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Gut für Wirtschaft und Budget: Ökonom Bjørnstad über Norwegens erfolgreiche Vermögenssteuer

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Roger Bjørnstad, Norwegen

Foto: Unsplash & Partnerstudio

Lena Krainz Lena Krainz
in Good News, Internationales, Interview, Reichtum & Macht
Lesezeit:5 Minuten
19. Dezember 2025
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In Norwegen gibt es seit über 130 Jahren eine Vermögenssteuer – und sie genießt bis heute breite Unterstützung in der Bevölkerung. Im Interview erklärt Roger Bjørnstad, Chefökonom des norwegischen Gewerkschaftsbundes, warum das so ist. Er spricht über Desinformationskampagnen wohlhabender Gegner und den Kurswechsel der Medien, die sich vor den Parlamentswahlen im September dann doch entschieden haben, diese Kampagnen zu entlarven. Außerdem erklärt Bjørnstad, warum Abwanderungsdrohungen von Milliardären irreführend sind, weshalb die Vermögenssteuer gut für die Wirtschaft und die Arbeitsplätze ist – und was Länder wie Österreich daraus lernen können.

Inhalt
Ohne Vermögenssteuer würden Superreiche in Norwegen häufig gar keine Steuern zahlen
Medien spielten eine wichtige Rolle und änderten ihre Meinung im Wahlkampf
Rechte Regierung schaffte Erbschaftssteuer ab
Reichensteuern sind gut für die Wirtschaft, funktionieren und sind leicht umsetzbar
Superreiche finanzieren Parteien und Kampagnen gegen Vermögenssteuern

Ohne Vermögenssteuer würden Superreiche in Norwegen häufig gar keine Steuern zahlen

Kontrast: Norwegen hat seit über 130 Jahren eine Vermögenssteuer. Wie wird sie heute von der Bevölkerung wahrgenommen?

Roger Bjørnstad: Darüber wird tatsächlich viel diskutiert, vor allem im Vorfeld der letzten Wahlen war das ein großes Thema. Die Debatte war ziemlich heftig, aber letztlich hat das linke Lager die Wahl gewonnen. Das wird als Unterstützung für die Vermögenssteuer gesehen, weil sie ein so zentraler Teil der Wahlauseinandersetzung war. Insgesamt steht die Vermögenssteuer in der Bevölkerung also gut da, auch wenn es Punkte gibt, bei denen wir als Gewerkschaft Anpassungen sinnvoll finden würden. Die Vermögenden haben jedoch die Hoffnung nicht aufgegeben, die Steuer zu senken oder ganz abzuschaffen. Schließlich führt der Anstieg der Ungleichheit und unversteuertes Kapitaleinkommen zur Anhäufung großer Vermögen, weshalb Superreiche eine hohe Vermögenssteuer zahlen, selbst wenn ihre gesamte Steuerlast weiterhin relativ gering ist.

Das grundlegende Problem ist: Kapitaleinkommen lassen sich schwer besteuern. In Norwegen werden Dividenden und Gewinne zwar besteuert – aber vor allem dann, wenn sie tatsächlich bei Privatpersonen ankommen. Sehr reiche Menschen vermeiden das, indem sie ihr Vermögen in Holdinggesellschaften parken. Solange das Geld dort bleibt, fällt keine private Einkommensteuer an. So sammeln sich in diesen Firmen über Jahre enorme Vermögen an. Die einzige Steuer, die sie darauf zahlen, ist die Vermögenssteuer. Je mehr Vermögen dort liegt, desto höher fällt natürlich auch die Vermögenssteuer aus. Das ist einer der Hauptgründe für die Debatte in Norwegen.

Ich denke aber, dass die Vermögenssteuer insgesamt eine breite Unterstützung hat – gerade weil Reiche auf ihr Kapitaleinkommen kaum Steuern zahlen. Die Vermögenssteuer ist für sie oft die einzige Steuer, die sie überhaupt zahlen.

Medien spielten eine wichtige Rolle und änderten ihre Meinung im Wahlkampf

Kontrast: Welche Rolle haben die Medien bei der Debatte und der positiven Wahrnehmung der Vermögenssteuer gespielt?

