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Privatversicherungen und Wahlärzte boomen: Warum gibt es immer weniger Kassenärzte?

In der steirischen Gemeinde Rosental an der Kainach gibt es seit zwei Jahren keinen Hausarzt mehr. Ganz erklären können es sich die BewohnerInnen der alten Bergbaugemeinde nicht, warum es keinen Mediziner zu ihnen in die Weststeiermark verschlägt. Wäre man Arzt oder Ärztin, man würde sie alle gerne versorgen, denkt man. Den 74-jährigen Franz Zwanzger mit dem Steirerhut, die Kinder vor der Schule, die freundlich lächeln. „Seit ich in Rosental wohne, hat es immer einen Arzt gegeben“, sagt der 74-Jährige Zwanzger. Doch seit 2019 ist die allgemeinmedizinische Praxis dort nicht mehr besetzt. In ihrem selbgedrehten Video versuchen die Bewohner, ihre Gemeinde für einen Kassenarzt schmackhaft zu machen. Die Rahmenbedingegen klingen top: Gute öffentliche Anbindung nach Graz, ein Einzugsgebiet von 30.000 EinwohnerInnen und eine fix-fertige Praxis, die nur noch bezogen werden muss. Trotzdem findet sich niemand.

120 unbesetzte Hausarzt-Praxen: Immer mehr Menschen müssen zu immer weniger Kassenärzten gehen

Rosental ist mit seinem Problem nicht alleine: 200 Arztpraxen mit Verträgen der Gesundheitskasse sind derzeit in Österreich nicht besetzt. 121 davon in der Allgemeinmedizin. Ein paar hunderttausend Menschen in Österreich haben also keinen Hausarzt in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung.

Von Beginn der Datenerfassung 1996 bis 2018 ist die Zahl der AllgemeinmedizinerInnen mit einem Kassenvertrag laut Ärztekosten-Statistik von 3.946 auf 3.778 – also um 168 – zurückgegangen. Im selben Zeitraum ist die Bevölkerung um 11 Prozent gewachsen.

Musste ein Arzt 1998 im Schnitt noch 2.000 Einwohner versorgen, sind es heute über 2.300 pro Hausarzt.

Die Anzahl der Kassen-Verträge ging vor allem in Oberösterreich (- 5 %), in der Steiermark (- 10 %) und in Wien (-13 %) zurück.

Das Problem beschränkt sich aber nicht nur auf Hausarzt-Stellen: Bei den Fachärzten sind die Kinderheilkunde und die Frauenheilkunde mit 39 bzw. 16 unbesetzten Kassenstellen in Österreich die größten Problemfelder. Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie fehlen die ÄrztInnen: In Wien gibt es für über 330.000 Kinder und Jugendliche nur sechs Kassenordinationen und 15 Wahlärzte. In Oberösterreich hat es immer schon weniger KassenärztInnen gegeben. In Wien hat sich das erst in den letzten Jahren gedreht – die Bevölkerung ist gewachsen, die Kassenärzte sind nicht mehr geworden.

„Fünf-Minuten-Medizin“ in Österreich?

Dass weniger KassenärztInnen eine höhere Anzahl von PatientInnen versorgen müssen, stellte auch der Rechnungshof in seinem Bericht zur ärztlichen Versorgung fest: Um 11 Prozent mehr PatientInnen muss eine Hausärztin heute betreuen, insgesamt rund 4.900 Patientinnen im Quartal. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) alarmiert das noch nicht. Sie führt die Entwicklung vor allem auf längere Öffnungszeiten in Gruppenpraxen zurück, aber auch auf technische Unterstützung durch E-Card oder elektronisches Krankschreiben. Die ÄrztInnen sehen das anders. Bei ihnen fallen die Begriffe „Fünf-Minuten-Medizin“ oder „Fließband-Medizin”.

Bis zu 170 Kontakte pro Tag: Ärzte und Ärztinnen wollen mehr Zeit für Patienten haben

100 bis 120 Patienten betreut eine Allgemeinmedizinerin durchschnittlich pro Tag, heißt es aus der Ärztekammer. Laut Rechnungshof kommt es durchschnittliche zu 65 Konsultationen mit E-Card pro Tag (mit einer Bandbreite von 13 bis 178). Kassenärzte verdienen vor allem über die Menge der Behandlungen.

