Alltag in der Pflege

„Wenn ich selbst am Limit bin, was soll ich kranken Menschen bieten?“

Die „Soziale Wirtschaft“ verhandelt derzeit ihren Kollektivvertrag. Ihre zentrale Forderung: die 35-Stunden-Woche. Pflegerinnen, Assistenten und Betreuerinnen kämpfen für bessere und vor allem realistischer Arbeitsbedingungen in der Pflege. Elwira Schlesinger ist eine von ihnen. Sie ist seit 35 Jahren  in der Pflegeassistenz tätig. Als Betriebsrätin hat sie die vergangenen Streiks mitorganisiert. Sie erzählt uns von ihrer Erfahrung und ihrem Alltag als mobile Pflegerin.

Wie gestaltet sich ein Arbeitstag in der mobilen Pflege?

Als Pflegeassistentin betreue ich schwerkranke, alte und sterbende Menschen. Es ist aber auch ein wunderschöner Beruf: Ich bin hautnah bei den Menschen und bekomme viele Emotionen mit – die meisten davon sind sehr schön.

In diesem Beruf gibt es aber auch andere Situationen, die im Herz und in der Seele sehr wehtun. Und auch körperlich ist die Arbeit schwer. Wir mobilisieren die Patienten, wir setzen sie auf, wir waschen sie und heben sie in den Rollstuhl. Trotz einer Vielzahl von Techniken und Hilfsmitteln sind wir alleine bei den Patienten. Das ist körperlich äußerst schwer.

Wie läuft ein normaler Tag bei dir ab?

In der Regel sind wir alleine bei den Patienten. Wöchentlich bekommen wir Einsatzpläne, die die Hausbesuche regeln. Bei einer Vollzeitanstellung, das entspricht 38 Stunden pro Woche, haben wir drei bis fünf geteilte Dienste  – da ist der Tagesablauf zerrissen. Der ganze Tag ist dann der Arbeit gewidmet. Wenn ich um 6:30 Uhr zu arbeiten beginne, arbeite ich ungefähr bis 13 Uhr. Manchmal, wenn Kolleginnen krank sind, auch noch länger. Danach fahre ich für zwei Stunden nach Hause. Von den zwei Stunden nutze ich eine Stunde, um zu schlafen, sonst schaffe ich den Abenddienst nicht. Dann arbeite ich von 16:30 bis 20 Uhr. Wenn ein Notfall eintritt, dann kann es auch bis 21 Uhr dauern. Anfahrtszeiten kommen da noch dazu. Viel bleibt sonst vom Tag nicht über.

Elwira Schlesinger arbeitet im Bereich der Pflegeassistenz. Sie erzählt von ihrer Erfahrung in der Pflege-Branche.

Anfahrtszeiten sind keine Dienstzeiten?

Doch. Zum Teil. Wir bekommen pauschal eine Anfahrtszeit angerechnet. Aber ob sich das ausgeht, ist auch stark von den Jahreszeiten abhängig. Im tiefsten Winter bei Frost und Kälte muss man früher aufstehen. Bei Patientinnen, die zum Beispiel am Stadtrand leben und dort kein Bus fährt, müssen wir dann zu Fuß gehen. So verzögert sich alles und der Tag wird noch länger.

Sie sind immer alleine unterwegs. Macht das nicht manchmal auch nervös?

Bei neuen Klienten bin ich immer ein bisschen nervös, denn ich weiß nicht, was mich erwartet. Man steht vor der Tür und weiß nicht, wer da jetzt aufmacht. Wir haben sehr viele liebe Patienten, aber hin und wieder hat man auch mit schwierigen Patienten zu tun. Oft sind wir mit Aggressionen und auch sexueller Belästigungen konfrontiert – gerade bei Demenz werden die Patienten oft sehr enthemmt.

Arbeitest du trotzdem gerne in der mobilen Krankenpflege?

Natürlich bietet der Beruf viel Gutes: Man wird herzlich begrüßt, bekommt auch einfach viel zurück. Aber eben nicht immer, denn oft muss man sehr viel einstecken. Oder wenn ich aus dem Urlaub komme und mit „Oh, du Engel bist wieder zurück“ begrüßt werde. Das ist mein Zeugnis. Mir ist wichtig, dass sich Patienten freuen, wenn ich komme. Dann habe ich ein gutes Gewissen am Heimweg.

Die mobile Pflege betreut auch sterbende Menschen. Ich habe Glück bei einem Verein tätig zu sein, der viel Wert auf eine qualitative Pflege legt. Wir haben auch Weiterbildungen, zum Beispiel im Palliativen Bereich. Viele PatientInnen begleiten wir bis zum Tod. Aber das ist auch eine große Belastung:

Wir hatten eine Patientin, die alleine in einen riesigen Haus gelebt hat und sie war im Endstadium ihrer Erkrankung. Wissen Sie, welches Gefühl das war dort hin zu gehen? Man kommt in den zweiten Stock hinauf und weiß nicht, was einen dort oben erwarten wird. Das sind Ängste und starke Emotionen. Wenn man in seinem Leben großteils nur mit solchen Dingen konfrontiert wird, dann kann man wirklich seine Lebensfreude verlieren. Ich mache meinen Beruf gerne, aber ich brauche Zeiten, in denen ich mich auch erholen kann. Deshalb ist die Arbeitszeitverkürzung auch so wichtig.

Bei der Demo für die 35-Stunden-Woche erzählen Pflege-Assistentinnen von ihren Erfahrung in der Pflege-Branche.

