Österreichs Medien stehen am Abgrund, sagt Medienwissenschaftler Andreas Kaltenbrunner. Die großen Zeitungen haben in den letzten Jahren die Hälfte ihrer Printleser:innen verloren, journalistische Arbeitsplätze haben sich in nur einer Generation halbiert, Werbegelder fließen im großen Stil an Facebook, Google und Co ab und die Inserate der Regierung sind auf ein Drittel zurückgegangen. Die Medienförderung ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, profitiert haben davon aber vor allem die sechs bis sieben größten Medienhäuser, die mehr als die Hälfte davon bekommen. Dabei sind vielfältige Medien – insbesondere auch im lokalen Bereich – zentral für unsere Demokratie. Kaltenbrunner sagt, dass neben eigenen Fehlern der Branche auch die fehlgeleitete Medienförderung die Probleme verschärft. Im Interview erklärt er, wie sein Vorschlag eines neuen Modells Qualität und Vielfalt fördern und nachhaltig sichern würde.
Österreichs Medien stehen vor dem Abgrund
Kontrast: Sie sagen, die Medien in Österreich stehen nicht mit dem Rücken zur Wand, sondern mit dem Rücken zum Abgrund. Was ist passiert, dass die Situation so dramatisch ist?
Andy Kaltenbrunner: Diese vor allem ökonomisch schwierige Lage der österreichischen Traditionsmedien hat sich über die letzten ein, zwei Jahrzehnte kontinuierlich aufgebaut. Der Verfall alter Businessmodelle ist nicht überraschend. Die Diskussion darüber kommt nur öffentlich erst spät. Manche aus der Branche haben das lange negiert und wenig Veränderungswillen gezeigt. Es ging ihnen darum, alte Businessmodelle und Fassaden aufrechtzuerhalten. Die wachsenden Verluste wurden über Jahre auch durch sehr hohe öffentliche Inseratenausgaben und dickere staatliche Förderpakete abgefedert. Besonders auch während der Corona-Pandemie. Jene, die durchaus gemerkt hatten, dass es mit Reichweiten und Erlösen nicht nur kurzzeitig, sondern irreversibel bergab geht, hatten bestenfalls Innovationen versucht, aber auch nicht das dringende Anliegen, sich ständig als Teil einer Welt der Verlierer zu präsentieren.
Millionen an Werbegeld wandern zu Meta, Google, TikTok & Co
Kontrast: Was sind die wichtigsten Probleme, die negiert oder übersehen wurden?
Andy Kaltenbrunner: Es sind international schon viel länger evidente Prozesse nun auch in Österreich disruptiv sehr schlagend geworden: der Abfluss der Werbegelder zu den internationalen Plattformen wie Meta, Alphabet, Bytedance etwa (zu denen Facebook, Instagram, Google, TikTok usw. zählen, Anm.). Den gibt es allerorten schon seit einem guten Jahrzehnt, aber erst 2022/2023 ist in Österreich der Markt dann auch gekippt und es gingen erstmals mehr nationale Werbegelder nach Übersee als an alle österreichischen Medien zusammen. Das umfasst Print, Rundfunk, Hörfunk, Fernsehen, Online-Medien, Kino, Außenwerbung. Und das wird sich, sagen unsere Studien, weiter beschleunigen.
Digitalisierung wurde zu lange nicht ernst genommen
Es waren aber österreichische Medienhäuser, traditionelle Verlage, privater Rundfunk und besonders Gratiszeitungen von Werbeerlösen überwiegend abhängig. Von vielen wurde auch jene Digitalisierung der Welt, die seit 30 Jahren Realität ist, zu lange nicht ernst genug genommen. Es wurden wenige adäquate, spezifisch digitaljournalistische Angebote entwickelt und auch später als in anderen Ländern Onlinezahlungsmodelle gefunden, um Publikum für unabhängigen Journalismus zu halten. Das war ein Fluch der Marktkonzentration für gerade jene, die sich erfolgreich darin eingerichtet hatten. Wer lange glaubte, Konkurrenz dank Unterstützung medienpolitischer Fehlregulierung über Jahrzehnte ohnehin ausgeschaltet zu haben, stellte plötzlich fest, dass dieser Markt sehr heterogen und der Wettbewerb um Aufmerksamkeit global wurde.