„Den Ärzten geht es nicht darum, dass sie reich werden, aber sie wollen genug Zeit haben, um Beziehung zu den Patienten aufzubauen – diese Zeit muss man ihnen zahlen“, sagt eine Wiener Allgemeinmedizinerin.

In der österreichischen Sozialversicherung gebe es da wenig Tradition, in den Leistungskatalogen werden nur spezielle Untersuchungen und Eingriffe abgerechnet, aber keine Gespräche – darüber klagen so gut wie alle Ärztinnen und Ärzte, mit denen wir sprechen. Einer von ihnen ist Peter Voitl. Er betreibt ein Kindergesundheitszentrum im 22. Bezirk in Wien, das aus mehreren Ärztinnen und TherapeutInnen besteht und an sieben Tagen die Woche geöffnet ist.

„Kinder brauchen eine kindgerechte, angstfreie Umgebung. Aber wir Kinderärzte müssen schauen, dass wir die Patienten schnell wieder rausbringen“, klagt Voitl.

Voitl wünscht sich einen überarbeiteten Leistungskatalog für die Abrechnung der Leistungen mit der Gesundheitskassa und die Anpassung der Honorare für Kinderärzte an die anderer Fachärzte. Die Mutter-Kind-Passhonorare sind etwa seit 1994 nicht mehr angepasst worden, kritisiert der Wiener Kinderarzt.

Ärzte und Ärztinnen kritisieren Sparzwang der Gesundheitskassa

Dass man die Leistungskataloge überarbeiten muss, darüber sind sich von den ÄrztInnen, über die Gesundheitslandesräte bis hin zur Gesundheitskassa eigentlich alle einig. Trotzdem kommt es seit Jahren nicht zur Aufnahme der Gesprächs– und Zuwendungsmedizin in der Abrechnung mit den Ärztinnen und Ärzten. Aus Sicht der Ärztekammer liegt das am Sparzwang der Gesundheitskasse.

„Das oberste Ziel ist es, Geld zu sparen. Finanziell gut dazustehen ist wichtiger als die Qualität in der Versorgung der Patienten zu erhöhen. Mit der Kassenreform sind noch mehr Leute ans Ruder gekommen, denen die Versorgung weniger wichtig ist als die Finanzen der Gesundheitskasse“, sagt uns ein ehemaliger Mitarbeiter in der Sozialversicherung, der anonym bleiben möchte.

Gemeint sind damit sowohl die Vertreter vom Wirtschaftsbund und der ÖVP, die jetzt die Mehrheit in den ÖGK-Gremien haben, aber auch die Vertreter der oberösterreichischen Krankenkasse in der Zentrale, die immer als „Sparmeister“ in den Länderkassen galten.

29 Prozent zahlen die Unternehmer, aber haben 50 Prozent der Plätze in den Gremien

Kassenärzte verdienen zwischen 130.000 und 300.000 im Jahr

Die Gesundheitskasse sieht das naturgemäß anders und verweist auf das hohe Einkommensniveau von Ärztinnen und Ärztin in Österreich. Rund 143.000 Euro brutto pro Jahr verdient eine Kassenärztin hierzulande durchschnittlich mit ihrer Praxis. „Das ist wesentlich höher als die jährlichen Medianeinkünfte selbstständiger und unselbstständiger Erwerbstätiger in Österreich“, schreibt auch der Rechnungshof dazu. Innerhalb der Ärzteschaft sind die Einkommen aber sehr unterschiedlich: Während AllgemeinmedizinerInnen auf rund 130.000 Euro brutto im Jahr kommen, verdienen Radiologen fast 300.000 Euro. Die Ärzte betonen wiederum, dass von diesen Einnahmen der gesamte Betrieb der Ordination bezahlt werden muss und oft nur ein Drittel als Einkommen für den Arzt übrig bleibt.

