Streamingdienste setzen gerade auffallend stark auf Liebesromane. Ob Off Campus, Maxton Hall, The Summer I Turned Pretty oder Culpa Mía: Immer mehr erfolgreiche Romance-Bücher werden zu Serien oder Filmen. Romance auf BookTok – der Literatur-Community auf TikTok – ist längst mehr als ein Nischentrend. Was lange als kitschiges guilty pleasure galt, erreicht heute ein Millionenpublikum. Woher kommt plötzlich die Begeisterung? Wir sind dieser Frage nachgegangen.
BookTok verändert den Buchmarkt
BookTok ist im Grunde ein riesiger Buchclub. Nutzer:innen der Plattform TikTok teilen in kurzen Videos ihre Gedanken, Erfahrungen und Emotionen über gelesene Bücher unter dem Hashtag #BookTok. Im Mittelpunkt stehen nicht nur das Buch selbst, sondern auch das Gefühl, das es beim Lesen auslöst. Neben persönlichen Eindrücken werden auch Outfit-Inspirationen zu Figuren, Playlists für bestimmte Bücher oder ganze Ästhetiken rund um eine Geschichte geteilt. Gleichzeitig ermöglicht die Plattform einen direkten Austausch zwischen Autor:innen und Leser:innen.
Dadurch hat sich nicht nur die Art verändert, wie Menschen über Bücher sprechen, sondern auch der ganze Buchmarkt. Eine internationale Buchmarkt-Auswertung für 2024 beschreibt BookTok als wichtigen Faktor für die Aufmerksamkeit, die zahlreiche Romane und ihre Autor:innen erhalten.
Doch BookTok hat auch Schattenseiten. Vor allem wird kritisiert, dass Lesen auf der Plattform teilweise zu einer Form von Konsum geworden ist. Book Hauls (also ein Großeinkauf von Büchern), riesige Bücherregale und Stapel mit Dutzenden ungelesenen Büchern normalisieren den Besitz von immer mehr Büchern.
Auch Leser:innen kritisieren, dass sich Trends auf BookTok sehr schnell wiederholen. Wird ein bestimmtes Buch erfolgreich, erscheinen innerhalb kurzer Zeit zahlreiche ähnliche Titel mit denselben Erzählmustern, Covern oder Themen. Genau hier zeigt sich die Parallele zu Fast Fashion: Ein Trend wird groß, möglichst schnell kopiert und vermarktet, bis der nächste kommt.
Romance auf BookTok geht viral
Obwohl auf BookTok nahezu jedes Genre vertreten ist, fällt eines besonders auf: Romance. Egal ob kitschige Liebesgeschichten, verbotene Liebe oder herzzerreißender Liebeskummer, Romance lebt von Gefühlen. Leser:innen verlieben sich in Figuren, leiden mit ihnen und fiebern bis zum Happy End mit. Genau diese Emotionen lassen sich auf TikTok in kurzen Videos teilen.
Durch BookTok sind auch sogenannte Tropes, also wiederkehrende Erzählmuster, populärer geworden: Enemies to Lovers, Friends to Lovers, Fake Dating (vorgetäuschte Beziehungen) oder Slow Burn (langsame Entwicklung einer Beziehung). Dadurch werden nicht nur Bücher bekannt, sondern auch bestimmte Erzählformen, die Streamingdiensten und Autor:innen zeigen, welche Geschichten gerade gefragt sind.
@thalia_buchhandlungen Mattis: 1.000 Theorien, aber keine Auflösung in Sicht… 🤯📚 Was würdet ihr sagen – hat er den „Marriage of Convenience“-Trope richtig erklärt oder eher nicht? 💍🤔 #booktok #thaliatok #booktropes #marriageofconveniencetrope#fürdich
Unter Kritik steht dabei vor allem das Subgenre Dark Romance. Darin werden häufig toxische Beziehungen, Machtgefälle, Stalking oder fehlender Konsens mit Liebe und sexueller Anziehung verbunden. Kritiker:innen sehen darin die Gefahr, dass gewalttätige Verhaltensweisen romantisiert werden. Die Medienpsychologin Nicola Döring warnt allerdings davor, solche Vorwürfe zu verallgemeinern, und plädiert für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Büchern und ihren Leser:innen.
