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Italien schließt Fabriken und Baustellen: Nicht lebensnotwendige Arbeiten sind endlich gestoppt

Wie die Wirtschaft von Arbeitszeitverkürzung profitiert

Marco Pühringer Marco Pühringer
in Europa
Lesezeit:4 Minuten
23. März 2020
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In der Lombardei gab es am Samstag so viele Corona-Tote wie noch nie zuvor an einem Tag. Italiens Premier Giuseppe Conte reagierte und ordnete an, das wirtschaftliche Leben auf ein Minimum herunterzufahren. Die gesamte Industrie und Bauwirtschaft wird gestoppt, wenn sie nicht lebensnotwendig ist. Auch wer nicht in Home-Office gehen kann, bleibt künftig zu Hause. Das war dringend nötig, denn 300.000 Menschen mussten in der Lombardei noch immer täglich in die Arbeit, obwohl die Betriebe nicht systemrelevant sind. In vielen Fabriken streikten Arbeiter, weil sie trotz Ausgangssperren noch in ihre Fabriken mussten. Andere europäische Länder sollten von Italien lernen und jetzt nachziehen.

Italiens Premier Guiseppe Conte wandte sich am Samstag um 22:32 Uhr live via Facebook an die italienische Bevölkerung. Hinter Italien lag ein schrecklicher Tag. In den vergangenen 24 Stunden starben 793 Menschen an Covid-19 – so viele wie noch nie an einem Tag seit dem Ausbruch der Krankheit. Insgesamt sind rund 43.000 Italiener mit dem Virus infiziert. Conte reagierte und ordnete an, alle nicht lebensnotwendigen wirtschaftlichen Aktivitäten einzustellen. Alle Fabriken, die keine Nahrungsmittel oder medizinische Produkte herstellen, bleiben damit von 23. März bis 3. April geschlossen. Damit setzt er eine dringend notwendige Maßnahme um. Der Premier war sich offenbar auch bewusst, dass er seinen Landsleuten in den letzten Wochen einiges abverlangte, und rief zum Durchhalten auf:

„Der Verzicht, der heute als Rückschritt erscheint, wird uns morgen erlauben, in unsere Fabriken und Büros, auf unseren Plätzen und in die Arme unserer Familien und Freunden zurückzukehren. Wir geben unsere wertvollsten Gewohnheiten auf. Das tun wir, weil wir Italien lieben. Aber wir geben nicht unseren Mut und unsere Hoffnung in die Zukunft auf. Gemeinsam werden wir es schaffen.“

Le mie dichiarazioni di ieri sera sulle nuove misure per il contenimento dell’epidemia

• Le mie dichiarazioni di ieri sera sulle nuove misure per il contenimento dell’epidemia •Abbiamo deciso di compiere un altro passo. Da lunedì resterà chiusa sull’intero territorio nazionale ogni attività produttiva che non sia strettamente necessaria, cruciale, indispensabile a garantirci i beni e i servizi essenziali.

Gepostet von Giuseppe Conte am Sonntag, 22. März 2020

900.000 Menschen auf Mailands Straßen

Letzte Woche kam eine Gruppe medizinisches Personal aus China in Mailand an. Die Chinesen konnten ihren Augen nicht trauen: Mit so vielen Menschen auf der Straße hätten sie nie gerechnet. Schließlich ist die Lombardei die am stärksten vom Coronavirus betroffene Region Italiens. Am 21. März waren 3.095 der 4.825 Todesfälle des Landes allein dort zu verzeichnen. Trotzdem pendelten täglich viele in die Regionshauptstadt Mailand zum Arbeiten. Die Mailänder Arbeiterkammer schätzt, dass noch am 18. März neben den 600.000 Beschäftigten, die in zentralen Bereichen wie etwa in Lebensmittelgeschäften oder Krankenhäusern arbeiten, noch weitere 300.000 Menschen täglich zu ihrem Arbeitsplatz fahren mussten. Die Hälfte davon mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

„Schlacht um Mailand“ droht

Insgesamt hat sich die Lombardei zum Epizentrum des Virus in Europa entwickelt. Eine der dort am schlimmsten betroffenen Städte ist Bergamo. Nicht nur die Krankenhäuser dort sind überfordert – mittlerweile gehen sogar den Friedhöfen und Krematorien die Kapazitäten aus. Ein Militärkonvoi musste Särge aus der Stadt in andere Provinzen bringen, um sie dort zu beerdigen. Andere Särge werden derzeit in Kirchen zwischengelagert.

https://www.youtube.com/watch?v=9sxrYYDpYoU

Die Zuwachsraten in Bergamo sind mittlerweile aber wieder gesunken. Anders sieht es im Ballungsgebiet rund um Mailand aus. In dieser Region werden täglich 600 neue Fälle gemeldet. Und das, obwohl nur noch Menschen mit starken Symptomen getestet werden. Der Gesundheits- und Sozialminister der Region Lombardei Giulio Gallera spricht deswegen schon von einer bevorstehenden „Schlacht um Mailand“.

Der von Conte angeordnete Produktionsstopp ist also bitter nötig – nur hätten er deutlich früher kommen müssen.

Warum kam der Produktionsstopp so spät?

Wenn man sich den Fall Mailand genauer anschaut, muss man sich die Frage stellen:

Wie konnte es sein, dass in einer Region mit täglich mindestens 600 neuen Corona-Ansteckungen jeden Tag 900.000 Menschen auf die Straße zu ihren Arbeitsplätzen pilgern mussten?

