Die „Kleine Zeitung“ berichtete, dass der Vater von Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) bei einem Operationstermin im Orthopädischen Spital Speising vorgereiht worden sein könnte. Noch bevor geklärt war, ob der rasche Termin medizinische Gründe hatte, war von einer „Sonderbehandlung“ die Rede. Boulevardmedien griffen den Vorwurf auf. Erst später wurden die Verantwortlichen des Spitals von den Medien kontaktiert. Ihre Erklärung: Der Patient sei als dringlich eingestuft worden, der frühe Operationstermin sei medizinisch notwendig gewesen. Der Medienkritik-Blog Kobuk hat den Ablauf rekonstruiert und wirft mehreren Medien mangelnde journalistische Sorgfalt vor.
Die „Kleine Zeitung“ macht aus dem Verdacht eine Titelgeschichte
Am Mittwochabend, dem 2. September, veröffentlichte die „Kleine Zeitung“ eine Exklusivgeschichte über den Vater von SPÖ-Chef Andreas Babler. Der Vorwurf: Er sei im Orthopädischen Spital Speising für eine Operation ungewöhnlich rasch an die Reihe gekommen und gegenüber anderen Patienten vorgereiht worden.
Aufmerksam geworden war die Redaktion durch eine parlamentarische Anfrage der FPÖ. Darin enthalten waren Aussagen aus der Belegschaft des Spitals, wonach Bablers Vater „auffallend rasch“ einen Operationstermin erhalten habe. Die „Kleine Zeitung“ sprach nach eigenen Angaben ebenfalls mit Beschäftigten des Spitals. Diese bestätigten dem Blatt die Operation Mitte August und eine ungewöhnlich kurze Zeitspanne zwischen Anmeldung und Eingriff.
Damit war allerdings nur geklärt, dass er tatsächlich vergleichsweise schnell einen OP-Termin bekommen hat.
Nicht geklärt war die entscheidende Frage, ob er ohne ausreichenden medizinischen Grund vorgereiht worden war.
Trotzdem sprach die „Kleine Zeitung“ von einer „Sonderbehandlung“ und schrieb, es sei unklar, „auf wessen Geheiß“ Bablers Vater diese erhalten habe. Schon diese Formulierung legt eine Bevorzugung nahe.
Die entscheidende Auskunft wurde erst nach der Veröffentlichung eingeholt
Vor Veröffentlichung hatte die „Kleine Zeitung“ die SPÖ um eine Stellungnahme gebeten. Die Partei wies eine Einflussnahme zurück. Auch die Stadt Wien wurde kontaktiert und verwies auf das Management des Spitals.
Mit den Verantwortlichen des Orthopädischen Spitals selbst klärte die Redaktion die medizinischen Hintergründe des frühen Termins allerdings erst am folgenden Tag. Das bestätigte die „Kleine Zeitung“ später auch gegenüber Kobuk. Das ist deshalb entscheidend, weil sich der gesamte Vorwurf um die Frage drehte, ob der frühe Operationstermin sachlich begründet war.
„Dass anonyme Quellen dies behaupten, sollte der Beginn einer Recherche sein, nicht deren Ergebnis“, kritisiert Andrea Gutschi vom Medienkritik-Blog Kobuk.
Noch am selben Abend griffen „Krone“, „oe24“, „Heute“ und „Exxpress“ die Geschichte auf. Am nächsten Morgen stand der Fall auf mehreren Titelseiten. Auch diese Medien hatten nach der Kobuk-Rekonstruktion zunächst keine Stellungnahme der medizinisch Verantwortlichen in Speising eingeholt.
Aus einem noch ungeklärten Verdacht war binnen weniger Stunden eine bundesweite politische Affäre geworden.
Bablers Vater war als dringlicher Patient eingestuft
Erst am Donnerstagvormittag recherchierten unter anderem ORF und „Standard“ bei den Verantwortlichen des Spitals nach. Spitalssprecher Pierre Saffarnia erklärte, dass Operationstermine in Speising nach medizinischer Dringlichkeit vergeben würden. Bablers Vater sei bereits als dringlicher Patient eingewiesen worden. Er habe unter starken Schmerzen am Tag und in der Nacht sowie unter erheblichen Bewegungseinschränkungen gelitten. Nach Einschätzung der behandelnden Ärzte habe die Operation innerhalb von maximal vier Wochen erfolgen müssen, um eine weitere Verschlechterung zu verhindern. Auch der „Standard“ berichtete über diese Darstellung.
Das Orthopädische Spital veröffentlichte am selben Tag auch eine offizielle Stellungnahme. Darin war von einer „sehr dringlichen medizinischen Problematik“ und einem raschen Krankheitsverlauf die Rede. Der kurze Zeitraum zwischen Einweisung und Operation sei deshalb medizinisch erforderlich gewesen.
Auch gegenüber der „Presse“ erklärten Verantwortliche des Spitals, dass es keine Intervention gegeben habe. Bablers Vater habe weder eine Zusatzversicherung gehabt noch sei er als Sonderklassepatient behandelt worden.
Damit stand der ursprünglichen Darstellung von einer ungerechtfertigten Vorreihung erstmals eine konkrete medizinische Begründung gegenüber. Dass diese Auskunft erst eingeholt wurde, nachdem die Geschichte bereits veröffentlicht und von zahlreichen anderen Medien übernommen worden war, bezeichnet Kobuk als journalistisch „höchst unsauber“ und kritisiert mangelnde Sorgfalt.
Die „Kleine Zeitung“ veröffentlichte am 03.09.2026 einen weiteren Bericht. Darin kamen erneut Beschäftigte des Spitals anonym zu Wort. Eine Quelle bestritt die vom Spital angeführte besondere Dringlichkeit und behauptete weiterhin, es habe sich um eine nicht gerechtfertigte Vorreihung gehandelt. Ein Beleg dafür, dass Andreas Babler, die SPÖ oder jemand aus seinem Umfeld eine frühere Operation veranlasst hätte, wurde bislang nicht veröffentlicht.
Journalist Völker sieht einen „regelrechten Feldzug“ gegen Babler
Noch weiter geht „Standard“-Journalist Michael Völker. Er bezeichnete die Berichterstattung als „Medienskandal“ und ordnete sie in den seit längerem scharf geführten Konflikt zwischen Babler und Teilen des Boulevards ein. Völker spricht von einem „regelrechten Feldzug“ gegen den SPÖ-Chef. Als mögliches Motiv nennt er Bablers Pläne für eine Neuordnung der Medienförderung, durch die manche Medien künftig weniger öffentliche Förderung erhalten könnten.
„Die Motive scheinen klar zu sein: Mit der Neuordnung der Medienförderung werden manche Medien schlechter abschneiden als zuvor. Dagegen wird kampagnisiert, oft genug jenseits des guten Geschmacks.“
Besonders scharf kritisiert Völker, dass dafür die Krankengeschichte von Bablers Vater herangezogen wurde.
„Aber die Krankheitsgeschichte seines Vaters mit einer völlig unbewiesenen Behauptung und entgegen der Darstellung des Krankenhauses gegen ihn zu verwenden, ist eine Grenzüberschreitung, die so nicht mehr akzeptabel ist.“
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