„Housing First“ schafft Wohnungen für Obdachlose

Finnland hat es geschafft, dass es so gut wie keine Obdachlosen mehr gibt

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Juha Kaakinen leitet die Y-Foundation. Die NGO bekommt vergünstigte Anleihen vom Staat, um Wohnraum anzuschaffen. Darüber hinaus werden die SozialarbeiterInnen vom Staat bezahlt. Die finnische Lotterie wiederum unterstützt die NGO, wenn sie Wohnungen am privaten Wohnungsmarkt kauft. Daneben nimmt die Y-Foundation noch Kredite von Banken auf. Mit den Mieteinnahmen zahlt die NGO die Kredite zurück.

„Wir mussten die Nacht-Unterkünfte und Kurzzeit-Unterbringungen abschaffen, die wir früher hatten. Sie hatten Tradition in Finnland, aber jeder konnte sehen, dass sie den Menschen nicht aus der Obdachlosigkeit geholfen haben.“ (Juha Kaakinen, Leiter der Y-Foundation)

Das „Housing First“-Konzept zusammengefasst

Diese Politik heißt „Housing first“. Sie kehrt die herkömmliche Obdachlosen-Hilfe um. Häufig ist es so, dass von Betroffenen erwartet wird, sich einen Job zu suchen und sich von psychischen Problemen oder Suchterkrankungen selbst zu befreien. Erst dann gibt es Hilfe bei der Wohnungssuche.

„Housing first“ dagegen geht es andersherum an: Obdachlose Menschen bekommen eine Wohnung – ohne Voraussetzung. Sozialarbeiter helfen bei Anträgen rund um Sozialleistungen und sind Ansprechpartner bei Problemen. In dieser neuen, sicheren Ausgangslage fällt es den Betroffenen dann leichter, sich um einen Job und um ihre Gesundheit zu kümmern.

Obdachlosigkeit Finnland Housing First

4 von 5 obdachlose Menschen behalten bei „Housing First“ langfristig ihre Wohnung und können ein stabileres Leben führen.

Innerhalb von etwa 10 Jahren hat das „Housing First“-Programm in Finnland 4.600 Wohnungen bereitgestellt. 2017 lebten zwar noch immer etwa 1.900 Menschen auf der Straße – doch für sie gibt es genügend Plätze in Notunterkünften, damit sie zumindest nicht mehr im Freien schlafen müssen.

Das Obdachlosen-Hilfe-Konzept wurde vom Psychologen Sam Tsemberis entwickelt. Ausgangspunkt ist der Zugang, dass Wohnraum der Ausgangspunkt und nicht das Ziel der Hilfe ist. Zielgruppen sind Menschen mit schweren (psychischen) Erkrankungen, Suchterkrankungen oder Behinderungen, die über kein Zuhause verfügen. Betroffene werden unterstützt, dass sie auf Alkohol und Drogen verzichten. Anders als bei anderen Hilfsprojekten ist es aber keine Voraussetzung, um eine Wohnung zu bekommen. Wo das Modell angewendet wird, kann die Obdachlosigkeit bei 4 von 5 Betroffenen beendet werden.

Menschen eine Wohnung zu geben kostet weniger als sie auf der Straße zu lassen

Menschen Wohnraum zu schaffen, kostet natürlich Geld. In den 10 Jahren von „Housing First“ wurden 270 Millionen Euro für den Bau, den Ankauf und das Renovieren von Wohnungen ausgegeben. Allerdings, gibt Juha Kaakinen zu bedenken, ist das weit weniger als Obdachlosigkeit selbst kostet. Denn wenn Menschen in Notsituationen sind, gibt es auch häufiger Notfälle: Übergriffe, Verletzungen, Zusammenbrüche. Polizei, Gesundheits- und Justizsystem sind öfter gefordert und auch das kostet Geld.

Im Vergleich kostet „Housing First“ weniger als Obdachlosigkeit: Der Staat gibt pro obdachlosem Menschen 15.000 Euro weniger pro Jahr aus als vorher.

