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Macht vor Moral: Die Europäische Volkspartei macht den Rechtsextremen zunehmend den Steigbügelhalter

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Macht vor Moral: Die Europäische Volkspartei macht den Rechtsextremen zunehmend den Steigbügelhalter

Foto: Unsplash & Parlamentsdirektion/Johannes Zinner & Parlamentsdirektion/WILKE

Evelyn Regner Evelyn Regner
in Europa, Gastbeiträge
Lesezeit:5 Minuten
22. Januar 2026
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Die Europäische Union steht vor einem gefährlichen Wendepunkt. Während rechtsextreme Kräfte versuchen, das europäische Projekt von innen auszuhöhlen, beginnt ausgerechnet die stärkste proeuropäische Fraktion, die Europäische Volkspartei (EVP), damit, ihre eigenen roten Linien zu überschreiten. Wenn demokratische Parteien aus Machtkalkül mit jenen paktieren, die Europa schwächen wollen, gerät nicht nur eine Brandmauer ins Wanken – sondern das Fundament der europäischen Demokratie selbst. Ein Gastkommentar von der SPÖ-Europaabgeordneten Evelyn Regner. 

Sie sind präsent, sie sind laut und sie inszenieren sich mit einem Selbstbewusstsein, das keinen Widerspruch duldet. Die Rede ist von den „Patrioten“ für Europa. Doch ihr Anspruch auf Patriotismus endet dort, wo Europa als gemeinsames Projekt beginnt. Genau an diesem Punkt wird es gefährlich, wenn Nationalismus als Patriotismus verkauft wird. Wenn versucht wird, zu spalten, statt zu verbinden. Dann wird es auf unserem Kontinent wieder dunkel. Denn gerade in diesen Zeiten brauchen wir ein starkes Europa, stärker als je zuvor.

Aber nicht nur die rechtsextremen Parteien sind eine Gefahr für Europa, sondern auch diejenigen, die ihnen sogar noch als Steigbügelhalter dienen und das ist zunehmend die Europäische Volkspartei (EVP).

Die Europäische Volkspartei stellt die stärkste Fraktion im Europäischen Parlament und galt seit jeher als klar proeuropäische Kraft. Eigentlich. Seit den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2024 hat sich das politische Klima hier in Brüssel spürbar verschoben. Zwar ist die Europäische Volkspartei weiterhin die stimmenstärkste Fraktion, gefolgt von den Sozialdemokraten, doch erstmals nehmen die „Patrioten für Europa“ die Rolle der drittstärksten Kraft ein. Dahinter folgen mit den Europäischen Konservativen und Reformern eine weitere rechtsaußen positionierte Fraktion, erst danach kommen Liberale, Grüne und Linke.

Im Europäischen Parlament hat sich somit eine klare rechts-konservative Mehrheit herausgebildet. Vor allem jene Parteien, die sich selbst als „Patrioten für Europa“ bezeichnen, eint ein zentrales Ziel: das Projekt der Europäischen Union zu schwächen, wenn nicht gar zu zerstören.

Cordon sanitaire: Europas demokratische Schutzlinie

Gerade aus diesem Grund hat sich im Europäischen Parlament eine pro-europäische Allianz gebildet, in der Sozialdemokraten, Liberale, Grüne, Linke und sogar Teile der Konservativen einschließlich der Europäischen Volkspartei übereingekommen sind, das europäische Projekt zu verteidigen. Dies bedeutet vor allem, die Zusammenarbeit mit jenen Bewegungen konsequent zu verweigern, deren erklärtes Ziel nicht Fortschritt, sondern die Aushöhlung der Europäischen Union ist.

In Europa arbeiten Rechtsextreme und EVP zunehmend zusammen.
Die Europäische Volkspartei stellt die stärkste Fraktion im Europäischen Parlament, gefolgt von den Sozialdemokraten und den „Patrioten für Europa“.