Dass Kassenärzte grundsätzlich zu wenig verdienen, bezweifelt auch Wolfgang Moitzi. Er ist Gemeinderat im steirischen Spielberg, rund 50 Kilometer von Rosental entfernt. Auch er steht in seiner Region vor einem ähnlichen Problem. In den steirischen Bezirken Murau und Murtal sollten Kassenstellen nachbesetzt werden –  schon länger gab es Versorgungsprobleme, erzählt Moitzi. Die Planstelle für eine Frauenärztin im Bezirk Murtal war seit Dezember 2016 nicht besetzt – in dem 70.000 Einwohner Bezirk gab es nur mehr eine Kassenpraxis für Frauenheilkunde. Weder 70.000 Euro Anschubfinanzierung, noch eine flexible Vertragsgestaltung und eine von der Gemeinde geförderte Miete für die Praxis konnten eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen überzeugen, die Stelle anzunehmen. Mehrere Ausschreibungen hatten ohne eine einzige Bewerbung geendet.

Die Gemeinden können bei der Ärzteversorgung nicht mitreden

“Bei uns im Bezirk kommen auf eine Arztpraxis 3.000 bis 5.000 Patienten”, macht sich Moitzi Sorgen. Generell ist in den sogenannten “strukturschwachen” Regionen wie dem Murtal die Lage besonders schlecht. In manchen Bezirken sind nicht einmal 50% der ärztlichen Bereitschaftsdienste wirklich besetzt, obwohl sie mit 700 Euro pro Dienst gut bezahlt sind.

„Die Politik hat im niedergelassenen Bereich nichts zu melden“, gibt der steirische Gemeindepolitiker zu bedenken. „Jeder erwartet sich von Gemeindepolitik, dass sie sich um die Ärzteversorgung vor Ort kümmern, aber wir haben nichts zu sagen.“

Nichteinmal die LandesrätInnen oder die Landesstellen der Kassen haben echte Mitsprachemöglichkeiten. Mit der Zentralisierung in der ÖGK dürfte sich das weiter verschärfen. Wo und zu welchen Bedingungen es Kassenarztstellen gibt, das legen alleine die ÖGK und die Ärztekammer fest. Klare Fronten und Standespolitik prägen die Verhandlungen zwischen ihnen.

Zehn Spitalsärzte beitreiben die Kassenordination im Spital

Für das Murtal hat der Bezirk dennoch eine Lösung gefunden. Moitzi nennt es „einen Systembruch“. Die fehlende Kassenstelle wird jetzt im Krankenhaus Judenburg als „Frauengesundheitszentrum Murtal“ von zehn Spitalsärzten betrieben, in einem abgetrennten Bereich. Dafür hat die Station für Frauenheilkunde eine zusätzliche Gynäkologin eingestellt. Für Menschen, die nicht mit den Konflikten und Interessensgruppen im österreichsichen Gesundheitssystem vertraut sind, mag die Lösung nicht spektakulär klingen. Doch wer die starren Strukturen und standespolitischen Machtkämpfe kennt, versteht sofort, warum die Ärztekammer Projekte wie das Frauengesundheitszentrum äußerst kritisch sieht.

Für sie ist es vor allem eine Entmachtung, weil im Spitalsbereich die Landespolitik entscheidet – und nicht die Ärztekammer als Vertretung der selbständigen Ärzte. Die Ordination im Krankenhaus Judenburg kann aus der Sicht von Ärztekammer-Vizepräsident Christoph Schweighofer daher „nur eine Zwischenlösung“ sein. Die Ärztekammer lehnt auch den Vorschlag ab, mehr Ärztinnen und Ärzte direkt bei den Sozialversicherungen anzustellen, damit sie in ländlichen Regionen kein Risiko als Selbständige tragen müssen. Um die kassenärztliche Versorgung nachhaltig zu garantieren, gebe es aus seiner Sicht nur einen Weg: „Die rasche Umsetzung des neu erarbeiteten, österreichweiten Leistungskatalogs und die Verbesserung der Honorarsituation“.

Die steirische Gemeinde Rosental sucht seit 2019 einen Hausarzt - ohne Erfolg. Die BewohnerInnen bitten im Video MedizinerInnen, die Kassenordination zu übernehmen.

