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Fabriksbestzung in Italien: Entlassene Arbeiter:innen organisieren sich als Genossenschaft und wollen eigenen Betrieb aufbauen

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Protest des Fabrikkollektivs, 2022 (Foto: Wikimedia Commons/Matteo Guardini)

Protest des Fabrikkollektivs, 2022 (Foto: Wikimedia Commons/Matteo Guardini)

Sarah Hammerschmid Sarah Hammerschmid
in Arbeit & Freizeit, Europa, Internationales
Lesezeit:7 Minuten
2. Februar 2026
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Im Sommer 2021 wurde die Autoteile-Fabrik GKN in der Nähe der italienischen Stadt Florenz geschlossen, über 400 Arbeiter:innen verloren ihren Job. Seither besetzt ein Teil von ihnen das Gebäude bis jetzt – also über vier Jahre lang. Ihr Ziel: Sie wollen Solarpaneele und Elektro-Lastenräder herstellen und damit die Fabrik ökologisch umbauen. Als Genossenschaft führen sie den längsten Arbeiterkampf in Italiens Geschichte und zeigen: Selbst in einer globalisierten Welt können sich Arbeiter:innen bei Massenkündigungen wehren und etwas bewirken. Mithilfe eines Crowdfundings wollen sie ihr Investitionsziel erreichen. 

Über 400 Arbeiter:innen der italienischen Autofabrik wurden einfach per Mail gekündigt

Am 9. Juli 2021 bekommen die 422 Arbeiter:innen des GKN-Werks (wo im Auftrag von Stellantis Autoteile hergestellt wurden) in Campi Bisenzio bei Florenz eine E-Mail. Der Inhalt: Ein Kündigungsschreiben. Zwei Monate später stellte ein Arbeitsgericht in Florenz fest, dass diese Kündigungen unrechtmäßig waren, weil die Informationspflicht gegenüber den Gewerkschaften nicht eingehalten wurde – sprich, die Gewerkschaften wurden nicht ausreichend über die Entlassungen informiert und hätten auch einbezogen werden müssen. Seither besetzt ein Teil der Arbeiter:innen die Fabrik, in der Autoteile produziert wurden. Und das trotz unbezahlter Löhne – einige haben Nebenjobs oder schlagen sich mit Arbeitslosengeld oder Erspartem durch.

Die ewige Betriebsversammlung: Vier Jahre permanente Besetzung

In einer Art permanenten Betriebsversammlung wechseln sich die Arbeiter:innen der GKN-Fabrik im Acht-Stunden-Takt ab. Unter dem Namen “Collettivo di Fabbrica” kämpfen sie um die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze und den klimafreundlichen Umbau der Fabrik. Ihr Motto „Insorgiamo” (Erheben wir uns!) wurzelt in der italienischen Partisanenbewegung, die gegen den Faschismus kämpfte.

“Das (die Fabrik) ist unsere Heimat. Von hier gehen wir nicht weg. Und von hier verschwindet keine einzige Schraube.” – Dario Salvetti, Sprecher des Kollektivs.

ex-GKN-Sprecher Dario Salvetti (links) bei einer Rede des Fabrikkollektivs (Foto: Wikimedia Commons/Valentina Ceccatelli
ex-GKN-Sprecher Dario Salvetti (links) bei einer Rede des Fabrikkollektivs (Foto: Wikimedia Commons/Valentina Ceccatelli

Mit der Besetzung schützt das Kollektiv ihre Produktionsmittel (zum Beispiel Maschinen) und verhindert, dass diese ins Ausland verlagert werden, wo dann billig weiterproduziert wird. Auch in Österreich ist dieses Phänomen bekannt: Der steirische Elektromotorenhersteller ATB verlagerte 2020 seine Produktion in die Billiglohnländer Serbien und Polen. Genau so etwas will das Fabrikkollektiv in Italien verhindern. Es hofft darauf, seine Arbeit in der Fabrik als Genossenschaft (ex GKN For Future, GFF) wieder aufnehmen zu können. Sie wollen die Fabrik gemeinsam verwalten, demokratische Entscheidungen treffen und nicht für Profit, sondern für gesellschaftlichen Nutzen arbeiten.

