hat gesagt, ich muss nicht tun, was alle anderen tun. Ich muss tun, was ich richtig finde.“
Ich habe Gerti und ihre Mutter schon immer für zwei der mutigsten Menschen gehalten, denen ich je begegnet bin. Es ist nicht leicht, das Richtige zu tun. Für Gerti wäre es einfacher gewesen, sich wie die anderen Kinder zu benehmen und so zu tun, als ob sie die schlimmen Dinge nicht bemerken würde. Denn Kinder hören auf, mit ihr zu spielen, weil sie mit mir spielt. Gerti und ihre Mutter sind Menschen, die Gutes machen.
17 Familienmitglieder wurden im Holocaust ermordet
Der Tag, der unser Leben für immer verändern wird, ist der 13. März 1938. Wir sind bei unseren christlichen Nachbarn und hören Radio. Wortlos, verzweifelt. Weil wir sicher sind, dass der Anschluss unmittelbar bevorsteht. Ich bin acht Jahre alt, aber ich verstehe, was vorgeht. Ich sehe meine geliebte Frau, Dr. Grete Richter und ihre Eltern weinen voller Hilflosigkeit. Was werden sie jetzt tun? Österreich wird nie wieder dasselbe Land sein. Wie werden sie jetzt ihr anständiges Leben weiterführen? Und dann sehe ich meinen normalerweise hoffnungsvollen Vater, wie er aufsteht und sich an die Stirn schlägt und mit einer zitternden Stimme, die ich noch nie gehört habe, sagt: „Es geht nicht darum, wie wir Juden leben werden. Es geht um unsere Existenz.“ Und mein Vater hatte recht. Ich wurde am nächsten Tag von der Schule verwiesen. Innerhalb einer Woche wurde die Kanzlei meines Vaters von einem Nazi-Anwalt übernommen.
Wir wurden noch vor Ende des Monats von einer Nazi-Familie aus unserer Wohnung vertrieben. Und schließlich wurden 17 Mitglieder unserer eigenen Familie im Holocaust ermordet.
Mutige Wärter und Nachbarn, die Widerstand leisten
Mein Vater wird jetzt regelmäßig mitten in der Nacht aufgeweckt und in seinem Schlafanzug auf die Straße gebracht, um Gehsteige und öffentliche Toiletten zu putzen. Er hat alles gemacht, aber als der Befehl kam, „Dreckiger Jude“ auf einem jüdischen Schaufenster zu pinseln, weigerte er sich. Ein Mann in Naziuniform, marschierte mit ihm weg, und mein Vater dachte, er wäre auf dem Weg nach Dachau. Aber der Mann bringt meinen Vater nach Hause und sagt zu meiner Mutter: „Geben Sie Acht auf ihn.“ Und meine Mutter antwortet: „Sie sind ein mutiger Mann.“
Ich habe gelernt, dass es selbst in den schlimmsten Zeiten Menschen gibt, die Gutes tun können.
Unsere christlichen Nachbarn sind auch Menschen, die äußerst mutig und Gutes tun. Als ich einen kleinen Unfall habe, bringt mich Frau Dr. Richter ins Krankenhaus, wo man sie kennt, aber wo Juden nicht mehr hingehen dürfen. Sie riskiert ihren Posten und eine harte Bestrafung, um meinen rechten Mittelfinger zu retten. Sie sagt, dass ich Elfi Bings heiße und eine Verwandte bin.
Nach dem Krieg besucht Dr. Richter uns in England. Sie denkt, dass ihre beiden Eltern aus Scham gestorben sind. Scham davor, was aus Österreich geworden war.
Andere zu verteidigen, brachte einen ins Gefängnis
Ein besonderer Morgen erscheint erst wie jeder andere Morgen. Wir frühstücken zusammen, bevor mein Vater zur Arbeit geht. Er ist von einer großen Anwaltskanzlei angenommen worden, inoffiziell und vorübergehend als Assistent. Heute hat mein Vater eine Zeitung gekauft, so wie er es immer tut. Und er liest sie, während er seinen Tee mit Zitrone trinkt. Er gibt uns wie immer einen Abschiedskuss und hinterlässt die Zeitung für meine Mutter.
Wir sehen ihm durchs Fenster nach und meine Mutter setzt sich wieder nieder mit der Zeitung. Und da sieht sie es sofort auf der Titelseite. Dort steht der Name meines Vaters. Er hat einen Mann verteidigt, der beschuldigt war, einen gefälschten Pass zu halten. Und mein Vater hat zum Richter gesagt:
„In einem Land, das die Verfolgung von Menschen legalisiert, kann es nicht ein Verbrechen sein, einen Pass zu fälschen, um dieser Verfolgung zu entgehen.“
In der Zeitung steht, dass mein Vater verhaftet werden wird. Und so war es. Er hat seine sechs Wochen Strafe verbüßt. Hier in Wien, in der Rossauer Kaserne. Er hat sich erniedrigen lassen, doch er hat einen Befehl verweigert, einem jüdischen Mitgefangenen zur Belustigung der Gefängniswärter eine Ohrfeige zu geben. Erstaunlicherweise überlebte er das, weil ein Wärter ihn wegführt und wieder in seiner Zelle einsperrt. Der Tag der versprochenen Freilassung war auch der Tag der schlimmsten judenfeindlichen Taten in Wien. Das November-Pogrom, die „Kristallnacht“, 8. bis 10. November 1938. Derselbe Wärter versteckt meinen Vater für zwei Tage in einem Kohlenkeller, bis alles wieder mehr oder weniger ruhig ist. Mein Vater kommt zurück. Schmutzig und mager, aber er kommt zurück.
Die meisten seiner Freunde und Kollegen sind verschwunden. Dieser Wärter kannte meinen Vater als angesehenen Anwalt. Wir hoffen, dass er nie bestraft wurde für seine guten Taten. Meine Mutter, mein Vater und ich kommen am 17. Juni 1939 nach England.
Wir gehören zu den wenigen, die Glück gehabt haben.
„Sie haben mir geholfen, mich mit meinem Vaterland zu versöhnen“
Bubi und seine Eltern. Und unsere Großmutter, die mit ihnen gelebt hat, haben kein solches Glück. In den letzten Jahren habe ich eine Gruppe von jungen Österreichern kennengelernt. Sie sagen mir, dass sie nicht mehr jung sind, aber für mich werden sie immer jung bleiben. Sie sind Archäologen und Historiker. Einer von ihnen ist ein Krankenpfleger und einer ist der Urgroßcousin von Gerti, meiner ersten Freundin. Sie sind heute alle hier.
Sie haben mir geholfen, mich mit meinem Vaterland zu versöhnen. Sie machen viel Gutes. Zusammen haben wir einen Gedenkstein für Bubi am Friedhof in Wels aufgestellt. Bubi ist aus Gunstkirchen befreit worden am 5. Mai 1945 und ist einen Tag später im Wels Krankenhaus gestorben. Zwei Monate vor seinem 17. Geburtstag. Auf seinem Gedenkstein steht der Anfang von einem Gedicht von Heinrich Heine. „Mein Kind. Wir waren Kinder. Zwei Kinder, klein und froh.“
Thank you for inviting me to speak here today and for listening to my very halting German. I would like to think of this event as a tribute to my parents, Lisa and Max Schnabel. Thank you very much.



