So hat dann zum Beispiel der Marktleader die Kronen Zeitung in den vergangenen 20 Jahren mehr als die Hälfte des Publikums für das Printprodukt verloren.
Die Mediaprint als größtes Verlagshaus (das gemeinsame Verlagshaus von Kronen Zeitung und Kurier, Anm.) hätte zuletzt jahrelang noch negativere Bilanzen geschrieben, wenn nicht Dutzende Millionen an öffentlichen Inseraten und neuen Förderungen an sie geflossen wären. Die Styria als zweitgrößtes Verlagshaus, etwa mit dem einst hochprofitablen Kärntner und Steirer Marktleader Kleine Zeitung und der Presse rutscht ebenfalls in Hangschräglage. Dieser Wettbewerb der Printmedien wurde zusätzlich national durch Gratiszeitungen verzerrt, mit deren höherem Anteil an Umsätzen durch öffentliches Geld als bei Kaufmedien. Bis 2024 flossen überproportional hohe Zahlungen für Regierungsinserate etwa an heute und Österreich/oe24.

In unserem sehr kleinen, konzentrierten österreichischen Markt war es zugleich besonders schwierig, neue journalistische Angebote zu etablieren. Im internationalen Vergleich sind wir da sehr schwach, egal ob es um lokaljournalistische Angebote, neue Investigativplattformen oder spezialisierte Nischenprodukte geht, die mit gutem Journalismus viele Interessierte erreichen könnten. Es ist eben eine Wettbewerbsverzerrung, wenn Gründer:innen mit eigenem Risikokapital und meist besonders viel Selbstausbeutung versuchen, neue journalistische Angebote zu machen – und dabei kaum oder gar keinen Anspruch auf Aufbauhilfe haben, weil nebenan das staatliche Förderbudget in die Stütze brüchiger Businessmodelle investiert wird.
Ein Drittel der journalistischen Arbeitsplätze ging verloren
Kontrast: In den letzten zwanzig Jahren sind die journalistischen Arbeitsplätze von über 7.000 auf 4.600 bis 4.800 zurückgegangen. Was wird bei Redaktionen als Erstes eingespart?
Andy Kaltenbrunner: Journalistische Qualität entsteht ganz grundsätzlich dadurch, dass ausreichend Mitarbeiter:innen recherchieren, investigativ arbeiten, als Chronisten und Beobachter vor Ort tätig sind, Fakten prüfen. Das klingt banal, aber ist eben Voraussetzung für die Herstellung informierter, aufgeklärter Öffentlichkeit. Das muss irgendwie bezahlt werden. Wir haben nun binnen einer Generation rund ein Drittel der journalistischen Arbeitsplätze verloren. Im Detail bedeutet das etwa, dass zu wenige junge Menschen nachrücken und Redaktionen überaltern. Wenn man dann gleichzeitig junge Menschen spezifisch erreichen will, aber im eigenen Newsroom niemanden hat, der ihre Sprache und Themen versteht, geht das nicht. Auch die soziale Durchmischung von Redaktionen und damit der Berichterstattung wird schwieriger.
Den prekären, langwierigen Berufseinstieg im Journalismus können sich eigentlich nur noch jene leisten, wo die Familie das Berufsleben als Projekt co-finanziert.
Freier Journalismus ist individuell kaum noch leistbar, weil sowohl Aufträge wie Honorare als Sofortsparmaßnahme der Redaktionen zurückgehen. Die Bezahlung fällt immer öfter unter die ohnehin läppischen Sätzen der Kollektivverträge. Allzu viel Recherche und Faktencheck ist da nicht mehr machbar.
Journalist:innen sind besser ausgebildet, müssen aber viel mehr produzieren
Das einzige Positive ist die gegenläufige Qualitätsentwicklung auf der journalistischen Mikroebene, wo sich mehr aufbauen ließe. Österreichs Journalist:innen sind im 21. Jahrhundert fachlich sehr deutlich besser ausgebildet und inhaltlich reflektierter als ihre Redaktionsvorfahren. Das liegt etwa an den zusätzlichen Ausbildungswegen an Hochschulen, an Journalismusakademien, einem Generationenwechsel zu kritischem Selbstbewusstsein als professionellem Selbstverständnis.