Um das europäische Projekt, also die Europäische Union zu schützen, haben sich die genannten proeuropäischen Kräfte zusammengeschlossen und den sogenannten Cordon sanitaire gebildet. Der Begriff stammt aus dem Französischen und bedeutet „Schutzzone“, ist im Deutschen aber vor allem als Brandmauer bekannt. Dieser Cordon sanitaire besagt unmissverständlich, dass eine Zusammenarbeit mit rechtsextremen Parteien unter keinen Umständen infrage kommt. Denn wir stehen für Europa, für Menschenrechte, für Freiheit und für Demokratie.

Mit jenen zusammenzuarbeiten, die dieses Fundament angreifen oder zerstören wollen, ergibt, wenn man ehrlich ist, schlicht keinen Sinn. Doch nun beginnt unsere europäische Brandmauer zu fallen, wenn sie nicht bereits gefallen ist. Denn in mindestens 16 Fällen hat sich die Europäische Volkspartei bewusst entschieden, gemeinsam mit den rechtsextremen „Patrioten für Europa“ abzustimmen oder mit ihnen politische Bündnisse einzugehen. Sechzehn Mal. Und vermutlich sogar öfter. In 16 Fällen war das Vorgehen jedoch so eindeutig, dass es sich nicht länger als Zufall abtun lässt.

Es muss klar gesagt werden, dass die Europäische Volkspartei genau weiß, dass sie gemeinsam mit den rechtsextremen Patrioten und den rechtskonservativen Kräften im EU-Parlament eine stabile Mehrheit bilden kann. Also eine Mehrheit außerhalb der Brandmauer.

Ein Tabubruch beim Lieferkettengesetz

Einer der wohl aufsehenerregendsten Fälle, in denen die EVP gemeinsam mit den rechten Patrioten abstimmte und damit ihr eigenes Bekenntnis zu Europa und zur europäischen Demokratie brach, war die Aushöhlung des Lieferkettengesetzes.

Im Februar 2025 schlug die Europäische Kommission das Omnibus-Paket vor, um EU-Vorschriften unter anderem eben auch beim Lieferkettengesetz zu „vereinfachen“. Klingt harmlos, ist aber ein Rückschritt mit gravierenden Folgen für Mensch, Umwelt und Wirtschaft. Nur noch die größten Firmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und einem Umsatz über 50 Millionen Euro müssen künftig Nachhaltigkeitsberichte liefern. Rund 80 Prozent der bisherigen Berichte würden wegfallen und somit würden wichtige Risiken unsichtbar bleiben. Unternehmen wurden erneut aus ihrer Verantwortung entlassen. Weitaus problematischer als der Kommissionsvorschlag selbst war jedoch zu beobachten, in welchem Ausmaß die Europäische Volkspartei ihren eigenen, mitunterzeichneten Cordon sanitaire und die europäischen Grundwerte preisgab.

Mit dem Lieferkettengesetz wäre es erstmals möglich gewesen, Unternehmen wirksam in die Verantwortung zu nehmen und sie für verursachte Schäden haftbar zu machen. Stattdessen begann die EVP, mit den rechtsnationalen „Patrioten für Europa“ zu paktieren. Sie wusste genau, dass sie mit diesen zerstörerischen Kräften eine Mehrheit bilden konnte, und nutzte dies schamlos aus, um die Interessen einiger weniger Großkonzerne durchzusetzen. Macht vor Moral also.

Einer der wohl aufsehenerregendsten Fälle, in denen die EVP gemeinsam mit den rechten Patrioten abstimmte, war die Aushöhlung des Lieferkettengesetzes.

dpa-Recherchen belegen Zusammenarbeit bei der EU-Migrationspolitik

Recherchen der dpa aus dem März 2026 zeigen, dass die EVP im Europaparlament enger mit rechten Parteien kooperiert. Demnach arbeiteten Abgeordnete der Fraktion gemeinsam mit Vertreter:innen der AfD sowie anderer rechter Parteien an einem Gesetz zur Verschärfung der Migrationspolitik. Die Zusammenarbeit fand laut Bericht in einer Chatgruppe und bei einem persönlichen Treffen statt.

