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Erneute Kämpfe in Syrien gefährden Kurden – sie verteidigen ihre autonomen Gebiete

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YPJ-Camp in the village of Katma Cantone Efrîn, February 3, 2015

YPJ-Camp in the village of Katma Cantone Efrîn, February 3, 2015

Kontrast Redaktion Kontrast Redaktion
in Internationales, Nachrichten
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23. Januar 2026
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Im Nordosten Syriens ist ein ausgehandelter Waffenstillstand zwischen Damaskus und den von Kurden geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) binnen eines Tages gescheitert. Der Nahost-Experte Thomas Schmidinger warnt vor einer drohenden humanitären Katastrophe. Die Kommandantin der kurdischen Frauenverteidigungseinheit YPJ, Nesrine Abdullah, spricht von einer existenziellen Bedrohung für Rojava und die kurdische Selbstverwaltung. Im Zentrum steht die Frage, ob Damaskus die kurdisch geprägten Strukturen zerschlägt – und was das für Bevölkerung und Minderheiten in der Region bedeutet.

Laut Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger war der Waffenstillstand zwischen der syrischen Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa und den kurdischen Gebieten von Beginn an brüchig. Er kam unter Bedingungen zustande, die das politische Ende der Demokratischen Autonomen Administration Nord- und Ostsyriens (bekannt als Rojava) bedeutet hätten. Trotz der Zustimmung der kurdischen SDF-Führung zum Waffenstillstand kam es kurz darauf zu weiteren Angriffen arabischer Einheiten.

Was ist die 'Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien'?
Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, bekannter unter dem kurdischen Namen Rojava, ist ein autonomes Gebiet im Nordosten Syriens. Sie entstand ab dem Jahr 2012 im Zuge des Syrischen Bürgerkriegs. Das Gebiet ist ethnisch vielfältig und wird vor allem von Kurd:innen, Assyrer:innen und Araber:innen bewohnt. Vertreter:innen mehrerer Bevölkerungsgruppen riefen die Selbstverwaltung in einer gemeinsamen Versammlung aus. Kennzeichnend sind direkte demokratische Strukturen sowie der Anspruch auf Gleichberechtigung unabhängig von Ethnie, Religion oder Geschlecht. Es sind diese Prinzipien, die Rojava zum Feindbild für islamistische Kräfte machen.

Die Forderungen der syrischen Regierung hätten Ende der Selbstverwaltung der Kurden bedeutet

Thomas Schmidinger beschreibt den Waffenstillstand als weitgehend von Damaskus diktiert, also von der Übergangsregierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa. Er hat die Übergabe der arabisch dominierten Provinzen Raqqa und Deir ez-Zor vorgesehen, die sich in Rojava befinden. Außerdem forderte Damaskus die Übergabe von IS-Gefangenen, die Integration der kurdischen SDF-Kämpfer:innen in die syrische Armee und die Eingliederung von Hasaka in den syrischen Staat. Faktisch forderte man also das Ende der autonomen Verwaltung von Rojava.

Kurden in Syrien: Karte mit Hervorhebung von Rojava (Bildquelle: WOZ.ch)
Karte von Syrien mit Hervorhebung von Rojava (Bildquelle: WOZ.ch)

Trotz Akzeptanz durch die SDF-Führung kam es laut Schmidinger bereits einen Tag später zu weiteren Angriffen verbündeter arabischer Einheiten. Beide Seiten warfen einander Verstöße vor, die Lage sei unübersichtlich. Schmidinger berichtet von Exzessen nach der Einnahme Raqqas, mit schweren Gewaltverbrechen gegen Kurd:innen. Nach der Einnahme von Raqqa kam es laut Berichten zu Übergriffen arabischer Milizen auf Kurd:innen, darunter Misshandlungen, öffentliche Demütigungen sowie Plünderungen und Verwüstungen in kurdisch geprägten Stadtvierteln. Beobachter:innen sprechen von gezielten Einschüchterungen, mit denen der Machtwechsel abgesichert und die faktische Auflösung der autonomen Selbstverwaltung durchgesetzt werden sollte.

Mit dem Verlust eines Gefängnisses für IS-Kämpfer verschärft sich die Sicherheitslage für Kurden und Minderheiten weiter

Ein Schlüsselereignis ist der Verlust des Gefängnisses Al-Shaddadah südlich von Hasaka. Schmidinger schildert, dass es nach Kämpfen aufgegeben wurde und dadurch IS-Kämpfer freigekommen sind. Die genauen Umstände sind noch umstritten. YPJ-Kommandantin Abdullah erklärte in einet Online-Pressekonferenz aus Kobane, dass Angriffe auch darauf zielten, Gefängnisse mit IS-Gefangenen zu öffnen. Sie sagt, die Angreifer sind mit islamistischen Kämpfern durchsetzt, teils mit IS-Symbolen, und vergleicht ihre Methoden mit denen des IS.

Kurden, Syrien: YPK-Kommandeurin Nesrine Abdullah (Foto: Screenshot Zoom, Pressekonferenz aus Kobane vom 22. Jänner 2026/Kontrast.at)
YPK-Kommandantin Nesrine Abdullah spricht von schwerer Gewalt gegen Zivilist:innen und Kämpfer:innen. (Foto: Screenshot Zoom, Pressekonferenz aus Kobane vom 22. Jänner 2026/Kontrast.at)

Aus Sicht der kurdischen Milizführung richten sich Angriffe gegen auch gegen die Bevölkerung

Warum Raqqa und Deir az-Zor zentral sind, ergibt sich aus ihrer Rolle in der politischen Neuordnung: Beide Provinzen stehen für die „arabisch dominierten“ Gebiete, deren Übergabe den Kern der Demontage der Selbstverwaltung bildet. Hasaka ist als verbleibender Schwerpunkt der SDF und als multiethnische Provinzhauptstadt laut Schmidinger das nächste Kampfziel – und damit Brennpunkt für Kurd:innen und Christ:innen.

Schmidinger nennt als feste SDF-Verbündete in Hasaka auch christliche Einheiten wie Syriac Military Council, Habur Guards, Bethnahrain Women’s Protection Forces und Sutoro.

Nesrine Abdullah beschreibt die SDF auch als Schutzraum für Minderheiten, unter anderem Alevit:innen, Armenier:innen, Assyrer:innen, Christ:innen, Drus:innen und Teile arabischer Stämme. Sie schildert in ihren Erzählungen massive Angriffe, die Not durch Mangel an Wasser, Nahrung und Treibstoff sowie die Bedrohungen für Krankenhäuser. Ihrer Darstellung zufolge ist Kobane derzeit isoliert und von jeglicher Unterstützung abgeschnitten.

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Zukunft Syriens hängt davon ab, ob politische Verhandlungen noch durchsetzbar sind oder ein Krieg ausgeweitet wird

Mit dem schnellen Kollaps des Waffenstillstands und der Generalmobilmachung der SDF rückt ein offener Kampf um Hasaka und um die weitere Zerschlagung der Selbstverwaltung näher. Unklar bleibt nach Schmidinger, wie viel Kontrolle die Regierung in Damaskus wirklich über die mit ihr verbündeten arabischen Milizen hat – ob diese Gruppen wirklich Befehle aus Damaskus befolgen oder eher eigenständig handeln – und welche Rolle ausländische Akteure wie etwa die Türkei in der Situation spielen.

Das andere Syrien: Eine Reise mitten in das Demokratieprojekt Rojava

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