In machen Regionen ist die Hälfte der Bereitschaftsdienste unbesetzt

Warum finden sich aber immer weniger Ärztinnen und Ärzte für die einst begehrten Kassenordinationen? Für viele junge ÄrztInnen – vor allem wenn sie Kinder haben – sind Arbeitszeiten alleine in einer Praxis, bei der auch Öffnungszeiten abends und früh morgends vorgschrieben sind, nicht attraktiv. Ein weiterer Grund dürfte auch ein Wandel in den Bedürfnissen von ÄrztInnen und PatientInnen sein – viele wollen weg von der “5 Minuten Medizin”. Das hängt auch mit dem Zeitgeist zusammen: Immer mehr Patienten erwarten sich deutlich mehr Zeit vom Arzt und haben wenig Toleranz gegenüber Wartezeiten und anderen Schwächen im System.

Ärztliche Leistungen werden teilweise zu einem „Konsumgut“, das je nach Bereitschaft zu Zusatzzahlungen schnell verfügbar sein und auf individuelle Wünsche eingehen muss, wird die Sozialversicherung im Rechnungshofbericht zitiert.

All das begünstigt den Trend zu Wahlärzten. Wartezeiten von einigen Monaten für einen Termin beim Kassenarzt, davon lebt die Privatmedizin. Für MedizinerInnen bietet eine Privatordination wiederum den Vorteil, dass sie den Standort und die Öffnungszeiten selbst bestimmen können. In Wien konzentrieren sich viele Ordinationen um die städtischen Krankenhäuser. Spitalsärzte arbeiten dort neben ihrer Tätigkeit im Krankenhaus nur wenige Stunden und können sich damit Geld dazu verdienen. „Im 8. oder 9. Bezirk bedeutet Hausarzt, dass es in jedem Haus einen Arzt gibt“, lautet ein Scherz über die Dichte an Ordinationen rund um das Wiener AKH.

WahlärztInnen als "Rosinen-Picker"?

Die Krankenkasse schreibt den Ärzten und Ärztinnen hingegen Mindestöffnungszeiten und den Standort für ihre Ordinationen vor, um die Versorgung im ganzen Land zu sichern. Dazu kommen Qualitätsprüfungen und Berichtspflichten.

„Die Wahlärzte müssten stärker in die Pflicht genommen werden. Jetzt ist es oft so, dass der Wahlarzt sich die Rosinen pickt. Er hat keine Mindestöffnungszeiten, braucht sich nicht an die ökonomische Verschreibweise halten und nicht am Bereitschaftsdienst mitarbeiten“, kritisiert ÖGK-Obmann Huss das bestehende System.

„Waffenungleichheit zwischen Kassen- und Wahlärzten“ nennt das Wolfgang Hilbe, einer von 19 Kinderärzten Vorarlbergs. Er wundert sich nicht, warum sich Vorarlbergs ÄrztInnen schwer tun, ihre Ordinationen nachzubesetzen: Wieso sollte sich unter diesen ungleichen Bedingungen eine Berufsanfängerin für einen Kassenvertrag entscheiden?

Für WahlärztInnen und PrivatpatientInnen funktioniert das System, übrig bleiben jene PatientInnen, die auf einen Kassenarzt angewiesen sind. Wenn Privatärztinnen in ihrer Arbeitszeit weniger, aber besser zahlende Patienten betreuen, müssen die übrig geblieben Kassenärzte eine größere Zahl an PatientInnen stemmen. Die Qualität leidet, die Wartezeiten werden länger und der Beruf des Kassenarztes wird unattraktiver. Eine Spirale nach unten für das öffentliche Gesundheitssystem im niedergelassenen Bereich. ÖGK-Obmann Russ schlägt daher vor, die Wahlärzte bei den Leistungen und den Öffnungszeiten stärker in die Pflicht zu nehmen, ihnen dafür aber 100 Prozent der Behandlung zu ersetzen.