Bei der Kollektiv-Vertrag wird derzeit neu verhandelt. Die Gewerkschaft demonstriert für den 35 Stunden Tag. Denn die Erfahrung zeigt: In den sozialen Berufen, wie Pflegeassistenz, sind 40 Stunden nicht möglich.

Aber auch bei einer Arbeitszeitverkürzung passieren solche Dinge?

Das stimmt. Aber wenn ich von 6:30 bis in die Nacht unterwegs bin, habe ich keine Zeit, mich damit auseinanderzusetzen. Ich arbeite jetzt schon nur 35 Stunden in der Woche. Aber: Was können wir an unsere Patienten weitergeben, wenn wir selbst überbelastet, erschöpft und übermüdet sind? Wie kann ich jemanden trösten, wenn ich selbst Trost brauche? Der Ausgleich ist enorm wichtig.

Wenn ich selbst am Limit bin, was soll ich schwer kranken Menschen bieten? Meine Schmerzen? Wie das Kreuz von Hebetätigkeiten abgenutzt wird, so kann auch die Seele von ständigen Konfrontationen mit Leid abgenutzt werden.

Was muss man als junge Pfleger oder Pflegerin mitbringen?

Viele Kolleginnen sind am Anfang ihrer Karriere hoch motiviert. Über diese Leidenschaft freue ich mich immer besonders. Da denke ich mir: Das ist die wichtigste Voraussetzung, den Rest kann man ja lernen. Aber vor allem jüngere Kolleginnen denken, dass sie besonders hart sind und die Gefühle, die sie unmittelbar betreffen, abgrenzen können. Aber das geht nicht. Unser Unterbewusstsein nimmt einfach alles auf. Sie sind mit schwierigen Lagen konfrontiert und die kommen einem nahe. Die können ihr Tempo aber oft nicht lange durchhalten.

Dann beginnt es plötzlich mit häufigen Krankenständen und ein möglicher Berufswechsel wird angedacht. Burnouts sind bei uns auch keine Seltenheit.

Und so werden dann oft die Arbeitsstunden reduziert oder einfach auch nicht erhöht. Deswegen arbeitet auch kaum jemand  in der mobilen Pflege auf Vollzeitbasis. Weil es einfach nicht geht.

Viele Pflege-Vereine und Unternehmen jammern, dass sie keine qualifizierten Kräfte bekommen, und viele Junge gehen. Was könnten sie tun?

Eine 35-Stunden-Woche ist für mich die Lösung. Diese Reduzierung nimmt auch die Angst vor der Altersarmut und existenzielle Ängste treten nicht so schnell auf. Außerdem kann man einfach effizienter arbeiten. Ich nehme an, so kann sich auch die Situation mit den häufigen Krankenständen verbessern und der Beruf wird wieder attraktiver. Dadurch gewinnt man wieder Freude für diesen Beruf, denn durch diese Überanstrengungen verliert man sie viel zu schnell.

Sie arbeiten derzeit 35 Stunden in der Woche. Könnten Sie sich vorstellen mehr als 35 Stunden pro Woche zu arbeiten?

Ich würde gerne 38 Stunden arbeiten, alleine wegen der Pension. Ich bin 54 Jahre alt. Mobile Betreuung ist auf Vollzeitbasis nicht möglich. Früher habe ich auf Teilzeitbasis gearbeitet. Dann habe ich erfahren, dass ich weniger Pension bekommen werde als Menschen, die Vollzeit arbeiten. Deswegen habe ich meine Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche erhöht. Einmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, 38 Stunden zu arbeiten. Aber das ist wirklich nicht machbar.

Machen Sie viele Überstunden?

Wir müssen laufend Überstunden und Mehrarbeit leisten. Wir haben schon das Recht unsere freien Tage zu nutzen, aber das ist wie mit der 60-Stunden-Woche: Man fühlt sich der Arbeit verpflichtet. Es ist schon auf freiwilliger Basis, aber man hat trotzdem das Gefühl, einspringen zu müssen. Real arbeite ich sicher weit mehr als 35 Stunden.

Voriges Quartal hatte ich sehr viele Mehrleistungsstunden. Die lasse ich mir dann in Zeitausgleich vergüten, denn diese Zeit brauche ich einfach. Freizeit kann ich mir um das Geld nicht kaufen. Aber das geht leider nicht immer.

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Kritisierer
Kritisierer
22. Februar 2020 16:46

Ich finde, Pflege ist ein harter Job der ordentlich bezahlt werden sollte. In der Vollkaskogesellschaft wird das aber kaum möglich sein, denn bekanntlich darfs die Gepflegten ja nichts kosten. Eine „Pflegeversicherung“ nach dem schon bei den Pensionen zu teuren Umlagesystem ist natürlich auch Unsinn.

Die weitgereisten traumatisierten kosten rund drei Mrd pro Jahr – die könnte man problemlos einsparen und für Pflege investieren – dann klappts auch mit der Kurzarbeit zum vollen Lohn.

Claudia
Claudia
18. März 2020 22:15

Was sie darüber erzählt hat, das stimmt überrein genau,
ich bin auch selbst im Caritas als Mobil PA tätig,
ich arbeite aber normalerweise in der Woche 38 Std, doch mehrere Std arbeite ich dort. Wenn ich daheim komme, bin voll erschöpft müde.
Rest was die Frau erzählt hat, selbe Situation bei mir.

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