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Weniger Härte, weniger Rückfälle: Was Norwegen im Strafvollzug besser macht

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Bergen in Norwegen (Foto: Unsplash/Annika Ashley)

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Fabian Steinschaden Fabian Steinschaden
in Europa, Gesellschaft
Lesezeit:5 Minuten
20. Mai 2026
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Kritiker sprechen abfällig von „Luxus-Gefängnissen“, wenn sie Bilder aus norwegischen Haftanstalten wie Bastøy sehen: kleine helle Zimmer, Fernseher, Küchen, Werkstätten, Gärten und eine Justizwache ohne aggressivem Auftreten. Hinter diesem System steckt keine Laschheit, sondern eine nüchterne Frage: Was macht eine Gesellschaft am Ende sicherer? Fast alle Gefangenen kommen irgendwann frei – und sind dann unsere Nachbarn oder stehen mit uns an der Supermarktkassa. Norwegen sagt: Häftlinge soll man nicht „brechen“ oder demütigen. Sondern darauf vorbereiten, später in der echten Welt zu funktionieren und einen Beitrag zu leisten.

Norwegens Gefängnisse sehen für viele zu freundlich aus. Es sind Bilder von kleinen Räumen, gepflegt und hell, mit Fernseher, Nachtkästchen und Birken vor dem Fenster. Sie erinnern so gar nicht an das, was sie sind: Zellen. Und das sollen sie auch nicht. Denn genau dieses System soll die Gesellschaft sicherer machen: Wer nach der Haft wieder draußen lebt, soll nicht gefährlicher zurückkommen.

Die Rede ist von den modernen Gefängniszellen in Norwegen, die ein wenig an Räume moderner Jugendherbergen erinnern. Daneben gibt es Gemeinschaftsküchen, Veranstaltungsräume und Werkstätten. Es sind Gefängnisse, die dem echten Leben ähneln wollen. Aber nicht nur in der Architektur.

Ein Gefängnis wie eine Jugendherberge: Norwegens Haftanstalten sind für viele irritierend menschlich

Auf Bastøy, einer kleinen Insel, 75 Kilometer südlich der Hauptstadt Oslo, gehen die Insassen Berufen nach, dürfen sich frei bewegen und mit erworbenen Gutscheinen im lokalen Supermarkt einkaufen. Überhaupt ist es schwierig, Häftlinge von Justizwachbeamten zu unterscheiden. Letztere tragen in Bastøy nicht einmal Uniformen. Und von den Häftlingen wird einiges verlangt: Sie müssen Arbeiten aller Art verrichten, Lebensmittel anbauen, Holz hacken und vieles mehr.

In Norwegen entfällt ein sehr großer Teil des Strafvollzugs auf derartig offene Einrichtungen und Übergangshäuser. Etwa 30 bis 40 Prozent aller verfügbaren Haftplätze im Land sind dem offenen Vollzug oder Übergangseinrichtungen zuzurechnen.

Für viele wirkt es wie ein Luxussystem für Kriminelle, das so gar nicht der Intuition entspricht: Verhindert man Verbrechen nicht, indem man Verbrecher abschreckt? Müssen Übeltäter nicht hart bestraft werden und möglichst von der anständigen Bevölkerung ferngehalten werden? Das norwegische Justiz- und Vollzugssystem muss sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, naiv zu sein.

Harte Haftbedingungen verhindern Kriminalität nicht, aber erschweren Wiedereingliederung in Gesellschaft

Und doch: Die Zahlen geben Norwegen Recht. Wie effizient ein Justizsystem ist, bemisst sich nicht zuletzt an der sogenannten Rezidivrate – dem Anteil an Entlassenen, die innerhalb einer bestimmten Zeit erneut straffällig werden. Sie gibt darüber Aufschluss, ob die Gefängnisstrafe auch Wirkung gezeigt hat und der Straffällige in Zukunft keine Verbrechen mehr begeht.

Luftansicht der Insel Bastøy mit dem Wohnkomplex im Zentrum. (Foto: Grim23/Wikipedia/GFDL 1.2)
Luftansicht der Insel Bastøy mit dem Wohnkomplex im Zentrum. (Foto: Grim23/Wikipedia/GFDL 1.2)

Die Rückfallquote in Norwegen ist weltweit eine der niedrigsten – unter dem europäischen Schnitt und sehr viel niedriger als in den USA, wo der Gefängnisalltag besonders hart und streng ist. Dazu kommt, dass es in Norwegen auffallend wenige Gefängnisinsassen gibt – in absoluten Zahlen wie auch anteilig an der Bevölkerung.

In den USA kehren laut Studien des Bureau of Justice Statistics rund zwei Drittel aller Entlassenen innerhalb von drei Jahren wieder hinter Gitter zurück. Das System dort erinnert an eine Drehtür: Die Härte der Strafe scheint keine Besserung zu bewirken, sondern zementiert oftmals kriminelle Karrieren.

