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Zugunglücke, marode Infrastruktur und explodierende Kosten: Großbritannien verstaatlicht Bahnlinien wieder

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Zugunglücke, marode Infrastruktur und explodierende Kosten: Großbritannien verstaatlicht Bahnlinien wieder

British Rail - Margaret Theatcher

Kontrast Redaktion Kontrast Redaktion
in Wirtschaft und Finanzen
Lesezeit:4 Minuten
26. Juni 2025
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Die Privatisierung der britischen Bahn (British Rail) steht sinnbildlich für das Erbe des radikalen Neoliberalismus unter Premierministerin Margaret Thatcher: verkauft, zersplittert, teuer, ineffizient und so marode, dass die sozialdemokratische Labour Regierung beschlossen hat, den Bahnbetrieb wieder zu verstaatlichen. Nach der Zerschlagung von British Rail in den 1990er Jahren schütteten sich die privaten Betreiber hohe Dividenden aus, während die Wartung und Instandhaltung der Infrastruktur vernachlässigt wurden. Es folgten Zugunglücke, explodierende Kosten für die Schieneninfrastruktur und Milliarden an öffentlichen Subventionen, um das System überhaupt am Laufen zu halten. Heute gilt die Bahn in Großbritannien als eine der teuersten und unzuverlässigsten Europas. Bis 2027 sollen nun wieder alle Strecken von der neuen staatlichen Eisenbahngesellschaft Great British Railways betrieben werden. 

Inhalt
Margaret Thatcher: Politik der Privatisierung und Zerschlagung des Sozialstaates
Die Privatisierung von British Rail – ein langjähriges Fiasko
Zugunglücke nach Privatisierung und explodierende Kosten für Schieneninstandsetzung
Enorme Kosten durch Privatisierung – Zugverkehr soll wieder verstaatlicht werden

Margaret Thatcher: Politik der Privatisierung und Zerschlagung des Sozialstaates

Was wirtschaftspolitische Trends angeht, war Großbritannien seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert immer wieder ein unrühmlicher Vorreiter. So auch während der konservativen Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren. Diese installiert mit härtesten Maßnahmen eine neue Wirtschaftspolitik: den Neoliberalismus. Mit unglaublicher Brutalität wurden Gewerkschaften zerschlagen, Staatsbetriebe verkauft und soziale Netze durchlöchert. Der Staat sollte sich aus möglichst allen Lebensbereichen der Menschen zurückziehen – mit Ausnahme des Sicherheitsapparates, der Polizei und des Militärs natürlich.

Britische Premierministerin Margaret Thatcher
Mit Margaret Thatcher begann die Privatisierung öffentlicher Güter. Bild-Quelle: Wikimedia Commons

Thatcher definierte Freiheit neu – als frei von Abhängigkeit. Nur wer auf eigenen Füßen steht und mit dem eigenen Besitz das Auskommen der eigenen Familie sichert, ist wirklich ein freier Bürger. Das ist der Kern des „Thatcherismus“. Die Minderheit, die nicht auf eigenen Füßen steht, hat keine Ansprüche zu stellen.

Als Thatcher 2013 starb, feierten und tanzten deshalb gerade die Menschen in den ehemaligen Bergarbeiter- und Industriestädten, die besonders unter der Zerschlagung des Sozialstaates und der Gewerkschaften zu leiden hatten. So tief hatte sich das Trauma des „Thatcherismus“ mittlerweile in die britische Gesellschaft eingeschrieben.

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Die Privatisierung von British Rail – ein langjähriges Fiasko

Thatcher hat in ihrer Zeit als Premierministerin fast alle Staatsbetriebe verkauft, mit Ausnahme von British Rail. Die Zerschlagung und Privatisierung der staatlichen Eisenbahngesellschaft setzte schließlich ihr Nachfolger, Premierminister John Major, um. Dabei wurde British Rail aufgespalten: das Schienennetz – wie Gleise, Bahnhöfe und Brücken – ging an die Firma Railtrack deren Aktien auch an der Börse gehandelt wurden. Der Betrieb des Zugverkehrs wurde auf verschiedene private Unternehmen verteilt. Das Ergebnis war ein hochkomplexes System mit unklarer Zuständigkeit, geringer Transparenz und enormen Betriebskosten.

Insgesamt gibt es derzeit 28 Bahnunternehmen im Vereinigten Königreich, die in der Regel vorrangig eine bestimmte Region bedienen.

Die Folge: häufige Verspätungen, ausgefallene Verbindungen, veraltetes Wagenmaterial und Fahrpreise, die zu den höchsten Europas zählen.

Premierminister John Major
Thatchers Nachfolger als Premierminister – John Major – setzte die Privatisierung von British Rail um. Quelle: Wikimedia Commons

Zugunglücke nach Privatisierung und explodierende Kosten für Schieneninstandsetzung

Schon kurz nach der Privatisierung und dem Verkauf an gewinnorientierte Unternehmen kam es zu Zugunglücken mit Todesopfern. Die Unternehmen schütteten nämlich die Gewinne an ihre Eigentümer aus, anstatt zu investieren. Dadurch wurde die Eisenbahn-Infrastruktur immer maroder. Nach dem Zugunglück von Hatfield im Jahr 2000 mit vier Toten – verursacht durch schadhafte Gleise – mussten große Teile des Schienennetzes überprüft werden. Zudem wurde bekannt, dass Railtrack massiv bei der Wartung des Schienennetzes sowie bei Personal und Material gekürzt hatte.

