AfD wählen, damit die Richtigen endlich Angst kriegen? Sarah Bosetti findet: ziemlich erbärmliches Demokratieverständnis. In „Bosetti will reden“ zerlegt die Satirikerin, Autorin und Moderatorin die Schadenfreude nach Wahlerfolgen der AfD. Denn wie lange können sich die ihre Wähler:innen noch freuen? Wenn die AfD umsetzt, was sie angekündigt hat, werden auch die leiden, die glauben, dass sie unbeschadet davonkommen. Bosetti sagt: Man darf natürlich unzufrieden sein mit dem, was ist. Aber das gibt einem noch nicht das Recht, andere Menschen in Gefahr zu bringen.
Eine Abschrift von Sarah Bosettis zentralstem Teil ihrer Sendung vom 4. Oktober 2026.
Angst ist kein demokratischer Kollateralschaden
Ihr, die ihr die AfD gewählt habt, ihr seid jetzt so siegestrunken und hämisch. Natürlich seid ihr das. Immerhin habt ihr diese Partei nicht gewählt, weil es euch mit ihr besser gehen würde. Denn das wird es nicht. Ihr habt sie gewählt, um Leuten wie mir so richtig eins auszuwischen.
Und ja, klar, man kann die Demokratie auch dazu missbrauchen, einander eins auszuwischen. Aber das ist eigentlich nicht die Idee.
Und natürlich könnte ich jetzt cool abwinken und sagen: Das interessiert mich überhaupt nicht. Aber um mal ehrlich auf eure häufigste Frage an mich zu antworten: „Na, macht dir die AfD Angst?“
Ja. Ja, eine rechtsradikale Partei mit absolutem Willen zur Macht, Populismus-Overload, Putin-Liebe, zweifelhaftem Wirtschaftskonzept, das nur den Reichen hilft, und ansonsten keiner Ahnung von gar nichts, macht mir Angst, sobald man ihr Macht in die Hand gibt.
Natürlich macht mir das Angst. Und dabei bin ich weiß und deutsch und blond. Ich muss nur wegen der Dinge, die ich tue, Angst haben. Aber was meint ihr, wie viele Menschen jetzt Angst haben wegen der Dinge, die sie sind, oder einfach wegen ihres Aussehens?
Sarah Bosetti: „Ja, die AfD macht mir Angst“
Das ist der größte Unterschied zwischen demokratischen und antidemokratischen Parteien. Eine Partei ist dann demokratisch, und nur dann, wenn nach ihrer Wahl niemand Angst vor ihr haben muss.
Wenn ihr sagt: „Hey, das ist halt Demokratie, und jetzt machen wir euch fertig“, widerlegt ihr euch in einem Satz selbst.
Und klar, vor allen Parteien muss man ein bisschen Angst haben. Wenn die CDU gewählt wird, wird man von Mister Burns regiert. Wenn die Grünen gewählt werden, darf man nur noch vegane Wärmepumpen essen. Wenn die Linke gewählt wird, werden alle Milliardäre zu Bettlern. Wenn die SPD gewählt wird, passiert nichts.
Aber wenn die AfD gewählt wird, haben Menschen Angst um ihr Leben. Ist das ein Grund zur Häme? Ich weiß nicht.
Ich weiß nicht, ob ich in Deutschland bleiben kann, ob ich in Deutschland noch sicher bin, wenn sich das aus Sachsen-Anhalt bei der Bundestagswahl wiederholt.
Ich habe nicht einfach Angst um meinen Job, auch wenn es mir graut vor einem Deutschland ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich habe Angst, dass Leute, die mir jetzt schon schreiben: „Hey, wie lange kannst du unter der Dusche die Luft anhalten?“ oder „Hey, ich wünsche deinem Kind eine Gruppenvergewaltigung“,… dass solche Leute dann glauben, niemand würde sie zur Rechenschaft ziehen.
Und was meint ihr, wie es Menschen geht, die im Gegensatz zu mir nichts anderes getan haben, als zu existieren, aber vielleicht nicht arisch genug aussehen?