Nur müssen diese Journalist:innen eben heute quantitativ sehr viel mehr produzieren wie ihre Vorgänger, für fünfmal so viele Kanäle. Trotz individueller Qualitätssteigerung wird die Qualität der journalistischen Produktion insgesamt dabei gedrückt und steigt die Fehleranfälligkeit.
Das wiederum nehmen die Menschen summarisch wahr – und sind dann noch selektiver mit ihrer Zahlungsbereitschaft. Da setzt dann eine Abwärtsspirale ein.

Österreich fehlen Auslandskorrespondent:innen
Kontrast: Im Internet liest man einen Artikel einer österreichischen Zeitung direkt neben einem von der New York Times oder dem Guardian, die viel mehr Ressourcen für Recherchen haben. Wie soll der kleine Medienmarkt in Österreich da mithalten können?
Andy Kaltenbrunner: Das Beispiel zeigt, was das Web wunderbar an mehr internationaler Information ermöglicht, aber auch, was es in vielen Fällen dennoch nicht ersetzt: österreichischen Journalismus. Gerade bei internationalen Entwicklungen wollen wir eine österreichische Perspektive. Selbst bei großen internationalen Konflikten fragen wir uns, was ist die Rolle Österreichs, was tut die österreichische Außenpolitik, wie betrifft uns das überhaupt, was können wir aus internationalen Trends lernen? Dafür bräuchten wir etwa viel mehr Korrespondentinnen und Korrespondenten, die kontinuierlich und adäquat bezahlt im Ausland für österreichische Medien arbeiten. Abgesehen von ORF und Austria Presseagentur beschäftigten heute sämtliche österreichischen Medienhäuser in Summe weniger als ein Dutzend fixer Auslandskorrespondent:innen. Das ist für unsere Selbstverortung in der Welt eine Katastrophe.
Es gibt kaum lokale Medien – anders als in Süd- und Nordeuropa
Global und lokal hängen ja eng zusammen. Wenn in China ein Virus gefunden wird, der eine weltweite Pandemie auslöst, wollen wir wissen, was da los ist und zugleich, welche Ärzte und Apotheken im Bezirk mir wie helfen können. Soziologen nennen diesen Prozess Glokalisierung. Aber unser lokaljournalistisches Angebot wird schütter. In Südeuropa gibt es inzwischen viele hundert lokale Plattformen, mit jeweils einer Handvoll Mitarbeiter:innen, die dann oft die beste Lokalberichterstattung machen und eng mit ihren Communities verbunden sind, von denen sie dann auch finanziert werden. Ähnliches gilt für Skandinavien, wo lokale Berichterstattung und publizistischer Wettbewerb eine lange Tradition hat, einst mit vielen Zeitungen, heute in Digitalmedien. Jedem Fjord mindestens zwei Zeitungen war ein norwegisches Prinzip.
Rechte Propaganda-Netzwerke nutzen die Lücken im Medienmarkt
Kontrast: Sie haben kürzlich in einem Podcast gesagt, man könne schon sehen, was die Erosion der Medienlandschaft demokratiepolitisch bedeutet. Wo sehen Sie das?
Andy Kaltenbrunner: Ich sehe in Österreich immer mehr Orte, wo über Journalismus kein gemeinsames Faktenverständnis mehr hergestellt werden kann und damit immer weniger kritischer, kultivierter politischer Diskurs. Zu diesem Zusammenhang von Medienvielfalt und Demokratieentwicklung gibt es viele internationale Studien. Neuere deutsche Langzeitstudien etwa stellten empirisch gut belastbar fest:
wo das Angebot journalistischer Lokalmedien zurückging oder ganz verschwand, wie etwa in vielen Bereichen Ostdeutschlands, nahm das Interesse an politischer Partizipation messbar ab. Die Wahlbeteiligung ging zurück, die Extreme sind ausgeprägter, die gesellschaftliche Fragmentierung wird stärker. In solchen Regionen hat etwa vor allem die AfD deutlich dazugewonnen.
Kontrast: An welche Beispiele denken Sie in Österreich, wo diese gemeinsame Gesprächsbasis verloren geht?
Andy Kaltenbrunner: Hier spielt natürlich vor allem die FPÖ auf dem Klavier der schrillen Diskursdissonanzen.