@ard_literally Ja, Josh stalkt Ally vielleicht in Lights Out, aber Commitment-Issues kann man ihm wirklich nicht vorwerfen… Welche Book-Boyfriends würdet ihr direkt gegen Real-Life-Dating eintauschen? . #BookTok #DarkRomance #Dating #Romance #Romantasy
Die Psychologie hinter dem Hype
Es liegt nicht nur an der Community oder BookTok selbst, dass man Geschichten so gerne liest und ansieht. Hinter dem Erfolg des Genres steckt auch Psychologie. Die Medienpsychologin Josephine Schmitt erklärt im Brigitte-Magazin, dass Menschen in einer Welt voller Krisen, Kriege und negativer Nachrichten gezielt nach Geschichten suchen, die emotional entlasten.
Romance-Geschichten bieten genau das: Sie ermöglichen es, für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen und in eine Welt einzutauchen, in der Probleme lösbar erscheinen und Beziehungen gelingen. Warum dieses Eintauchen so intensiv wirkt, erklärt die sogenannte Transportation Theory. Beim Lesen oder Schauen tauchen Menschen so tief in die Geschichte ein, dass sie sich fühlen, als wären sie selbst Teil davon.
Dadurch kann eine starke emotionale Bindung zu den Figuren entstehen. Nach Schmitt können Unterhaltungsmedien dabei helfen, Stress abzubauen, positive Emotionen zu erleben und die eigene Gefühlslage zu stabilisieren.
Ein Buch wird zum Streaming-Erfolg und bringt gleich sein eigenes Publikum mit
Verfilmungen erfolgreicher Romance-Bücher bringen bereits ein Publikum für Streamingdienste mit. Wie groß das Interesse ist, zeigen die Zuschauerzahlen. Besonders Prime Video setzt derzeit auf Buchverfilmungen.
Die dritte Staffel von The Summer I Turned Pretty erreichte laut Prime Video innerhalb von 70 Tagen weltweit 70 Millionen Zuschauer:innen. Auch die Verfilmung der Hockey-Romance-Reihe Off Campus von Elle Kennedy erreichte nach Angaben des Streamingdienstes in zwölf Tagen 36 Millionen Zuschauer:innen. Allerdings legt Prime Video nicht öffentlich fest, ab wann eine Person bei Off Campus als Zuschauer:in zählt.
https://www.tiktok.com/@marieinspire/video/7651229381746036001?is_from_webapp=1&sender_device=pc&web_id=7561807402548659734
Off Campus als Erfolgsbeispiel
Bei Off Campus kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen setzt die Geschichte mit „Fake Dating“ (also eine vorgetäuschte Beziehung) auf ein beliebtes Romance-Motiv. Gleichzeitig konnte die Serie auf die große Fangemeinde der Buchreihe von Elle Kennedy zurückgreifen.
Auch die Besetzung der Hauptdarstellerin wurde auf Social Media positiv aufgenommen. Viele Fans lobten, dass sie nicht dem klassischen Schönheitsideal vieler Romance-Verfilmungen entspricht und dadurch eine größere Identifikation mit der Figur möglich ist.
@johannasophie_ Love interests waren schon immer total normschön, aber mittlerweile haben nahezu alle die gleichen Gesichtszüge – Stubabase, volle Lippen, hohe Wangenknochen, „perfekte“ Zähne, Katzenaugen. Aber daran sind nicht die Schauspielerinnen selbst, sondern ein total kapitalistisches patriarchales System schuld🫠 Was denkt ihr dazu? Mit Recherche – Alexandra La Mendola✨ Bildquellen Titelbild: -Netflix, heartstopper -ABC, modern Family -Christ Haston, the Office -Amazon Prime Video, tsitp #beautystandards #patriarchy
Auch die Geschichte selbst folgt einem für Romance typischen Muster. Von Anfang an ist klar, dass das Hauptpaar am Ende zusammenfinden wird. Die Spannung entsteht deshalb nicht durch die Frage, ob sie zusammenkommen, sondern wie sie dorthin gelangen.
Romance ist kein guilty pleasure mehr
Rund um Romance auf Booktok ist eine riesige Community entstanden, die Bücher nicht nur liest, sondern Trends prägt, Empfehlungen teilt und dem Genre neue Sichtbarkeit verschafft. Was lange als guilty pleasure (ein Vergnügen, das einem peinlich ist) belächelt wurde, ist heute fester Bestandteil der Popkultur und erreicht ein Millionenpublikum.
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