Gleichberechtigung

So hat es das kleine Island geschafft, dass Frauen und Männer gleich viel verdienen

Island ist seit 10 Jahren Spitzenreiter bei der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Im Gehalt gibt es fast keinen Unterschied – nirgendwo ist die der Lohnunterschied bei gleicher Arbeit so gering wie dort. Schüler lernen schon in der Schule, was Gleichberechtigung bedeutet und 97 Prozent der Männer nehmen sich Elternzeit. Ein Blick auf die Musterinsel der Geschlechtergerechtigkeit.

Jedes Jahr bringt das „World Economic Forum“ den „Global Gender Gap Report“ heraus. Seit 10 Jahren steht darin Island bei der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen an erster Stelle. Das kleine Land im Norden scheint das Rezept für ein gerechteres Leben gefunden zu haben.

In Sachen Lohntransparenz nimmt Österreich mit 19% nach wie vor einen der Spitzenplätze innerhalb der EU ein, was den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern betrifft. Und das, obwohl in Österreich seit 1979 das Gleichbehandlungsgesetz, das die Gleichbehandlung von Frauen und Männern im Arbeitsleben regelt, gilt. Maßnahmen wie die Offenlegung von Mindestgrenzen und Einkommensberichte zeigen keinerlei Wirkung. Was es braucht ist Lohngerechtigkeit nach dem Island-Modell, welches SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner auch für Österreich fordert.


Island verbietet Unterschied beim Gehalt von Männern und Frauen

Seit Jänner letzten Jahres gilt in Island ein Gesetz, dass es Unternehmen verbietet, Frauen und Männer mit vergleichbaren Jobs ungleich zu bezahlen. Weltweit das erste dieser Art. Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern müssen nachweisen, dass Frauen und Männer gleich viel für die gleiche Arbeit bekommen. Und das Gesetz zeigt Wirkung: Der Gender Pay Gap, also der Unterschied im Gehalt bei vergleichbaren Jobs, macht in Island gerade mal 5 Prozent aus. In Österreich ist er mit 19 % fast viermal so groß.

Kampf für Gleichberechtigung noch lange nicht beendet

Doch das reicht den Isländern nicht. Bis zum Jahr 2022 soll der Unterschied zwischen Männer- und Fraueneinkommen völlig verschwinden. Insgesamt liegen die Gehaltsunterschiede nämlich noch bei 16 Prozent (Österreich 38 %). Frauendominierte Berufe werden auch in Island schlechter bezahlt. Die Gewerkschaft startete dagegen eine Kampagne und will nicht aufhören für Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen:

„Denn wenn wir aufhören, wird der Geschlechter-Unterschied wieder größer,” sagt der Gewerkschaftsvorsitzende, Ragnar Thor Ingolfsson.

Männer werden in die Pflicht genommen und müssen in Karenz gehen

Die isländische Gleichstellungspolitik setzt aber auch schon früher an. In anderen Ländern wie Österreich stehen Frauen häufig bei der gläsernen Decke an und erreichen nicht dieselben Spitzenpositionen wie Männer. Bei jungen Frauen macht die Gehaltskurve einen deutlichen Knick nach unten – oftmals steht das im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes.

Unterschied zwischen Gehalt von Männern und Frauen - Island ist bei der Gleichberechtigung schon weiter

Unterschiede im Gehalt in Österreich

Die isländische Regierung wollte sich nicht damit abfinden, dass die Kinderbetreuung bei den Frauen hängen bleibt, während die Männer Karriere machen. Sie reformierte die Elternkarenz. Insgesamt haben isländische Eltern neun Monate Karenzanspruch, in dieser Zeit bekommen sie 80 % ihres Gehaltes bezahlt. Drei Monate davon müssen von der Frau konsumiert werden, drei Monate von den Männern. Die übrige Zeit können sich die Elternteile selbst aufteilen.

Echte Flexibilisierung

Die Elternzeit kann aber auch flexibel gestaltet werden. Man kann sie beispielsweise mit Teilzeitarbeit kombinieren, oder die Kinderbetreuungszeiten flexible mit dem Partner aufteilen: Wer will, kann beispielsweise eine Woche arbeiten und in der darauffolgenden eine Woche seiner Karenzzeit konsumieren. Prinzipiell ist jede Kombination möglich solange sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber darauf einigen können. Islands Väter verbringen damit fast so viel Zeit mit ihren Kindern wie die Mütter. Das liegt auch daran, dass sie bei Geburt eines Kindes Anspruch auf 14 Tage bezahlten zusätzlichen Urlaub haben.

Führungspositionen müssen zu 40 Prozent mit Frauen besetzt werden

Durch die genannten Maßnahmen teilen sich Männern und Frauen die Kinderbetreuung gerechter auf – damit erleben Frauen, anders als in anderen europäischen Ländern, seltener einen Karriereknick. Trotzdem kann man auch in Island eine „Gläserne Decke“ beobachten. Frauen werden seltener in Führungspositionen befördert. Doch auch dieses Problem geht die isländische Gleichstellungspolitik an. Im Gesetzes zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist festgeschrieben, dass mindestens 40 Prozent aller Führungspositionen in Unternehmen von Frauen besetzt sein müssen. Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern müssen außerdem ein Programm zur Frauenförderung implementieren – die Umsetzung davon wird alle drei Jahre kontrolliert.

Gleichberechtigung als Schulfach

Islands Politik setzt aber nicht nur bei den Eltern an. Ab der Vorschule lernen Kinder schon über den Wert der Gleichberechtigung und Mädchen werden aktiv dazu ermuntert, sich mehr zuzutrauen. Gleichberechtigung ist aber auch Querschnittsmaterie in allen Fächern – und sexistische Schulbücher sind per Gesetz verboten.

Frauenstreik 1975: 90 Prozent der Frauen beteiligten sich

Der Weg zu einer so fortschrittlichen Gesetzgebung war aber auch in Island ein Langer. Ein Schlüsselmoment dabei war sicherlich der große Frauenstreik 1975. Ein Komitee der größten fünf Frauenorganisationen des Landes forderten anlässlich des internationalen „Frauenjahres“ die Isländerinnen dazu auf, ihre Arbeit am 24. Oktober ruhen zu lassen – also in Frauenstreik zu gehen. Und tatsächlich im kleinen Land beteiligten sich 90 % der Bewohnerinnen an den Protesten. 25.000 Frauen gingen an diesem Tag auch auf die Straße, um für höhere Löhne zu demonstrieren – das sind fast 10 Prozent der Bevölkerung. 1980 wurde schließlich Vigdís Finnbogadóttir zur Präsidentin gewählt. Sie war damit das erste weibliche Staatsoberhaupt der Welt.

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In Ru gibt es das
In Ru gibt es das
Hannes
Hannes

Offenbar sind wir Deutschsprachige die Rückständigen.

Michi
Michi

und das alles ohne EU! JUHU

Frank Frei
Frank Frei

Um einen Rechtsanwalt zu zitieren. „Ich wünsche mir einen echten Fall von unbegründeten Lohnunterschied bei Frauen. Ich würde so leicht mein Geld verdienen.“

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