Das funktioniert dann und dort am besten, wo glaubwürdiger Journalismus als Korrektiv fehlt und propagandistischer Pseudojournalismus politisch forciert in diese Lücken stoßen kann.
In Oberösterreich gibt es etwa schon lange Beispiele sehr rechter bis rechtsextremer Medien, die FPÖ-nahe und von dort finanziell unterstützt, Faktenorientierung verweigern und Empörung produzieren. In der Steiermark wuchsen quasi aus der Tradition der dort jahrzehntelang aktiven, rechtsextremen, FPÖ-verbundenen Zeitschrift Aula digital crossmedial auch viele Online-Angebote dieses hetzerischen Zuschnitts. Es ist auch in Österreich etwas entstanden, was Forscher wie Luis Paulitsch von der Datum-Stiftung oder das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als crossmediale rechte Propagandacluster beschreiben. Diese Organe befeuern auch eine permanente Empörung in den sogenannten sozialen Medien. Das funktioniert im Doppelpass.
Extreme Parteien und Positionen gewinnen nachweislich dort, wo unabhängige Medien erodieren und an ihre Stelle faktenferne Plattformen und Propagandisten treten.
Regierung übt jetzt weniger Einfluss durch Inserate aus
Kontrast: Trotz dieser negativen Trends ist Österreich im Pressefreiheitsranking zuletzt wieder besser geworden. Wie bewerten Sie das?
Andy Kaltenbrunner: Darüber kann man sich gedämpft freuen, aber zumindest stimmt punktuell die Orientierung. Eine Verbesserung lag vor allem darin begründet, dass Österreich endlich ein Informationsfreiheitsgesetz bekommen hat. Das Pressefreiheits-Ranking berücksichtigt verschiedene qualitative Kriterien und erkennt an, dass Österreich bei der Auskunftspflicht ein übliches europäisches Zivilisationsniveau gesetzlich mal erreicht hat. Das vorherige Bestemm auf ein absolutistisches Amtsgeheimnis war eine Schande.
Eine andere Verbesserung betraf seit kurzem die Inseratenpolitik und die Vergabe öffentlicher Mittel.
Der Versuch der Regierung über Inserate Einfluss auf Medien zu nehmen, hat 2025 nachgelassen und eine gesetzlich veränderte Medientransparenzdatenbank hat einige Lücken bei der Meldepflicht öffentlicher Inserate geschlossen. In den vergangenen Jahren, insbesondere unter den Regierungen ab 2017 hatten wir ja einen sehr großen ökonomischen Druck auf Medien via Inseratenvergabe gesehen, den auch die EU mehrfach in ihrem Rechtsstaatlichkeitsbericht für Österreich deutlich kritisiert hat.
Jakob Moritz Eberl von der Uni Wien hat 2024 gemeinsam mit Forschungskollegen der Schweizer Uni Freiburg in detailreichen Analysen gezeigt, wie sich die Ausschüttung von Regierungsgeldern über einzelne Medien im Gratiszeitungssektor unmittelbar in der Berichterstattung zugunsten des damaligen Kanzlers Sebastian Kurz positiv ausgewirkt hat. Es gibt zu dieser sogenannten Inseratenkorruption ja immer noch Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Das ist ein Sinnbild für ein medienethisches und medienpolitisches Gesamtproblem, egal wie diese Verfahren nun ausgehen.
Für uns Bürger:innen ist es zudem schwierig, diese Ereignisse und Entwicklungen objektiv einzuschätzen, weil ja große Boulevardmedien des Landes dann selbst Berichterstatter und Betroffene sind. Eine starke Symbiose von Parteien und Medien ist Gegner von Pressefreiheit und demokratischer Vielfalt. Solche Nähe, die in Nachkriegsjahrzehnten in Österreich für demokratischen Wiederaufbau durchaus logisch und notwendig erschien, war dann ab den 1970er Jahren einem neueren Verständnis von parteiunabhängigem Journalismus als kritische Kontrolle gewichen – aber politische Einflussnahme wurde im letzten Jahrzehnt wegen des ökonomischen Drucks auf Medienerlöse wieder zu einem großen Risikofaktor.
Österreich gab 5- bis 10-mal mehr für Regierungsinformation aus als Deutschland
Kontrast: Die Inserate der Bundesregierung sind in den vergangenen eineinhalb Jahren stark zurückgegangen. Es geht um Millionenbeträge, die Redaktionen nun zusätzlich fehlen. Welche Auswirkungen hat das auf die Medien in Österreich?