Jahrelange Hinhaltetaktik – Arbeiter:innen sollen Kampf aufgeben

Momentan ist das Eigentum der Fabrik auf drei Unternehmen aufgeteilt, die von einer Person kontrolliert werden: der Berater des Melrose-Finanzfonds, Francesco Borgomeo. Die Schließung des Werkes geht primär auf Melrose zurück. Der von Borgomeos versprochene Industrieplan ist nie gekommen. Gegenüber den Arbeiter:innen sagt er nur, dass er nicht der Investor sei und dass er ihnen in einigen Monaten den neuen Investor vorstelle. Für den Kollektiv-Sprecher Salvetti ist die Strategie klar: Borgomeo spekuliert mit der Immobilie und die Arbeiter:innen werden so lange hingehalten, bis sie den Kampf aufgeben. Aber trotz aller Widrigkeiten ist das für sie keine Option. Sie haben ihren eigenen Geschäftsplan, den sie bereits teilweise umsetzen.

Lastenräder und Solaranlagen: Arbeiter:innen wollen Fabrik auf klimafreundliche Produktion umstellen

Die Idee des Kollektivs ist, die Produktion in der Fabrik klimafreundlich umzubauen. Künftig sollen dort Solarpanels und Elektro-Lastenfahrräder hergestellt werden. Der Plan wurde Anfang 2023 gemeinsam mit Wissenschaftler:innen ausgearbeitet und sieht eine Anstellung für rund 100 Menschen vor. Organisationen und gemeinnützige Banken sagten dem Kollektiv bereits finanzielle Unterstützung zu. Um das Investitionsziel von zwei Millionen Euro zu erreichen, hat das Kollektiv außerdem eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Einen Teil des Geschäftsplans setzt das Kollektiv bereits um: In einer kleinen Werkstatt am Stadtrand von Florenz bauen Arbeiter:innen die ersten Lastenfahrräder. Das Hauptgeschäft wird die Photovoltaik sein, aber dazu fehlen der Platz und die Ressourcen. Denn aufgrund der Rechtsstreitigkeiten können sie die Räumlichkeiten in der Fabrik nicht nutzen.

 

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Der Kampf um geschützte Arbeitsplätze in ganz Italien

Den Arbeiter:innen geht es um das Erhalten von Arbeitsplätzen, die rechtlich gut geschützt sind. Denn in der Region sind immer mehr Betriebe von Schließungen und Abwanderungen in Niedriglohnländer betroffen, wo Arbeitnehmer:innen teils kaum rechtlichen Schutz haben.

“Wir wurden auf grausame Weise gefeuert. Doch hier geht es nicht nur um unsere 500 Arbeitsplätze. Möglicherweise stehen im ganzen Land Arbeitsplätze auf dem Spiel. Deshalb ist GKN von nationalem und politischem Interesse” – Dario Salvetti.

Und die Arbeiter:innen sind nicht alleine: Viele Menschen der toskanischen Zivilgesellschaft, ein europaweites Kollektiv aus Wissenschaftler:innen und Studierenden sowie Fridays for Future unterstützen den Kampf für einen ökologischen Umbau der Fabrik sowie die Sicherung hunderter Arbeitsplätze.

Festival zur Unterstützung vom Kollektiv ex-GKN in Campi Bisenzio (Foto: Wikimedia Commons/Valentina Ceccatelli)
Festival zur Unterstützung vom Kollektiv ex-GKN in Campi Bisenzio (Foto: Wikimedia Commons/Valentina Ceccatelli)

Gelände könnte dank Gesetz öffentlich nutzbar gemacht werden

Ende Juni 2025 kam es zu einer dramatischen Wendung: Das Finanzgericht hat die Räumung des Fabrikgeländes beschlossen. Das würde einen Neuanfang der Fabrik im Keim ersticken und den Weg für Immobilienspekulation frei machen. Doch ein Gesetz, das bereits im Dezember 2024 beschlossen wurde, stimmt optimistisch: Es erlaubt Kommunen und lokalen Behörden, das rund 40.000 Quadratmeter große Gelände zu übernehmen, um es öffentlich nutzbar zu machen. Konkret sollen staatliche Konsortien für industrielle Entwicklung geschaffen werden. Der Staat könnte also das Gelände sofort kaufen und Start-ups zur Verfügung stellen – etwa dem Kollektiv. Theoretisch könnte der Besitzer sogar enteignet werden. Ob es so weit kommen wird, ist unklar.

Was ist ein Konsortium?

