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London wird sicherer, aber die Briten haben mehr Angst vor der Stadt – der Grund: Social Media

Kontrast.at als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.
London, Social Media (Foto: Montage / Unsplash)

Foto: Montage / Unsplash

David Sowka David Sowka
in Digitales Leben, Internationales, Sicherheit & Justiz
Lesezeit:4 Minuten
12. Februar 2026
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Wie gefährlich ist London wirklich? In sozialen Netzwerken dominieren Gewaltclips und „London crime“-Posts das Bild der britischen Hauptstadt – verstärkt von rechten Politiker:innen, die diese Erzählung politisch ausschlachten. Laut Umfragen halten deshalb immer mehr Britinnen und Briten London für unsicher. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Die Gewaltkriminalität ist in den vergangenen Jahren gesunken, die Mordrate liegt auf dem niedrigsten Stand seit fast drei Jahrzehnten. Und auch die überwältigende Mehrheit der Londoner:innen fühlt sich in ihrer Stadt sicher. Das Beispiel zeigt, wie Social Media, Algorithmus und politische Zuspitzung Wahrnehmungen verschieben können – selbst dann, wenn die statistische Realität dagegen spricht.

Auf TikTok gibt es mit dem „London simulator“ ein reichweitenstarkes Schlagwort. Sucht man danach, bekommt man schnell ein ganz bestimmtes Bild geliefert: Viele Clips zeigen Videospiel-Szenen, in denen Figuren mit Messern oder Klingen durch eine düstere Großstadt ziehen. Solche Motive prägen in sozialen Netzwerken oft das London-Bild. Plattformen spielen stark polarisierende Inhalte immer wieder groß aus. Durch diese ständige Wiederholung entsteht der Eindruck, London sei vor allem ein Hotspot für Gewalt und Messerkriminalität.

Rechtspopulistische Politiker greifen solche Bilder auf und verstärken sie. Der rechte Politiker Rupert Lowe schrieb auf X, London ähnele „zunehmend der Dritten Welt“ und sei „für Frauen nicht sicher“. Der Post erreichte mehr als 2,3 Millionen Aufrufe. Parallel gewinnt die rechte Partei Reform UK unter Nigel Farage in Umfragen an Gewicht und liegt in aktuellen Erhebungen auf Platz eins.

Immer weniger Gewaltkriminalität in London

Dabei ist Gewaltkriminalität in London seit Jahren rückläufig. Ein weiteres Signal kommt aus den Kliniken: 2024 war die Zahl der Menschen, die wegen eines Angriffs mit einer Klinge ins Krankenhaus eingeliefert wurden, so niedrig wie seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr.

Die London Kriminalitaet geht zurück anders als laut Social Media Grafik Faktencheck, Krankenhausaufenthalte
Faktencheck: Die Kriminalität in London geht in vielen Teilen zurück – anders als es auf Social Media wirkt.

Auch der Blick auf Tötungsdelikte passt nicht zum Alarmismus. Mit 1,1 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner verzeichnet London den niedrigsten Wert, seit es solche Aufzeichnungen gibt (1997). Zum Vergleich: Paris liegt bei 1,3 und Berlin bei 1,4. New York City, eine Stadt ähnlicher Größe, kommt auf fast das Dreifache (2,8).

Das heißt nicht, dass London keine Probleme hat. Besucherinnen und Besucher werden vor Handydiebstählen gewarnt, bei denen Täter auf E-Bikes zuschlagen. Zudem ist Ladendiebstahl stark gestiegen. Trotzdem erklärt das nicht, warum online oft der Eindruck dominiert, die Stadt werde vor allem von schwerer Gewalt bestimmt. Es gibt somit eine offensichtliche Lücke zwischen dem, was sich in den Zahlen zeigt, und der dominierenden Erzählung auf Social Media, die Gewalt in den Mittelpunkt stellt.

@theeconomist

♬ original sound – The Economist – The Economist

Economist-Analyse zeigt, wie Social Media die Wahrnehmung verschiebt

Warum hält sich die Vorstellung einer „immer gefährlicheren“ Stadt so hartnäckig, wenn die Zahlen eher in die andere Richtung zeigen? Das britische Magazin The Economist wertete von 2020 bis 2025 alle Posts auf X (vormals Twitter) aus, in denen „London“ zusammen mit Schlagwörtern zu Gewaltdelikten vorkam.

Das Ergebnis: Im Jahr 2025 war die Zahl dieser Posts doppelt so hoch wie der jährliche Durchschnitt zwischen 2020 und 2024. Nicht nur das Volumen wuchs. Auch die Resonanz stieg. 2025 lag die durchschnittliche Zahl von Likes und Retweets pro Post fast doppelt so hoch wie 2024.

Ein auffälliger Punkt ist der Ton vieler Beiträge. Ein Teil der Posts sucht die Schuld bei Migrantinnen und Migranten. Der Anteil der „London crime“-Beiträge, die zugleich Islam, Migration oder „Rasse“ erwähnen, hat sich seit 2023 verdoppelt. Auch der Begriff „Londonistan“ taucht häufiger auf, ein Schlagwort aus rechten Milieus, das eine angebliche Islamisierung der Hauptstadt beklagt. Posts mit diesem Begriff haben sich seit 2020 verdoppelt.

Damit rutscht die Debatte weg von Sicherheitsfragen hin zu Identitätspolitik. Gewalt wird nicht nur als Kriminalitätsproblem erzählt, sondern als Beleg für kulturellen Niedergang. Und obwohl die Zahlen ein anderes Bild nahelegen, schiebt dieser Online-Diskurs die Stimmung in eine politische Richtung, die sich leicht mobilisieren lässt.

Wenn Politik und Geld die Stimmung anheizen

Empörung kann sich auch finanziell auszahlen. X vergütet Beiträge inzwischen nach dem Engagement, das sie auslösen. Das schafft einen Anreiz, Inhalte möglichst zugespitzt zu formulieren. Jon Roozenbeek von der University of Cambridge sagte dem Economist, dass dadurch Accounts entstanden sind, die bewusst aufhetzende Inhalte posten, weil es sich finanziell rechnet.

Unklar bleibt, wie groß der Anteil externer Manipulation ist. Laut der Auswertung ist schwer zu beziffern, wie viel viraler Inhalt von Bots oder ausländischen Akteuren stammt. Die einflussreichsten Accounts wirkten jedoch wie echte Nutzerinnen und Nutzer aus Großbritannien. Bots machten demnach rund 20 Prozent der Posts über Londoner Kriminalität aus, bekamen aber vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit.

Falschinfos im Netz fördern ein verschobenes Stimmungsbild

Wie stark das Online-Bild in den Alltag hineinwirkt, zeigt eine Umfrage. Nach einer aktuellen Erhebung von YouGov halten 61 Prozent der Britinnen und Briten London inzwischen für unsicher. 2014 lag dieser Wert bei 39 Prozent. Unter Wählerinnen und Wählern von Reform UK steigt er auf 85 Prozent.

Dem steht die Einschätzung vieler Menschen vor Ort gegenüber. Nur ein Drittel der Londonerinnen und Londoner stimmt der Aussage zu, die Stadt sei unsicher. Eine große Mehrheit, 81 Prozent, sagt, die eigene Gegend sei sicher.

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Th. M.
Th. M.
12. Februar 2026 22:01

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