Andy Kaltenbrunner: Wir halten diesen Rückgang für richtig. An deren Stelle soll transparente Medienförderung nach klaren Regeln erfolgen. Regierungsinserate wurden sehr stark als intransparente, indirekte Medienförderung verstanden. Natürlich können auch Inserate und Rundfunkspots manchmal notwendige Informationen vermitteln, die Bürgerinnen und Bürger sonst nicht erreichen.
Ich habe aber nicht den Eindruck, dass die Menschen 2025, als die neue Bundesregierung nur noch etwa ein Drittel im Vergleich zu früheren Jahren für Regierungsinserate ausgab, plötzlich im öffentlichen Raum orientierungslos gewesen wären.
Im Vergleich zu Deutschland wurde in Österreich in der Vergangenheit meist fünf- bis zehnmal so viel für Regierungsinformation ausgegeben. Sind wir so viel unwissender?
Ihr Hinweis stimmt aber: Weil diese Inserate faktisch indirekte Medienförderung waren, fehlen sie jenen, die besonders viel aus diesen Töpfen bekommen haben und nie ein zahlendes Publikum für Eigenfinanzierung gewinnen wollten, sondern als Reichweite für Werbewirtschaft. Es ist also kein Zufall, dass vor allem Gratiszeitungen hier laut werden, weil sie einen wichtigen Teil ihrer Erlöse aus diesen Mitteln hatten, sogar überproportional, gemessen an Leser- und Userzahlen.
Österreich hat 10-mal größeren gleichsprachigen Konkurrenzmarkt
Kontrast: Medienförderungen sind hingegen stark gestiegen. 2025 lagen sie bei 97 Millionen Euro – doppelt so viel wie noch 2019. Warum brauchen Medien überhaupt Förderung?
Andy Kaltenbrunner: Medien sollen wirtschaftlich tragfähig sein. Das schafft die größte Unabhängigkeit. Aber in Österreich ist das aus mehreren Gründen zum Teil Wunschdenken, wie vorhin am Beispiel des Abflusses der Werbeerlöse an internationale Plattformen beschrieben.
Dazu haben wir seit jeher eine kleinstaatliche Situation mit einem zehnmal größeren gleichsprachigen Konkurrenzmarkt. Kleiner Markt, große Konkurrenz – das ist ein Problem.
In vielen Ländern, etwa in Skandinavien, wurden früh Medienförderungen entwickelt, um Vielfalt, Wettbewerb und auch kleinere, teurere Qualitätsangebote erhalten zu können und zu stimulieren. In Österreich gab es schon ab den 1970er-Jahren eine sogenannte Presseförderung, die sich an schwedischen Vorbildern orientierte. Die historische Idee war also, meist kleinere Konkurrenzmedien in Regionen zu unterstützen, damit Vielfalt der Positionen erhalten bleibt und spezifische Qualitäten kleinerer publizistischer Einheiten auch national zu fördern, weil deren Herstellung redaktionell und strukturell teuer ist.
Die 6, 7 größten Medien-Unternehmen bekommen mehr als die Hälfte der Förderungen
Dieses Prinzip ist in den vergangenen fünf bis sieben Jahren endgültig gekippt. Mit der großen Aufstockung der Förderungen kam ein Paradigmenwechsel:
Nicht mehr die Schwächeren oder spezifisch qualitative Angebote wurden gefördert, sondern mit größeren Beträgen die rasch anwachsenden Löcher der großen Unternehmen gestopft.
Der Rechnungshof hat kritisiert, dass 2023 und 2024 bei den drei größten Fördertöpfen jeweils nur sechs, sieben große Unternehmen mehr als die Hälfte des Budgets abholen. Der Rest verteilt sich auf Dutzende andere. Wir haben diese Verteilung aktuell in unseren Studien jetzt auch für den Gesamtmarkt und bis 2025 gezeigt.
Österreichs Medienförderung ist jetzt eine Oligopolförderung. Sie verstärkt tendenziell die Marktverzerrung und ist innovationsfeindlich. Förderung wird also benötigt, aber sowohl gesamtwirtschaftlich wie demokratiepolitisch begründbar anders als bisher.
