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Der liberalisierte Strommarkt galt lange als Erfolgsgeschichte. Doch die Krise ab 2021 hat gezeigt: Das System hat große Schwächen – und die Politik reagierte zu zögerlich. Gaspreise treiben Strompreise nach oben – und erzeugen Milliarden an Übergewinnen für Energiekonzerne. Doch das ist kein Naturgesetz. Die „Merit-Order“ ist nicht das Problem, sagt Energieexperte Peter Molnar. Doch der Mechanismus dahinter sorgt in Krisen für explodierende Preise – mit Folgen für Inflation und Haushalte. Ein Gastbeitrag.
Es war einmal… ein regulierter Markt mit stabilen Preisen. Als ich 1999 in die Energiewirtschaft eingestiegen bin – beim Mitaufbau der oekostrom AG – war die Welt für viele noch „in Ordnung“. Vor der Liberalisierung des Strommarktes (1999 bis 2001) wurden die Preise in Österreich von einer Preiskommission festgelegt.
Strompreiserhöhungen mussten beantragt werden. Die Preise ergaben sich aus einem Durchschnitt von neuen und bereits abgeschriebenen Kraftwerken, inklusive eines angemessenen Gewinnaufschlags für die Landesgesellschaften.
Vor der Liberalisierung war der Strompreis staatlich reguliert, mit dem Ziel stabiler und sozial verträglicher Preise. Zwischen 1999 und 2000 sank der Energieanteil von 11,72 Cent/kWh auf 8,75 Cent/kWh – ein Effekt des beginnenden Wettbewerbs.
Die Liberalisierung brachte vorübergehend einen spürbaren Preissturz
Mit der Liberalisierung fiel der „Marktpreis“ in Österreich auf heute kaum vorstellbare 2,45 Cent/kWh. Gleichzeitig halbierte die neue Regulierungsbehörde E-Control die Netztarife.
Das Ergebnis: Die Stromkosten sanken massiv – trotz neuer Abgaben wie der Elektrizitätsabgabe (1,5 Cent/kWh) und dem Ökostromaufschlag (0,8–1,5 Cent/kWh).
Besonders Industrie und Gewerbe profitierten. Haushalte ebenfalls – wenn auch weniger stark, da sie bis heute einen größeren Anteil an Netzkosten und Abgaben tragen.

Die Liberalisierung zwanzig Jahre als Erfolgsgeschichte – bis 2021
Rückblickend war die Liberalisierung bis 2021 eine Erfolgsgeschichte. Sie brachte Wettbewerb, stabile Preise und einen kontinuierlichen Ausbau der Ökostrom-Kapazitäten in Österreich.
Parallel dazu entstanden europaweit Strombörsen – etwa die EEX in Leipzig. Die Preise in den einzelnen EU-Ländern glichen sich zunehmend an. Man handelte Strom nicht mehr direkt zwischen Anbietern („over the counter“), sondern man hat sie stärker an Börsenpreise gekoppelt.
Auch die Förderung erneuerbarer Energien – Wind, Sonne, Biomasse und Kleinwasserkraft – hat man neu organisiert: Die neu geschaffenen „Einspeisetarife“ (in Deutschland 20 Jahre fix, in Österreich zunächst 13–15 Jahre) hat man später mit der ElWOG-Novelle und dem Erneuerbaren Ausbau Gesetz (EAG 2022/23) durch ein Marktprämien-System ersetzt.
Der „Marktpreis“ für Ökostrom (er wurde jahrzehntelang festgesetzt) lag 2003 bei 2,45 Ct/kWh und stieg bis 2021 auf 4,96 Ct/kWh. Zwischenzeitlich kam es – etwa 2008/09 im Zuge der Finanzkrise – zu einem Anstieg auf 8,49 Ct/kWh. Damals galt das bereits als außergewöhnlich.
Ein typischer Strompreis für Haushalte setzt sich dabei aus etwa
- 1/3 Energie
- 1/3 Netzkosten
- 1/3 Steuern und Abgaben
zusammen.
2021 kam der Wendepunkt: Gas wurde zum Preistreiber
Im Herbst 2021 zeigte sich erstmals ein strukturelles Problem: Russland drosselte ab Juli 2021 die Gaslieferungen nach Europa. Heute wissen wir, dass er damals den Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 vorbereitet hat. Damals dachten wir aber, dass damit versucht wird, Druck auf Deutschland und die EU-Kommission auszuüben, um die damals ausstehenden Genehmigungen für die Eröffnung der zwei Nordstream II Stränge in der Ostsee direkt von Russland nach Deutschland zu bekommen.
Für den Strommarkt hatte das massive Folgen: Die steigenden Gaspreise machten sichtbar, wie stark die Strompreise davon abhängen.
Das Kernproblem: Das „Pay-as-cleared“-Prinzip
Die Verknappung der Gaslieferungen aus Russland machte für alle Expert:innen aber erstmals auf ein massives Problem bei der Strompreisbildung auf den europäischen Spotmärkten aufmerksam: die totale Abhängigkeit des Strompreises von Gaskraftwerken. Die Preisbildung an allen europäischen SPOTmärkten erfolgt nach dem Prinzip „pay as cleared“. Das bedeutet: Das teuerste Kraftwerk – meist ein Gaskraftwerk – bestimmt den Preis für alle anderen. Steigt der Gaspreis, steigt automatisch der Strompreis für alle. In der Krise 2022 bis 2024 führte das zu massiven Preissprüngen.
Länder wie Spanien und Portugal reagierten früh und griffen in den Markt ein. Dort schlugen die Preisschwankungen direkt auf Haushalte durch, da viele variable Tarife haben. In Österreich hingegen verzögerten sich die Effekte, da hier meist Jahrespreise gelten.
Österreich (und Deutschland) verharrten beim bis dahin auch „erfolgreichen“ „pay-as-cleared“-Preis-Prinzip. Genau da kommt die mittlerweile berühmt berüchtigte „Merit-Order-Liste“ ins Spiel.
Die Merit-Order ist an sich nicht das Hauptproblem, sondern der Mechanismus, wie Preise basierend auf dieser Liste entstehen
Oft wird die Merit-Order (also die Einsatz-Reihenfolge-Liste) kritisiert – zu Unrecht. Sie ordnet Kraftwerke nach ihren Grenzkosten. Erneuerbare Energien wie Wasser, Wind und Sonne liegen dabei ganz vorne, da ihre Grenzkosten nahezu null sind. Das Problem ist nicht die Reihenfolge – sondern der Preisbildungsmechanismus darauf aufbauend.
Beim Preisbildungsmechanismus „pay as cleared“ bestimmt das letzte (Gas-)Kraftwerk den Preis für alle Stromangebote. Das führt bei steigenden Gaspreisen automatisch auch zu steigenden Strompreisen und zu immensen „Übergewinnen“ bei allen Stromerzeugungsarten mit niedrigen Grenzkosten. Darunter auch bei den Erneuerbaren wie Wasser, Wind und Sonne, die ja weiterhin mit den gleichen günstigen Grenzkosten produzieren können.