Roger Bjørnstad: Die Medien spielten eine wichtige Rolle im Wahlkampf. Sehr Reiche haben große Kampagnen finanziert. Anfangs haben einige Medien diese Kampagnen unterstützt und deren Botschaften übernommen.

Im Verlauf der Debatte und vor der Wahl haben sich viele Medien aber gedreht und begonnen, gezielt gegen die Desinformation zur Vermögenssteuer vorzugehen. Sie haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, falsche Behauptungen dieser Kampagnen zu entlarven.

Kontrast: Warum, glauben Sie, haben die Medien diesen Kurswechsel vollzogen?

Roger Bjørnstad: Weil die Desinformation extrem war und offensichtlich von Superreichen finanziert wurde. Man versuchte, den Eindruck zu erwecken, die Vermögenssteuer treffe normale Menschen – was schlicht nicht stimmt. Ich glaube, die Medien haben erkannt, dass diese Falschinformationen richtiggestellt werden mussten.

Kontrast: Auch in Österreich ist dieses Argument sehr verbreitet, obwohl die diskutierten Modelle klar nur die Superreichen betreffen…

Roger Bjørnstad: Genau. Deshalb haben wir in Norwegen eine Taskforce gegründet, die sofort auf Falschinformationen reagieren konnte. Sie bestand aus Expert:innen und Forscher:innen und war daher sehr glaubwürdig – finanziert von den Gewerkschaften.
Diese Taskforce hat gezielt Korrekturen direkt an die Medien geschickt. Das war sehr wirkungsvoll.

Rechte Regierung schaffte Erbschaftssteuer ab

Kontrast: Neben Norwegen hat in der EU nur Spanien noch eine Vermögenssteuer, aber viele Länder haben eine Erbschaftssteuer. Norwegen hat die Erbschaftssteuer 2014 abgeschafft – warum?

Roger Bjørnstad: Das war eine rechtsgerichtete Regierung. Die damalige Erbschaftssteuer traf teilweise auch normale Menschen und hatte deshalb wenig Rückhalt. Sie war schlecht gestaltet. Das nutzte die Regierung, um sie abzuschaffen.

Kontrast: Die sozialdemokratische Regierung hat vor zwei Jahren die Vermögenssteuer erhöht. Warum hat sich dazu entschieden?

Roger Bjørnstad: Zur Budgetfinanzierung – und weil man gesehen hat, wie extrem die Vermögenskonzentration ist und wie wenig Steuern Superreiche zahlen. Die Vermögenssteuer ist die einzige Steuer, die sie wirklich trifft. Diese Erhöhung ist vermutlich einer der Gründe, warum Superreiche später diese Kampagnen finanziert haben.

So funktioniert die norwegische Vermögenssteuer
  • Alle Norweger:innen mit einem Nettovermögen von über 150.000 € (1,76 Mio. NOK) zahlen Vermögenssteuer. Für Paare gilt der doppelte Freibetrag. Schulden werden vollständig abgezogen.
  • Insgesamt liegt die Steuer bei ca. 1,1 % pro Jahr – davon gehen ca. 0,525 % an die Gemeinden und 0,475 % (bei sehr hohen Vermögen 0,575 %) an den Staat.
  • Zum Vermögen zählen vor allem Immobilien, Aktien und Unternehmensbeteiligungen. Die Bewertung orientiert sich am Marktwert, aber es gibt teils hohe Bewertungsabschläge, also Rabatte: beim Hauptwohnsitz bis zu -75 %, bei Betriebsmitteln -30 % und bei Aktien -20 %.
  • Eingehoben wird sie über eine jährliche elektronische Steuererklärung, bei der vieles bereits von Banken und Versicherungen vorbefüllt ist. Bei Auffälligkeiten drohen Nachweise oder Strafen.
  • Dem Staat bringt das jährlich rund 2,7 Milliarden € ein.

Mehr dazu gibt es hier.

Reichensteuern sind gut für die Wirtschaft, funktionieren und sind leicht umsetzbar

Kontrast: Ein häufiges Argument lautet, dass hohe Vermögenssteuern Reiche zur Abwanderung bewegen. Was zeigen Ihre Erfahrungen?

