AKW nahe Österreich

Mochovce 3: Reaktor soll trotz grober Sicherheitsmängel in Betrieb gehen – Regierung schaut weg

Die Reaktoren Mochovce 1 und 2 verseuchen in der Slowakei die umliegenden Flüße mit radioaktivem Wasserstoff. Jetzt sollen auch die Reaktoren Mochovce 3 und 4 in Betrieb genommen werden – obwohl die Technik veraltet und die Sicherheitsbedenken groß sind. Auch für Österreich. Erstmals könnte eine Klage gegen die Inbetriebnahme durchgehen, selbst die AKW-Branche sieht gravierende Mängel. Doch die österreichische Regierung tut nichts – von Umweltministerin Köstinger gibt es keine einzige Stellungnahme dazu. Unsere Anfrage an sie blieb bis heute unbeantwortet.

Mochovce liegt nur 100 km von der österreichischen Grenze entfernt. Zum Vergleich: Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 war 1.000 km entfernt. Dennoch ist die Verstrahlung von damals bis heute in manchen Gebieten Österreichs nachzuweisen. Doch nicht nur die Nähe ist eine Bedrohung für Österreich.

Das AKW Mochovce 3 ist nur 100 km von der österreichischen Grenze entfernt.

Das AKW Mochovce 3 ist nur 100 km von der österreichischen Grenze entfernt.

Die Technik von Mochovce ist veraltet

Die AKW-Reaktoren Mochovce 3 und  Mochovce 4 sind in den 70er in der Sowjetunion entwickelt worden. Die alten Reaktoren sind nicht auf dem Stand der heutigen Technik: Ein sogenanntes Volldruck-Containment fehlt völlig, also eine Art Schutzhülle, die im Falle einer Kernschmelze den Austritt von großen Mengen radioaktiver Stoffe aufhalten könnte. Auch gegen Erdbeben ist das ganze Atomkraftwerk nicht gesichert.

Man baut seit Mitte der 80er Jahre an dem Atomkraftwerk. Reaktoren wurden wegen eines Baustopps in den 90er Jahren eingemottet. Die Bauruine blieb stehen. Durch die Stilllegung könnten die Reaktoren Mochovce 3 und 4 noch schneller gealtert sein. Eine Nachrüstung auf die Sicherheitsstandards von heute ist nicht möglich.

Kein Schutz bei Flugzeug-Abstürzen – Mochovce als Terror-Ziel?

Gegen Flugzeugabstürze ist die Anlage nicht gesichert. Es gibt keine ausreichende Flugsperrzone. Die Zeit zwischen auffälligem Verhalten eines Flugzeugs und der Flugabwehr ist zu kurz. Anders gesagt: Bis ein Abfangjänger in der Luft ist, wäre das Flugzeug bereits in das AKW abgestürzt.

Flugzeugabstürze sind selten. Dass Flugzeuge auch als terroristische Waffe eingesetzt werden, ist allerdings spätestens seit dem 11. September 2001 bekannt. Durch einen gezielten Absturz können große Teile Mitteleuropas nuklear verseucht werden –  das macht das AKW zu einem potenziellen Ziel für Terroristen.

2015 brachte ein Pilot beim Germanwings-Flug 9525 sein Flugzeug gezielt zum Absturz und riss 150 Menschen in den Tod. Dieser erweiterte Suizid zeigt auf tragische Weise, dass es nicht einmal terroristischer Absicht bedarf, um eine nukleare Katastrophe auszulösen.

Im Umfeld von Mochovce gibt es regen Flugverkehr - wie Flightradar24.com zeigt.

Im Umfeld von Mochovce gibt es regen Flugverkehr – wie Flightradar24.com zeigt.

Umweltverträglichkeitsprüfung ist ungültig

2008 wurde für Mochovce eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) eingeleitet. 2010 schloss die Slowakei das laufende Verfahren zu Mochovce 3 und 4 einseitig ab, ohne die von Österreich eingebrachten Sicherheitsfragen vollständig zu beantworten. Die damalige österreichische Regierung protestierte; die slowakische Regierung hat eine neue UVP zugesagt – mit transparenter Offenlegung der technischen Bedingungen vor Inbetriebnahme der Reaktoren. Jedoch: Von Transparenz keine Spur. Seitenweise geschwärzte Einträge machten eine professionelle Bewertung für Umweltorganisationen unmöglich.

Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima (Japan) hat man strengere Sicherheitsvorkehrungen und Richtlinien eingeführt. Doch die kamen erst nach der Überprüfung von 2008. Auch jetzt, 10 Jahre später, gibt es keine neue Überprüfung.

Pfusch am Bau und keine Kontrollen

Im Herbst 2018 bestätigt ein geleakter Bericht der Vereinigung der Betreiber von Nuklearanlagen (WANO) grobe Sicherheitsmängel auf der Baustelle der Reaktoren 3 & 4.

Die Interessensvereinigung der Betreiber von Atomkraftwerken selbst warnt vor der Baustelle in Mochovce.

Die Umweltorganisation Global 2000 hat von Bau-Ingenieuren berichtet, die als „Whistleblower“ vor der katastrophalen Organisation der Baustelle warnten. Der Vorwurf: Die beauftrage Baufirma habe noch nie zuvor an Atomkraftwerken gebaut und arbeite mit Subunternehmern, die andere Subunternehmen engagieren, zusammen. Es gäbe demnach keine sinnvolle Kontrolle und Qualitätssicherung.

Wasser wird verseucht

Bereits die laufenden Reaktoren Mochovce 1 und 2 verseuchen in der Slowakei die umliegenden Flüße mit radioaktivem Wasserstoff. Man hat die 13-fache Überschreitung der Grenzwerte gemessen. Eine öffentliche Aufklärung gibt es nicht. Die Belastung wird mit zwei weiteren Reaktoren steigen.

Eine Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz aus 2007 zeigt:

Bei Kindern unter 5 Jahren steigt das Krebsrisiko in einem 5-Kilometer-Radius um Atomkraftwerke um 60 Prozent. Bei Leukämie gibt es sogar doppelt soviele Fälle wie im Durchschnitt.

Radioaktiver Wasserstoff ist einer der Giftstoffe, die für die Erkrankungungen verantwortlich gemacht werden.

Schwarz-Blau bleibt untätig

Die Sicherheitsbedenken bei den veralteten AKW-Reaktoren sind so gewaltig, dass eine Klage Österreichs gegen die Inbetriebnahme der  Reaktoren Mochovce 3 und  4 tatsächlich erfolgreich sein könnte, meint der Anti-Atom Experte von Global 2000, Reinhard Uhrig.

Doch die österreichische Regierung schweigt. Vom Bundeskanzler Kurz abwärts sucht man vergebens nach Stellungsnahmen zu Mochovce 3 und 4. Und das obwohl sich die Regierung selbst in ihrem Programm verpflichtet hat „dem Neu- und Ausbau von Atomkraftwerken in Europa, insbesondere in den Nachbarländern, mit allen zur Verfügung stehenden politischen und rechtlichen Mitteln entgegenzuwirken“. Rechtliche Möglichkeiten haben bis dato nicht genutzt. Auch politisch macht die Regierung keinen Druck:

„An der in Österreich ja traditionell beliebten Kritik an Atomkraftwerken in der Slowakei wollte sich die Außenministerin nicht beteiligen. Die Auswahl seiner Energie-Ressourcen, betonte sie lediglich, sei Sache jedes einzelnen Mitgliedslandes„, berichtet der Kurier vom Slowakei Besuch der Außenministerin Kneißl 2018.

Auch von Umweltministerin Köstinger gibt es keine Stellungnahme dazu. Die Anfrage von kontrast.at an sie blieb auch nach 3 Tagen unbeantwortet.

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2 Kommentare

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Thomas Lackner
Thomas Lackner

Sehr geehrte Frau Scheuch,
hier bitte …

https://www.global2000.at/stopp-mochovce

Maria Scheuch
Maria Scheuch

Einfach eine Unterschrifftenaktion das wäre toll

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