Weil die Kosten für die notwendige Instandsetzung der Bahn-Infrastruktur explodierten, suchte das Unternehmen um staatliche Subventionen an. Gleichzeitig wurden aber noch im Jahr 2001 Dividenden in der Höhe von 137 Millionen Pfund an Aktionär:innen ausgeschüttet. Daraufhin wurde das Schienennetz wieder verstaatlicht und wird seither vom öffentlichen Unternehmen Network Rail nicht mehr gewinnorientiert betrieben. Zudem müssen nun Überschüsse wieder in die Infrastruktur investiert werden. Network Rail soll nun auch in die neue, staatliche Eisenbahngesellschaft Great British Railways überführt werden.

Enorme Kosten durch Privatisierung – Zugverkehr soll wieder verstaatlicht werden

Premierminister Keir Starmer
Der aktuelle sozialdemokratische Labour Premierminister – Keir Starmer – möchte die Bahn wieder verstaatlichen. Bilde-Quelle: Lauren Hurley / No 10 Downing St

Oft wird von Befürwortern einer Privatisierung öffentlicher Güter behauptet, dass private Unternehmen effizienter arbeiten, den Staat finanziell entlasten, besseren Service bieten, mehr investieren und flexibler sowie schneller auf Veränderungen reagieren können. Am Beispiel von British Rail zeigt sich, dass genau das Gegenteil der Fall ist:

Lagen vor der Privatisierung die Zuschüsse des britischen Staates bei maximal 2,2 Milliarden Pfund, ist dieser Betrag ab den frühen 2000ern explodiert und schwankte bis 2020 zwischen 4 und 8 Milliarden Pfund. 2021 mussten im Zuge der Coronavirus-Pandemie sogar 20 Milliarden Pfund an öffentlichen Geldern zugeschossen werden. Bis 2024 sank dieser Betrag wieder auf 12,5 Milliarden Pfund.

In den letzten Jahren verloren zahlreiche private Verkehrsbetriebe ihre Lizenzen. Etwa, weil sie vertragliche Leistungen nicht erbracht haben oder wirtschaftlich scheiterten. Die Regierung lässt die Verträge mit privaten Zugbetreibern jetzt auslaufen oder kündigt sie, wenn es große Probleme gibt. Vor kurzem wurde das erste dieser 28 Bahnunternehmen wieder verstaatlicht. Ziel ist es, dass bis 2027 die staatliche Eisenbahngesellschaft Great British Railways wieder selbst alle Strecken betreibt.

Bald Verspätungen wie in Deutschland? Die EU-Kommission will den Bahnverkehr liberalisieren

Parlament Das Thema "Privatisierung" im Parlament

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Barry
Barry
27. Juni 2025 17:05

Zum Glück waren die Gewerkschaften in den UK perfekt und unfehlbar. Die Linken, die jetzt mit Schock auf Kohlekraftwerke schauen, hätten diese bottomless pit aus Prinzip wie lange am Leben gehalten? Wie lange hätte man den militanten „Gewerkschafter“ zugeschaut wie sie die ganze Nation erpressen? Man kann schon argumentieren, dass manche Schritte zu weit gegangen sind, aber von der „Intellektuellen“-Seite der politischen Landschaft würde ich mir ein ausgeglicheneres Bild erwarten.

P.S. Ein wenig Recherche hätte geholfen, dann wäre man auch auf folgende Info gestoßen…

She [Thatcher] refused to privatise the Royal Mail, saying she was “not prepared to have the Queen’s head privatised”. […] She never wanted to sell off British Rail, saying it would be “a privatisation too far”. 
https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/jan/01/margaret-thatcher-respect-labour-tory

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Erich Maria Remarque war ein deutscher Schriftsteller, der mit seinem Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” bekannt wurde. Seine Bücher, die vor allem die Grausamkeiten des Krieges offenlegen, wurden im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Seine pazifistischen Romane werden bis heute von Menschen weltweit begeistert gelesen und wurden schon mehrfach verfilmt. Zitat: Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen. Erich Maria Remarque

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Sozialstaat

Als Sozialstaat bezeichnen sich Länder, die sich zum Ziel setzen, soziale Gerechtigkeit herzustellen, die Bürger:innen vor Lebensrisiken zu schützen und zwischen den verschiedenen Einkommenssituationen und Lebensphasen auszugleichen. Soziale Sicherheit sorgt dafür, dass Menschen, die von Armut, Krankheit oder Arbeitslosigkeit betroffen sind, finanziell aufgefangen werden und etwa Zugang zu guter medizinischer Versorgung haben. Es folgt dem Prinzip, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben und finanzielle Mittel fair verteilt werden sollen, damit alle die gleichen Chancen zur Teilhabe in der Gesellschaft haben. Die staatlichen Einrichtungen, das Steuersystem, die Gesetze und die Verwaltung sind also danach ausgerichtet, sozialen Ausgleich zu schaffen. So soll allen Menschen – von Kleinkindern bis Pensionist:innen – ein würdevolles Leben ermöglicht werden. 

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