Roger Bjørnstad: Ich glaube, das ist eine falsche Analyse. In Wahrheit geht es ihnen um die riesigen Vermögen in ihren Holdinggesellschaften. Der eigentliche Grund für ihre Abwanderung ist die hohe Dividendensteuer auf private Ausschüttungen, nicht die Vermögenssteuer.
Die Dividendensteuer fällt eben an, sobald sie das Geld privat entnehmen. Diese Menschen wollen aber das Geld aus ihren Holding-Unternehmen ohne Dividendensteuer herausbekommen – und nutzen den Angriff auf die Vermögenssteuer als Vorwand, um eine rechte Regierung zu unterstützen, die auch die Dividendensteuer senkt.

Studien zeigen jedoch klar: Die Vermögenssteuer schadet weder Investitionen noch Beschäftigung. Und selbst wenn Reiche das Land verlassen – das Kapital bleibt in norwegischen Unternehmen.

Kontrast: In Österreich hört man oft, die Vermögenssteuer funktioniere nicht, sei schwer umzusetzen und schade der Wirtschaft. Was sagen Sie dazu?

Roger Bjørnstad: Das stimmt nicht. Studien zeigen, dass sie sogar gut für die Wirtschaft und Arbeitsplätze ist, weil sie Investitionen begünstigt, anstatt große Vermögen ungenutzt auf Konten oder in sicheren Anlagen liegenzulassen.
Und zur Verwaltung: Das ist überhaupt kein Problem. Wir haben umfassende Steuerberichte. Banken und Institutionen melden Vermögenswerte automatisch. Immobilien werden standardisiert bewertet. Das System existiert bereits – man muss es nur nutzen.

Kontrast: Gegner:innen einer Vermögenssteuer sagen, dass man nicht kontrollieren kann, was Superreiche besitzen – etwa Kunstwerke oder Luxusuhren.

Roger Bjørnstad: Das ist irrelevant. Entscheidend sind Immobilien und Unternehmensanteile. Niemand interessiert sich für Wohnzimmerinventar. Dieses Argument ist eine reine Ablenkung.

Superreiche finanzieren Parteien und Kampagnen gegen Vermögenssteuern

Kontrast: Warum haben dann so viele Länder ihre Vermögenssteuer abgeschafft?

Roger Bjørnstad: Steuern sind nie populär. Und Superreiche mischen sich heute stärker in Politik ein, finanzieren Parteien und Kampagnen – das sehen wir zum Beispiel auch in den USA. Das macht die Situation politisch schwierig.

Kontrast: Welchen Rat würden Sie Ländern wie Österreich geben?

Roger Bjørnstad: Man muss sichtbar machen, wie wenig Steuern auf Kapitaleinkommen tatsächlich gezahlt werden. Die Vermögenssteuer ist kein Selbstzweck, sondern eine Konsequenz daraus. Wenn Gegner:innen eine faire Besteuerung von Kapitaleinkommen vorschlagen können – gut. Wenn nicht, braucht man die Vermögenssteuer.

Wirksam seit 130 Jahren: So funktioniert die Vermögenssteuer in Norwegen

Parlament Das Thema "Vermögenssteuer" im Parlament

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Vermögenssteuer

Eine Vermögenssteuer im engeren Sinne bezeichnet im Normalfall eine jährliche Steuer, die auf das Nettovermögen (also minus Schulden) von Personen eingehoben wird. Sie wird ab einer bestimmten – meist sehr hohen – Freigrenze fällig. Das Vermögen kann sowohl finanzielle Vermögenswerte (wie Aktien und Anleihen) als auch nicht finanzielle Vermögenswerte (wie Wohneigentum) umfassen. Im weiteren Sinne versteht man unter Vermögenssteuern alle vermögensbezogenen Steuern. Sie sind demnach einmalige und wiederkehrende Steuern auf die Nutzung, das Eigentum oder die Übertragung von Vermögen. Dazu zählen etwa Steuern auf unbewegliches Vermögen oder Nettovermögen, Grundsteuer, Erbschafts- und Schenkungssteuern sowie Finanz- und Kapitaltransaktionssteuern. Der Wert wird meist in Prozent aller Steuereinnahmen oder am BIP bemessen.  

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