Ein Konsortium ist ein zeitlicher oder projektbezogener Zusammenschluss mehrerer eigenständiger Akteure – etwa Staat, Banken, Unternehmen oder Initiativen – die sich für ein bestimmtes Projekt zusammenschließen, das allein zu groß oder zu riskant wäre. Alle bleiben rechtlich selbstständig, arbeiten aber zusammen und teilen sich Verantwortung und Kosten.

Im Fall von GKN würde ein Konsortium zum Beispiel bedeuten, dass Region, Kommune, vielleicht öffentliche Banken und solidarische Partner zusammen die Fabrik übernehmen oder finanzieren. Die Genossenschaft der Arbeiter:innen könnte sie dann nutzen und dort produzieren. Das Konsortium schafft also die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen – die Genossenschaft organisiert die eigentliche Arbeit und Produktion.

Klimafreundliche Produktion statt Rüstungsindustrie: ex-GKN als europaweites Vorbild

Der Arbeitskampf des Kollektivs hat sowohl Menschen innerhalb Italiens als auch Personen unterschiedlichster sozialer Bewegungen und Wissenschaftler:innen europaweit zusammengebracht. In einer baskischen Kleinstadt wurde ein Automobilhersteller geschlossen und über hundert Arbeiter:innen entlassen. Neben Streiks haben die Gewerkschaften – nach Vorbild von ex-GKN – einen Plan zur sozial-ökologischen Umgestaltung des Betriebs gestaltet. Auch im VW-Werk in Osnabrück, das ab 2027 keine Autos mehr bauen will, mobilisieren Arbeiter:innen gemeinsam mit Menschen aus der Zivilgesellschaft. Ihr Ziel ist der Umbau hin zu klimafreundlicher Mobilität anstelle der Produktion von Panzern, wie es der Rüstungskonzern Rheinmetall vorsieht.

Banner mit dem Logo des Collettivo di Fabbrica ex-GKN in Campi Bisenzio (Foto: Wikimedia Commons/Valentina Ceccatelli)
Banner mit dem Logo des Collettivo di Fabbrica ex-GKN in Campi Bisenzio (Foto: Wikimedia Commons/Valentina Ceccatelli)

Lucas-Plan: Vor 50 Jahren entstand die Idee der demokratischen Umwandlung

Der Arbeitskampf des Fabrikkollektivs erinnert an den Lucas-Plan, der im Jahr 1976 veröffentlicht wurde. Der Plan entstand aus einer neuartigen Reaktion von Arbeiter:innen auf massenhafte Entlassungen. Denn als das Unternehmen ‘Lucas Aerospace Cooperation’ aufgrund von internationalem Wettbewerb und Umstrukturierung zahlreiche Arbeiter:innen entließ, erstellten diese einen Plan, wie sie das Unternehmen zukünftig gestalten wollen. Ihre Idee: Sie wollten etwas schaffen, das einen möglichst großen gesellschaftlichen Nutzen hat. Unter den zahlreichen vorgeschlagenen Produkten waren unter anderem medizinische Geräte wie Dialysegeräte sowie erneuerbare Energieträger wie Wärmepumpen.

Der Plan wurde von der Regierung und vom Management abgelehnt. Doch bis heute ist der Lucas-Plan ein Vorbild für all jene, die sich für Innovationen zum Wohl der Gesellschaft und nicht für hohe Gewinne privater Einzelpersonen einsetzen.

Dieser Artikel ist auch in englischer Sprache auf thebetter.news verfügbar und kann frei vervielfältigt werden.
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Erich Maria Remarque war ein deutscher Schriftsteller, der mit seinem Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” bekannt wurde. Seine Bücher, die vor allem die Grausamkeiten des Krieges offenlegen, wurden im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Seine pazifistischen Romane werden bis heute von Menschen weltweit begeistert gelesen und wurden schon mehrfach verfilmt. Zitat: Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen. Erich Maria Remarque

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Genossenschaft

Genossenschaften gehören zu den ältesten und gleichzeitig modernsten Formen des gemeinschaftlichen Wirtschaftens. In vielen Ländern spielen sie eine wichtige Rolle im sozialen und wirtschaftlichen Gefüge. Genossenschaften stehen für gemeinschaftliches Wirtschaften, das wirtschaftliche Stabilität, soziale Verantwortung und demokratische Mitbestimmung vereint. Sie bieten eine nachhaltige Alternative zu rein profitorientierten Unternehmen und fördern Solidarität sowie regionale Entwicklung. Wir erklären, wie Genossenschaften funktionieren und warum sie so zukunftsfähig gelten.

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