7 Prozent der Kassenhonorare gehen an PrivatärztInnen

Liegt das Honorar für einen Besuch beim privaten Kinderarzt für eine kurze Untersuchung samt Impfung bei 120 Euro, bekommen die PatientInnen 80 Prozent des Kassentarifs rückerstattet. Das sind etwa 20 Euro, 90 Euro müssen sie selbst zahlen. 142,5 Mio. Euro hat die Gesundheitskasse den Wahlärzten 2020 für Leistungen überwiesen – 6,4 Prozent an den Ärztehonoraren der Kasse. Doch die Tendenz ist steigend: 2018 waren es noch 133,8 Mio. Euro und ein Anteil von 4,6 Prozent. Kritiker meinen, die Gesundheitskasse spart sich dadurch auch Geld, weil sie nur 80 Prozent der Leistung zahlt und den Resten die Patient:innen privat übernehmen.

Seit 2000 hat sich die Zahl der WahlärztInnen auf über 10.000 mehr als verdoppelt. Seit rund zehn Jahren gibt es mehr Wahl- als Kassenärzte.

Die ÖGK relativiert diese Darstellung der Ärztekammer: Die über 10.000 Wahlärzte sind nicht alle „versorgungswirksam“. Die meisten von ihnen arbeiten hauptveruflich im Spital und nur ein paar Stunden in ihrer Wahlarztpraxis, der Vergeich sei also nicht gültig.

Eine Möglichkeit: Das Wahlarztsystem beschränken

So oder so, die Zahl der WahlärztInnen steigt kontinuierlich, die Kassenärzte stagnieren. Selbst in der Allgemeinmedizin arbeiten mittlerweile 40 Prozent ohne Kassenverträge. Wirklich entschieden geht man in Österreich gegen diesen Trend nicht vor. Im türkis-grünen Regierungsprogramm ist die „Erweiterung der Vertragsarztmodelle“ zwar festgeschrieben, um die Versorgung (vor allem im ländlichen Raum) sicher­zustellen. Bewegt hat sich da aber nicht viel. Als ÖGK-Obmann Huss letztes Jahr vorschlug, man könnte einfach jedem Arzt und jeder Ärztin einen Kassenvertrag anbeiten, dafür aber keine Kassenrefundierung für Wahlärzte mehr zahlen, war der Aufschrei der Ärztekammer groß – von der Regierung wurde die Idee nicht weiterverfolgt.

Vor der Corona-Krise schlug auch Wiens Gesundheitsstadtrat Hacker vor, das System der Wahlärzte zu beschränken.

„Wir haben so viele Ärzte wie niemals zuvor in der Zweiten Republik und gleichzeitig einen Mangel an Ärzten in der öffentlichen Versorgung“, sagte Hacker damals. Man müsse darüber nachdenken, ob Ärzte nach der öffentlichen Ausbildung in Österreich ganz einfach eine Wahlarztpraxis aufmachen können oder ob man das nicht besser regeln könne. Es stimmt jedenfalls etwas nicht im System, wenn in manchen Regionen Österreichs 60-70 Prozent der Frauen zum Wahlarzt gehen müssen, wenn sie eine normale Routine-Untersuchung brauchen, kritisierte der Wiener Gesundheitsstadtrat.

Die Ärztekammer reagierte empört über den Denkanstoß aus Wien. Man dürfe Ärztinnen und Ärzte nicht „mit Zwangsmaßnahmen zu einer Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitssystem zwingen“, erklärte Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres.

Die großen Profiteure: Private Gesundheitsversicherungen

Ein Profiteur des Wahlarzt-Booms sind jedenfalls die privaten Krankenversicherungen: Über 3 Millionen Österreicherinnen und Österreicher sind bereits zusatzversichert. 2,4 Mrd. Euro Umsatz machten Privatversicherungen mit ihnen 2020. 1,4 Mrd. gaben die Versicherung wiederum für die Gesundheitsleistungen aus – davon 178 Mio. für Ärztinnen und Ärzte im niedergelassenen Bereich. 2016 lag der Umsatz mit privaten Krankenversicherungen noch bei 2 Mrd., 2012 bei 1,7 Mrd. wie die Zahlen des Verbandes der Versicherungsunternehmen Österreichs zeigen.

In 8 Jahren ist der Umsatz mit Privatversicherungen um 700 Mio. gestiegen, das sind 40 Prozent.