Das Problem war, dass sich die großen Industriebetriebe gegen jede Form der Einschränkung wehrten. So bezeichnete der lombardische Präsident des Arbeitgeberverbandes „Confindustria“ Marco Bonometti die Fabriken angesichts der beschlossenen Schutzmaßnahmen als den „sichersten Ort“. Noch am 11. März bestand der Präsident der Region Attilio Fontana (Mitglied der Lega von Matteo Salvini) darauf, dass es den Arbeitgebern überlassen werden sollte, ihre Betriebe selbst einzuschränken. Am Freitag musste er schließlich seine Meinung ändern und forderte einen vollständigen Produktionsstopp.

Streiks bei Amazon

Die Regierung lenkte aber nicht nur wegen der gewaltigen Zahl an Corona-Fällen ein – innerhalb von zwei Wochen sind sie von gut 5.000 auf 43.000 gestiegen. Auch die Gewerkschaften organisierten Proteste. Etwa in einem Fiat-Werk oder auch bei Amazon. Beim Krisengewinner Amazon streikten mehrere tausend Beschäftigte des Vertriebszentrums in Castel San Giovanni. Zuvor war bekannt geworden, dass ein Mitarbeiter positiv auf Corona getestet wurde. Die Forderungen der Gewerkschaft nach mehr Sicherheitsmaßnahmen wurden ignoriert, wie ein Gewerkschaftsvertreter berichtet:

„Die Menschen arbeiten eng nebeneinander an ihren Arbeitsplätzen und sind auch sonst ständig in Kontakt: an den Drehkreuzen, in den Umkleideräumen, bei Briefings – und das immer ohne Masken, denn seit drei Wochen hat Amazon keine mehr verteilt. Wir baten um ein paar Tage Pause, um das Gebiet zu säubern und die Schichten neu zu organisieren, aber die Antwort war: Nein.“

Österreich muss den Fehler Italiens nicht wiederholen

So tragisch die Situation in Italien ist – andere europäische Länder können davon lernen. Eine der einfachsten Erkenntnisse: Wenn man jetzt mit aller Gewalt die Fabriken und Betriebe geöffnet halten will, wird sich das bitter rächen. Die Menschen werden wenig Verständnis haben, dass sie ihre Liebsten nicht besuchen dürfen, während auf Baustellen und Stahlwerken eng an eng gearbeitet wird.

Je länger man zuwartet, um den Profit nicht zu gefährden, desto länger wird die Wirtschaft nachher völlig stillstehen. Österreich hat in Tirol die Gesundheit von vielen für die Gewinne von Après Ski-Bars, Liftbetreibern und Hoteliers gefährdet und viel dazu beigetragen, dass ich das Virus über ganz Europa verbreitet. Wir müssen diesen Fehler nicht wiederholen. Wir müssen auch nicht die Fehler Italiens wiederholen. Jede unnötig geöffnete Baustelle, jeder vermeidbare Tag in der Arbeit kann dabei helfen, Leben zu retten und Leid zu verhindern.

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Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, kritisiert in einer Videobotschaft die massiv gestiegenen globalen Militärausgaben. Diese belaufen sich mittlerweile auf 2,7 Billionen US-Dollar – das ist 13-mal so viel wie die weltweiten Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit. Die Vereinten Nationen verweisen dabei auf einen aktuellen Bericht: Weniger als vier Prozent der weltweiten Militärausgaben – rund 93 Milliarden Dollar pro Jahr – wären ausreichend, um den Welthunger bis 2030 zu beenden. Der Bericht zeigt auch die wirtschaftlichen Effekte unterschiedlicher Investitionen: Während eine Milliarde Dollar für Militär 11.200 Arbeitsplätze schafft, entstehen mit derselben Summe 26.700 Jobs im Bildungsbereich, 17.200 im Gesundheitswesen oder 16.800 im Bereich erneuerbare Energien. „Es ist offensichtlich, dass die Welt über die Ressourcen verfügt, um Leben zu verbessern, den Planeten zu schützen und eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit zu sichern“, argumentiert Guterres. Sein Appell an politische Entscheidungsträger:innen für das Jahr 2026: „Entscheidet euch für Menschen und den Planeten – nicht für Schmerz.“ Zitat: Eine sicherere Welt beginnt damit, mehr Geld in den Kampf gegen Armut zu investieren anstatt in Kriege. Antonio Guterres
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, kritisiert in einer Videobotschaft die massiv gestiegenen globalen Militärausgaben. Diese belaufen sich mittlerweile auf 2,7 Billionen US-Dollar – das ist 13-mal so viel wie die weltweiten Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit. Die Vereinten Nationen verweisen dabei auf einen aktuellen Bericht: Weniger als vier Prozent der weltweiten Militärausgaben – rund 93 Milliarden Dollar pro Jahr – wären ausreichend, um den Welthunger bis 2030 zu beenden. Der Bericht zeigt auch die wirtschaftlichen Effekte unterschiedlicher Investitionen: Während eine Milliarde Dollar für Militär 11.200 Arbeitsplätze schafft, entstehen mit derselben Summe 26.700 Jobs im Bildungsbereich, 17.200 im Gesundheitswesen oder 16.800 im Bereich erneuerbare Energien. „Es ist offensichtlich, dass die Welt über die Ressourcen verfügt, um Leben zu verbessern, den Planeten zu schützen und eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit zu sichern“, argumentiert Guterres. Sein Appell an politische Entscheidungsträger:innen für das Jahr 2026: „Entscheidet euch für Menschen und den Planeten – nicht für Schmerz.“ Zitat: Eine sicherere Welt beginnt damit, mehr Geld in den Kampf gegen Armut zu investieren anstatt in Kriege. Antonio Guterres

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