Kurz nach dem Treffen erhielt der Gesetzesvorschlag im zuständigen Ausschuss die nötige Mehrheit. Neben der EVP stimmten auch rechte Abgeordnete dafür, darunter die AfD-Politikerin Mary Khan. Der Entwurf sieht vor, Asylsuchende in „Return Hubs“ außerhalb der EU abzuschieben.

Warum die Brandmauer mehr ist als ein politisches Symbol

Das Problem mit Macht ist ja oft, dass jene, die sie besitzen, allzu leicht glauben, sie rechtfertige ihren bedingungslosen Einsatz. Doch genau das ist in einer Demokratie gefährlich. Denn Macht ist kein Selbstzweck, sondern immer an Verantwortung, Regeln und Werte gebunden. Einer Teil dieser Verantwortung ist, die Brandmauer aufrechtzuerhalten. Denn die Geister, die man ruft, die wird man auch nicht mehr so schnell los.

Demokratie mag ein fragiles System sein, aber das Allerbeste, das wir haben. Sie lebt vom Ausgleich, vom Respekt voreinander und von der Bereitschaft, Macht zu begrenzen, selbst wenn man sie gerade innehat. Wo dieser Respekt schwindet, wird Demokratie ausgehöhlt, oft nicht laut und abrupt, sondern schleichend. Genau deshalb ist es so gefährlich, wenn demokratische Kräfte beginnen, ihre eigenen Prinzipien zugunsten kurzfristiger Machtgewinne zu relativieren. Denn was heute als pragmatischer Schritt verkauft wird, kann morgen das Fundament untergraben, auf dem unsere europäische Demokratie ruht. Doch noch ist nichts verloren.

Demokratie mag zwar fragil sein, sie ist aber auch besonders lernfähig. Sie lebt vom Widerspruch, von öffentlicher Kritik und von Menschen, die nicht bereit sind, das schleichende Verschieben von Grenzen hinzunehmen. Gerade auf europäischer Ebene gibt es nach wie vor starke Kräfte, innerhalb und außerhalb der Parlamente, die für Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und ein solidarisches Europa einstehen. Die Brandmauer ist kein Naturgesetz. Sie ist eine bewusste politische Entscheidung und kann jederzeit erneuert, gestärkt und verteidigt werden. Es liegt an den demokratischen Parteien und der Zivilgesellschaft, aber auch Unternehmen, insbesondere an jenen mit großer Macht, sich daran zu erinnern, warum Europa einst gegründet wurde. Nämlich aus Verantwortung. Verantwortung für das Gemeinsame vor dem Trennenden. Zeit für mehr Europa-Patriotismus.

Europas Städte im Stundentakt: Die EU baut bis 2040 das Netz für Schnellzüge massiv aus

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Demokratie

Demokratie bedeutet „Volksherrschaft“. In modernen Demokratien entscheidet die Bevölkerung meist nicht über jede Frage selbst, sondern wählt Vertreterinnen und Vertreter. Diese treffen politische Entscheidungen im Parlament oder in der Regierung. Wichtig sind freie und faire Wahlen, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und der Schutz von Minderheiten. Auch Mehrheiten müssen sich an die Verfassung halten. In Österreich dürfen österreichische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ab 16 Jahren bei Nationalratswahlen wählen. Bei Wahlen entscheiden sie, welche Parteien und Personen sie im Parlament vertreten sollen. Das nennt man repräsentative Demokratie. Zu einer Demokratie gehört auch Meinungsfreiheit. Menschen dürfen ihre Meinung äußern und die Regierung kritisieren. Die Meinungsfreiheit hat aber Grenzen, zum Beispiel wenn jemand andere bedroht, gegen Gruppen hetzt oder nationalsozialistische Verbrechen leugnet oder verharmlost. In einer