In Österreich ist die UNIQA mit rund 46 Prozent Marktanteil die unangefochtene Nummer eins bei der privaten Krankenversicherung. Der ehemalige ÖVP-Finanzminister Hartwig Löger wechselte 2017 direkt vom Vorstandsvorsitzenden der Uniqa Versicherung in die Regierung. Die Uniqua-Tochter Premiquamed spendete zwei Mal 25.000 Euro an den Wahlkampf von Sebastian Kurz. Bei der türkis-blauen Reform der Sozialversicherung werden im Vorwort der Regierungsvorlage drei große Ziele genannt. Eines davon: Die Rahmenbedingungen für private Anbieter von Gesundheitsdiensten zu verbessern.

Eine Zwei-Klassen-Medizin breitet sich aus

Die Zwei-Klassen-Medizin ist in Österreich munter unterwegs, eine schleichende Privatisierung der Gesundheitsvorsorge ist zu beobachten. Sobald der Mittelstand mit dem öffentlichen Gesundheitssystem unzufrieden ist und auf Privatärzte samt Zusatzversicherung ausweicht, schwindet langsam auch die Bereitschaft, das öffentliche System mit Beiträgen zu finanzieren.

Sobald Kasssenleistungen nicht mehr die gesamte Bevölkerung versorgen, sondern vor allem jene, die sich keine Wahlärzte leisten können, sind Kürzungen der Unternehmerbeiträge und der Leistungen leichter durchzusetzen. Das war die Stratgie der britischen Premierministerin Margarete Thacher in den 1980er Jahren: Durch schrittweise Kürzungen im britischen Gesundheitssystem NHS wurden die Wartezeiten lange und die Briten unzufrieden mit dem öffentlichen System.

Das machte private Versicherungsanbieter attraktiver – wer es sich leisten konnte, versicherte sich privat. Eines der besten Gesundheitssysteme der Welt wurde in Großbritannien so Schritt für Schritt zerschlagen.

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Josef
Josef
12. November 2022 10:09

Wir sehen gerade eine völlig missglückende Kassenfusion, massive Mehrkosten für Personal trotz Fusion, Neuanschaffung IT System – trotz Fusion werden Einzelkassen 3 verschiedene IT Systeme kaufen um einheitliche Kontrollen zu verhindern. Freunderlwirtschaft + Leistungsunwille hat zu hohem Verwaltungspersonalstand geführt, der durch die Fusion zumindest um 50% verkleinert werden soll. Hier wird Versichertengeld für Verwaltung verschleudert. Leistungen für die Bezahler des Kassensystem (Versicherte) werden verknappt. Dienstleister wie Ärzte, Medizintechnik, Pflege zu Hause etc. werden nicht kostendeckend bezahlt – eine deutliche Leistungsminderung für Versicherte (keine Kassenärzte) Geführt wird diese „kranke“ Kasse von völlig unqualifizierten Gewerkschaftern und Kämmerern die in diesem System wie Maden im Speck leben. Krankenversicherung beinhaltet „Versicherung“. Privatversicherungen = Vorbild für Führungsstruktur + Leistungswille. 50% weniger Personalkosten = Geld für Versicherte!

Oberauer
Oberauer
2. Oktober 2022 19:22

Die indiskutablen Tarife sind ja nicht allein schuld an der Misere.

Das Problem ist vielmehr, welche Personen da mitzureden haben, ohne nachweisbare Ausbildung, Wissen und Erfahrungen bzgl. Organisation, Erfordernissen und Effizienz eines Gesundheitssystems.
In Österreich genügt es einfach, irgendeiner (meist politischer) Organisation anzugehören und schon darf JEDE(R) mitreden, ohne Überprüfung der Kompetenz.

Ärzte, die es satt haben, dass solche Leute ihnen Vorschreibungen (sehr oft auch noch populistisch kommuniziert) machen, kann ich verstehen.
Daher würde ich auch einen Bereich wählen (Privat -Wahlarzt ist ja auch nicht weit davon entfernt-), wo diese Leute NICHTS mehr zu sagen haben.

