Schweden galt einst als Vorzeigeland im Bildungsbereich. Dann öffnete das Land in den 1990er Jahren seine Schulen für private Konzerne, die seither öffentliches Geld kassieren und Gewinne ausschütten dürfen. Drei Jahrzehnte später ist Schweden von der Spitze abgerutscht und liegt bei den Erwachsenenkompetenzen im OECD-Vergleich inzwischen hinter dem Nachbarland Finnland, das sein öffentliches Schulsystem beibehalten hat.
1990 sahen die Schulsysteme Schwedens und Finnlands fast gleich aus. Beide Länder finanzierten ihre öffentlichen Schulen aus Steuern, beide werteten den Lehrberuf auf, beide gehörten zur skandinavischen Tradition der Bildungsgleichheit. Diese Tradition besagt, dass alle Kinder die gleichen Bildungschancen haben – unabhängig von Herkunft und finanzieller Lage der Eltern. Doch heute liegt Finnland im OECD-Vergleich klar vor Schweden. Im Test der Erwachsenenkompetenzen, den die OECD alle zehn Jahre durchführt, erreichten finnische Erwachsene beim Lesen und Verstehen von Texten 296 Punkte und damit den Spitzenwert der 31 getesteten Länder. Schweden kam auf 284 Punkte. Die Punkte messen, wie gut Erwachsene zwischen 16 und 65 Jahren mit Texten, Statistiken und Alltagsproblemen zurechtkommen.
In Schweden sind Schulträger richtige Konzerne
Ein wesentlicher Teil der Unterschiede hängt mit den schwedischen Schulreformen der frühen 1990er Jahre zusammen. Die damalige liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Carl Bildt führte ein Gutscheinsystem ein. Eltern konnten ihr Kind an einer privat betriebenen Schule anmelden, die pro Schüler:in den gleichen Betrag aus der öffentlichen Kasse erhält wie eine kommunale Schule. Diese privaten Schulen heißen in Schweden „Friskolor“. Anders als in den meisten europäischen Ländern dürfen die Betreiber dieser Schulen Gewinne ausschütten. Das Modell ist in dieser Form in Europa einzigartig.
Heute sind die größten Schulträger börsennotierte Unternehmen oder gehören zu Private-Equity-Fonds. Ein Beispiel ist Internationella Engelska Skolan, einer der größten Anbieter mit 39 Standorten und rund 28.000 Schüler:innen. 2020 wurde die Kette in einem Übernahmeangebot mit rund 300 Millionen Euro bewertet. Käufer war ein Konsortium um den Schweizer Investor Paradigm Capital, der die Anteile vom US-Fonds TA Associates übernahm.
Schwedens PISA-Ergebnisse fallen seit Jahren
Schwedens PISA-Ergebnisse sind seit 2000 deutlich gefallen, mit einem Tiefpunkt 2012, einer zwischenzeitlichen Erholung und einem erneuten Einbruch 2022. In Mathematik sank der Wert von 509 Punkten im Jahr 2003 auf 478 im Jahr 2012. Die letzte Erhebung 2022 brachte einen weiteren Einbruch: minus 21 Punkte in Mathematik, minus 19 im Lesen gegenüber 2018.
Dazu kommt Kritik an der Auswahl der Schüler:innen: Eine schwedische Untersuchung zeigte 2023, dass die Schulbehörde 2018 mehr als elf Prozent der Schüler:innen von der PISA-Erhebung ausgeschlossen hatte. Erlaubt wären maximal fünf Prozent gewesen. Ohne diese Ausschlüsse wären die offiziellen Werte noch schlechter ausgefallen. Betroffen waren überproportional Schüler:innen mit Migrationsgeschichte.
Finnland setzt auf Aufwertung der Bildung, nicht auf Marktlogik
Finnland hat einen anderen Weg als Schweden gewählt. Statt auf Wettbewerb zwischen kommerziellen privaten Anbietern und staatlichen Einrichtungen setzte Finnland gezielt auf die Aufwertung des Lehrerberufs. Lehrkräfte müssen einen Masterabschluss vorweisen, die Aufnahmequoten an den pädagogischen Fakultäten sind so niedrig wie in der Medizin. Im Pflichtschulbereich gibt es – anders als in Schweden – keine regelmäßigen nationalen standardisierten Tests und keine öffentlichen Schulrankings. Sowohl PISA als auch der OECD-Erwachsenentest geben Finnland recht: 35 Prozent der Finn:innen erreichten 2023 die beiden höchsten Kompetenzstufen im Lesen, gegenüber einem OECD-Schnitt von zwölf Prozent.
Eine vergleichende Studie zeigt, dass in Schweden der soziale Hintergrund seit den Marktreformen deutlich stärker über den Schulerfolg entscheidet als in Finnland.
Andreas Schleicher, Leiter des Bildungsbereichs bei der OECD, sagte 2015 gegenüber der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter, das schwedische Schulsystem habe „seine Seele verloren“.
Die schwedische Regierung diskutiert seit Jahren eine Reform des Friskolan-Systems. Am Grundprinzip öffentlich finanzierter privater Schulträger mit Gewinnmöglichkeit hat sich bislang aber nichts Wesentliches geändert.
IV, Agenda Austria & Co: Auch in Österreich gibt es Stimmen für das schwedische Modell
In Österreich fordern die NEOS in ihrem Bildungsprogramm „freie Schulwahl ohne Schulgeld“ mit öffentlicher Finanzierung auch für private Schulen. Eltern sollen ihr Kind unabhängig vom Wohnort an einer Schule ihrer Wahl anmelden können, die das Geld pro Schüler:in vom Staat bekommt. Das Prinzip ähnelt dem schwedischen Gutscheinmodell, auch wenn die NEOS den Begriff vermeiden und offen lassen, ob gewinnorientierte Träger zugelassen werden sollen.
Auch wirtschaftsliberale Thinktanks wie die Agenda Austria werben seit Jahren für mehr Schulwettbewerb und freie Schulwahl. Die Industriellenvereinigung wirbt ebenso seit Jahren für eine Art Schulautonomie, die an das schwedische Modell erinnert. SPÖ, Grüne und Lehrer:innengewerkschaften lehnen solche Modelle ab und verweisen dabei auf die schwedischen Erfahrungen.

