Übergewinne werden nicht gut abgeschöpft – Konsument:innen bekommen zu wenig
Denn: Wenn das letzte (teuerste) Kraftwerk den Preis für alle bestimmt, profitieren günstige Erzeuger von hohen Preisen – ohne höhere Kosten zu haben.
Laut einer aktuellen Analyse des Momentum Instituts lagen die Übergewinne großer Energieunternehmen (inkl. Verbund & OMV) für 2022–2024 insgesamt bei rund 10,25 Milliarden Euro. Davon hat man durch den sogenannten Energiekrisenbeitrag nur etwa 562 Millionen Euro abgeschöpft – also rund 5,5 %. Ein Großteil dieser Gewinne wurde also nicht an Konsument:innen weitergegeben.

Eine Alternative: „Pay-as-bid“ mit Preisgrenzen
Ein möglicher Ansatz, das zu ändern, wäre ein vorübergehender Wechsel zu „pay as bid“. Hier würde jede:r Anbieter:in den eigenen Preis erhalten, ergänzt durch einen Durchschnittspreis.
Um strategisches Hochbieten zu verhindern, könnten gleichzeitig Höchstpreise für erneuerbare Energien festgelegt werden:
- Wasser: bis 6,0 Ct/kWh
- Wind: bis 8,0 Ct/kWh
- Photovoltaik: bis 10,0 Ct/kWh
- Biomasse: bis 20,0 Ct/kWh
Die Erneuerbaren hätten dabei weiterhin die Sicherheit ausreichend hoher „Marktpreise“. Gleichzeitig kann der notwendige Ökostromausbau marktkonform fortgesetzt werden. Das heißt, die notwendigen Investitionen in Erneuerbare sind weiterhin möglich und marktkonform abgesichert.
Politik muss jetzt handeln
Der derzeitige Mechanismus gibt keinen Anreiz, Übergewinne weiterzugeben. Gleichzeitig gilt: Steigende Energiepreise sind oft der Ausgangspunkt für Inflation. Die bisherigen politischen Maßnahmen – etwa mehr Transparenz – greifen zu kurz. Ohne Eingriffe droht bei steigenden Gaspreisen ein neues Strompreisfiasko.
Regierung wählt pragmatischen Weg durch die Krise
Grundsätzlich sind alle von der aktuellen Bundesregierung gesetzten Maßnahmen, auch wenn sie oft nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein wirken, sehr wichtig und verantwortungsvoll. Sie alle haben zum Ziel, Konsument:innen zu entlasten und einem neuen Inflationsaufbau die Grundlagen zu entziehen. Deshalb sollte diesmal bei weiter steigenden Gaspreisen kein Weg an raschen, temporären Eingriffen in den Strommarkt vorbeiführen.
Sie könnten Preise stabilisieren, Inflation bremsen und gleichzeitig den Ausbau erneuerbarer Energien absichern.

Peter Molnar, geboren 1968 in Krems an der Donau, ist ein österreichischer Energieexperte und Politiker (SPÖ). Nach seinem Studium der Ökologie und Ökonomie in Wien war er am Aufbau der oekostrom AG beteiligt und übernahm dort mehrere Führungsfunktionen. Später leitete er unter anderem das Klimabündnis Österreich sowie den Dachverband Erneuerbare Energie Österreich. Als Mitgründer der Energiegenossenschaft OurPower setzte er sich besonders für Bürger:innenbeteiligung und neue Modelle der Stromversorgung ein. Von 2022 bis 2024 war Molnar Stadtrat für Klima, Umwelt, Energie und Mobilität in Krems, seit Februar 2024 ist er Bürgermeister der Stadt. Neben seiner politischen Tätigkeit arbeitet er als Berater, Vortragender und Lektor im Bereich Energie und Klimaschutz.


