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Das Europäische Parlament

Auf einen Blick Rolle: Direkt gewähltes EU-Organ mit Zuständigkeit für Gesetzgebung, Aufsicht und Haushalt Mitglieder: 705 Mitglieder des Europäischen Parlaments Präsident: David Sassoli Gegründet: 1952 als Gemeinsamen Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, 1962 als Europäisches Parlament, erste direkte Wahl 1979 Standort: Straßburg (Frankreich), Brüssel (Belgien), Luxemburg Das Europäische Parlament ist die einzige direkt von den europäischen Bürgerinnen gewählte Institution der EU. Die 705 EU-Parlamentarier, auch Mitglieder des Europäischen Parlaments (MEP) genannt, vertreten 450 Millionen Bürger aus allen 27 Mitgliedsstaaten. Sie sind in acht politische Fraktionen unterteilt. Alle zweieinhalb Jahre (also zwei Mal in jeder Legislaturperiode) wählen sie einen neuen Präsidenten bzw. eine neue Präsidentin aus ihrer Mitte. Logo des Europäischen Parlaments Das EU-Parlament ist das gesetzgebende Organ

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Menschenrechte

Menschenrechte sind Rechte, die jedem Mensch zustehen – aus dem alleinigen Grund, dass er oder sie ein Mensch ist. Menschenrechte gelten für jeden Menschen (Gleichheitsaspekt) und gelten überall auf der Welt. Es dürfen keine Unterschiede nach Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Herkunft, politischer Überzeugung oder aus anderen Gründen gemacht werden. Alle Menschen haben die gleichen Rechte – die Menschenrechte sind daher Gleichheitsrechte und erlauben keine Diskriminierung. Sie werden auch als angeboren, unverletzlich, unveräußerlich und unabhängig von der Staatsangehörigkeit bezeichnet. Der Tag der Menschenrechte wird am 10. Dezember gefeiert. Es ist der Gedenktag zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde.

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Die Europäische Kommission

Auf einen Blick Aufgabe: Vorschläge für neue europäische Rechtsvorschriften und deren Durchsetzung. Setzt Strategien um und verwaltet das Budget. Mitglieder: Ein Team, „Kollegium“ genannt, bestehend aus je einem Kommissar je EU-Mitgliedsstaat Präsidentin: Ursula von der Leyen Gegründet: 1958 Standort: Brüssel (Belgien) Das Logo der Europäischen Kommission Die Europäische Kommission ist das unabhängige Leitungsorgan der EU. Ihre 27 Mitglieder, die Präsidentin und 26 Kommissarinnen und Kommissare, werden jeweils von den Regierungen der Mitgliedsstaaten ernannt. Das heißt also, dass jedes EU-Land einen Kommissar bzw. eine Kommissarin entsenden darf. Diese Kommissare schwören aber bei ihrer Angelobung, unabhängig und nur im Sinne der gesamten EU zu handeln. Die Europäische Kommission. Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung Derzeitige Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Den Kommissaren steht

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Rechtsstaatlichkeit

In einem Rechtsstaat darf der Staat nicht einfach tun, was er will. Behörden wie die Polizei oder das Finanzamt dürfen nur handeln, wenn es dafür eine gesetzliche Grundlage gibt. Auch Gerichte sind an die Verfassung und die Gesetze gebunden, entscheiden aber unabhängig. Das heißt, ihr Handeln ist durch Recht (geltende Gesetze) begrenzt.  Rechtsstaatlichkeit bedeutet auch: Der Staat muss Menschen nach sachlichen Regeln behandeln. Niemand darf willkürlich bevorzugt oder benachteiligt werden. Manche Grundrechte gelten für alle Menschen, andere Rechte – wie das Wahlrecht – nur für Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Der Staat darf Menschen nur dann unterschiedlich behandeln, wenn es dafür einen sachlichen Grund gibt. Verboten ist willkürliche oder diskriminierende Ungleichbehandlung. Zum Beispiel: Wenn dich die Polizei anhält, weil du bei Rot

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