Norwegen setzt auf Vertrauen und hat deshalb niedrigere Rückfallquoten

In den USA landen etwa drei von fünf Entlassenen rasch wieder im Gefängnis, in Norwegen nur etwa einer von fünf. Genau darum ist die Frage nicht, ob Haft hart aussieht, sondern ob sie wirkt. In Norwegen dient das Gefängnis nicht nur als Strafe, sondern hat einen pädagogischen Einschlag: Die Insassen werden auf das Leben „wieder draußen“ vorbereitet. Sie büßen nicht nur für ihre Taten – sie lernen, sich anders zu verhalten. Und dafür muss das Leben in der Haft eben auch dem Leben außerhalb der Haft ähneln.

Besonders interessant: Das norwegische System ist zudem günstig. Die niedrige Rückfallquote spart Geld an vielen Ecken: Polizeiarbeit, Gerichtsverfahren, Opferschutz und Inhaftierung. So ist das norwegische System deutlich billiger als das amerikanische oder europäische System.

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Wer auch Kriminelle wie Menschen behandelt, bekommt am Ende ein besseres Zusammenleben

„Behandelt man Menschen wie Abschaum, werden sie Abschaum sein. Behandelt man sie wie Menschen, werden sie Menschen sein”, fasst Tom Eberhardt, der Direktor von Bastøy, seine Philosophie zusammen.

Dahinter steckt keine Romantik, sondern der Pragmatismus einer simplen Wahrheit: Nahezu jeder Mensch, der heute in einer Zelle sitzt, wird irgendwann wieder entlassen. Er wird den Bus nehmen, im Supermarkt an der Kasse stehen und eine Wohnung beziehen – er wird potenziell unser Nachbar.

Wenn ein System einen Häftling isoliert und in eine künstliche Welt sperrt, entlässt es eine tickende Zeitbombe in die Gesellschaft. Und genau das will man in Norwegen verhindern.

Kriminalität lässt sich am besten bekämpfen, wenn sie gar nicht erst entsteht – und das bedeutet, bereits zu verhindern, dass Menschen kriminelle Absichten und Ideen entwickeln. Das Gefängnis soll die Menschen nicht brechen, sondern reparieren.

Verschwinden Häftlinge in strengen Gefängnissen, werden sie in hässliche, enge Gefängniszellen verfrachtet, in denen die Bandenkriminalität floriert oder sie von der Institution vollkommen kontrolliert werden, ist die Strafe zwar hart. Aber sie werden nicht auf das echte Leben vorbereitet. Stattdessen werden die destruktiven Verhaltensmuster verstärkt.

Fürsprecher harter Gefängnisstrafen übersehen einen wesentlichen Punkt: Kriminalität entspringt oftmals nicht bösartigen Charakterzügen, sondern vielmehr der Unfähigkeit, sich im „normalen“ Leben zu bewähren. Jemand, der aus welchen Gründen auch immer, nie gelernt hat, sein Leben geordnet zu führen, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen und rechtzeitig Rechnungen zu begleichen, wird das durch eine harte Strafe auch nicht lernen.

In diese Kerbe schlägt das norwegische Justizsystem. Eine Tür statt Gitterstäbe, ein Bett mit hellem Laken, ein Schreibtisch – die Zelle soll einem Zimmer gleichen. Sinnvolle Tätigkeiten, die Möglichkeit sich zu bilden, Arbeit – der Alltag soll dem normalen Leben gleichen. Und das Wichtigste: Die Justizwachebeamten geben keine strengen Befehle, sondern sind angehalten, mit den Insassen zu sprechen, sie freundlich und menschlich zu behandeln.

Diesen Zugang kennt die westliche Welt schon seit zweitausend Jahren. Bereits in der Bibel heißt es: “Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar.“ (Mat. 5,39) Die norwegische Gesellschaft schlägt nicht zurück, sondern hält die andere Wange hin. Unter dem Fachbegriff des ‘nicht-komplementären Verhaltens’ sind Strategien gemeint, die verbrecherisches Verhalten nicht zurückspiegeln. Gefängnisinsassen werden nicht wie Abschaum behandelt, weil ihnen dadurch die Möglichkeit gegeben wird, sich zu bessern.

Auch wenn es bestimmt nicht alle Insassen verdienen – immerhin sitzen auch in Norwegen Schwerverbrecher im Gefängnis – begegnet man diesen mit Vertrauen. Mit dem Vertrauen, sich bessern zu können und einen sinnvollen Beitrag in der Welt ‘da draußen’ leisten zu können.

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Parlament Das Thema "Gefägnisse" im Parlament

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