Das nächste Problem wird gerade deutlich: Wenn jetzt etwa KI das Wissen der Medien absaugt und scheinbar Information in eigenen Zusammenfassungen anbietet, ohne selbst journalistische Leistung zu erbringen oder zu bezahlen, zieht das noch mehr zahlendes Publikum und Werbeerlöse von journalistischen Medien ab.
Der Medienmarkt ist damit ein typischer Markt für Marktversagen.
Neues Fördermodell: Qualitätsstandards werden Voraussetzung
Kontrast: Das Medienministerium hat Sie mit einer Studie beauftragt, wie Medienförderung anders aufgesetzt werden könnte. Wie würden Ihre Vorschläge die angesprochenen Probleme lösen?
Andy Kaltenbrunner: Sie muss zuerst möglichst viele Probleme jedenfalls richtig adressieren. Ein Prinzip ist Anerkennung von Medienkonvergenz: Für die Förderung muss es egal sein, ob Journalismus in einem Printmedium, einem digitalen Medium, einem linearen Rundfunkmedium oder gestreamt stattfindet. Salopp gesagt: Kanal egal. Das Förderziel ist dann tatsächlich Journalismus. Es geht um dessen Existenz. Im Kern sieht unser dann einheitliches, stringentes Modell Journalismusförderung vor, die sich an der Zahl der dafür qualitativ Beschäftigten und der für Journalismus notwendigen redaktionellen Infrastrukturausgaben orientiert und nicht mehr so diffus und unsynchronisiert Förderung ausschüttet, die überwiegend die Löcher früherer Wertschöpfungsmodelle stopft.
Qualitätsorientierung ist eine weitere Voraussetzung. Sie muss permanent diskutiert werden, aber manche Dinge können im Verfahren außer Streit stehen. Zum Beispiel ist es kein Nice-to-Have, sich ethischen Spielregeln unterwerfen, sondern ein Must-Have. Journalistische Selbstkontrolle nach klaren und transparenten Verfahren soll dann eine Voraussetzung für die Förderung sein. Ein anderer Faktor der Qualitätsentwicklung sind Redaktionsstatuten. Sie sichern innere Medienfreiheit. Sie schreiben fest, wie Journalismus seine Unabhängigkeit im Unternehmen gegenüber Eigentümern wahrt, wie Mitbestimmung über wesentliche inhaltliche Entscheidungen funktioniert oder wie Redaktion und Inseratenverkauf, generell ökonomische Leitung und Chefredaktion souverän und strikt getrennt bleiben.
Qualität der Öffentlichkeit schlechthin lässt sich gezielter fördern, wenn evidenzbasiert geprüft wird, wo gesellschaftlicher Bedarf besteht. Wenn etwa Forschung zeigt, dass im Lokaljournalismus ein Defizit besteht, lassen sich gezielte Fördercalls formulieren, die Geld dafür bereitstellen. Wir schlagen auch erstmals permanente Innovations- und Mittel für Start-Up-Förderung vor. Das alles würde nach transparenten Förderprozessen mit klaren Kriterien durch eine unabhängige Journalismus-Förderungskommission beobachtet und entschieden werden. Diese wäre unter höchstrichterlichem Vorsitz eng in der weisungsfreien Medienbehörde KommAustria angesiedelt und auch mit nationalen und internationalen Expert:innen besetzt. Die konsequente Partei- und Regierungsferne von Verfahren und Entscheidungen ist zentrales Anliegen unserer Förderungsreform. In Österreich wäre das neu. Und last but noch least, muss man laufend überprüfen, ob die Förderziele erreicht werden.
Wenn über Jahre Hunderte Millionen Euro in Medienförderung geflossen sind und das Ergebnis ist die jetzige Lage, muss man ja fragen: Hat da irgendwer nachgesehen?
Große Medien machen Verluste – trotz Millionen an Förderungen und Inseraten
Kontrast: Wenn sich nach Ihrem Modell Geld von den großen Medien hin zu kleineren verschiebt – würden das die großen Medienhäuser überleben?
Andy Kaltenbrunner: Gerade die Großen müssen überleben, weil sie aus eigener Kraft am meisten erwirtschaften. Der größte Verlag in Österreich ist die Mediaprint mit Umsätzen von etwa 400 Millionen Euro jährlich. Sie hat zuletzt einige Jahre Verluste ausgewiesen. Diese Lücke wäre noch größer gewesen, wenn sie nicht jährlich rund zehn Millionen Euro an öffentlicher Förderung und 20 bis 30 Millionen Euro an Inseraten der öffentlichen Hand bekommen hätte.