Axel
Axel
8. April 2022 20:03

Hört doch bitte endlich damit auf, das Märchen der Bosse nachzuerzählen, dass die Firmen auch nur 1 Cent in die Sozialversicherung einzahlen. Die sog. Lohnnebenkosten sind das Bruttobrutto von meinem Gehalt. Nur dass der Teil direkt von der Firma überwiesen wird. Überwiesen! Nicht bezahlt!

Sabine
Sabine
30. März 2022 09:17

Wir bezahlen alle in die Krankenkasse ein, auch mein Arbeitgeber…es ist praktisch kostenfrei Medizin zu studieren, weil wir alle dafür gerne Steuern zahlen, aber nur wer es sich leisten kann, kann zu einem Wahlarzt gehen. Ich kann es nicht. Das ist nicht solidarisch.

Sabine
Sabine
30. März 2022 09:08

Natürlich „Auskunft“. Ich bin berufstätig und brauche auch eine Krankmeldung für meinen Arbeitgeber. Weiters gehe ich nur zum Arzt, wenn es wirklich notwendig ist. Ich weiß aber auch, dass sich manche schon lieber Urlaub nehmen, anstatt zum Arzt zu gehen, weil es so schwierig ist.

Sabine
Sabine
30. März 2022 09:03

Bei einen anderen Hausarzt angerufen. Der meinte, dass das nicht stimmt, eigentlich könnte man nur zum Vertrettungsarzt gehen. Hab ich mir eigentlich auch so gedacht. Aber gleichzeitig auf die Hauskunft vertraut. Ich bekam trotzdem eine Überweisung.

Sabine
Sabine
30. März 2022 08:59

Schmerzen, Anruf bei Hausarzt, Band läuft: viel Patientenaufkommen – rufen sie noch mal an. 8-mal den ganzen Vormittag angerufen – Band. Hingegangen – Auskunft: Arzt ist krank, nächste Woche Urlaub… aber ich kann zu jeden anderen Arzt gehen.

Barbara
Barbara
25. März 2022 06:45

Wartezeiten, bis man so richtig krank ist. Oder zahlen, wer sichs leisten kann, sowie Gutverdiener, öffentlicher Dienst. Als Normalpensionist: keine Versicherung leistbar- Wahlarzt völlig unleistbar, wenn einem jeder cent abgeht.

Monikaluise
Monikaluise
24. März 2022 21:42

Ärztekammer hat ein Problem, die werfen Ärzte aus dem Vertrag, die anderer Meinung sind. Warum Ärzte nicht als praktischer Arzt arbeiten will, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, wenn er wegen Idealismus diesen Beruf gewählt hat, denn er kann seine Erfolge bei seinen Patienten sehen.

Monikaluise
Monikaluise
24. März 2022 21:27

Jetzt wird gejammert, aber wer hat den aller Kurz gewählt? Wer hat die ganzen Gebietskrankenkassen zerschlagen und die Arbeiter und Angestelltenvertretungen hinaus geworfen und die Wirtschaftsbosse die Oberhand gegeben. Wer zahlt jetzt in die Krankenkassen ein? Kein Arbeitsgeber muß zahle, aber wir

saloo
saloo
24. März 2022 20:20

Ärztekammer ist dafür zuständig der

huemer sabine
huemer sabine
24. März 2022 18:30

ich finde es einfach nur beängstigend. wie soll man zu seinen medikamenten bekommen?wer hilft bei schmerzen? hausärzte nehmen keine patienten auf. wie oft war ich schon zeuge davon, wie sie abgewiesen wurden und in der ganzen ordinstion sind gerade 2 leute. voll hab ich es dort noch nie gesehen.

Lerchbacher Franz
Lerchbacher Franz
Reply to  huemer sabine
25. März 2022 06:23

Das habe ich seit der Gründung der ÖGK schon im Verdacht. Es läuft alles auf das Selbstfahrer hinaus. Ausserdem werden bei Wahlärzten bis zu 80% rückerstattet.

Elisabeth
Elisabeth
Reply to  Lerchbacher Franz
30. April 2022 08:58

80 Prozent vom Kassentarif, nicht von dem was man beim Wahlarzt bezahlt hat!

Lukas
Lukas
23. März 2022 21:43

irgendwie schlimm

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