Kein Wundermittel – aber hohe Erfolgsquote

Bei 4 von 5 Personen ist „Housing First“ langfristig wirksam: Sie behalten ihre Wohnung, sind auf Jobusche und nutzen die Hilfe der SozialarbeiterInnen. In 20 Prozent der Fälle steigen Menschen aus, weil sie bei Freunden oder Verwandten unterkommen – oder weil sie es nicht schaffen, die Miete zu bezahlen. Doch auch in diesem Fall werden sie nicht fallen gelassen. Sie können nochmal um eine Wohnung ansuchen und werden erneut unterstützt, wenn sie das möchten.

Erfolgsgarantie gibt es keine. Vor allem wohnungslose Frauen sind schwieriger zu erreichen: Sie verschleiern ihre Notsituation, weil sie öfter im sozialen Umfeld unterkommen und weniger häufig auf der Straße leben. Und eben dort spricht die Y-Foundation Menschen an.

„Neunerhaus“ in Wien setzt „Housing First“ um – mit Erfolg

Das Neunerhaus in Wien hat 2012 ein 3-jähriges Pilotprojekt gestartet, in dem sie das „Housing First“-Konzept umgesetzt hat. Es war so erfolgreich, dass das Angebot mittlerweile Teil der Wiener Wohnungslosenhilfe ist.

Seit   Oktober   2016 gibt es ein eigenes Team aus SozialarbeiterInnen und Gesundheits-Fachkräften, die das Projekt tragen. Das Ergebnis: Fast 97 Prozent der Betroffenen behalten ihre Wohnung und haben sich stabilisiert.

Einen Überblick über weitere derartige Angebote in Österreich gibt es im „Housing First“-Guide.

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Stell dir vor: Eine
Stell dir vor: Eine
14. November 2019 10:52

Welt ohne Geld! – Und jeglicher Kampf würde vorüber sein, der Neid verstumpft, die Gier besiegt, der Krieg, die Massentötung verunmöglicht. Nur eines ginge nicht mehr: Mehr Privat als Staat. Und nur deshalb wird’s so weit niemals kommen. Stell dir vor, es ist unvorstellbar. Weil uns diese Freiheit gezielt abtrainiert worden ist. Von Medien und Lehrern, Professoren, bewusst (wenige involviert!) und unbewusst (die meisten schaden unbewusst und hirnlos!). Die Erklärung, wie es geht, hat noch vor kurzem ein Reporter in einer Kolumne in der Kleinen Zeitung gesucht. Wie können wir die Massenbevölkerung stoppen, war die schlichte Frage. Ich weiß die… Weiterlesen »

Johannes Gojakovich
Johannes Gojakovich
13. November 2019 16:23

Gross Artig, endlich endlich…
Weiter’s könnte man Nachdenken für alle die Insolvenz abstürzen (Untetnehmer) auch Private die alles verloren haben und keinen Sinn in ihren Dasein sehen zu helfen und zwar in einer Art Genossenschaft wo die ihr erlerntes Wissen und können einbringen ihnen mit Sekräterin und juristischen Beistand geholfen wird und zugleich wieder am Arbeitsmatkt teilnehmen können indem sie einen für’s Leben wesentlichen Lohn bekommen mit dem sie Ihre Selbsständigkeit und dir Familie erhalten können . Des Weiteren kann auch dahin geholfen werden die Aussenstände von den Auftraggebern zu lukrieren wodurch der Untetnehmer in eine Schieflage gekommen ist …

Gumpinfer
Gumpinfer
18. November 2019 17:32

Ich denke, das ist ein sinnvoller Weg, wenn die betroffenen auch an der Schaffung des Wohnraumes mithelfen.
Es gibt überall genügend sanierungsbedüftige Häuser ddie über ein derartiges Projekt angekauft werden könnten und mit den betroffenen saniert, ergäbe das sicherSinn !!

Helmut Maringele
Helmut Maringele
13. November 2019 20:17

Do listen with high attention. I think an very brave example to multiplicate all over EU, offside of turning more and more to rightwing parties

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