Es ist aber kein Dauerzustand, dass größte Medien immer mehr öffentliches Geld erhalten müssen, ihre Redaktionen gleichzeitig immer mehr schrumpfen und Qualitätsvoraussetzungen ignorieren müssen. Förderung kann und soll in Zeiten der Umbrüche auch großen Unternehmen bei echter Transformation helfen. Sie darf dabei aber weder Wettbewerb noch Qualitätsentwicklung insgesamt behindern.
Wenn Marktdominatoren ihr zahlendes Publikum nicht halten und auf neuen Kanälen kein neues finden können, werden sie verschwinden. Manche werden sich selbst neu, anders und besser erfinden. Andere werden kleiner und es werden bestenfalls auch viele neue Anbieter entstehen. Der österreichische Ökonom Schumpeter hat das schon vor einem Jahrhundert als „kreative Zerstörung“ bezeichnet. Jetzt erleben wir zwar schon sehr viel Zerstörung, aber noch viel zu wenig nachhaltige Kreation.
Rechtes Medium Exxpress hätte nach dem neuen Modell keine Förderung bekommen
Kontrast: Es gab in der Vergangenheit Kritik, dass auch Exxpress Förderungen bekam – eine Online-Plattform, die der Standard „ein rechtes Krawallmedium” nennt. Würde eine neue Medienförderung das ausschließen?
Andy Kaltenbrunner: Eine wesentliche Voraussetzung für Förderung ist für uns auch Eigentums- und Erlöstransparenz. Wir als Gesellschaft, als Förderer müssen wissen, wer davon profitiert. Anonyme Stiftungen etwa können nicht geförderte Eigentümer sein. Das wäre damals schon ein Ausschlussgrund gewesen. Der Exxpress unterwirft sich zudem keinem Qualitätsverfahren, etwa der Anerkenntnis eines ethischen Ehrenkodex mit unabhängiger Selbstkontrolle der Branche. Falls er das dann doch machen würde, wären viele Fehlinformationen Gegenstand von Beschwerden, Klagen und sichtbaren Widerrufen.
Exxpress hätte in diesem System also keine Förderung bekommen – nicht aus weltanschaulichen Gründen, sondern aus professionell journalistischen.
Ein Nebenaspekt übrigens: Die Aufregung, die wegen der gültigen Gesetze und Regulative nachvollziehbaren Qualitätsjournalismusförderung für Exxpress im Jahr 2025 entstand, war insofern überraschend, als er in den Jahren davor ohne öffentliche Wahrnehmung schon weit höhere aus anderen Medienfördertöpfen bekommen hatte. So viel zur Intelligenz und Transparenz der Systeme.
Ohne Medienreform haben wir „sehr schwarze Demokratiejahre vor uns“
Kontrast: Denken Sie, dass die Reform kommen wird?
Andy Kaltenbrunner: Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es sehr, zugleich als Politik- und Medienwissenschaftler wie als Bürger, der sich große Sorgen macht: darüber, wie Demokratie fragmentiert und radikalisiert wird, auch weil unser Journalismus immer mehr erodiert. Wenn wir es nicht schaffen, in nächster Zeit – auch dank besserer Förderung – wieder eine Medienlandschaft zu bekommen, die ein Mindestmaß an Vielfalt und an sicherer Informationsqualität für möglichst viele Menschen bereitstellt, dann haben wir sehr schwarze Demokratietage, -monate und -jahre vor uns.
Im Team mit notorischen Optimist:innen war die Hoffnung, dass viel Reform möglich ist, eine Voraussetzung für unsere intensive Studienarbeit mit sehr knapper Zeitvorgabe. Jetzt ist aber reformwillige Medienpolitik mit einer Zukunftsverantwortung gefragt, die über den nächsten Wahltermin und seine Begleitberichterstattung hinausgeht.
Die österreichischen Zeitungen und Magazine und ihre Eigentümer
(maximal 5 Antwortmöglichkeiten)



































