Von FPÖ-Justizminister Harald Ofner 1984 bis zum heutigen FPÖ-Chef Herbert Kickl 2026: Vier Jahrzehnte lang haben Politiker von FPÖ und ÖVP Gewalt gegen Kinder verharmlost. Wir haben ihre Aussagen dokumentiert.
Am 1. Mai 2026 stand FPÖ-Chef Herbert Kickl auf dem Urfahraner Jahrmarkt in Linz. Er sprach von der „guten alten Zeit“. Dazu deutete er mit der Hand eine Ohrfeige an. ÖVP, SPÖ, NEOS und Grüne reagierten im Bundesrat mit einem Antrag für gewaltfreie Erziehung. Nur die FPÖ stimmte nicht dafür.
Wer denkt, das war ein Ausrutscher, der irrt. In der österreichischen Rechten gibt es eine lange Tradition: Immer wieder reden konservative und rechte Politiker die „gsunde Watschn“ klein.
2026: Herbert Kickl (FPÖ), Bundesparteichef
Am 1. Mai 2026 sprach Kickl auf dem Urfahraner Jahrmarkt in Linz. Er schwärmte von früher, „als der Lehrer noch eine Respektsperson gewesen sei“. Wenn „Ausländer in den Schulklassen“ nicht „gespurt“ hätten, habe der Lehrer „ein bisserl nachgeholfen“. Dazu deutete Kickl mit der Hand eine Ohrfeige an. Dann sagte er: „Und das hat niemandem geschadet, wenn ich es einmal so sagen darf.“
Im Bundesrat reagierten ÖVP, SPÖ, NEOS und Grüne mit einem gemeinsamen Entschließungsantrag. Die Regierung soll am Internationalen Tag der Kinderrechte am 20. November 2026 ein „unumstößliches Bekenntnis zur gewaltfreien Erziehung und Pädagogik“ setzen. Der Antrag wurde mit den Stimmen von ÖVP, SPÖ, NEOS und Grünen angenommen, die FPÖ stimmte nicht zu. FPÖ-Bundesrat Andreas Spanring erklärte, Kickl sei „bewusst missverstanden“ worden.

2019: Waltraud Klasnic (ÖVP), Ex-Landeshauptfrau und Opferschutzanwältin
Waltraud Klasnic war von 1996 bis 2005 ÖVP-Landeshauptfrau der Steiermark. Danach leitete sie bis Ende 2025 die Opferschutzkommission der katholischen Kirche. Diese Stelle kümmert sich um Menschen, die in kirchlichen Einrichtungen Gewalt oder Missbrauch erlebt haben.
Im April 2019 gab Klasnic dem Magazin „DATUM“ ein Interview. Darin sagte sie über ihre eigenen Söhne: „Natürlich hat er eine gekriegt, beide haben hin und wieder eine gekriegt.“ Auf die Frage, ob es eine andere Zeit gewesen sei, antwortete sie: „Na ja, es war ja nicht Gewalt. Es war eine flotte Detschn. Sie haben meine Buben nicht gekannt. Sie sind inzwischen 53 und 55 und lachen dazu. Und so viel haben sie auch nicht gekriegt.“
Klasnic bedauerte ihre Handlung später in einer Stellungnahme.
2012: Uwe Scheuch (FPK), Bildungsreferent und Landeshauptmann-Stellvertreter in Kärnten
Im Mai 2012 war Uwe Scheuch in der ORF-Sendung „Streitkultur“ zu Gast. Er wollte, dass Lehrer mehr Macht in der Schule bekommen. Dann sagte er: „A klane Tetschn“ würden Kinder und Jugendliche „durchaus vertragen. Wir sind alle so groß geworden, und aus uns allen ist etwas geworden.“
Auf Nachfrage versuchte er, sich rauszureden. „Eine ‚Tetsch’n‘ und eine ‚Watschen‘ sind zwei ganz unterschiedliche Dinge“, sagte er im ORF. Das Problem: Das österreichische Wörterbuch sagt etwas anderes. Dort steht für beide Wörter dasselbe: „Ohrfeige“.
2012: Gerhard Dörfler (FPK), Landeshauptmann von Kärnten
Die Opposition und sogar der Koalitionspartner ÖVP forderten den Rücktritt von Scheuch. Doch der Kärntner Landeshauptmann verteidigte ihn. Eine gesunde Watsche, vor allem die „Watsche unter Männern“, sei doch um Himmels willen keine Züchtigung, sagte Gerhard Dörfler. Er selbst hätte in der Schule viele davon erhalten und sie alle verdient. „Keine davon hat mir geschadet.“
2012: Rudolf Taschner (ÖVP), späterer Bildungssprecher
Im Januar 2012 schrieb der Mathematiker Rudolf Taschner eine Kolumne in der „Presse“ über die elterliche Ohrfeige. Taschner zog 2017 für die ÖVP in den Nationalrat ein und ist seit März 2025 wieder Abgeordneter.
Taschner verglich die Ohrfeige mit einem Gewitter: „Auf der einen Seite das Gewitter mit dem kurzen, reinigenden Schmerz, verbunden mit dem Wissen, dass gleich danach die Sonne wieder scheinen würde. Wohl auch deshalb, weil die Eltern das Entgleiten ihrer Hand sofort danach selbst insgeheim bedauerten.“
Die andere Erziehung sei viel schlimmer, schrieb Taschner. Sie sei „die lang anhaltende Düsternis der bösen, peinigenden Unwetterstimmung“. Sein Schluss: „Beides erlebt: kein Vergleich!“

1984 und 1989: Harald Ofner (FPÖ), Justizminister
Die Journalistin Anneliese Rohrer erinnert in einem Kommentar für die „Presse“ vom 18. Mai 2012 daran, dass der damalige FPÖ-Justizminister Harald Ofner schon 1984 in einer „g’sunden Watschen“ keinen Schaden erkennen konnte. 1989 wiederholte er die Aussage.
Ofner war bis 1987 österreichischer Justizminister. Davor war er Chef der FPÖ Niederösterreich. Er starb am 8. April 2026 im Alter von 93 Jahren.
Seit 1989 ist Gewalt gegen Kinder in der Erziehung in Österreich verboten
Seit 1. Juli 1989 ist Gewalt in der Erziehung in Österreich verboten. Das Verbot steht heute im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB), in Paragraf 137. Österreich war damit weltweit das vierte Land mit einem solchen Verbot, nach Schweden, Finnland und Norwegen.
Seit 2011 steht das Recht auf gewaltfreie Erziehung auch in der österreichischen Verfassung. Artikel 5 des Bundesverfassungsgesetzes über die Rechte von Kindern sagt klar: Jedes Kind hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexueller Missbrauch und andere Misshandlungen sind verboten.
(maximal 5 Antwortmöglichkeiten)


