Ja, ich habe Angst. Und ich habe verstanden, dass ihr euch freut, wenn zum Beispiel ich Angst habe. Aber wollt ihr wirklich in einem Land leben, in dem Menschen Angst vor einer Regierungspartei haben müssen? Vergesst nicht, wie willkürlich das ist. Heute holt ihr euch einen darauf runter, dass die moralversiffte Trulla im Fernsehen hysterisch wird. Aber morgen kriegt ihr vielleicht ein Kind mit Down-Syndrom. Und dann guckt mal, wie geil euer Leben mit der AfD wird. Oder das Leben eures Kindes.
Demokratie ist nicht dazu da, anderen eins auszuwischen
Natürlich ist es euer demokratisches Recht, eine antidemokratische Partei zu wählen. Aber es ist eure menschliche Pflicht, nichts zu tun, was andere Menschen bedroht.
@sarahbosetti Da ist kein Riss zwischen uns. Ganze Folge: YouTube.com/@BosettiWillReden #BosettiLateNight #SarahBosetti ♬ Originalton – Sarah Bosetti
Wisst ihr, was mich am meisten nervt? Dass die Erzählung funktioniert, die Spaltung verliefe zwischen euch und uns. Zwischen, ich bin jetzt mal sehr wohlwollend, Konservativen und Progressiven.
Da sei ein Riss zwischen Menschen, die nicht wollen, dass sich alles so schnell ändert, und Menschen, die sich eine Wärmepumpe einbauen. Dadurch, dass wir diese Erzählung glauben, machen wir sie wahr.
Kann ja sein, dass Leute, die auf die Menschenrechte von Geflüchteten pochen und Sachen wie „Bürger:innenmeister:innen“ sagen, kein Verständnis für eure Sorgen haben. Aber eigentlich macht sie das ja nicht zu euren Feinden.
Klar, wenn ihr mir oder meinem Kind mit Gewalt droht, wenn ihr wählt, um Leute wie mich deportieren zu können, dann ist da ein Riss zwischen uns, den zu überbrücken ich überhaupt keinen Bock habe.
Aber eigentlich, eigentlich sind wir einfach die Gruppen, die gegeneinander ausgespielt werden, damit wir zu beschäftigt sind, um uns zum Beispiel gegen Reichtum und antidemokratische Machtkonzentration bei Großkonzernen und Milliardären zu wehren.
Bei Milliardären, die zum Beispiel den Springer-Verlag oder Nius finanzieren. Das politische Spielfeld ist wie ein riesiger Kickertisch. Und wir hängen an unseren Stangen und können uns nicht anders ausrichten als gegen das andere Team. Als würden wir uns untereinander nicht auch auf die Nerven gehen.
Boah, wenn ich den Kopf drehen könnte, ich würde ja so was von auf die Bosetti schimpfen. Ich würde sie fragen, ob sie in ihrer Sendung vielleicht auch irgendwann mal einen Witz machen will. Und sie fragen, ob sie auch mal gute Laune hat und ob sie für jeden Nebensatz extra bezahlt wird und ob sie sich für klug hält, weil sie bei 3sat ist.
Aber geht ja nicht. Nee, unser Gegner ist da vorne.
„Eure Gefühle sind nicht falsch“ – aber kein Ausrede, um eine gefährliche Partei mächtig zu machen
Dabei ist es komplett absurd. Politik ist doch nicht bipolar. Politik ist komplex.
Nur weil ich für Klimaschutz bin, bin ich nicht gegen die Polizei. Nur weil ich für Menschenrechte bin, will ich keinen kommunistischen Staat errichten. Weil ich Frauen auch in der Sprache sichtbar machen will, habe ich nichts gegen Männer. Nur weil ich Lastenrad fahre, zünde ich keine Autos an.
Und ich weiß: Nur weil ihr keinen Bock auf abgehobene Politik und Bedeutungsverlust habt, seid ihr keine Rassisten. Da ist kein Riss zwischen uns.
Aber halt nur, solange ihr auch keine Rassisten wählt und vielleicht die Scheiße mit den Morddrohungen sein lasst.
Eure Gefühle sind nicht falsch. Aber sie sind kein Grund und keine Ausrede, um eine Partei an die Macht zu bringen, die Menschenrechte und Meinungsfreiheit nicht für alle gelten lassen will.
Die ganze Sendung „Bosetti Late Night“ vom 04.10.2026 gibt es hier zum Nachsehen:
Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.



































